Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2193 (29.3.1925)
- Date
- 1925-03-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Säte 6 Die«. Sonntag Wiener Morgerrzettimfl. 29. März 1923 ZK. nm Der Etngaag nm UalvenUftügebftnde ln JenMelcm. Sie wiffeafchaftliche Bedeutung der hebrSischen llaiversttöt iu Jerusalem. Bvn Dr. S. BwdetSky» Professor 'der U»nivvlsität zu Leeds. Das neumgehM Jahchmrtert tvttvd« in diesen Ländern des Ga-luth alS &13 „Zeitalter der ErlSftmg" (tn^ fih&Qt. E-Mick^ so sagten wir, ift de.r Jude von den fcffd.it dos Ghetto befreit, und es chm Gelegenheit gegeben, an ident vollen Leben der Menschheit loAzunehmcn. ES twu wirklich eme mtc und goldene Zeit. Tor Mische Goist. der nach den ürtellektuellerr und sazmlon Ttwinungen dieser EvlöfmrgKpeviode lechzte, hatte endlich die Möglichkeit, in diese Strömungen zu tauchen und im allgamenen Drang zum Neuen eine nicht un-würdige Rolle zu spielen. - Es Muß aEso als ome doppelte ErEuschuny anycf-chen werdet:, «wenn wir jetzt zu forc'krtwreit g-ezw'.r'ngen sind, daß in der Wirküichko'.t das nenn>;eHnte Jahrhuu-dert als die Periode der Berskla«vrtng des jüdischen Geistes anzusrhen ist. fc'tr das jüdische Jnlsivrdururr, für manche jüdische Persönlichkeit bot die neue Zeit des letzten Jahohnudc-vts eine Erlösung. Hier un'd da koivnte sich eine Mische Seele van den Feffclin der inneren Ghettaverftlowrmg bofraie-n. Ern I a c o b i vermochte einen Gipfel wstsenschaftkicher Leistung zu ovreichen, ein Fuchs besvtz die Fähigkcir, sich an die Spitze der rein wisstnschaftlichen Forschung zu fetzen, ein Bergfon, oin Ehrlich, ein Michelso«, oi« Einstein, sie albe waren Mische Personen, die voir dem neuen Geiste der internatiarealen wissenschaftlichen Freiheit ge'tleßen kcimvten. Was war aber da- Ergebnis in bezug auf das Mische Poll, auf das gememsame jüdische Leben? Wohl stiegen diese und an-dere Männer Mischer .Herkunft zur Höhe des intellektuellen Schaffens empor. Wer sie ließen notwendigerweise ihr jüdisches Volt hinter sich in hilfloser llnbesangenhe.it. Ein Jtr-de, zwei Juden, x -Jtvden konnten gebildet werden — die kollektive Juidon-heit blieb vom tvissenschaMchen Lebe.,: ausge.stoßen. Wenn Sie, die Sie diese Zeilen lesen, sich däneii trösten wollen, daß das, was ich hier geschvi-elben halbe, doch mit der Wirklichkeit wicht ganz stimmt, so möchte ich Sie auf eine oder zwei Tatsachen aufmerksam machen und-Ihnen ein paar Fragen stellen. Die überwiegende Mchvheit der jüdischen Mturwiffenschaftlier ist uns fremd. Dom jüdischen Loben gänzlich entfernt geworden. Das Mische geistige Leben ist vom modernen Geist -er Wissenschaften fast gang getrennt. Ist eht Jude ein Naturforscher, so ist er fast ohne Ausnahme für dcä Mische BoA vetzlarem — vom jüldt-- schen Horizont verfchiwmrden. Warum ist der gekrufre .Home als jüdischer Dichter angtzbetet und der echt« Jude Ehrlich als deutscher Wissenschaftler jüdischer Äbstarmnung angesehen worden? Warum schwärmen wir über däs Jüdische in Bevgsons Philosophie und verkennen das Jüdische in Emsteins Relativität? Die Antwort' ist, daß die Befvoftmg des Mischen Geistes im neunzehnten Jahchundovt rtt WirMchkert eine Bers-klavmvg darstellte. Inwieweit wurde es uns eigentlich freigostellt, uns in der Naturwissenschaft zu betätigen? Es wurde uns, nach langem Kampfe gestattet, uns an den HochschuLstudien anderer Völker yu beteiligen, von ihren reichen Tafeln auch ein Paar Bröckchen zu naschen. Durch Hintertüren, durch Pwkoltion erreichtes evntyge von uns das