Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2150 (14.2.1925)
- Date
- 1925-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IPflnit 20oroazy 1 Wian: Zorn Ah^olen in det Expedition. ft. Tahorstr. 1»$ oda» In einer Verschleiastfflo (Trafik» monatl. K 50.000 Strassenverkauf in Wien dttfch die Kolporteure der Finna Goldschmied, 1.6er., Woflrefle 11 Mit Post verband für Wien o. Öesterr. monatl. K 50.0N" Ts Chee »'o-Slowake: Mon. K 22 Intfosiawien.- Mon. Dinar 60. P o i e n: Mon. 4 Zloty, Deutschland Mon Go!dmark4, F rankr Belgien; Mon. Fres. 18 Wiener SAMSTAG 21. Ctebtnar 193h Sämtliche öt onserihmssttle SBlm-misse HAKOAH-i HCDOUTE zugunsten der ffCindcrbaToahrcmstalien orgmMimg MT N »eh 1 a b I u o S e o -HUT» bei PnttrrliÄliiiiirM rnrbebeHe» Nr. 2150 Wien. Samstag. 14. Kebrimr 1925 | pi-ei« k tt»ooj England: Mon.4 Shilling, Italien: Monat'. 18 he, Rumänien Mon. 1701 ei, Bulgarien Mon. 80 I ewa, Schweiz und das ubtige Ausland monatlieh Fr es. 5. Redaktion u. Administration Wien II., Taborsfr. 1—8 Telephone: 44-0*38,43*»3»19. AhOUhr ahds. 21 -102,25-282 IX. Universitatsstrasse 6—8 (Druckerei Steinmann) üesterrdehisehes Postspar* Vassen-Konto Nr 1*10.603 7. Stahmann Sie Berliner Eensationsskandale. Iustizrat Werlbaner verhaftet und wieder freigelasie». — Polizei» Präsident Richter lusvendiert. (Eigcndienst' der „Wiener Morgenzeitung".) Falsche Toleranz. —y. Wien, 1L Februar. DaS Wort international hören die patentierten Patrioten aller Völker nicht gerne. Sie verbinden mit dieser Bezeichnung unwillkürlich die Vorstellung von der Wer alle Grenzen reichenden jüdischen Organisation, die, nach einem unbekannten System gegliedert, nach der Beherrschung alles öffentlichen Lebens strebt, ja, sie sogar nach einem weitverbreiteten Märchen in vielen Punkten bereits erreicht hat. Der Nationalismus ist kerne Erfindung unserer Zeit und er war schon vorhanden, als die heute bestehenden Staaten errichtet wurden, als die Nationen nach Sprache und anderen Kriterien sich voneinander zu sondern begannen. Er hätte also im Zug der Geschichte immerhin einen unanfechtbaren Beweis für die Existenz einer solchen Willensrichtung des Jude-ntunis entdecken können. Man bedenke, daß keine Lebensäußerung, die vom Judentum ansgmg, undurckstöbert geblieben ist, daß von antijüdischen Forschern sorglich jedes Wort verzeichnet wurde, das irgendwie auf die richtige Spur hätte helfen können. Alle Mühe ist vergeblich geblieben und das Resultat aller Prüfungen, die von geschulten Geistern vorgenommen wurden, ist dummes Getratsch, wenn es hoch kommt/ jämmerliche Fälschung. Wenn man die antisemitisch« Literatur, die in den Zeiten der Kriege — nicht bloß des letzten — ansehnliche Bereichern na erfuhr, durchsieht, dann steht man erstaunt vor einem Monstrum, an dem nebst seiner Ignoranz und Lügenhaftigkeit ,nur noch die Internationalität auffällt. Hier ist sie restlos erreicht worden. gibt kein^noch so phantastisches Hirngespinst, das nicht durch die Uebertvagung. in fremde Sprachen den Ruhm des ursprünglichen-' Herstellers hinaus-, getragen hätte. Noch interessanter aber ist der Umstand, daß alle Lügen wider die Juden zuerst, in den Haßgesängen der anderen Nationen wider einander auftauchten und daß sehr viele dieser Dummheiten auch heute noch in verschiedenen Gegenden in bezug auf nichtjüdische nationale Einheiten erzählt werden. Dem Ritualmord begegnet man zuerst im Orient, Ivo er gegen die christlichen Missionäre behauptet wurde. Die wirtschaftliche Gefährlichkeit und Unverläßlichkeit sagte man in den Südländern den Griechen, in den Nord-, ländern, den Deutschen nach. Die Sitte nlosigikeit wurde von den Germanen den Romanen Vovgeworsen. Und wenn man etwa die Reden der österreichischen Schönererianer im alten Parlament gegen Tschechen, Polen, Italiener ustv. durchlieft, dann findet man in. ihnen alles beisammen, was heute im Schrifttum der Hakenkreucher ins Antisemitische um,gefärbt worden ist. Ein Wiener radikales Organ, das längst nach Walhalla eingegangen ist, hat in den Achtzigerjahwn die Magyaren als