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Wiener Morgenzeitung · 1925-03-06 · Heft 2170 (6.3.1925) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2170 (6.3.1925)
Date
1925-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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■ m- -Mme****. - ^Potent aO tfroitil Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.. Taborstr. 1*3, oder in einer Versehteisstelte 'Trafik' monatl. 6 Schilling Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, i„ Wollzeile II Mit Postversand itir Wien und Oesterreich monatlich L Schilling Tschechoslowakei: Man. K22. Jugoslawien: Mon. Din. 60. Polen: Mon. 4 Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Frcs. 18 NtdUiblmm bei Freie* crhSbae<ifla vorbduUca *170 Wiener orgeimitmig 1 tfreU ao a j England: <^»on. 4 Schilling, Italien: Monatl. 13 Lire, kumünlen: Mon. 170 Lei, Bulgarien: Mon. SO Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 «im. Freitag. 8. Mr, 1928 Redaktion. Administration: Wien, U.Taborsir.1 Telephone: 44*0*38,43-3*19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25*2*82 IX., Universitätsstrasse 6*8 (Druckerei lg. Steinman» Oesterrelchijclies Pos^parkassen-Konto Nr. 150.693 7. Sahna an Bolkssremd und landfremd. —y. W i e n. 6 März. BlEsfremd und landfremd — der Ausdruck ent flammt dem antisemitrschen Vokabular. Er wird immer dann angewcidet, wenn irgend eine legale oder illegale Gemeinheit gedeckt werden soll. Cr soll besagen, daß das Staatsgebiet Eigentum der privilegierten Nation ist und daß nur Angehörige dieser tzlemeinschast ein Anrecht darauf besitzen, innerhalb dieser Umfriedung zu wohnen, einen Beruf ausz-uüben und die Wohltaten der staatlichen Organisation zu genießen. Diese Doktrin richtet sich hauptsächlich gegen die jüdische Bevölkerung, der nur das Recht auf Steuerleistung zuerkannt bleibt und das in sehr großziigiaem Ausmaß. Es handelt sich um ein ungeschriebenes Gesetz, das nicht kodifiziert werden kann, das sich aber auf dem Wege getreulicker Uebung und mündlicher Ueberlieferung wie eine Landplage forierbt. Solche ungeschriebene Normen haben das Mißliche, daß sie nicht abgegremt werden können. Wenn es irgend einer gerade herrschenden Partei paßt, werden sie auf alle Gegner angewendet, deren Tätigkeit oder Existenz aus irgend einem Grunde unangenehm auffällt. lieber einen solchen beschwert sich jetzt — die großdeutsch-amtisemitifche Presse Oesterreichs. Der Tiroler Heimwvhrkoinmandant Sterdle hat einen Artikel über die „Fremdherrschaft über die österreichischen Länder" geschrieben, .in welchem er darüber Klage erhebt, daß die deutschen'Alpenländer von „land- und volksfremden Leuten" regiert werden. Unter dieser Bezeichnung versteht er (neben den Juden) die an den Wiener Zentralstellen wirkenden Deutschen. Er gibt die folgende Statistik: 3.3 Prozent stämrnen aus den Nachfolgestaaten, 12 Prozent sind fremdsprachig, 13 Prozent Juden und Iudenstämmlinge. 30 Prozent Wiener. Cs bleiben 12 Prozent übrig, die aus den deutschen Älpenländern stammen. Das Bild ist sehr betrüblich und vermag einen biederen Aelp^er zu Tränen zu rühren: 88 Prozent sind den Älpenländern, „dem Moralischen Kern des Staates Neuösterreich" fremd! Das ist eine merkwürdige Anwei sung der bisher mir auf die Juden abgestellten Terminologie, eine Begriffsübertragung. die es verlockend erscheinen läßt, der nationalistischen Bestie etwas schärfer auf die Klauen zu sehen. Sie vermehrt sich in Oesterreich durch 8vbfpaltung. Es gibt eine