PribÄeoiurrt. in die Topfe anderer Kvche zu gucken, und auch ettvas nachzukochen, öfters sogar wunderbare Leckerbissen zusammenzustellen, die sofort van den anderen älS Produkt ihres Geistes und ihres Einflusses in Anspruch genommen wurden. Das war keine Befreiung. Der Mische Student hatte das Gefühl, daß sein Studium etwas NnhtMisches sei, 8m -aule der vrewttve. Don Felix Salten. Der Autor stellt uns dm nachstehenden Abschnitt aus feinem demnächst -im Paul Szolnay- B er lag erscheinenden Palästmabuche „Neue Menschen auf alter Erde" zur Verfügung. In D;:m großen, langgestreckten HauS, das die Comptoirräums der Jewifh Pcrlestine Exekutive herbergt, ist der Pegel, ter bcn Stand der Bewegung mißt. Der SÄsmograph, der jrtes Schwanken verzeichnet, das Barometer, davon man Wind und Weiter am Morgen im voranabkiest. Hier ist die Bauhütte 'o:6 ganzen Aufbauwerkes, hier sitzen feine Poliere und Wevtwciftcc und Architekten. Der Bauherr zu London kann DiveSttvrr. geben und Instruktionen, aber hi« arbeiten sie ün!«- Endigen Material von Menschen und Erdboden. Leständig ist dieses gwße, kahl« HauS, mit seinen langen, geroden (Gängen und in. feinen vielen Kammern dnrchsummt wie ein großer Bienenstock. Man sieht Figuren hier, die aus Czcrnowitz öder Jassy zu kommen scheinen, Bursche, die in Whitechapel p London oder im Nvw-Horter Judendicrtel ausgewachsen sind, Jüngl-irrge, deren vovmalS eleganten Anzügen i'ä noch 5mmar anMnerken bleibt, daß sie auf den Aorsostvaßen von Budapest, von Berlin oder Wien spazieren getragen wurden. Auch allere Männer trifft man, doch nur wenige. Zermürbte Arbeiter aber falten. Da-oischen flitzen die Beamten und Bcauttinnen, alle sehr nett in chvem Auftrei-ert und in chvem Aciißeren» wie nur sonst irgendwo in Europa; alle sreunldlich in ihreen Mvatie««, aber kurz angebunden; höflich, doch bestimmt. * D'cst Leute sebert einem nichts vor. Sie aöbeUrn. Sie t'L.lx-u in ihron Gesprächen rmt dem Besucher seine Propagm'L«'': sie unö tenmn nur ihre Avbert. Sie reden nur und wir, das jüdische Volk, hatten das Gefühl, daß der Stltdeirt als solcher nicht m-ehr zu uns gehöre. D-er jüdische Professor mußte lan,ge umherwandern, bis inan ihrn Gelegertheit bot, die Wissertfchaft mit beit Ergebnissen seines Genies zu bereichern. Wir, das jüdische Volk, hatten daS Gefühl, daß der jüdische Professor als solcher u>ns abtnrnnig werden ntußte, und mit großem Jubel tmd mit unetwlicher Genugtuung feierten wir und feiern , noch immer, einen jüdischen Professor, der trotz seiner Gelehrtheit und trotz seines wissenschaftlichen Ruhmes, sich zum jüdischen Volk bekennt. Wenn ein jüdischer Wissenschaftler so tief von jüdischer Loyalität durchdrungen ist, daß er sich noch in jüdischen Angelegenheiten betätigt, so ist rmsere Freude grenzenlos! Die jüdische Jugend hat rnt letzten Jahrhundert von allen Saiten fccu Dotovis erhalten, daß die Ncvtulwissen-- schFt eine Geistestätigkeit ist, an der Juden individuell teilnehmen können, aber tticht als Juden, und das jüdische Doll keineswogs als Mfferbe der wissenschaftlichen Tradition der Menschheit angesehen werden kann. Wir, das Mische Völl, haben dadurch ungeheure Verluste erlitten. Die jüdische Jugend hatte allen Grund sich an die Kulturen anderer Stamnie anzuschließen . . . uns vergaß sie oder sah mit Verachtung auf die unwissenden und altmodischen Ostjuden' herab. Die Mischen Getneinden ihrerseits., vergaßen, daß die Jugend nicht bloß mit einer Art Nahrung gefüttert werden konnte. Das Judentum nahig ein literarisches und