Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2120 (14.1.1925)
- Date
- 1925-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Vmfall des Sentrums. — Las VertraueurmSnnerkabiuett. — Der WeMauf um das Innenministerium. — Luther bildet Mittwoch die Regierung. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 13. Jänner. Wie zu ertvarten war, -hat das Zentrum seinen Um fall offiziell vollzogen, indem es zu gestimmt hat, Laß in Dr. Luthers „Regierung ohne fraktionelle Bindung" ein Vertrauensmann" der Zentrumspartei vertreten fei. Der Vertrauensmann des Zentvums ist Dr. Brauns, der das Arbeit'sministerium ubernehrnen soll, ferner haben folgende Fraktionen bereits ihre Vertrauensmänner zugesagt: Die bayrische Vo-lkspartei Emminger (Justiz); die deutsche Volkspartei S t r e s e m a n n (Aeußeres); die Deutschnationalen Wa ll r a f (Inneres). Um das Innenministerium geht jedoch noch.der Handel» und dies ist auch der Grund, weshalb heute die off izieIle Betrauung Dr. L u t h e r s mit der Kabinettsbildung noch micht erfolgt ist, sondern auf M i t.t w o ch verschoben wurde. Luther -mochte den Freunden von der deutschnationalen Seite nicht gern das wichtigste Reffort des Ämtern . auKiefern und hat sogar in' Umgehung seines Programms, daß jode der das Kabinett freMeibend unterstützenden Fraktionen nur einen Vertrauensmann entsenden soll, einem Zentrums-mann, dem Kölner Bürgermeister Adenauer, das Innen Ministerium angeb-cten. Die Deutschnationaien bestehen jedoch auf ihrem Schein, und Stvefemanns Strohmann wird sich!, da fein Drahtzieher das Geschäft mit den Deutschnationalen schon lange abgaschloffen hat, fügen müssen. Die übrigen Ressorts in Luthers .Kabinett -tverden durch „Fachmänner besetzt werden, die sozusagen durch. Ernennung zustande kommen. So.- wirdder Volksparteiler Graf K a n i tz das Er n ähr u ngsministerium als „Fachinann" behalten und der D emo k r a t Gehler, der zu diesem Behuf« aus der demokratischen Fraktion ausgetreten ist, wird /Fachmann" für das Re ich swehrm i n '-sie rium werden. Die Fach» Männer der Deutschnationalen sind noch nicht ernannt. Ob bis zu der Mittwoch nachmittags stattsindenden Reichstagssitzung das Kabinett schon gebildet sein wird, steht noch nicht fest. Es wird trotz aller Kaschierungen ein reines RechtSkabinett sein und entspricht dem ersehnten Bürgerblodr.Tiuisterium. Der Kurs drückt sich auch in dem angekündigten Wechsel im Presse« m t «der Reichsregierung aus, wo an Stelle des Pressechefs Dr. Spicker der extrem deutschnationale Lcgationsrat Sailer tretensoll. Die Wirtschaftsverhtnrdlungcn mit Frank» reich. Paris, 13. Jänner. (Hava's.) Skaatssekvetär v. T r e nzüglich eines modus vivendi ans morgen verschoben. Ein vorläufiges Wirtschaftsabkommen mit Polen. Berlin, 13. Jänner. (Wolff.) Die Verhandlungen zwischen der deutschen und der polnische n Delegation über ein vorläufiges Wirtschaftsabk o rv m e n haben zu einem Abschluß geführt, und zwar aus der Grundlage,, daß jeder der vertragschließenden Teile auf seinem Zollgebiete auf die zur Einfuhr gelangenden Waren des anderen Teiles die jeweiligen Sätze seines allgemeinen autonomen Zolltarifs anwenden wird. Beide Länder werden von Retorsionsmaßnahmen absehen. Painlede Kammervrastdent. Die Kammer trat heute zur Wahl des Bureaus zusammen. * Paris, 13. Jänner. (Havas.) Painleve ist mit 313 Stimmen zum K a m merpräsidenteu gewählt Ivorden. 