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Wiener Morgenzeitung · 1925-01-01 · Heft 2107 (1.1.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2107 (1.1.1925)
Date
1925-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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1 Mt. §tttT_Wlen, V-mneMag_ $8 fetter MorgItlzeltung. Woher stamme« die Jndirlretioueo des .Sklair-r Paris, 81. Dezember. '(HavaS.)D»e.r,HerguS.geb er. der Zeitschrift „Aux Eeoutes" (,Horchipostell") hat erklärt, e r habe dem „Eclair" die Abschrift deö Berichtes des Genevals Rollet der schaffe Svanftche Siege. Layger, 80. Dezember. (HavftS.l Die Spanier haben die Slellunsten von Ain Guenen und Suk Oltleta bei Ceuta e n tsetzt. Die Aufständischen verhalten sich ab wartend (!) Ae bulgarischeu Nomitatschir, Ermordung eines serbischen Grenzschuhkommandanten. Belgrad, 31. Dezember. (Ungar. Tel. Korr.-Bur.) Einer der Führer der gegen die bulgarischen Komi tatsch ioMnisievten südserbischen Schutzorgan i s a t i on, Woiwod-e Stojan M i s e v i c, ist heute in Uesküb von dein im Dienste der mazedonischen Aufstä.ndischenovgani'ation stehenden Grigorijevic erschossen worden. _____ Ae Aufteilung der iftMchea Schulden. Das Schiedsgericht des Völkerbundes. Genf, 30. Dezember. (Schweiz. Dep.-Ag.) Der Bölkerbundrat hat Eugen B o r e l (Schweiz) ersucht, in den Streitfragen über die Verteilung bei' o11omanischen öffentlichen Schuld das Schiedsrichteramt zu übernehmen. Borel -hat dem Bölkerbundrat mitgeteift, daß er mit dem 15. Jänner das Amt eines Schiedsrichters übernchmen werde. 9er Erfüllen beim mohammedanischen Weltkongreß. Jerusalem, 30. Dezember. (I. T. A.) Der fri'chere Sultan der Türkei und Exkalif Abdul Medschid begab sich nach Mekka, um.an dem von: Sultan Ihn Saud emb rufenen nlohamniedanischen Weltkongreß eilzunehmen. Es verlautet, daß der Exsultan seine Kandidatur als Kalif anmelden will. Aus Syrien trifft die Meldung sin, daß die französischen Behörden den Scheich der Sen ussi aufgeforbert haben, binnen 24 Stunden Syrien zu verlassen. Der Scheich, der angeblich von Ihn Saud als Kalif ausersehm sein soll, kam nach Syrien in der Hoffnung, von dort aus nach Mekka zu gelangen, um dem mohammedanischen Weltkongreß beiznwohnen. König Ali Von Hedfchas hat ihm das Betreten seines Territoriums Verboten. ' Verschlimmerung im Befinden Brautingr. Ber i«, 3t. Dezember. Wie der „Vorwärts*' aus' Stockholm meldet, hat sich das Befinden des s^wedlschen Ministerpräsidenten Branting erbeblich verschlimmert..so daß zu den schlimmsten Befürchtungen Anlaß vorliegt. fraget mit eingebautem „Barjotl^-Qumm’-Absatz Horthh und sein König. Eine C klärnng Mrkmanns. Wir erhalten die folgende Zuschrift: Die ungarische Regierung setzt der „Aus Kaiser Karls Nachlaß" gebotenen Darstellung der letzten Begegnung zwischen dein verstorbenen Kaiser und König Karl und dem Reichsverweser, Konteradmiral von Horchh, im Aufträge dieses Reichsverwesers Erklärungen entgegen, nach denen die betreffende Darstellung voll mir herrühren itnb die Herabsetzung der allgemein geachteten Persönlichkeit dieses R.ichsvevwesers bezlvecken soll. Ich stelle denigegenüber fest: „Aus Kaiser Karls Nachlaß" enthält die mir voll Kaiser Karl diktierte Darstellung der Ereignisse zu Osteril 1921. Ter Herrscher hat das Diktat wiederholt durchges'chen und mit eigener Hand ergänzt. Ein Teil der Ergänzungen wurde von der Kaiserin haud schriftlich fest-gehalten. Der Kaiser hat sich in der Verbannung mit dom Gedanken getragen, das Diktat zu einer umfass endere n Darstellung — für die Akten seines Hauses — zu erweitern, er hat aber keine einzige seiner Angaben, auch