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Wiener Morgenzeitung · 1925-02-08 · Heft 2144 (8.2.1925) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2144 (8.2.1925)
Date
1925-02-08
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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«ÜMW« Hefte ’ft «rrit('yit?ömtfci<t Sie Freuden des Telephons. Bon Jerome K. Jerome. 'Wahrscheinlich ist das Telephon eine nützliche Erfm- ^Geschäftsleute erklärten mit, sie wußten gar nicht, rote früher ohne das Telephon Geschäfte erledigt werden tonnten. Ich biilgoqcn staune darüber, wie ein Mensch, dem nicht alle Gefühle des Menschen fehlen, imstande ist, seine Angelegenheiten Per Telephon zu erledigen und sich dabei anständig zu benehmen. Ich kann mir vorstellen, daß Hiob, die geduldige Griseldis, oder Sokrates das Telephon als geistige Uebwrg verwandten. Besonders Sokrates hätte sich durch ein dveimonatigrs Tel.Phonabonnement einen guten Ruf erwerben können. Ich persönlich bin vielleicht allzu empfindsam.-Jch lebte einst einen ganzen Monat zusammen mit einem Telephon in einem Bureau. — wenn man diesen Zustand Leben nennen konnte. Später ward mir erklärt, ich hätte mich, falls ich es noch zwei brs drei Monate ausgehalten haben würde, an die Sache gewöhnt. Ich habe Freunde. Männer, die einst voll Stvlz und Mut waren, und die heute eine Viertelstunde lang vor dem eigenen Telephon stehen und nicht wagen, ihm etwas °u sagen. Sie behaupten auch sie hätten anfangs gleich mir geschimpft und geflucht, jetzt aber sei ihr Mut gebrochen. Das ist es sa eben, entweder das Telephon zerbricht einen Menschen, oder aber der Mensch zerbricht das Telephon. Ich will mit einem Menschen zusammenkommeu, der 5wei Straßen entfernt wohnt; in fünf Minuten hätte ich ihn erreicht. Schon setze ich den Hut auf, da fallt mein Blick auf das Telephon. Ich werde ihn an läuten, um zu erfahren, ob er daheim sei. Ich läute ein halbes Dutzend mal. ohne daß sich jemand um mich kümmerte. Empört über diese Bernachläffigung, schicke ich mich eben an, der Telephongesellschaft einen wütenden Brief zu schreiben, da beginnt das Telephon zu klingeln. Ich greife nach dem Hörer und schreie: „Wie kommt es, daß ich auf mein Läuten nie eine Antwort erhalte? Ich läute mm schon seit einer halten Stunde, läutete zwanzigmal!" (Das ist freilich nicht wahr, ich läutete sechsmal und auch die „halbe Stunde" ist übertrieben, aber bei diesem Anlaß genügt die lautere Wahrheit nicht.) „Es ist eine Schande. Ich werde mich bei der Gesellschaft beklagen. Wozu besitze ich denn ein Telephon, wenn ich auf mein Läuten keine Antwort erhalte? Ich ^rhle eine Unsumme für das blöde Ding und niemand beachtet mich. Ich laute nun schon den ganzen Vormittag. Was ist die Ursache dieser Unordnung?" Ich warte auf eine Antwort; sie kommt: .„WaS sagen Sie? Ich kann Sie nicht verstehen." ,H'ch läute seit einer Stunde und bekomme keine Antwort« W.rde mich bei der Gesellschaft beklagen." „Welche Nummer? Stehen Sie nicht so nahe am Telejchon, ich kann Sie nicht verstehen. Welche Nummer?" ,Hol' der Teufel die Nummer! Warum erhalte ich 5 keine Antwort, wenn ich läute?" . „Achthundert und was?" Mir versagt die Sprache, außerdem würde das Teilephon die geeigneten Worte nicht aushalten. Selbst die Hälfte meiner Gefühle vermöchte den Dräht an seiner schwächsten Stelle zum Reißen ,;u bringen. Uoberhaupt genügen hier Worte nicht — ein Beil und ein Gewehr vermöchten violleicht meinen Empfindungem Ausdruck zu verleihen. Ich gebe es auf, weiter zu schimpfen und verlange bescheiden Nummer vier, fünf, sieben, sechs. ,Mer, nenn, sieben? sechs?" fragt das Telephon- Käuileiu. ,>Nem, vier, fünf, sieben, sechs." „Sagten Sie sieben, sechs, oder sechs sieben?" ,-Sechs, sieben, nein, ich