24 Stimmen entfielen auf C a ch i n. Die Opposition hat sich der Abstimmung enthalten. Kellogg Nachfolger in London. Der bisherige Berliner Botschafter der Vereinigte« Staaten. Washington, 13. Jänner. (Wolff.) Präsident Loolidg« hat dem amerikanischen Botschafter in Berlin H o u g h t o n den Botschafterpösten in, London a»geboten, welchen der zum Staatssekretär des Aeußern auserfehene Kellog innehat. Houghton hat sich teleavaphifch zur Uebernahnre des Postens bereit erklärt. Die Ernennung Houghtons zum Nachfolger Kellogs ist. wie Reuter aus London meldet, bei der britischen Regierung zur G enehmigung unterbreitet worden. Coolidge will sein Kabinett völlig nmbilvenk Washington, 13. Jänner. (Del.-Komp.) Wie verlautet, beabsichtigt Präsident Coolidge das Kabinett am 4. März vollkommen u m z u ä n d e r n, Die einzigen Kabinettsmitglieder, die ihre Tätigkeit Leibehalten werden sind Handelssekretär H o o v e r, der Schatzsekretär M e ll o n und der Kriegssekretär Werks. Ler Handstreich auf Schanghai. Manila, 13. Jänner. (Reuter.) Drei amerikanisch« Zerstörer * sind nach Schanghai abgegangen. Mehrere andere Kriegsschiffe ha>ben Befehl erhalten, sich zur Abfahrt bereit zu halten. Das Geheimnis der wncherischen Rrotpreife. Wir evha-lten von fa chm ä n nifche r Seite folgende Mitteilung: Es steht fest, daß die Untersuchung neben den Ankerbrotwevken auch auf eine Reihe von anderen Unternehmungen ausgedehnt wurde. Die Untersuchungen dürften aber kern Resultat für die Bevölkevung evgaben, d. h. keine, dauernde Berbilli.gung des Brot Preises erzielen. Solange das zweitgrößte Brote tablissement. nämlich die Hammerbrotwerke, nicht mit den Preisen heruntergehen kann, werden es di« anderen Erzeuger selbstvevstäMich auch nicht tun und niemand wird sie dM zwingen können. Bei den H a mm erbrotiwerken muß ab er eine Her absetz ung bei den heutigen Betriebsverhältnissen zum Zusammenbruch führen. Bon allen Hindernissen in der Betriebsfühvung, die nicht zuletzt durch den Parteicharakter des Unternehmens bedingt sind, ist die heutige L^ye ln erster Linie auf di« Kreditverhältnisse bei diesem Unternehmen znrückMführen. Die H^nnnerbrotwerke waren bekanntlich genötigt, große Darlehen aufzurvchmen, für welche sie w a h nsinnig hohe Zinse n undSpesen zu zahlen habe n. Das ist der.Hauptgrund, weswegen der Wiener heute fein Brot teurer zahlen muß als irgend jemand in der Welt. Er zahlt nicht nur die teuere Produktionsquote der Hammerbrotwerke, fondcrn er leistet indirekt einigen wenigen Kapitalisten Zinftnzahlmrgen^ deren Höhe heute nicht mehr zu verantworten ist. Auf diese Verhältnisse einzugehen, wäre erfolgverhelßeuder als das Einsperren und Auslassen dieses oder jenes Direktors. Hughes' Demission. —7. W i e n. 14. Jänner. Der amerikanische Außenminister Charles Evans Hughes ist zurückgetreten. Der Präsident hat die Demission genehmigt und will den Londoner Botschafter Kellog auf den Posten Hughes ernennen. Der abgetretene Staatssekretär hat als ein scharfer Gegner des Völkerbundes, respektive des Beitrittes der Bereinigten Staaten zu dieser Körperschaft, sein. Amt angetreten und ist bis zum Schlüsse bei seinem Nein geblieben. Herr Kellog M als ein Anhänger der Bölkerbund'doe. deren Aufnahme durch Amerika er jedoch an eine Menge von Vorbehalten knüpft, die in der endgültigen Lösung dev Schar^enfrage liegen. Mit dieser Materie beschäftigt sich eben