Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2108 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IPoibh 20arotzyI Wien: Zam Abholen in der Expedition, II. Taborstr. 1*% oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatl K 40.000 Straseenverkauf in Wien dareh die Kolporteure der Firma Goldschmied« 1. Be/., Wollzeile 11 ■ Mit Postversand für Wi«n «. I Oesterr. monatl. K 40.000 Tsehecho-Slowakei: Mon. K 20. Jugoslawien: Mon. Dinar60. P o I e n: Mon. 3*/, Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, F r a u k r., Belgien: Mon. Frcs. 15 Wiener »r. 2108 •IT N»eh a« b I o o n "MO bei Pre!»erbBhnn?en vortwSillcg mmmmmaammmmmm—— Wien. Freitag. 2. FSnner 1925 | P-el« K 1400 England: Mon. 4 Schilling, Italien: Monatl. 15 > ire* Rumänien Mon. 1501 el» Bulgarien Mon. B0 I ewa, Schweiz und das übrige, Ausland monatlich Frcs. 4. Redaktion u. Administration, Wien, II., Taborsfr. 1—3, Telephone: 44-0-3b,43«3»19.j Ah6Uhr abds. 21 -102.25-282] IX. Universitatsstrasse 0*w8l (Druckerei Steinmann) Oesterreichisches Poetspar* kaesen * Konto Nr. 150.698 7. Mraang Gruß au Äeizmann. —V. W r e u, 2. Jänner. Präsident Weizmann, der Führer des nationalen Judentums, trifft heute in Wien ein. Er will sich hier in persönlicher Fühlung mit der zionistischen Gemeinschaft von dem Ernst und dem Zielbewußtsein der in Wien geleisteten Arbeit für das jüdische .heim in Ere; Israel überzeugen und in einer öffentlichen Rede Aufklärung über den Stand des jüdischen Laudproblems geben. Die. Iudenschaft Oesterreichs begrüßt mit.Herz- Uchkeit den selbstlosen Vorkämpfer für' das Recht des Volkes, den Mann, der der jüdischen Nation die internationale Anerkennung ihrer Forderug erkämpft und der ihr den Weg zum Völkerbund geöffnet hat. Weizmann repräsentiert den Zionismus, seinen-politischen und kulturellen Inhalt. Er hat seine Namen mit einem der größten und bedeutungsvollsten Akte in der jüdischen Geschichte untrennbar verbunden. Er trägt in sich die Autorität der stärksten und tiefgehendsten Bewegung, die je das jüdische Volk erfaßt hat, und er ist. was ihm nüd dem Judentum zur Ehre gereicht, der durch das bewußte Volk selbst in freier Wahl erkorene Leiter dieser Bewegung. Was er an dieser Stelle geleistet hat, ist in die Geschichte der Nation geschrieben und kann aus unserem , Leben nicht mehr weggodacht werden. Die österreichisd'en Zionisten ehren in Weizmann den Nachfolger Theodor .Herzls, der von Wien aus den Ruf an das jüdische Volk! hat ergehen lassen. Länger als ein Vierteljahrhnndert ist dies her, und in dieser, im Völkerleben so kurzen Zeit ist der politische Zionismus zu einer Massenbewegung ge-! worden, die'aus dem ersten engen Rahmen der Organi- , sation herausgetreten ist. ' Nordau 'hat sie „das Volk unterwegs" genannt. Sie ist es heute mehr als in seinen . Tagen und ihr rascher Aufstieg erklärt sich nur daraus, * daß sie, aus dem Herzen des Volkes geboren, seine j Wünsche und Ansprüche an das volle Licht der Sonne; trug und den anderen Völkern bewies, daß die jüdische j Nation das gleiche Recht besitze, daß sie es für sich unl gescheut fordere und daß sie alle Mittel benützen wolle, um den ihr zustehenden Rang als historische Volksinidividualität zu erreichen. Sie will nichts, was nicht andere Völker auch besitzen. Sie kränkt niemandes Recht, aber l sie läßt sich nicht länger in dem Sklavenpferch halten. J Sie verzichtet auf nichts, was sie erworben hat, sie gibt j nichts auf und schließt kein unwürdiges Kompromiß. Sie 'will ihr Land bebauen, ihre Jugend für sich erziehen, j rhre Sprache sprechen und ihre eigenen Wege gehen. s<Ae will frei und ungehindert ihre Kräfte regen, au «allem, was Menschen und Völker in der menschlichen Gemeinschaft zu leisten haben, mittvirken. Auf ihrem eigenen Boden. Und was sie dort fdxifft, das soll allen! Teilen des Volkes, wo