Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2197 (2.4.1925)
- Date
- 1925-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sie sind Zeugen eines großen historischen Ereignisses gewesen, und sie konnten das jüdische Volk bei der Arbeit sehen. Sie haben mit ihren eigenen Augen wahrnehmen können, mit welchem heiligen Ernst und mit Ivelcher Freude das Kulturwerk durchgeführt wird, das sich in seiner Anlage und in seiner Geschichte mit keinem ähnlichen vergleichen läßt. Unter den Politikern und Gelehrten, die sich zu diesem Feste der jüdischen Idee zusammen* .gefunden hatten, gibt es keinen, der nicht auf irgend einem Gebiete des öffentlichen Lebens in seiner Heimat als gründlicher Experte anerkannt wäre, keinen, der nicht innerhalb seines Berufes und Wirkungskreises als Autorität gelten würde. Vor diesem Auditorium hat das neue Judentum auf dem Boden seines Landes die Resultate seiner so jungen Tätigkeit gezeigt, die alles in sich begreift, was in den organisierten Staaten der. alten und der neuen Welt Negierung und Volk gemeinsam zu leisten haben, was Exekutive und Legislative gemeinsam vorbereiten und zur Reife bringen. Das jüdische Volk hat diese beiden Elemente nicht, es schafft aus seiner freien Initiative heraus. Aber es hat mehr: Die geistige Kraft seiner in der ganzen. Welt wohnenden Teile. Es konnte sie noch nicht ganz mit der Idee der Heimstätte durchdringen, ihnen noch nicht den politischen Gedanken der neuen Freiheit ins Herz pflanzen. Aber bei diesem Werk der Universität war das ganze Volk zugegen und bis auf vereinzelte miselsüchtige und neidische Gruppen, die an den Fleischtöpfen Aegyptens weinend saßen, war die Gesamtheit des Judentums einig in der Freude des großen Augenblicks und in dem Dank an die Männer, die als Träger und Verfechter der nationalen Idee die Verankerung des jüdischen Geisteslebens im jüdischen Land, seine Befreiung aus der Würdelosigkeit des Exils politisch gesichert hatten. Diese Männer sind die Führer des politischen Zionismus. Ihre Tat ist bedingt durch den Inhalt des politischen Zionisnms, gestützt durch die Arbeit der Zionistischen Organisation, und nur die Zielsicherheit des Zionismus hat die Schwierigkeiten erkannt und behoben, die aus tausendjährigem Schutt emporgewachsen waren. Dieses geistige Zentrum, das in Jerusalem entsteht, ist ein nationales Zentrum. Von ihm werden Ausstrahlungen ausgehen, die die fernere Entwicklung des gesamten Judentums, wo immer es lebt, in einer ganz bestimmten Form beeinflussen müssen. Es ist vielleicht weniger die hebräische Sprache als vielmehr der kräftige. seiner Sache und Aufgabe voll bewußte jüdische Geist, der sich nunmehr einen ethnisch scharf umschriebenen Kristallisationskern geschaffen hat. Der politische Zionismus hat den im Baseler Programm und in dem Re Universität eröffnet. Ungeheure Teilnehmerzahl.—Begeisterte Stimmung.—Vollständige Ruhe. Eigendienst Jerusalem, 1. April. Vom frühen Morgen an zogen unübersehbare Menschenmengen zum Amphitheater am Abhang ves SkopuSberges» um an der Eröffnung der hebräischen Universität teilzunehmen. Fuhrwerk aller Art, vom Auto bis zum zweirädrigen Araberkarren, bewegte sich in endloser Linie vorwärts. Das etwa 4000 Menschen fassende Amphitheater, das wie die ganze Stadt festlich geschmückt ist, war überfüllt. Zehntausende von Menschen umlagerten es seit den ersten Morgenstunden im Halbkreis. Ge^en 11 Uhr vormittags begann der riesige Zug der offiziellen Vertretungen. Die Vertreter aller paläsi inensifchen Nationen und Konfessionen waren anwesend.. Oberkommissär Sir Herbert Samuel, der die britische. Regierung vertritt, Marschall.A l l e n b y, der britische MberkommiaüMPende in 'Aegypten, Generai AWr r all»- der Oberkommis'-'-r von Syrien, a7s Vertreter der französischen Republik, langten, von stürmischem Jubel begrüßt, unter den ersten Festgästen ein. Einige Minute» vor halb 12 Uhr, dem im Programm festgesetzten Zeitpunkt der Eröffnungsfeier, kündigten brausende Jubel rufe das Erscheinen LordBalfours an, der zusammen mit dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Professor W e i s m a it n, dem Vorsitzenden der Zionistischen 'Exekutive Nabüm Sokolow und dem Präsidenten des Zionistischen Aktionskomitees Oberrabviner Dr. Chases den Festraum betrat. Begeisterte Frendenrufe ertönten, denen lautlose Stille folgte, als Präsident Weizmann das Wort zur Eröffnungsrede ergriff. Weizmann sprach h e b r ä i s ch. Nach ihm ergriff Lord B a l f o u r das Wort; die Einleitungssätze seiner Rede, die er in