die Konferenz der alliierten Finanzmimster, di« sechSundzwanzigste ihres Zeichens seit dem Friedensschluß. Sie hat offiziell nur mit den Reparationen zu tun, mit dieser ewigen Krankheit, in der es nach jedem Ansatz zur Besserung immer zwei Rückfälle gibt. Amerika hat nun jede Debatte über seine Forderungen abgelehnt und gegen eine Verhandlung dieses Thomas in Paris ein Veto eingelegt. Das kann nicht hindern/ daß diese Schulden dennoch die Situation beherrschen und daß eine Verschmelzung der beiden Fragen wenigstens inoffiziell angostrebt wird. Es ist auch bereits erreicht worden, daß Amerika an den nach dem Dawes-Plan aus Deutschland einlaufenden Jahreszahlungen seine Okkupationskosten sich refundieren läßt. Eine Erörte- . rÜMpetz Gchuildenproblems.ist jedoch ^seitens der BereimHn Staatennicht erfolgt. Oei diesem, Stand der Ding« scheidet Hughes aus und nach Washingtoner Ä^lduugen ist eine totale- Umbildung der Regierung geplant, die mehr als bisher auf die Person des Präsidenten eingestellt werden soll. Sind also die europäischen Fragen ungelöst, so istdas gleiche bei den anderen politischen Problemen der Vereinigten Staaten zu konstatieren. Die unter der Amtsführung Hughes erfolgte Drosselung der Eintvanderungsquote hat zu einer Verschärfung des' alten Konfliktes mit Japan geführt. Die prononcierte Stellungnahme gegen Sowjetruß'land, die von den Trustmagnaten im Vereine mit den hundertprozentigen Patrioten erzwungen wurde, hat die diplomatische Bereinigung. zwischen Moskau und Tokio, den beiden Antipoden, gefördert und so ergibt sich auch auf diesem Gebiet ein Manko, sowohl politischer wie moralischer Natur, dem die kommende amerikanische Regierung nicht so leicht gewachsen sein wird Die Tendenz der intimen Annäherung an England mit dem Ziele der Aufrichtung eines angelsächsischen Weltimperiums ist wieder abgeschwächt worden durch die Weigerungder Konservativen, über das Mittelmeer die von Washington geforderte Abkehr von: Prinzip des mave clausum zu akzeptieren. Die Politik Hughes' war von ihren ersten Stadienangefangen in allen Punkten das genaue Gegenteil der Richtung Wilsons, der die weltpolitische Aktivität Amerikas auch nach dem Kriege zu erhalten bestrebt war. Wäre es bei seinem System geblieben, so hätte Amerika nicht die Rolle des über den Dingen stehenden Gläubigers akzeptiert, der seine Schuldner weiter raufen läßt und nur von Zeit zu Zeit mit dem Wechselbündel »nb der Drohung der Kreditfperrung auf dem Plane erscheint. Amerika hätte in die europäische Entwicklung eingegrisfen und hätte dom Völkerbund zum Ansehen auch die Macht verschafft. Hughes bat die Politik der »Mendid isolation" befolgt, er hat Amerika eine neue Monroe-Doktrin gegeben, bbzwar er die Mängel dieses Systems so genau kannte, daß er im Dezember 1922 die ersten Anregungen zur Dawes-Kommlssiod.7a-, zn der Prüfung der deutschen Wirtschaft durch eine internationale Sachverständigenkommission, und hierbei Europa zurief: „So kann es nicht weitergehen!" Hughes hat die europäische Verwirrung durch seine Duldung der Johnsonschen Einlrxinderungsbill gesteigert, die ihre Spitze gegen die Juden, die Italiener und die Japaner richtet. Dadurch hat er zugleich Japan gereizt, die jüdische Wanderung verschärft und Italien zu einen! .Herd innerer Unruhe und äußerer Nervosität gemacht. Heiratslustig« M > mm leiuutfuen, BettiLTuchne *u "--KW«! I Kann & Fried äÄÄ