nicht am frühen Abende seines Lebens, zurückgezogen. Es ist klar, haß w e d e r der Reichsverweser noch die ungarische Regierung befähigt sind, diese meine Angaben mit Recht zu bestreiten oder gar zu widerlegen. Mas aber den Versuch aub Grifft, das Gewicht der den R e i ch s v e r w e se r, belastenden Darstellung jener Begegnung durch den Hinweis auf die „allgemein geachtete Persönlichkeit des Reichsverwefers" abzuschiwächen, so Vevtveise ich auf die täglichen' Prozesse wegen Beleidigung des R e ich s v e r w e s e r s, aus das stenografische Protokoll vieler Sitzungen der ungarischen Nationalversammlung, auf das "Urteil der Weltpresse und die Taffache, daß Admiral v. Horthy noch heute in dem Hause jenes Königes waltet, von dom er den König mit Waffengewalt serngchalten hat, obgleich er ihn: durch m e h r e r e Eide und Versprechungen verpflichtet tvar. _—Karl Werkmann. 9er Maffenmörder Kitz straffrei. Wie „Nepszava" mitteilt, hat die Staatsanwaltschaft der Gendarmerieinspektion unter Berusu^ auf hie Amnestieverorduung beschlossen, das Strafverfahren gegen den berüchtigton Massenmörder Wachtmeister Michael Fr am eia Kiß niederzuschlagen. Das Schuhe! 1 Jänner 1925 7_ ' GeKz 9 Verfahren wurde auch gegen sämtliche Mitglieder bei Szegediner , Jagddetachements, dem eine Reihe terroristischer Mordtaten zur Last gelegt hritb eingestellt. ‘ vr. Seipel reift «ach Hollaad r Berlin, 31. Dezember. (Tel.-Komp.) Wie aus Amsterdam gemeldet wird, wird der frühere österreichische Bundeskanzler Dr. S e i pe l in der nächsten Zeit nach Holland reffen, um dort eine Reihe von Vorträge u zu halten. __ 9er Wechsel in -er Wiener schwcherische« Gesandtschaft. Bern, 31. Dezember. (Schweiz. Dep.-Ag.) De-. Bundesrat hat die D e m i s s i o n dos schweizerischen Gesandten in Wien Dr. Boureart für den 31. März 1925 angenommen mtb zu seinem Nachfolger den derzeitigen Generalkonsul in Athen Legationsrat Dr. Max J a e g e r gewählt. __ 9ar Kode einer aMra Baal. Das Hakenkreuz-Panama. linier dem Vorsitze des Ausgleichskommissärs, Oberlaudesgerichtsrates Cuckovie, hat gestern die AusgleichstaMhrt in der Angelegenheit der Nordisch- O e st e r r e i ch i s ch e n Bank stattgefunden. Er waren nahezu 300 Personen erschienen. Vom Berwaltnngsrat der Bank tvaren anwchnid: Generalmajor Hussarek, Konftll Van Rohen und Ejuar L i n d; entschuldigt war Minister a. D. KaÄ Czapp-Birkstetten, der nicht in Wien fft. Ebenso schlte der gcivesene Generaldirektor Otto Wald egg, der sich in landesgevichtlicher Hast befindet. An den Bericht bc§ Tlusgleichsverwalters Dr. Weisweil ler knüpfte sich -ine sehr erregte Debatte, in deren Verlaus mehrere Redner sich in schärfsten Angriffen gegen die Verwaltung der Nordisch-Oesterrsichischen Bank ergingen. Dr. Fantl unterstützt den Antrag ans Verlängerung der 90tägigen Frfft. Redner stellt den Antrag, die Verwaltung solle die Erklärung a'bgeben, daß sie abtvete und an ihre Stelle mögen neue Verwaltungsräte treten. Fregattenkapitän Myrtacz hebt hervor, daß unter den Gläubigern der Bank sich höchst evstaun'lichevwoffe auch die V e r w a l t u n g s r ä t e der Bank selbst befinden. Diese müßten nach Ansicht des Redners mit ihren Forderungen z u r ü ck t r e t e n. Dr. Fantl schließt sich diesem Anträge an und bemerkt, daß, wenn ein Dertvaltungsrat so belastet sei, wie der der Nordisch- Oesterreichischen Bank, er sofort zurück trete u rn-üßte. Die Erstreckung der 90tägigen Frfft uw weitere zwei Monate wurde einstimmig geneh m i g t. Es wurde auch der Antrag gestellt, daß der in Hast befiMiche Walidegg zur nächsten Tagfahrt erscheinen müsse. Die Versammlung wurde hierauf