Findlinge in der niederdeutschen Ebene bezeichnet, ihre Afterkultur verhöhnt und sie als Asiaten aus Europa hinauSgewiosen. Der Magyare hat den Slowaken als keinen Mann anerkannt und den Deutschen als Hundsfott beschimpft. Der Krieg hat sie als Bundesgenossen zusammengeführt, die in dem großen Morden ihre gegenseitigen Vorzüge erkannten. Sie haben sich geeinigt und wenden alles, was sie vorher gegeneinander zu hadern gewöhnt waren, in der gleichen Terminologie gegen die Juden an. Die nationalen Unterschiede sind gefallen und es gibt heute eine einzige, große Armee von Brüdern, die einig sind, das, , was der Frieden verhindert, gegen die Minorität der 'Juden fortzusetzen und die Internationale der Kanaille zu sichern. Diese Entwicklung beweist, daß es doch möglich ist, die Grenzen zu überwinden. Der Antisemitismus zeigt dies und die schweren Volksseuchen. Aber während gegen diese internationale Vereinbarungen geschaffen wurden und sogar schon ein neues Melt-Sa-uitätspesetz in Bildung begriffen ist, vernachlässigen die geistigen Führer die andere, weit gefährlichere Epidemie. Sic tun dies, weil sie entweder noch nicht von der Virulenz dieses Bazillus überzeugt find und an seine Absorption glapben oder weil sie in dieser Strömung eine Ablenkung der allgemeinen Verwilderung erblicken. Dieses Tolerieren führt aber dazu, daß die Mordbestsen Berlin, 13. Februar. Im Anhalter "ahnhois ist ge,tevn unter großem Aufsehen der Iustizrat Dr. Wert- Hauer, einer der bekanntesten Berliner Verteidiger, verhaftet worden.' Die Maßregel wurde von der Staatsanwaltschaft infolge der Ermittlungen über die Affäre Kutisker angeordnet. Der seit einigen Monaten in Untersuchungshaft befindliche Iwan Kutisker hat sine Anzahl von Personen, die mit ihm in geschäftliche und private, Beziehungen getreten sind, schwer belastet, vor allem seinen Rechtsanwalt und . Notar Justizrat Dr. Wertyauer und dessen Mitarbeiter Dr. Engelbert und Pröll. Auch sind bei den Haussuchungen m den verschiedenen Unternehmungen des Kutisker-Konzrvns Akten und Dokumente gesunken worden, die den Verdacht erweckten, daß Iustizrat Werthauer und Rechtsanwalt Gnge'Nert sich s ch w e r e B e r fe hl u ng e n halben zuschulden kommen lassen. Die beiden anderen Kollegen Werühmiers sind vernommen und vorläufig aus freien Fuß -belassen worden. Dr. We.rthaiüer wird besonders. beschuldigt, die V e rträge K ü t i s k e r s ausgearbsitst zu haben, trotzdem er wissen mußte, daß es sich Mt u n e r l aubte Gef chäst e handelte. Auch der VerMuff desrHanaiier Lchgers durch Kutisker an-ein r u mä nisches Kon sortium spielt dabei mit. KutM'r brauchte bei dem. Verkauf einen Mann, der für die Preußische Staatsbank die Tveuhä>nderschaft für die Zahlungen des rumänischen Konfortiunrs -übernahm. Damit er abWießen konnte, kvendote sich Kuitisker an Dr. Wevthauer, der in langen Konfeventzen schließlich Michael dafür gewann. Werthauer schilderte di« Gefchäftsmöglichkeit mit Rumänien als besonders verlockend. Nicht lange nach dem Abschluß kamen die ersten Sturmzeichen. Die TveuhLnderschaft Michaels hatte zur Folge, daß sin Arrest in der Höhe von 10 Millionen Mark Aber die Firma Michael verhängt wurde. Die rumänische Handelsdelegation erwies sich als ein Konsortium von Sch w i n d le r n un d H o chstä p le r n. Mertlhauer wich zum Vorwurf gemacht, daß er wußte, daß die Geschäfte Kutiske-rs mit dem .Hanauer Lqger in der Luft hingen Wie der ,Lokalanzeiger" 'berichtet, hat die Staatsanwaltschaft gogen den Berliner PottzeiprLfidenten Richter ein Ermittlungsverfahren eing.lsitok. Es soll unter anderem veranlaßt fein durch ein Konto von 5000 Mark, das aus den Namen Richter lautet mrd das in den Büchern der zum Barmat-Kouzern gehörigen Mevkurbank aufgefunden wiur.de. Es wird dem Polizoipräsidenten zur Last gekcgt, daß er dise 5000 Mark erst Mitte Jämr-er, nachdem bereits die ersten Enthüllungen über die Barmat- Affäre erfolgt waren, zurückgezahlt hat. Die Ermittlungen immer kühner werden und ihre Bevachtung der Gesetzlichkeit sogar schon über den Rahmen des Jridonpogroms