Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2185 (21.3.1925)
- Date
- 1925-03-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Administration: Wien, ILTaborstr.f Telephone: 44-0-38,43-3-1? Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-83 IX., Universitätsstrasse 6-5 (Druckerei lg. Steinmann) Oestcrreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 9tr. 2185 Wien. Samstag. 21. MSr, 1825 7. iialiraana ■ilill Berliner 11 Häuser!! Wir kaufen und vermitteln, beleihen lastenfreie und belastete Grundstücke, übernehmen Verwaltungen zu kulantesten Bedingungen „Felicia“, GrundstUckges. m. b. H. Berlin N 24, Friedrichstrasse 118 Wiener Vertreter: H. Münzer, Wien, I. Hessgasse 7 Sprechstunden: 10—12 vorm., 8—6 nachm. Zwischen zwei Welten. —y. Wien, 21. März. Der eben in London verstorbene Lord Cnrzon, dessen Lebenslauf und politische Wirksamkeit wir an anderer Stelle würdigen, hat vor wenigen Wochen unter dem Pseudonym A. Carthill ein Büch mit dem Titel „Verlorene .Herrschaft" (deutsch im Verlag Kurt Vohwinckel, Berlin! geschrieben; de); einstige Vizekönig, .von Indien,' der mit fast unumschränkter Macht Englands Herrschaft über 350: Millionen Hindus und Mohammedaner vertrat, spricht sich darin sehr pessimistisch in bezug auf die Zukunft aus, nicht Englands, sondern der Macht Europas. Die weißen Staaten hatten durch den Krieg die Axt an ihre eigene Wirtschaft und Existenz gelegt; die Kultur einer vieltaufendjährigen Entwicklung hatten sie in ihrer Blindheit vernichtet. Aber sie hatten auch ihre Autorität vor den Helotenrassen in Afrika und in Asie.n zerstört.: „Die kriegführenden christlichen Mächte hatte seltsame Verbündete angerufen. Berberreiterei und Senegalneger waren am Rhein. Gegen ein so zertrümmertes, demoralisiertes Europa begann sich nun der Osten zu rüsten. Far>be gegen Farbe,, Religion gegen Religion, der Mann im Turban gegen den Mann im Hut, die verschleierte Frau gegen die Suffragetten, so ordneten sich die Rassen in den Kampsreihen." Der weiße Mann ist nicht mehr der Herrgott, als der er außerhalb des Bereiches seiner heimischen Polizei und Gerichte im Orient auftrat. Er hat durch Torheit und Hochmut es verschuldet, daß heute die farbigen Länderen eine politische und soziale Umwandlung geraten sind, die sich die Befreiung aus demIoch Europas zum nächsten Ziel gesetzt hat. Sicherlich hat der herrschende Kontinent auch viel Gutes : und Zivilisatorisches geleistet. Er hat die primitive Hygiene gehoben, vielverheiße nde Ansätze einer techmMn Kultur geschaffen, und den Lehren der Humanität ein iveites Gebiet aufgeschlossen, das der zielsicheren und systematischen Bescherung harrt. Wer will, mag über Undank klagen. Aber die Tatsachen gehen ihren eigenen Weg und die Orientrassen sehen die Dinge nun einmal mit ihren Augen an und es ist verständlich, daß sie nur die politische Seite betrachten. Sie sind der Ansicht, daß das Gute, das ihnen die Annexionsmächte gebracht haben, nicht aus Altruismus, sondern aus wirtschaftlichem Egoismus floß und daß sie letzten Endes doch nur Ansbeutungsobjekte einer bis ins Herz verdorbenen Geschäftsmoral geworden sind. Sie erkennen aber auch, daß ihnen ihre Unterdrücker, indem sie sie in den Krieg hineinzogen, den Rang eines Mitrichters auf der einen oder der anderen Seite gegeben hatten, und sie wollen nunmehr auch über ihr eigenes Schicksal selbst richten. In Europa besteht noch immer die Meinung, daß die Rajah-Völker aufgehört hätten, geschichtsbildende Faktoren zu sein. Aber während noch die Staatsmänner der beglückenden Theorie lauschen, ist die Umwälzung der Politik vielleicht schon zur Revolutionierung des Planeten herangediehen. Noch fehlt den Völkern der klare Ausdruck ihres Wollens und Sehnens, noch die überragende, alles mitreißende