geschloffen. Alle Restbestände Kann & Fried VI. Unke Wien' zeile 40 (Im Hofe) Miduns. , Bon S. Meisels. . Bildung fft Ornament des Lebens und Ziergvwand des Geistes. Sie verfeinert die Lebensformen, indem sie sie verschönt, und besitzt daher neben dem persönlichen vornehmlich einen unschützbaren Gesellschaftswert. Das Eigentümliche aber an der Bildung ist, daß sie, an alle Wissenschaft und jegliche Kunst gebunden, Must und Wissenschaft in sich vereinigt und trotzdem von beiden grundverschieden .fft. Kunst fft schöpferisch, Kunst schafft und stellt das Geschaffene ans sich heraus zum eigenständigen Dasein; Bbödung aber ist unfruchtbar, sie schafft nichts, sie bringt nichts hewor, dswn in ihr fft nichts innen, als was nicht außen wäre. Wiffenschaft dient Praktischen Zwecken und strebt nach idealen Zielen; Bildung dagegen fft zielfrei und Zwecklos. Bildung schafft keine Werte und 'bezieht sich auf kein anderes Objekt außer ihrer selbst. Bildung gibt den Gradmeffer ab für den Kultuvstand einer Zeit öder eines Volkes. Kunst und Wlffeus-chaift können wohl an sich wachsen, aber sie können ohne die Bildung nicht gedeihen; sie bedürfen der Bildung als einer Skala^ an der sie die Strichzeichen ihrer eigenen Höhen und Tiefen ablesen können. Bildung läßt sich daher nicht in bsstimmte Grenzen abstecken; sie umfaßt viÄmchr das Wissen der Zeit in seiner ganzen Mannigsa'lti'gkeit. Wiffenschaft kann sich spezialisieren, Bildung nmß universell bleiben. Bildung fft nicht allwissend, aber vyn allem wissend, von allem ein wenig, von jedsm etwas. Mithin: die Nutznießung von Kunst und Wiffenschaft heißt nmn Bildung. In allen Zeiten, die durch Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet waren, 'hat es Bildu-ng gegeben, obgleich der Begriff selbst unbekannt wir. Schon dem Altertum war jener Allgemeinznstand geistiger Vewdeknrg, also das, i was man heutzutage mit dem Worte Bildung -bezeichnet, nicht fremd. Das Perikleische Zeitalter war eines der gebikdefften in der Geschichte. Auch in deutschen Landen war 'Bildung vorhanden, lange bevor Justus Möser dsm Worte Bildung die Bedeutnug gab, die es heute besitzt. Bildung } als Kulturzusiand findet man unter allen zivilisierten Bökern, gleichviel oh in ihrer Sprache eine besondere Be-! Zeichnung dafür vorhanden ist oder nicht. Es ist'völkerpsychologisch sehr interessant, daß Franzosen und Engländer für Bildung keinen ontsprechendeu Ausdruck hositzen. Woraus allenfalls Leiwiesen erscheint, 'daß eine Sache auch chne ihre Bezeichnung exfftieven kann. Mitunter kann sogar eine Sache versimpelt, verflacht, vevseicht werden, solbald sie in-eine Worthüffe eingekapselt und mit einem Namen etikettieret wird. Im Zeitalter des Philosophi!sch- Poetischen Auffchlvunges tvar das gebildetste Fleckchen dsutscher Erde die kleine Stadt an der Ilm. Rund um die großen Geisteslhclden in Weimar sammelten sich Schöngeister jeder Art, beredte Männer, geistreiche Frauen, Wiffenschastsjünger, . Kmfftbefliffeue; Weimar verfügte über den ganzen großen, vielfältigen Geistesvorwt, den 'der Begriff Bildung unffchließt. Weimar war durchtränkt von Bildung, die Lust Weimars machte einen gebAdet. Aber das Wort Bildung kannte man in Weimar nicht. Goethe seWst gebraucht diesen Ausdruck nur in feiner alten Bedeutung von Form und Gestalt. Das Wort Bildung kommt in mannigfachen Verbindungen vor: Fachbildung, Schulbildung, akodemifche Bildung, Geistesbildung. HevzensbiDung und wie sie sonst noch heißesi mag. (Was ist denn eigeMich Herzensbildung? Bertrauenssache. Da merkt onan selten was davon. Sicher kein Gebildeter hat diesen schönen Ausdruck erfunden.) Die Bildung aber, die wir