antiquarisches Aussehen cm — mit dem modernen Leben, dem modernen Denken und Wirken hatte das Judentum nichts zu schaffen. Man fing sogar an» aus diesem tragischen Jrrttun eine Theorie zu entwickeln. Die Juden seien das Volk der Religion, raunte man uns zu. Der Jude sei im ethischen Sinne fruchtbar gewesen und werde in diesem Sinne vielleicht noch fruchtbar fein können. Ter Jude fei im philosophischen Sinn«, im poetischen Sinne, fähig. Aber im wissenschaftlichen Simte sei ix>r Jude minderwertig, das Genie sei nicht der wiffenschaftlichLn Forschung gewachsen. Das haben auch gute Judett mit großem Eifer zu beweisen versucht. Dann erstanden Ehrlich,' Michelson und Einstein! van den Schwierigke-tten, erörtern die Hindernisse, erwähnen die Aufgaben, die Probleme, die zu lösen sind. Intimer die nächstliegendeit, immer nur die von hntre und movgert. Und sie s«Ä> dabei sachlich, beinahe trocken. Kolonetl Kisch tvürde nach seiner Er-schskmng, nach seinen brillanten UmgmrMomten, seinem großen und gslonkigM Wisson und stimm lisbensn>ürdM''lt Wesen jcdmn Minisdermm oder jener Ambassade z^r Zierde gereichert. Als Spwtz eicrer Fcmrttre, die mehr - als hundert Jahve in Indien ansässig ist» kam e.r -in Indien zur Walt, tmtrdc Soldat und hat eS im Krieg bis zum Kolonel gebracht. Hier führt er Vie politischen Angolegenheiten, namentlich die PolMk mit den Arabern, und e8 kann schwevtich entert besseren Mann auf diesem wichtigen Posten geben als ihn. Zu dort vielen Sprachst, die er bcherrscht er nveistert außer dem Englischen, das sture Diutterspvache ist^ außer Französisch und Deutsch noch etwa sünfrzchn Idiorne der ttrbischsn BMer und das Persische — hat er jetzt noch Hebräisch Gelernt und Arabisch. Alle Fortschritte die irr ibrt Berstänbigturg mit beirt Arabern erzielt tourten, sind Mnr größten Teil das Wenk des .Kölonal Kisch. Dabet ist jeder Fortschritt, airch der geringste, schart als eilte Leistung zu werten. Derm die Widerstände sind eniütnt. ES gibt Hetzereierr, die religiöse Ursachen haben inind m denen sich die Chriisnnr vieler Länder, auch Englands, beteiligen, neben dort wligiöstn Fanadisrnert der Mohatn-msdain'er. Es gibt -politische Berhetzurrgen, die dort Syrien, auch rtach Transjortartien geleitet uirt von da rrcrch Palästina getragen toevdm. Und öS gibt Hitzköpfe urrtor der: Juden, di« sich zur Gewaltotethode I-abotinSkys bePvnrten. Zrvischvrr all diesen heterogenen Elenrvntmt -lavievt und balarrciort Kolorwl Kisch geschickt urrd chrlich. Sein sanstrs, zärÄichcs Wesen, daS wie De^be schimmert, macht -ihn dazu bsstinders tauglich, sein stilles, heiteres Gleichmaß schasst ihrrt Überall sofort Zmteigmtg» and die stählerne Energie, die arr ihrrr dennoch drvrch^ufWen ist, die entschlossene TaPferM, die sich in -ihm birgt, sichern ihm zu- Mit der Errichtung der hebräischen Universität in Jerusalem werden wir endlich die Erlösung von der geistigen' Bersklävtrng des neunzchnten Jahrhrtnderts er reichen. Der Jrrdc hat bereits zu bemerken begonnen, daß all« dies« Theorien keinen Tüert haben. Den Geist eirres Volkes in Schranken zu setzen ist ein Derbrechep gegen den Geist der menschlichen Würde, mrd den Geist des jüdischen Volkes eiirzukelkern, tvie es im neunzehnten Jahrhundert geschah, ist ein Berbr-echert gegen die Menschheit. Ich wc-iß nicht, ob wir Inden berechtigt sind, für uns das Privilegium eines „ausevtvählten Volkes" zu bea-nfpruchen. 