meine, sieben, sechs, nein, warten Sie einen Augenblick. Ich weiß nicht rnchr, was ich meine." „Es wäre gut, wenn Sie sich entschließen könnten," spricht das Fräulein streng. „Sie halten mich den ganzen Pormriiag auf." Ich suche abermals die Nummer im Telephowbuch. Endlich wird mir mitgeteilt, nun sei ich verbunden. Ich presse den Hörer ans Ohr. verharre wartend. Wenn es etwas gibt, das in einem das Gefühl der eigenen Lächerlichkeit erweckt, so ist es, auf den Zehenspitzen ft, einer Ecke zu stehen, etwas ans Ohr zu halten und gespannt auf nichts?j\i lauschen. Der Rücken schmerzt, der Kopf, ja selbst das -Haar schmerzt. Hinter meinem Rucken öffnet sich die Dur und jemand betritt das Zimmer. Ich kann den Kopf nicht wenden, beschimpfe den Ein tretenden und höre, wie er von neuem die Tür schließt. Sofort fällt mir ein, daß es lvahrscheinlich Henrietta war. Sie versprach, mich um halb eins izu-m Essen abzuholen. Um zwölf Uhr beging ich die Torheit, mich mit dieser Teufelserfindung einzu lassen; es dürste schon halb eins sein. Meine Vergangenheit steigt vor mir empor, verbunden mit unklaren Er'nnerungen an meine Großmutter. Ich frage mich oben, wie lange ich diese Lage noch aushalten kann und ob ich denn wirklich mit dem Mann, der zwei Straßen entfernt wohnt. Zusammentreffen will. Das Telephonfraulein erkundigt sich, ob ich schon fertig sei. „Fertig?" wiederholte ich erbittert. ,Ich habe ja noch nicht einmal angefangem." .Heeilen Sie sich. Sie vergeuden die Zeit." Derart gerügt, erneuere ich meinen Angriff, rufe in Tonen, die einen Wohltätigkeilsverein zu rühren vermöchten: „Sind Sie da?" O, Glück, eine schwache Menschenstimnie entgegnet: ,Ia. was wollen Sie?" «Sind Sie vier, fünf, sieben, sechs?" „Was?" Wiener Moraenzeltirnft. . Sind Eü vier. fünf, sieben, sechs; William fern-" „Wie? Wer sind Sir?" ,-Ackt. eins, neun, Jones." „Bones?" „Nein, Ioms. Sind Sie vier, fünf, sieben, sechs?" „Ja, was wollen Sie?" „Ist Herr Williamscn daheim?" „Will ich tvas? Wer sind Sie?" „Jones. Ist Herr Williamscn daheim?" „Wer?" „W illiam sen» Willi-i -am-''en." „Wessen Sohn sind Sie? Ich kann Sie nicht Vorst hen." Ich rüste mich zu einem letzten Versuch, mache durch übermenschliche Geduld dem Trottel verständlich, was ich wissen will, ob Herr Williamsen dafteim sei. Er entgegnet, zu-mindcst klingt es so: „Er wich den ganzen Vormittag dahe'm sein." Ich setze den Hut auf und eile hin. „Ich mochte Herrn Williams« sprechen." — ,ßi tut mir leid." lautete die höfliche Antwort. „6v ist nicht daheim." „Wie, Sie sagten mir doch oben am Telephon, er werde den ganzen Vormittag daheim sein." „Nein, ich sagte, er werde am Vormüttag nicht daheim sein." Ich kehre ins Bureau zitrück, setze mich vor das Telephon und starre es an. Da hängt das Ding, ruh'g und geilassen. Wäre es ein gewöhnliches Instrument, seine letzte Stunde hätte g<ckpagerr. Ich begäbe mich jetzt in di« Küche, holte den Kchlenhamnier und das Schüreisen, und zerschlüge den Apparat in so viele Stücke, daß jeder Mensch in London ein Stück bekommen könnte. Mer drese elektrischen Dinge sind unheimlich, und das schtvarge Loch des Telephons, sowie die geringelten Drähte erschrecken mich, erwecken in mir das Gefühl, das Telephon würde mir bei schlechter Behandlung einen Schock verursachen, und dann gäbe es eine Leichenschau und dergleichen Dinge mehr. Ich begnüge mich des-halb damit, es .zu verfluchen. Dies ereignet sich, tocnn man selbst jemanden anruseN will; aber es ist noch lange nicht das ärgste. Nach ein'ger Erfahrung lernt ein vernünftiger Mensch. daS Telephon in Ruhe zu lassen. Unsere schwersten Kümmernisse werden niemals von uns selbst verschuldet. Ich arbeite wie verrückt, habe erklärt, ich sei für niemanden zu sprechen. Es kann auch nach dem Mittagessen