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Wiener Morgenzeitung · 1924-12-21 · Heft 2097 (21.12.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2097 (21.12.1924)
Date
1924-12-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ministerpräsident Mussolini hat unerwarteterlveise der Kammer einen Entwurf unterbreitet, wodurch das Wahlgesetz abgeändert wird. Der Schritt des Mimsterprästdenteuhai großen Eindruck gemacht. In den Wandelgangen verlautete, es handle sich um die Rückkehr znm früheren Wahlsystem, wonach. jeder Wahlbezirk rmr e i n e« Abgeordneten gewählt. Tie Stichwahlen werden nach Mglischem Muster abgeschafft. Wer die meisten Stimmen erhalt, ist gewählt. Die Zahl der Abgeordneten wird von 535 auf etwa 56V erhöht: Auf je 70.000 Wähler fall ein Abgeordneter kommen. Der Wahlmodus sieht das geschlossene Wahlkuvert vor, so daß das Wahlgeheimnis gewahrt bleibt. Die Wahlen werden für Marz oder April erwartet. Diese aufsehenerregende Maßnahme wird als Mittel gedeutet, um ans versa> sungsmäßigem Woge aus Schwierigkeiten der parlamentarischen Lage h^rauszukommen. Ueber Vorschlag Mussolinis werden die Bureaus der Kammer am 3. Jan- «er den Entwurf einer Prüfung unterziehen. Bis zu diesem Tage hat sich die Kammer vertagt. Man erwartet, daß-die Opposition nunmehr m die Kammer zur ü ck k e h r e n wird, um an der Debatte Aber das neue Wahlgesetz teilzunehmen. ■ Dieser Mäßnckhmeistdie Ännahme der Demission des WzksWW DizffprLsidenten der Kammer, Giu-nta. vorangegantzen, M Mussollni unter dem Drucke der Opposition g e gen Len radikalen Flügel feiner Partei , dhrchg-esetzt hat. La G-iunta durch feme vom der Sstatsä-n-valts-chas't festgestellte pöliüsche Terrortätrgkeit schwer kompromittiert wa-r. MuMrni' will durch geschickte' Konzessionen der politischen Schwievigkeiten Herr werden und so den Ansturm der Opposition a-bweyren. Diesem Zweck dient auch die Mbschaffung des sthr fragwürdigen Wahlisystems, das er vor den letzten Kammerwahlen durchgedrückt hat. Sine Schreckenrnacht in Mislolkz. Rache der Erwachenden für ihre Wahlniederlage. (Etgendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 2V. Dezember. Offenbar aus ' Rache über die Niederlage der Ras s e n s chütz! e r bei der letzten Ersatzwahl für die Nationalversammlung haben Mitglieder der Erwachenden Ungarn von Miskolez Donnerstag nachts einen systematisch durchgeführten Ueverfall aus jüdische Passanten veranstaltet. Nach dem Budapester Muster durchzogen mit Gummikitütteln bewaffnete junge . Leute in.Gruppen von drei bis. fünf Personen die Straßen und forderten d i e j ü d i sch a u s s e h e n d e n P a s s a n 1 e n zur Auswrisleistuug auf. Die Juden wurden blutig geschlagen, mit Fußen getreten und dann, auf dem Poden liegend/ihrem Schicksal überlassen. Sonderbarerweise konnte das Gesindel seine Ueberfalle von . der Polizei völlig unbehelligt aussühren. Erst als sich bereits / zwanzig schwerverletzte Opfer der- Ueberfälle bei der Polizei meldeten, ließ der Stadthauptmann Pie Wache verstärken und ' Streifungen vornehmen, die selbstverständlich eesolglos blieben. in Ae Fremdenhetze der „Timer". Ern Brief Lord Roth'childs. Wie wir am 5. Dezember mittellten, haben 'die „Times" eine Artikelserie „Das fremde London" veröffentlicht,, im.welcher ein „besonderer.Mitarbeiter" gegen die jüdische Einwanderung Stimmung zu machen versucht. Geigen diese Artikel hatte' a>m 30. November der Nationa-lokcniom. HarM C o x Stellung genommen und davor.gewarnt, die allgemeine Frage der Fremdeneinwanderung mit der Frage der unerwünschten Fremden zu ber- ’ Vr'v> Sie Katastrophe in Marokko. . (Eigendionsi der „Wiener Movgenzeitung".) - Paris, 20. Dezember. Me aus Tanger gemeldet wird, dehnt,sich der Aufstand der And sch e ras immer mehr aus. An der Grenze der internationalen Zone sind e r.n sie Kä mpfe im Gange, namentlich in der> Umgebung von E l. K s a r und S e g u i r. In der Westzone von Marokko ist neuerlich eine Lime bei Jarda geräumt worden. Die Situation der spanischen' Armee zwischen L arache Md T e t u a n gestaltet sich allmählich katastro- - Phal. Die Angriffe der . M-arckkaner werden immer heftiger. Tetuan ist von allen Seiten.bedroht. Im. Süden befinden sich die Dimbalas direkt vor der Stadt, im Osten ist der Verkehr nach Tanger vollständig unterbrochen, im Norden von Tetman befinden sich die spanischen Vorposten in hartem Kampf mit den Aufständischen, von denen sie u m z i n g e l t wurden: und die die Eisen- Ibrhnlinie nach Cento besetzt halten.