salzlburgvsche, tirolerrsche, oberösterreichische, nicderösterreichi'sche, steirische ustv. Nation, vielleicht auch eine burgenländische. Die Wachau, der Strudengau, das Mühlviertel haben sich einstweilen noch nicket zur Selbständigkeit entwickelt. Aber wenn die Steidlesthen Differenzierungen in Geltung bleiben, wird auch noch das Stadium kommen, wo Krems nur Kremser in seinen Mauern dulden u-nd etwa die Zugejvanderten aus Spitz unter Fremdenrecht stellen wird. Für solche ergötzliche Aspekte gibt es übrigens in der neuösterreichischen Geschichte Anhaltspunkte in Menge. Wie lange öst es her, daß die Länder gegen einander Ausstrhrverbote erließen und daß in den Bahnzügen Gendarmen die Reisenden kontrollierten, ob sie nicht etwa aus Linz oder BUirzzufchilag um zwei Semmeln zu viel mitgenommen hatten? Rach den letzten Entwicklungsstadien der föderalistischen Bestrebungen in den Ländern sind derlei Rückfälle nicht so unbedingt auszuschließen. Der Geist dieser provinziellen Monroekopisten findet, daß das Vaterland nicht klein genug sein darf und daß der Zuzug Fremder, auch wenn sie nach Rasse und Sprache den strengsten Anforderungen der Bodenständigkeit genügen, in jedem Falle ferngehalten werden muß. Das ist eiu trauriger Erfolg der antijndischen Agitation der in Oesterreich ansässig gewordenen deutschböhmischen Irredenta. Sie hat solange gezeigt und öffentlich verkündet, daß unter gewissen Voraussetzungen Recht Unrecht werden kann, bis sich ihre Lehre in den Köpfen der Kirchturmländler und der Kantonsgewaltigen festgesetzt hat. Das Postulat der Bodenständigkeit nimmt mit der Entfernung von Wien an Konzentration und innerer Schärfe zu. und heute proklamiert ein Innsbrucker Komitatschiführer unbedenklich die Wiener und die deutschen Emigranten als landfremde, volksfrembe Zuagraste, die eine Fremdherrschaft aufgerichtet haben. Erst gigg's gegen die Inden, dann gegen alle, deren Wiege nicht in den sittlich-religiösen Bergländern stand. Die Klimax ist heiter u>nd. wenn man's so genau betrachtet, nicht einmal unlogisch. Die Hakentreuzlerei beißt sich schließlich selbst. Bor dem XIV. zionistenkongreß. Presseempfang des Zionistischen Landeskomitees in Wien. Im Hotel Imperial fand gestern nachmittags ein Empfang der Vertreter der Wiener Presse durch die leitenden Funktionäre der Wiener Zionistischen Organisation statt. Den Vorsitz führte der Präsident des Dandeskomitees Herr Doktor Jakob Ehrlich. Außer ihm., waren der Präsident des Zionistischen MtionAomitees Oberrabbiner Dr. Chajes,der Präsident der Keren-Hajessrd Kommission Direktor Siegmund E p le r, der Präsident der Mischen Nationalfondskommission Herr Adolf Böhm und die Schöpferin der sozialen Arbeitsgemeinschaft Frau A n i t t a Müller-Cohen anwesend. Der Einladung waren Vertreter sämtlicher Wiener Blätter sowie mehrere Korrespondenten auswärtiger Zeitungen und Nachrichtenagenturen gefolgt. Herr Dr. Jakob Ehrlich begrüßte die Erschienenen und.bezeichnete als Zweck des Empfanges, die Wiener Presse über die Bedeutung der A'ktim: für den Aufbausonds, die vom 8. bis zum 20. März durchgeführt wird, zu informieren. Oberrabblncr Dr. Chajrs als Präsident des Zionistiischen Aktionskomitees hielt hieraus einen mit lebhaftem Beifall aufgencmmenen Vortrag über den Aufbau der jüdischen nationalen Heimstätte in Erez Israel. Er führte aus: . . . , „Eigenartig wie das DerhältniH .des jüdischen Volkes, zu Palästina, zum Ausbau Palästinas, ist, eigenaMg/wie d vom-.BWerbund ratifizierte Mandat über Palästina, äbensp eMnättig ist deö' >Äufba-nfonds - (Kerxy Hajessöd), der