hinaus bekrnden. Alle »rationalistischen Parteien. die im Indenpunkt einig sind, hassen einander wie die Pest, uud ihr ernstestes Bestreben ist es, die schwachen Mauern des Fvüdens eimuveißen und über einander herzufalleu. Es gibt keine Regierung, die dies nicht am Leben ihres eigenen Staates erfahren hätte, kerne, &ie nicht durch die Steinwürfe ihrer Patrioten in Verlegenheit gekommen wäre. Es gibt auch Fälle genug, in denen legalisierte AuAschreitungen der Pogrompolitiker innerhalb. der Grenzen anderer Staaten gegen ihre eigenen Volksgenossen nachgeahmt werdest. Wenn im österreichischen Nationalrat großdeulssche Schwätzer die Juden als rechtlos verdonnern, so berufen sich Natioder Staatsanwaltschaft sollen auch neues Mrkeriak ergsbet» haben, die den Polizeipräsidenten m den Verdacht bringen, sich der passiven Beamtenbestechung und der Begünstigung schuldig gemacht zu haben. Polizeipräsident Richter ist heute vom Innenminister S . vering mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden. Die Leitung des Polizeipräsidiums wird der bisherige Vizepräsident Moll übernehmen. Richter leitete als Nachfolger des Ebenfalls der sozicrldomokmtischen Partei amgelöv'gen Polizeipräsidenten Eugen Ernst seit fast fünf Jahren das Polizeipräsidium. Er war früher Dreher und hat sich daun in der Gewerkfchaftsbewegumg, itnSfotfonfoere im Metallarbeiterverband, hervorgetan. * Spät abends wird bekannt, daß Iustizrat Werthauek nach einer Vernehmung durch den Uutevfuchungsvichtvr aus der Hast entlassen wurde. * , Berlin, 13. Februar. Für die Festnahme des Justiz» rates Dr. Werth a u e r war ein großerPolizevr a p p a r a t aufgsboten «worden. Die Hausdurchsuchung bei ihm wurde von einer sehr starken Polizeiabteil ü tt g. Äurchgelührt, ebenso die Fcstnahmo Wevtlhaiu^evs im Auhalter Bahnihoif. Wertkauer war von dem Vorgehen - der Kriminalpol-izei noch während feiner A>nwssenlhsit m Dresden von feinem Söhne telephonisch bonachvichtigt worden, woraus er in den nächsten Zug stieg, um nach Berlin zurückziukohren. Boi seiner Verhaftung protestierteer lebhaft gegen das Vorgehen der Staatsanwaltschaft und begab sich freiwillig mit seim-m Sahne in fernem eigenen Auto.gum PMzeiprä-sidimn. Wie das ,/berliner Tageblatt" weiter beachtet, hat sich -die Staatsanwaltschaft schon Ende Jauner mit den Beziehungen Werthauers zu Kutisker beschäftigt und gegen Wevthauer MatevL2l gesammelt. Wenn auch kein Grund zur Annahme vorliegt, daß der Verhaftete sich der Bemnü.vortung durch -die Flucht entziehen wolle, so glaubte die Staatsa-nw.a.ltfchvft doch zur Festnahme schreiten zu müssen, weil sie die Gefahr der Verdunkelung vorsieht. Heute morgens wurde Dr. Werthauev zur ersten Bernchmung «ach MoaM geifuhvl. Ueber das BelastumgSma'terial, das gegen Dr. WerL» Hauer vorliegen soll, sind verschiedene Gerüchte im Umlauf. Von emer Dr. Werthauer nahestehenden Quelle wird in Abrede gestellt, daß er den Vemittler zwischen Kutisker und Michael gespielt ^haibe und on der Verwaltung des Hanauer Lagers boteilligt gewsfen fei. . Ein richterlicher Haftbsfehl ist bis zur Stunde urcht ergangen. Der Verte,idiger Werthauers, J-ustizvat Doktor L ö w e n st e i n, hait beantragt, von einem Haftbefehl Abstand zu nehmen, da kein dringender Tatverdacht vorliegt nalisten in der Tschecho-Slowakei oder in Iugojlawien gerade auf dieses Vorgehen, und auch das Horthll-Ungarn hot nber solche ungewollte Auswirktingen Beschwerde zu führen. Daraus ist ivirklich das entstanden, was der verstorbene Philosoph Popper-Lynkeus m seinem kürzlich von uns zitierten Buch „Fürst Bismarck und der Antisemitismus" die Antisemitenfvcrge nennt. Diese Frage existiert und sie ist international geworden. Heute, in dem Lärm der sozialen und wivtsckMlichen Krisen, mögen die Staaten dies noch leicht nehmen und dulden. Aber sie werden zu ihrem eigenen Schaden wahrnehmen, daß die Bestie nicht vor der Hürde ihrer eigenen Geineinschuft haltmacht. WEISSE WOCHE oiie Weißwaren zu sensationell billigen Preisen im Warenhaus [ Schiffmann II. TaborstraOe 4a Ta'»>*Hon 47*1«7f Ke «ro« *n.