sein; ich denke mit geschlossenen Augen nach, um nicht durch die Gegenstände im Zimmer aibgelonkt zu werden. Plötzlich klingelt das Telephon. Ich schnelle aus, weiß im Augenblick nicht recht, ob ich in die Luft gesprengt oder angeschossen wurde. In meiner Armseligkeit verfalle ich auf den Gedanken, das Telephon könnte; wenn ich mich nicht darum kümmere, der Sache überdrüssig werden und verstummen. Aber das ist nicht seine Art. es klingelt unentwegt in Zwischenräumen von zehn Sekunden. Ich habe kein Kissen, in das ich den Kopf stecken könnte, entschließe mich, die AugelcAnhert zu erledigen. Rufe grimmig ins Telephon: „Wer ist da? Was wollen Sie?" Keine Antwort, >blcß ein verwirrtes Genmrmel, anS dem sich die Stimmen zweier einander beschimpfender Männer abhelben. Ihre Sprache ist furchtbar. Anscheinend eignet sich das Telephon besonders gut für Beschiinpfwnge-m Gewöhnliche Worte klingen undeutlich, aber die Flück>e und Beschimpfungen der beiden Männer müssen vcn allen Telephonabonnenten Londons gehört werden. Es 'hat keinen Sinn zu lauschen. Als sie «Mich fertig sind, spreche ich abermals. Keine Antwort. Endlich nach einer Viertelstunde. in der ich ununterbrochen sage: ,-S'md Sie da? Ich bin da," fragt das TolePhcnfräuLem, was ich denn evgerrMch wolle. „Nichts." erwiderte ich. „Warum reden Sie dann die ganze Zeit? DaS Telephon jst kein Spielzeug." Ich bin sprachlos vor GmpSvrmg. EnAich finde ich die Stimme wieder und erkläre, daß mich jemand angevu^en habe. Mer?" fragt daS Fräulein. „Ich weiß es nicht." ,-Schade." Wütend hänge ich den Hörer zurück rmd finke in meinen Lehnstuhl. Kaum sitze ich, so Tingelt auch schon wieder das Telephon. Ich spring« vom SessÄ, brülle in von Apparat: ,,Wer znm Teufel ist da? Und was -um Teufel wollen Sie?" „Reden Sie nicht so laut, man kann nichts verstehen. Was wollen Sie," lautet die Antwort. „Ich will gar nichts! Was wollen Sie!? Weshalb läuten Sie an und geben mir dann keine Antwort? Lassen Sie mich doch in Ruhe." ,Mir können keine Hongkongs für viernndsiehzig bekommen." ,Mas geht das mich an?" Mürben Sie Zulus kaufend' ,-Worüber reden Sie eigentlich? Ich verstehe nicht, was Sie meinen." „Wollen Sie Zulus haben, Zulus zu -reinndsiebzigertchaklb?" „Nicht sechs Stück für einen Penny. Was wollen Sl« denn?" „Hongkongs — wir können sie nicht für Vievundsiechzig bekommen. Warten Sie einen Augenblick . . . Sind Sie da?" „$a, aber Sie sind falsch verbunden." „Wir können Hongkongs zu vleruindsiebzig Heben Achtel bekommen." #. Februar 1926 — M. «4i .Hol der Kuckuck die Hongkongs und Sie dazu, Sie find falsch verbunden. Ich sagte es Ihnen schon einmal." ,Mns, was zu eins?" ,-Die find falsch verbunden" » ,-Wer sind Sie?" ,-Acht eins, nanu, IoneS." „Wie? Sie sind nicht eins, neun, acht?" „Nein." ,-Adieu!" „Adieu!" Und jetzt soll ich mich hinsetzen und klug und ange« nohm über die europäische Krise plaudern. Die Tragödie des „Königs aller Kantoren". Di« New-Aorker Tagesülätter veröffentlichen die feil Monaten bekannte Tatsache, daß der weltberühmt Knilor R. Josef N o s e n b l a t t zufolge seiner Verluste bei dem crch'.dexen WocLerMatt „Das i üd i schc 8 i cf> t", lieft bankrott erklären mußte. Er wurde sukzessive mit 60.000 Dollar in das Unternehmen „hereingcrisseu" und hat keine Aussicht, auch nur einen kleinen Teil von dieser Summe hereinzuibekommen. „Das jüdische Licht" ha! nun andere Finanziers gefunden und beginnt nach monate langer Unterbrechung wieder, wenn auch unregelmäßig nr erscheinen. Rosenblatt hat sich aus idealistischer'. Motiven bei der Gründung des Blattes finanziell stark «wzagie.r:. „Das jüdische Licht" hat aber keinen Kontakt m i: dem wirklichen Leben gehabt, der größte Teil d.