eigentliche - ' : Staatsfonds des jüdischen Pottes für den Ausbau seiner Heimstätte. Nur ein einziges Beispiel, das an die Wiedererrichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina erinnert, finden wir in der Geschichte, und zwar-in den Bestrebungen zur Wiederherstellung' des . g r i e ch i schon Staates. Auch zu der Wiederherstellung des griechischen Staates haben vorwiegend int Au Stande lobende Griechen das meiste beigetragen, um, ihre ‘ unter dem türkischen Joche lebenden Prüder zu befreien. Ihnen und den von ihnen zur Verfügung gestellten Mitteln ist es auch gelungen, den griechischen Staat zu errichten. Anders verhält cs sich im Falle der Wiedererrichtung der jüdischen Heimstätte. Wir haben bis vor dem Kriege kein Mutterland gehabt und die in Palästina lobenden Juden waren nach'der Verifizierung des Malldates nicht in der Lage, die für den Wiederaufbau nötigen Mittel aufANbringen. Es ergab sich daher die Notwendigkeit, die Inden außerhalb Palästinas heranzuzrchen. Die Tatsache, daß die außerhalb Palästinas leibenden Juden den Versuch unternahmen, Palästina auifzubauen, ist ein einzigartiges Beispiel in der Geschichte. Einzigartig ist sbeniso der Aufballfonds. Etigland hat sich nur verpflichtet» die Einwanderung zu fördern, geschlossene Siedlungen der Juden zuMassen, die I e w' s h Agency in allen Fragen, die die Entwicklung des Landes betreffen, anznhören. Es hat sich n i ch t v e r p f l i chic t, das Land aufzubauen. Diese Verpflichtung -hat das jüdische DM übernommen. Auch diese Erscheinung ist einzigartig, denn sie stellt einell Staatsfonds, dar, der vor der Errichtung deS Staates besteht u»ld alle Aufgaben zu erfüllen hat, die sonst ein Staatsfonds zu erfüllen hat. Bon den Einwanderern des letzten Jahres hat ein Teil die materiellen Mittel zur Ansied.'ung gehabt, diesen mußte man nur technische und organisatorische Hilfe leisten, die materiell nur wenig kostete. Cm anderer Teil, und dieser ist der Ivertvollste, stand völlig ohne Mittel, ich spreche von unseren Pionieren, die Wir Chaluzim nennen. Es silld keme Desperados. Es sind Menschen, die von den Studien kamen, zum Teil ans wohlhabenden Häusern, urrd keinen anderen Vorteil im Auge hatten, als den des Laiches. Sie konnten tut besten Falle Straßenarbeiter oder Landavbeiter werden; dies war ihr höchstes Ideal. Diesen Menschen mußten wir die Arbeit ermöglichen, sie erhalten, so lange sie keine Arbeit hatten. Wenn man heute Palästina bereist und die herrlichen Straßen bewundert, nmß man daran denken, daß diese von.den Chaluzim erbaut sind. Die ersten Kolonien, die unter unsäglicher Mühe iin steten nnpf gegen die Malaria erbaut wurden, sind von den' Chaluzim geschaffen worden. Auch für alle Möglichkeiten, die sich in die Zukunft Palästinas richten, hat der Staatsfonds zu sorgen. Sie . werden von dem Ruthenberg-Projekt gehört haben, durch das spater einmal ganz Palästina mit Strom versorgt werden soll. Auch an diesem mußte sich der > AufbänfondS beteiligen. Nicht nur weil die Privatiniative nicht alle Mittel aufbringen konnte, sondern weil wir es verhindern wollten, daß die De- . völkevung einmal ausgobeutet würde. Ebenso ging es mit den Termal-Bädern von Tibcrias. Jetzt vergibt England die Konzession für das Tote Meer und auch daran werden wir uns beteiligen müssen, um spätere Ausbeutungen' von einzelnen Unternehmern zu verhindern Das gesamte Schulwcrk wird vom Aufbaufonds erhalten, vom Kindergarten, der sich in jeder Kolonie befindet, bis zur Universität, die jetzt eröffnet wird. Es besteht