hebräischer Sprache hielt, wurden zuerst mit überraschtem Schweigen, dann mit unbeschreiblichem Jubel ausgenommen. Lord Balfoür, der dann englisch fortsetzte, versicherte, daß der zionistische Gedanke, der diese Stätte der Erhebung des menschlichen Geistes geschaffen hat, der Welt noch viele große Werke zu geben fähig sei. Nach Balsour sprachen im Namen der britischen und per Radio. der palästinenfifchen Regiertes High- Commisioner Sir Herbert Samuel, ferner der arabische Bürgermeister von Jerusalem N a s h a s i b i. der Bizebüraer- Meister David B e l l i n, fcß* rabbiner von England Dr. Hertz, die Vertreter sämtlicher palästinensischen Konfessionen: die Vertretungen der Universitäten und wissenschaftlichen Körperschaften der ganzen Welt brachten ihre Glückwünsche dar. , Am Abend war Jerusalem prächtig illuminiert, und ein Fackelzug, an welchem etwa 40.000 Personen teilnahmen, bewegte sich durch die " tadt; vor dem Regierungsgebäude wurden Lord B a fr four, Sir Herbert Samuel und Weizmann von der Menge lebhafte Ovationen dargebracht. In der Stadt herrs^t. Feststim'wung, die nirgends und in keiner Werse gestört wurde. Am Skopusber». R. 'I C t u f a l e m. 3t. M'Sr,. (Per Radios Um den Sk.pusbevg, der sich stets durch besondere idyllische Ruh: ausgezeichnet hat, war es schon seit Wochen sehr lebendig Wwordsn.. Die jüdischen Steinklopferjungen arbeiteten — 200 an der Zahl — mit einem Eifer und mit einer Liebe, di.' nicht nur dem Lande, sondern auch der großen Bildungsstätte galten, die auf der Spitze des Berges errichtet wurde. Jetzt gehen diese Wegmacher fast andächtig um das Haus herum mit einem Stolz, der nur dem verständlich ist, der da weiß, was in der Seele dieser Jungen vorgeht. Ein Teil dieser Steinklopfer ist bereits im judaistischen Institut inskribiert. Jetzt ist ihre größte Sorge, sich d -r T e i l n e h merk arten für die feierliche Eröffnung der Universität zu versichern. Die Kartenfrage bildet überhaupt eine der Schwierigkeiten. Das Amphitheater, das östlich und südlich vom Universitätsgebäude erbaut wurde, faßt alles in allem 2000 Plätze. Weitere 2000 Stehplätze stehen zur Verfügung. Aber diedringenden ■ Bitten um Eintritts karten übe rst i igen bei weitem die Zahl der zur Verfügung stehenden Plätze. Nicht nur aus Erez Israel kommen dringende, flehende Bitten um Karten, auch auS allen Teilen Eure Pas und Amerikas und ganz besonders aus unseren Nachbarländern Syrien und Aegypten. Zum größten Teile sind es Gelehrte, Universitäisprofesioren, Schriftsteller, die bei dem großen Kultursest nicht fehlen möchten. Ein bekannter Maler aus Dresden bittet, ihm Wenigstens ein Plätzchen zu sichern, von dem er das Bild der Eröffnung a 't-cu könnte. Inzwischen wird im Universitätsgebäu-e selbst fieberhaft gearbeitet, um es für den Empfang der Gäste aus aller Welt auch äußerlich herauszuputzen. Unter den arabischen Intellektuellen macht sich eine interessante Bewegung bemerkbar. Junge Araber melden sich als Studenten oder lassen sich für die noch zu eröffnenden Fakultäten vorhier wiederholt zitierten Beschluß des dreizehnten Kongresses ausgeführt und die Hochschule ist ein Produkt unseres nationalen Willens. Der Zionismus vollstreckt ihn, nachdem er die politischen Voraussetzungen in mühevollen Jahrzehnten herbei geführt hat. Ohne den politischen Zionismus, so wie ihn Herzl erschaffen, so wie ihn Nordau programmatisch begründet hat. gibt es keine Balfour-Erkläruyg, keinen Bölkerbundbeschluß, der die „historische Verbindung des jüdischen Volkes mit Palästina" in feierlicher, alle Mitgliedsstaaten bindender Form proklamiert. Und ohne, diesen Beschluß gäbe es keine planmäßigkolonisatorische Tätigkeit, kein Technikum und keine Universität. Die Anfänge liegen im Zionismus, der den Weg geöffnet und die Riesenlast der Verantwortung allein getragen, hat. Die blebergabe der Universität an die Kulturwelt, diesen großen politischen Akt, hat Weizmann vollzogen. Er ist der Leiter der Zionistischen Exekutive, die bis heute in dem Mandatsvertrag als die Vertretung des jüdischen Volkes anerkannt ist. Diese Stellung ist die Legitimatior; Weizmanns, seine von der Zionistischen Organisation gesiegelte Funktion. Für den Fortgang des Aufbauwerkes wird es von Wert sein, festzuhalten, daß diese erste Etappe ihre Krönung enxzig und allein dem politischen Zionismus, der zionistischen Politik, zu verdanken hat. Nfßnhpif Pn m Domen- und Herrenstoifen M», H du ÜB llcil iu M billigen Preisen bei UM II. Taborstraße 48 Teian*ion 47»9»7p In gras In «letal 1 'WWWM