'Aber die Niedrigsten der Menschheit sind wir nicht. Sogar in der Nattirwisstuschaft — besonders in der Naturwissenschaft — haben wir gezeigt, daß wir uns mit jedem anderen Volke vergleichen dürstn. Die hebräische Urtiversität wird uns Gelegenheit bieten, unser Wissenschaftliches Leben ohne Schranken, ohne Henrmniffe zu ent Wickeln. Die Merrschheit wird von -dem» frischen Tempo des wissenschaftlichen Fortschrittes Ntchen halben. Das jüdische Volk »mrd vom internationalen und all-menschkichert Geiste der Mfferrschaft beeinflußt werden. Unsere Jugend wird im jüdischen Volke eine würdige Trägerin der menschlichen Kultur zrr würdigen verstehen. Der Drang nach außen wird allmählich aushören — denn wissen s cha f t l i ch und jüdi.fch «werden nicht mehr als Gegensätze angesehen werden. Unsere menschliche Würde wird nicht mehr versetzt werden, denn wenn unsere Jugend von dert Gelehrten anderer Völker lernen wird, so lverden wir im stände sein, die Ga-ben unserer Gelehrten der Jugend anderer Böller anzubieten. Nicht als Bettler und durch Hintertüren werden wir zum wissenschaftlichen Leben komuren. Nicht als Menschen mind.'rwertiger Kultur werden wir zmn Topfgucken in der allutenschlichen, wissen - schaftlichert Küche zuglassen werden. Die Eröfftvwng der helbväjschett Univerlsität in .Jerulent >i>st die wttElichc Erlösung der jüdlscherr «Serie. Ob wir auf Leut StarrdPunikt des politischen Mischen Ngt'v-- nalismus steherr oder nicht, ob tvir die religiösen Prinzipien öftrer oder der anderen Gvtrippe im Judenttrm «mckhdzren, ob wir in Palästina oder in der Diaspora leben, ob wir die gleich überall die nötige Achtung. Er selbst spricht niemals über stme politischen Aktionen, aber nran hört davon int gatMu Land, bei den Juden wie bei -den Arabern. Man redet gerrrc mit ihm van schönen ailten Bücherrr, von Kmrstwevk-en, Aitt-i guitüten, or-imtalischen Teppichen, Bronzen und SttckerMn. Denn vr ist ein Kenner rrnd Sanr-mler. > Dan DrieSland, der «das Nvssort der Firmnzerr -leitet, gehört zu de»r evfrlschondstvrt und erfrMichsten Atenschen, die icl>' kenne. Dieser Diann, der sich mit den trockertsten Zahlen und mit allen prosaischen Wideriwärt igkeitc.it des Geldes hernrnzu- -schlagen hat, besitzt «irre traunterischc Pha-rttasie, verschlingt die -mode-rrve Dttevatnr Frarckreichs, Deutschlands und Englands, ist selbst ein «Schöngeist und zu alledenr eht unevmüdlichtt Ar bester. Er hat bst „Poläftirrensischen Paradoxa" geschrieben, die -ich in diestnt Buche manchmal zitiere. Er schri-elb' sie, <mnf -sti-ner Seereise von Amrsterdam nach Jaffa, für eineu Almcrmach der Studenten dort Leydert. Er schreibt irrtrrrer noch tvelche, ve-rm i: seiner großen Praxis fallen -ihm täglich treue ein. Dieser Aus bau, bei dem man, -rrach seinen Worten, mit dvrrr Dach «beg-irmt, um später das Jundarrrertt zrt legen, scheint -ihnr gelegentlich ans dont Kopf zu stehen. Aber etc hat den fröhlichsten Willen, zwi schondurch auch -oirrrnal kopsstchend zu arbeiten -n-n-d er ist b^cistert davon. Seirre offene, rcchlschcvff5n-e Art, ihei-ter und lan-, verbreitet Zrwersicht. In der Exoku-tivc vertritt Professor Pick die Jrvteresson 'm MiSrachim, das ist der strengglü-ribigort Juden. Keine stichtc Stellung irr oriccsnt Land, darin es indolen'te J-uden gibt und orthodoxe, Lieforntjuderr «und Atheisten rrrrd -noch vielerlei andere Schalt veerrngsir, u-nib -Int Melchern es «dennoch um-die j'üdiscbe Sache geht. Als ich im HauS der Exc5u-t'we -sein Zmmter betrat, waren oben einige Vomertiten bei ihnr, Avbeiwr, die Professor Pick nach Men sandte, nn, von dort eine Gruppe andewr?»ern>' u'te.n -nach PMst-ina §>.« hcklen.