die jüdWe Organisation Hadassa, die eigene-Spitäler und eigene Aerzte erhält und für die sanitären und hygienischen Verhältnisse sowohl der jüdischen wie auch der arabischen Bevölkerung Sorge trägt. Diese Gesellschaft wird aus den Mitteln des Palästinaanübausynds gespeist. Hier ist ein Kulturwerk geschaffen, wie es seit Jahrtau fei nden für die Menschheit nicht geschaffen wurde. Wir werden Hallen, was wir versprochen haben. Es ist manches .geschehen, waS die Kulturgeschichte bisher nicht auszuweisen hatte, zum Beispiel die Wiederbelebung einer toten. Spräche — des H e brätschen — eine Sprache,. die durch, zweitausend Jahrakeine Kült-ursprache gewesen ist, ist. jetzt. ' - eine Landessprache geworden. Ich kenne kein Beispiel, das an dieses heranreicht. Die Griechen haben, .als-sie vor 3000.Jahren ihr Staatswesen -errichteten^.' ckejüe. .Hitevalür. .-und keine Kultur gehabt, aber sie hqbew -Hve--eMnc..Sprache Zesptochf-.. Wir abtzs haben durch' 2000 Jahre nicht tnehr die Spräche des Landes.gekannt Es. ist ein Wunder der Energie, man belebte dic Sprache des Landes aus keinem äußeren Zwange, da die Sprache keine Zufälligkeit ist. Nur aus der inneren Ueber.zeugung heraus ist dies geschehen. Aber wir Haben auch Menschen, die seit Hunderten von Jahren mit dem Lande nicht mehr in . Verbindung waren, zu Landarbeitern gemacht, nicht aus einem äußeren Zwange heraus, sondern aus dem Bedürfnisse, . mit dem Lande z« verwachsen. Wenn wir diese beiden Wunder fertiggobracht haben, eilte tote Sprache zu einer lebenden zu machen- und ein Volk mit dem Boden verwachsen zu ntachen, so haben wir den Beweis erbracht." - Nach einer Pause ergrU . ' . Herr Adels Böhm das Wort zu einem Referat, dem wir folgettdes entnehmen: „Keren Hajessod" bedeutet wörtlich übersetzt „Gvultvfonds", dem Sinne nach GrundlegungSfonds. Sein spezifisches Wesen und seine Aufgabe Sann nur verstattden werden, wettn man die Eigenart deS Problems des Aufbaues. einer jüdischen Heimstätte in Palästina erkennt. Soziolagisch bedeutet dieses Prcblem» daß sich eine Ge>meinschaft von Menschen, die in aller Weit zerstreut unter allen Völkern der Erde labt, ein Zentrum mit normaler Wirtschaft und eigener Klllt-ur schafft. Im ökonomischen Sinne bedeutet es^den Aufbau eines Landes mit rückständigster Wirtschaft, völlig unentwickelten Produktionsquellen, von denen die wichtigste, der Boden, nur mit großen Auftvenduugen erschlossen werden kann, mit spärlicher Bevölkerung, deren Produkttonsstuife znm Teile noch mittekalterlich und deren Konsumkraft gering ist, der aber das Verständnis für das eigene Interesse <m der Aufbauarbeit fast noch gänzlich fehlt, weshelb diese auch Widerstände politischer Natur zu übevlvmden hat. Der saziolog'sche, wie der ökonomische Charakter der Ausgabe erfordern ihre Durchstchvung durch Koloirisieruir-g einer wachsenden Zahl von jüdischen Einwanderern, ihre Produktivierung in allen Berufszweigen, vor allem dem landwirtfchasrlichen als Unterbau nnd die BorfoM für ihre kulturelle und landwirtschaftliche Erziehung und Förderung. Die Möglichkeiten, dieser Immigration haitgen direkt von der gleichzeitigen Zufuhr von Kapital ab. Für das private Kapital fehlt der natürliche, Anreiz. Speziell in dem für die Entwicklung des Landes als auch für den Aufbau einer normalen Wirtschaft des jüdischen Zentrumnotwerdigsten Bern'szweig. der Landw.irlschast, ist infolge der Rückstättdigkeit des Landes für die ersten Jahre keine Rcntablitär des Betriebes zu erwarten. 4

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