Persönlichkeit, aber die Stim- Jas Wische PaWna und der Sozialismus. Paul Loebe und Eduard Bernstein für den Aufbau. (Eigcndienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 21. März. Vor einigen Tagen fand in den Spichernisäken im Berliner Westen eine Kundgebung unter der Devise ,/Für das arbeitende Palästina" statt. Saal und Galerien waren ülberfüllt. Der Präsident «des Reichstages, Herr Paul Loebe, hielt, von den Versammelten stürmisch akklamiert, ome Ansprache, in der er zunächst betonte, er sei ein Außenstehender und könne nur als Laie sprechen. Ihm fei aber der jüdische Arbeiter nicht unbekannt; er sei oft mit jüdischen Arbeitern in Berührung gekommen. Der deutsche Antisemitismus suche die Sache so darzustellen, als ob die Juden die manuellen De rufe meiden. Er, Redner, weiß es aus eigener Erfahrung besser. Er war 25 Jahre Redaktsur des Breslauer sozialdemokratischen Organs; dort tvar ein sehr großer Teil der Buchdrucker Juden, wie denn auch in Schlesien die Juden im Handwerk und in der Lohnavbeiterschaft stark vertreten sind. Bei einem Ausflug nach Polen nahm er wahr, daß dort das Handwerk und das Fabriksarbeitevelement - zum großen Teil jüdisch ist. In den g e i st i g e n Bern f e n tun. sich die Juden rühmlich hervor,^ sie stellen der Menschhe'ltskultur namhafte Führer. Er habe großes Vertrauen zu dem Versuch, Palästina durch jüdische Arbeit auf zubauen und so Natur und Volk, Land und Volk wieder zu vereinigen. Ergreifend -seien die Beispiele der Pioniertätigckeit jüdischer Arbeiter. Hier geht das Experiment in enitgegengefetzter Richtung als in Rußland. Dort wollte man etwas Neues schaffen, indem man zunächst daran ging, die vorhandene Wirtschaft zu zerschlagen; in Palästina aber versucht man, v o rn G r u n d a u f z u b a u e n. Die - g e .s a m. t e Is o.z i a l lst i s ch e Welt verfolgt das Werk in Palästina mit brennender Sympathie und wünscht das Gelingen des Experiments, damit es ein Sieg des sozialistischen Aufbangedanikens werden soll. Er wolle der Mischen Arbeiterschaft zu dem bisher Erreichten aus vollem Herzen Glück wünschen. Der nächste Redner, Eduard Bernstein, wies auf die Gefahren von Reaktion nwd Antisemitismus hin- Auf die reichen Juden schimpft man, aber die armen fchäd'igt rnan. Es ist alles darauf eingestellt, die Armen noch ärmer zu machen. Schlimmer noch sind diejenigen, die sich nicht Antise mite n nennen, aber e s sind. Eduard Bernstein führte weiter ans: Obwohl er der zionistischen Bewegung nicht angehört, hege er für die Arbeit in Palästina tiefe Sympathie. Es kommen Leute zu ihm und sagen ihm, die ganze Palästinaarbeit sei ein' künstliches Experiment, die Kosten der Arbeit seien weit größer als der Nutzen; >das Experiment könne nur m i t g r o ß e n G e l d z u w e nd u n gen von außen fvrtmung ist da und die europäischen Mordpolitiker haben sie geweckt, sie mit Impulsen, Ideen und Waffen versorgt. Der große Krieg,'der noch fortdauert, bat das große UnMck des Selbstmordes der Herrenrasse eingeleitet. Es kann nur Geschworen werden, wenn die europäische Welt zur Erkenntnis ihrer Lage kommt und wenn sie sich entschließt, unversäumt an die Ordnung ihrer. Rechnung zu schreiten. Zwei große und gute EvgÄnisse, nur zwei,, hat der Friedensschluß gebracht: Den Völkerbund und die Anerkennung des jüdischen Rechtes auf Erez Israel. In diesen zwei Ergebnissen zeigt sich doch der Wille, die Politik des Kontinents auf eine siä)erere Basis zu stellen, ein neues Völkerrecht zu schaffen und einen Teil historischer Ungerechtigkeiten zu sühnen. Beide Ergebnisse sind innig miteinander verbunden und die Zustimmung zu der Errichtung des jüdischen Heimes ist der erste erfolgverheißende Versuch, zum Orient in ein gesünderes Verhältnis zu kommen, und diese Mission einem Volke zu übertragen, datz sich nie mit der Schuld geführt werden. Ich aber glaube, daß di>e>se Arbeit noch gute Früchte tragen wird. Nur eins: die jüdischen Arbeiter' dürfen nie vergessen, daß sie ein Teil der internationalen' Arbeiterschaft sind. Nationale Arbeit für den internationalen Gedanken ist das Ziel. Ich .beglückwünsche .die. jüdische Arbeiterschaft zu dem, was sie in Palästina erreicht hat und wünsche ihr Erfolg für. die Zukunft. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) ' Bor der Eröffnung der IlniverM in Zerusalem. Werzrnann nach Palästina abgereist. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Doktor Ehaim Weizmann. der am 13. d. aus den Bereinigten Staaten in London eintraf, trat am 17. d, morgens, di« Reist nach Palästina an. Ein Artikel drs „Manchester Guardian". „Manchester Guardian", das große liberale Organ, widmet der Universität einen Leitartikel, in dem es heißt: „Die hebräische Universität ist für einen kleinen, kaum errichteten und gegen viele Widrigkeiten kämpfenden Staat ein grandioses Unternehmen. Die Universität ist das erste großartige konstruktive Unternehmen neuen Juda; ihre formelle Eröffnung durch engl siche. Staatsmänner, die dadurch ihren tiefen Glauben an das Unternehmen bekunden, wird die ganze Welt'dazu bringen, dieses Werk anzneriennen als etwas ganz Neues und Außerordentliches. Was noch vor kurzem für einen Traum Halt, ist jetzt, reale Wirklichkeit, und zwar in einer Form, die den alten 'Staaten der Welt Respekt abgewinnen muß. ' Es spricht für den neuen Staat, daß er dort beginnt, wo wir, nach Jahrhunderten der Entwicklung, geendet haben. Die Sprache der Jerusalemer 'Uuiversität wird hebräisch sein: die Sprache des neuen jüdischen Staates. Sprache ist Symbol -der Nationalität. Aber man muß hoffen, daß der Nationalismus die Grenze der Notwendigkeit nicht überschreiten wird, man wird eingedenk sein,'daß die Mission des jüdischen Staates die ist. eine einigende mti> versöhnende , Kraft zu bilden. Sehend auf dom geographischen Mittelpunkt zwischen Ost und West, von semitischer Herkunft und erworbenen westlichen Gowohnhoiten, möge das jüdische Volk ein Interpret der Synthe| c alter und neuer Zivilisation werden. Das jüdische Volk möge zn einer srucht- 'baren Zusammenarbeit mit den Arabern Palästinas und denen tut Osten und Süden gelangen. . Schulfeiern in Polen. Warschau, 18. März. (I. T. A.). Ans Initiative der hebräischen Kulturgesellschaft Tarbuth hat der polnische U n ter richt s.m i n ist e r verfügt, daß den jüdischen Schulen gestattet werde, am Tage der Eröffnung der hebräischen Umber Gewaltsamkeit und der Unterdrückung belastet hat und dem der Orient deshalb Vertrauen schenken kann. Es ist der schönste Ausdruck dieser Aufgabe, daß das jüdische Volk feine politische Tätigkeit.mit der Errichtung einer Hochschule einleitet. . Andere Völker haben Kasernen gebaut, haben die Macht'ihrer Waffen demonstriert und'damit Haß gesät. - Das jüdische Volk bringt im Namen der Völkerbundidee sein Wissen, seine Technik, seine geistige Arbeitsfreudigkeit und betritt damit den einzigen Weg zur Ausgleichung per Gegensätze, zur Verhütung einer namenlosen Katastrophe. Wenn heilte irgendwo in Asien ein neuer Dschingis Khan aufstünde und seine Millionenheere reiten ließe, so hat keine europäische Macht, die innere Kraft zum' Widerstand. Wenn Europa dem jüdischen Volk hilft, ■ btc vor dem Genfer Forum übernommene Aufgabe zu erfüllen, so besorgt es damit nur feine eigene Sache. Die Mission des Zionismus ist der erste Schritt zur Erfüllung und Sicherung des Weltfriedens, zur Entkräftung d.^ Cnrzonschen Pessimismus. Frühjahrs-Neuheiten KEUBflSRI Schiffmann II. TaborstraOe 48 Talahfiftn 47-1-79 Bn gras Kn detail 484848485353484823534853532348484848482348