meinen, wird für gel.vöhnlich ohne Beiwort und fast immer ohne Gefchlechtsivovt gebraucht. Diese Bildung besitzt nur reinen Gesellschastswevt-und ist keinem Zweck dienstbar. „Die Bildung eines Menschen 'hat keinen anderen Zweck, als daß er eiben gebildet sei", schreibt Moritz LcuzavuS. .Je mchr Bildung sich von den praklffcherl Lebenslbahnen enffernt, um so mehr Bildung ist sie, um so größer steht sie rnt Ansehen. Es ist ungemein interessant zu beobachten, mit welchen Feinheiten die Sprache die unterschiedlichen Merkmale zwffchen Bildung und . Bildung hervorbebt. Wenn ein Arbeiter oder Handwerker ’ nach praktisch unverwendlba-rom Wissen Verlangen trägt, so besucht er einen Bildungsverein; wenn er sich jedoch in seinem eigenen Beriff oder Fach vervollkommnen will, so besucht er eine Fortbildungsschule. Wer kauiMännffche Bildung 'besitzt ist noch lange kein gebildeter Kaufmann; erst das Quautunr Wissen, das er kaufmännisch nicht verwerten kann, macht ihn zu einem solchen. Die Komptoiristin, die vorizügl'ich stenographieren, maschmschreiben, buchführen und rechnen kann, wird kein Mensch zu den Gebildeten zählen; nur wenn sie über einen gewissen Vorrat au jenen schönen mvdevnen Kenntnissen verfügt, die weite Meilen vom Bureau enffernt liegen, fft sie ein gebildets Fräulein. Herbert Spencer nennt Bildung das Kleid des Gefftes. Auch dieses Kleid wird nach der Mode getragen. Und eben als Kleid des Gefftes, das der Mode unterworfen ist, hat Bildung, wie jegliche Mode, ihre Auswüchse, ihre Extravaganzen, ihre Halbnacktheiten Md ihre Fexereien. Die Modelbildung, die schmetterlinghast an allen Blüten von Kuu>st und Wiffenschaft herumMscht, hat so nmnche groteske Gestalt hervorgöbracht. Die Karikatur des Reichtums ist Herr Raffle, die Karikatur der Bildung Frau Pollak. Gelehrte und Künstler haben die Modebildung immer abgelöhnt und von ihr mit einer gewissen Verachtung gesprochen. Gestempelt für alle Zelten hat diese Bildung Friedrich Nietzsche, indem er das schlagende Wort Midungsphilffter" geragt hat. Der Bildungs- Philister arbeitet ganz auf den Schein hin, sozusagen aus die Verbrämung des Geistes. Dem Bildungphikffier macht es nicht viel aus, in sozialen und politischen Fragen den eigenartigen Stoklz der Unwiffenheit zur Schau zu tragen, aber er wird sich bis in die Haarwurzel schämen, irgend einen fremdländischen Namen nicht am korrektesten' auszufprechen. Denn das gehört zur — Bildung. Aber nicht nur heute, zu allen Zeiten war Bildung das Modekleid des Gefftes. Damit hängt es Wohl zusammen, daß im alten Griechenland die ersten gebildeten Damen die Hetären waren. Sie waren die ersten, die ihren Körper, uttd sie waren die ersten und fast die einzigen, die ihren Geist schmückten. Die Frau hatte es bald heraus, daß ne'bsn Diamanten und Perlen auch der Bildungsschmuck ihre Reize außerordentlich erhöht. Bon Natur aus weniger schöpferisch veraulagt als der Mann, hat die Frau überall, wo der Mann Kunst und Wissenschaft trieb, ihren Geist auf Bildung eingestellt. Die Frauen, die -literarische Salons hatten, waren allesamt gebildete Danven, die Männer aber» die sie i ' ihren Salons empfingen, waren Gelehrte, Schriftsteller, Künstler, Dichter, Staatsmänner, Philosophen. So war und blich die Bildung vornehmlich Frauensache, was freilich nicht ausschließt, daß es zu allen Zeiten auch eine eEeckkiche Anzahl von ,Mr gebildeten" Männern gegeben hat. Die Frau hat durch ihre Bildung Kunst und Wiffenschaft in die Schöuheitssphäre erhoben. Kunst, Wissenschaft und Bildung gehören zusammen^ I Bildung ist Zier^ Mffen ist Mach^ Wunen fft Gnahe«.-

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