immer sie leben, zunutze sein und der ganzen Menschheit auf ihrem Weg zum Frieden und zur Gesittung Gutes und Ersprießliches geben. Der Zionismus ist ein Teil des großen Kampfes der Menschen um ihr natürliches Recht und es ist deshalb kein Zufall, daß seine Feinde auch zugleich die jedes Fortschrittes sind. Er hat diese Gegnerschaft aber in viel stärkerer Weise auf sich gezogen, weil er die beiden Ele^ mente vereinigt, denen seit je der Zorn der Dunkelmänner gegolten hat: er ist eine jüdische und eine demokratische Bewegung. Was gegen das Judentum, gegen das freie Recht freier Völker überhaupt kämpft, wendet sich mit verdoppelter Intensität gegen den Zionismus. Es gab in den Anfangsstadien des zionistischen Strebens Begrüßungelt dieser Idee auch von.antisemitischer Seite. Das war damals, als der Zionismus nur Idee schien. Diese kompromittierende Sympathie verflüchtigte sich, je energischer das junge Judentum seinen Weg ging und je klarer es sein Wesen zu erkennen gab, daß es nicht bloß Kolonisation treiben wolle, sondern daß es das Denken, Fühlen und Wollen der Nation umformt, mit neuem Ihalt erfüllt, daß es alles in den Bereich seiner Aktion zieht, was an geistigen und sittlichen Werten lebt, daß es daS ganze Judentum umfaßt und an nichts vergessen will. Deshalb steht heute eine Welt wider uns, deshalb Hallen wisder die ältesten und tausendmal demaskierten Lügen aus dein unflätigen Geschrei; deshalb verbinden sich alle finsteren Mächte, die Radikalen der Phrase und deL HasieS, Chauvinisten, Bolschewiken. Klerikale, Tod und Teufel, um den Zionismus und in ihm das jüdische Voll zu erdrosseln. Keine Idee, kem Volk ist jemals in solchem Sturm gestanden. Ae jüdische nationale Heimstätte. Wie schon kurz miitzcteut, hielt der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Dr. Chain: Weizmann bei der Eröffnung de's 20. Delegiertentages der Zionistischen Vereinigung für Deutschland am 28. Dezember im Kurhaus zu Wiesbaden eine gre hange legte Rede über die politische Lage des Zionisrmis. Pros. Dr. Eha im Weizmann, Präsident der Zionistischen Weltorganisation. pl« mm mm iHM //''//■' v*/ mm £'/üP Die politische Lage der zionistischen Bewegung, sagte Dr Weizmann, muß und soll jetzt hauptsächlich vom Standpunkt der Leistungen in Palästina behandelt und betrachtet werden. Wir haben in den letzten Jahren und vielleicht gang besonders in den' letzten drei Jahren in Palästina Fortschritte gemacht, die die ernste. Aufmerksamkeit der' Welt. / , der nichtjüdischen Welt, auf sich gezogen haben. Es gab Schichten innerhalb und außerhalb des Judentums, welche.- auf ein Miß l i ngen des Experiments warteten. Der jüdische Chaluz hat diese Erwartungen enttäuscht. Jetzt steht der Ausbau Palästinas da als eine. Tatsache, die von der Welt anerkannt werden muß. In dem gleichen Maße aber, als auf der einen Seite eine Intensivierung unserer Tätigkeit in Palästina geschieht, setzt auf der anderen Seite eine Verstärkung der Widerstände ein. Ich glaube aber nicht, daß es jetzt eine Kraft in der Welt gibt, d i e uns e re Ar be i t a bstelle n könnte. Eine neue Regierung kan:: vielleicht in Details das oder jenes uns erleichtern o d e r e r s ch w e r e n, sie kann aber das Fortfchreitcn des Ausbaues' Palästinas nicht h e m m e n u n d u i ch t h i n d c r n. Es liegt absolut kein Grund vor, daß das Ans-Rnder-kommen der konservativen Regie r u n g in England uns irgendwie in unserer Arbeit stören würde. Es'sind im Gegenteil gewisse Momente in der jetzigen englischen Politik vorhanden, welche vielleicht die Arbeit in Palästina in der nächsten Zukunft begünstigen werden. Der Bericht der Mandatskommission des Bölkerbundes.Zagte Dr. Weizmann weiter, j hat in der jüdischen Oesfenrlichkeit einen gewissen Eindruck gemacht. Boi allem Respekt, Achtung und Hoffnung, welche Er erreicht sein Ziel