^- Blattes bosteud in Leintrockenen, religionsphilosvphi[ch?t> Meditationen oder weltverlorenen Homilien. Die Ten den-, wechselte wie Aprilwotter von Mlsrachi zu Aguva -und rotour... 4j Rosenblatt, die „jüdische Nachtigall", singt aber schöner <rls j«. DaS 8e>id verleiht seiner Wu.n-devstimme, die an Klangfarbe, Register, Umfang und Biegsamkeit unübertroffen ist, einen »reuen Reiz. Mehr als je regnet eS an Ein ladungen von Theatern, Konzerthallen und Bereinigungen. Eine Illustration hierzu bildet die heutige Nachricht, daß Rosenblatt an einem Abend gleichzeitig für ein Konzert in Netv-Aork und Philadelphia eug'giert war und der einstige Pveßbuvger Kantor, dar dort wohl zu Fuß gmg> um die Tvamwaykarte zu ersparen. konnte sich hier das fürstliche Vergnügen gönnen, einen Extvazug New-Aork— Philadelphia zu bestellen, um beide Konzerte an einem Abend zu absolvieren, ja, die „New-Aorker Times" weiß sogar zu erzählen, daß dieser Sepa.vatzug siwen Rekord an Schnelligkeit erzielt hat, indem er diese Strecke von 92,6 Meilen in 90 Minuten durchbvanst hat. . . O/Columbus' Citt neues Pharaonengrab entdeckt? Im Lause von A-uSgrabu u?sa rt-eta in der Nähe von Daschur, sin-ige Kilometer füdl'ich von Sakkarah, hat man den „Dimes" zufolge zwei S t«i n f r a g m c n t e gefunden, von denen das eine eine Anrufung an die Pvioster dos Pharao Schepse^kaf davstellt. Dieser Pharao war der letzte der Könige der vierten Dyuastir (aus Memphis, die von 2840 bis 2680 vor der houie übli chsn Zeitrechnung regierte) und der unmittelbare Nach fotger des Pharaos Menkara (MykerrnoS), dessen Pyram-id.' die kbsinftv von den drei Phram'den von Gisch ist, dir sämtlich aus der Zeit der vierten Dynastie stammen. Das Fragment wird als Beweis dafür angesehen, daß man das lanMsuchbe G ra b de S Pha ra o S ch e p fe s ka ff gefundon hat. Die betreffenden Ruinen wurden übrigens schon seit alter Zeit als „Grab dos Pharao" bezeichnet. Wertvolle FSlschnngen. In unseren Tagen, da die Mcde daS Tragen tiiaift* licher Edelsteine vorschrMt, mag es interessieren, daß manchmal die falschen Juwelen »v c r t - v oll er fin& als die echten. So hat zum Deispiol ein Schweizer Chemiker aus reinem kristaWierten Aluminimn künstliche Saphire dargvstellt, deren AevstellungSkosterr so hoch sind, daß ihr Preis den der echten Saphire um sin Vielfaches übersteigt. Als die kostbarsten aller künstlichen Juwelen gelten aber eine Art v e n e z i a n i s ch e r P e r s e u, deren Herstellung einst «in Benozian-er erfand, und die so wunder schön sind, daß kein Mensch sie nachzuahmen imstande ist. rmr so weniger, als der Erfinder gestorben ist. ohne sein Herstellungsverfahren verraten zu haben. Gegomvärtig sind noch etwa 10.000 bis 12.000 dieser Perlen vorhanden, die ihrer Härte und ihres herrlichen Glanzes wegen von den .Kennern, wie gesagt, mehr geschätzt werden als echte Perlen. Ein ähnliches Beispiel wertvoller Nachahmungen bilden auch die von dem Engländer James Tassie vor etiva 130 Jahren hergestellten Gemmen. Man hatte vordem ge-glauft!, daß ^die Kunst des Stoinschneidens, wie die antiken Meister sie verstanden, von keinem Menschen nachgeahmt werden könnte; nun aber bewies Tassie das Gogentei'l. indem er nichr weniger als 15.000 Nachbildungen antiker Gemmen verfertigte, die so schön waren, daß sie selbst hente noch teurer beza h l t werden als a n t i k e Stück«. Wie jedermann weiß, sind ja auch die künstlichen Blumen bedeutend teurer als die natürlichen Blumen, ebenso wie auch gewisse in der modernen Parfümherstellung gebrauchte künstlich« Duftstofse teurer sind als die den Ratuvblumen entnommenen ächerischen Oele. Neuerdings zieht man sogar auch dft „künstliche" Billardkugel der elfenbeinernen vor, well sie sich, wie viele Spieler vchaupten» besser zum Spiel eignet.

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