nicht. Wir ergeben uns nicht. Unser Recht ist mit uns geboren uub wir würden es verfechten. auch wenn es nicht nach dem Kriege von den Völkern anerkannt worden wäre als kleine Reparation für die furchtbaren Opfer an Blut und Gut, die uns die WcchnsinnseMosion des großen Mordens aufevlegt hat. »t in Wiesbaden. wir auf den Völkerbund legen, soll es doch gesagt werden, daß wir mit diesem Bericht unzufrieden sind. Wir halten iün für unzutreffend, für eine Verkennung der wahren Lage in Palästina. Unsere Aufgabe von heute steht darin, dem Völkerbund, d-r aufgeklärlcu europäischen öffentlichen Meinung klar zit machen, erstens, daß die Balfour-Dek'aration nicht den hunderttausend Juden Palästinas gegeben ist, sondern de« sechzehn Millionen Juden der Welt; zweitens, daß diese hunderttausend Juden Palästinas nichts anderes als Pioniere, die den nach Palästina strebenden Millionen den Weg weisen sollen. Unter den vielen Geonerri des Zionismus, fetzt« Dr. Weizmann fort, nimmt ein« hervorragende Stell« ein eine Gruppe, die unter der Führung des Vatikans gegen den Zionismus und gegen das jüdische Voll m Palästina vorgeht. Seit Jahren erklären wir in aller» feierlichster Weise und erhärten dies durch Tatsachen, daß wir Juden an den heiligen Statte« in Palästina desinteressiert , sind, im Gegenteil, jedesJn- (treffe haben, daß diese heiligen Stätten von der ch r i st l i ch e n W e l t v e r w a l t e t werden. Cs. gibt keine Reibungs- oder Berührungsfläche zwischen unserer Tätigkeit und den Interessen der. katholischen Kirche. Es gibt nur ein gemeinsames Interesse: Friede und RuheinErezJsrael. Ich glaube, die Zeit ist nicht mehr fern, wo dieses Verhältnis herxestellt wird. Aus diesen Verhältnissen ist die Folgerung zu ziehen, daß wir eine Intensivierung und eine Verstärkung der Positionen in Palästina einerseits, eine Intensivierung in der Aufklärungsarbeit ber unseren Gegnern und ein tieferes Verständnis für die Judenfvage andererseits, erstreben muffen. Die Schaffung der Je-wish Agency, setzte' Dr. Weizmann fort, bedeutet eine engere Verknüpfung der Peripherie, die sich um das zionistische Zentrum gruppievt- Das wird der Gegenstand meiner nächsten Reise sein, die ich am 28. Jänner antvete. Ich glaube, w!d tonen hoffnungsvoll dem entgegensehen, daß in A me r ika, England und Italien sowie auch hier und in «*• deren Kulturländern die Gruppierung der iJewish Agench vor sich gehen wird. Dr. Weizmann schilderte dann die Eindrücke seiner letzten Reise, in Palästina. Es ist eine ugeheuve Leistung zu konstatieren. Palästina steht unter dem Zeichen der Masseneinwanderung. Es komnien im Durchschnitt 2000 Menschen im Monat in da's Land, eine Immigration, die unsere Erwartungen übersteigt. Ob diese Aufnahmsfähigkeit andauern wird, darauf zu antworten ist schwer. Aber heute merkt man, daß mit dem Steigen der Einwanderung die Aufnahmsfähigkeit steigt. Ein produktiver Jude, der ins Land kommt, schafft Platz für zwei andere. Ein Teil der neuen Einwanderer wird aus negativen Gründen nach Palästina getrieben, weil die Tore anderer Länder geschloffen sind. Das ist ein Teil des Jude»- Problems, mit welchem wir Zionisten uns cbfhtUit müssen. Ich möchte einen Ruf an die nichtzionistischen Juden senden, ihnen in schlichten Worten sagen, hier ist ein Land, das erschlossen wird durch die Kraft und die Arbeit unserer Besten. Dr. Weizmann schloß mit einer Einladung an dü Zionisten, zu Passah nach Palästina zu kommen, wo die jüdische Universität durch Lord BalfouR eröffnet werden soll. Die Gemeinschaft der zivilisierten Völker hat uns ihv Wort verpfändet und wir wären unwürdig ihres Vertrauens, wenn wir den uns ausgestellten Schein unwieder entwinden ließen. Wir stehen auf diesem Schein, und das öffentlich auszuspvechen ist Weizmann berufen, dex diesen Rechtstitel dem indischen Volk erkämpft hat. » i