- Alfons fühlt sich nicht wohl. Madrid, 20. Dezember. König Alfons ist erkrankt und wuß das Bett hüten. Sein Diktator Prim-o de R i v era hat.es vorgezogen, seinen Aufenthalt in Marokko z.u v e r lÄ n g e r n, da er sich dort wohl sicherer fühlt als ' in Madrid. England — nicht uninteressiert. London, 19. Dezember. (Havas.) Im Unterhaus erklärte Außenminister C h a m b e r l a i n in .Beantwortungeiner Anfmge betreffs Marokkos, diese- Frage'-berühre , insbesondere Fra n kr eich im Hinblick aus -den Um-, stand, daß sein Protektorat an das, Risgebiet angrenze^ Ohne uns, sagte, der Minister, in die/Hlngelegen'heiten MavoNos einzumischen, könnenwir gleichwohl an den sich dort abspiele-nden Tatsachen nichts « n im t e r c f f i e 11 sein. MWar schxchet gegeu Siudente« eim *?- 4« Sludeutett verhastet. Scharfe Maßnahmen der Regerrung. C l n j (KlMsenVnrg), 20. Dezember. (Tel.-Komp.) Hier ist. cs gestern in den Abendstunden zu schweren ant^ seMitichen Ansfchreituugen der Unwersitatshörer gekommen. Etwa 500 Hochschüler zogen auf den Hauptplatz und imsültrerten jAdische Passanten und Stndeuten. Sie schlugen aus dem Hauptplatz die Fensterscheiben eines großen Kaffeehauses sowie die Auslagensenster nahezu sämtlicher. Geschäftsläden aus dem Platze ein. Zur Unterdrückung , der Kundgebung wurde, eine J nf a n t e r i e k o m p a g n i e ausgebotcn, die auf dem Hauptplatz die Demonstranten umzingelte. Hierbei kam es zu schweren Schlägereien zwischen den Demonstranten und dem Militär, das von den Gewehrkolben Gebrauch machte. 40 Studenten wurden verhaftet. Gegen sie wird bereits die neue Hochlchulverordnung des Unterrichtsministers Anghelesen mit aller Schärfe in Anwendung gebracht werden. ' Um 8 Uhr abends war die Ruhe in den Straßen wie-' der hergestellt. HrrriotsBeflndm. Paris,' K0.' Dezencher. Der Gesmildheir-tszustanv des MMisierPvüsiVvntvn Herriot hat 'sich, werter gebessert. Heute abeuds ' hai ver Mmiisi-erpräsibent die Vertreter der Poesie cMpscrrrgen, fratmt er Aufklärungen über die Aktion gsgvn die auslärvdsichen Kommmdiften gab.' Sir Buchanaan gestorben. London, 20. Dezember. (Reute-r.) Derchem-aibvge mg* lösche Botschafter in Petersburg, Sir Bu ch ana-an, ist heute gestorben. Hitlers Haftentlassung. , Berlin, 20. Dezember. Die EnllasstMg Hitlers erfolgte schön/ge st er Die Frage seiner AuZweilsungwird nicht mehr evw'ogen, da Oesterve-i ch seine Staatsbürgerschaft nicht rlu-erfenxtt. - .. ™ : ,;I .. Die' Mrigen begnadigten politischen Gosangeülen sind h e -u!t e m i t ta g s freigelassen worden. Fechenbach ist zu seinen Eltern nach Würzburg abgereist. Nach dom. ,IageblaE wird er zur, WiederherstellMg seiner positischen M> persMichen EM die Wiederaüfnahme des Prozesses anstreiben. Im Auftrag -des-Boärd of Deputies richtet NM desien Bi-zepräsident 'Lord Rothschild einen offenen Brief an die „Times", d m wjr das folgende entnehmen: Ihr Mitarbeiter betrachtet alle natural»- s -i e r t e n Juden, sogar die in -England, goborenen K-M-- der' der nat-umlisierten Inden, mtöferne sie in ^stlondon Men, gleich als- „Fremde"^ Er macht einen. Untevschied zwischen - diesen, undden britischen^ Juden, die aus East End sortgezogen sind. Mein 'Empfinden ist es ab?r. -daß jeder, gleichviel ob britisch durch Geburt oder neutralisiert, gleiche - Rechte-und'-Pfl-ichen hat. Eine Un-terische-idu-ng, wie sie durch - Ihren.Mtarbeit-er gemacht .worden, ist, ist.gegen das nationale Interesse. Ich stehe nicht cur. zu erklären, daß die na» tnrwW-c'rten Juden und die m England. - geborenen -Kinder der fremden.Juden sich in. chrom Patriotismus und in, ihrean Wert für die britische Nation von jeder anderen britischen - Gesellschaftsschichtd u r ch n i chck s' e r s ch ei b e n. Im Krioge wären mehr als --12.000 britWe' Juden in den;. WehrPstichtAisten' Äs Freiwillige' omgetragen. - - Mehr.M -5VM0 -Inden dienten in der britische» Armee, ' -pon chiestn W-My. gefallen' oder verwnn>det oder. vennißt. ' Mehr-als 'die Hälfte dwser Kri-egsopfer ' gchörten fenev Schicht an, die 'Ihr- MÄävbetzch: ^ÄS. i. e.-m b-e"- «MWrt. -Ihr Mitarbeiter —-st Mrt Lord 'RothfchiL fort 77- - gibt falbst m,; daß die seit '1881 Hmc^ewanderten Juden die britischen Avbe-iter nicht.Verdrängt" haben und eine werwolle Tat Mit im Hand?lswesen geleistet haben.' Er verschtve igt aber die Tatsache, daß diese Elemente zur Entwicklung des britischen Welthandels schr . viel beiMragen und den' britischen Produk'en zahlreicheausländische Märkte geöffnivt haben. Ueb-erfüllung ist stlb-stverstäMich eine Plage, die Ostbezirke Londons bilden aber hierin kom besowderes Beispie-l. Seit 1890 haben sich die Wohmm>gsbvdinW-ngen in East End verbessert. Wemt wir nach sozialen Mißstäwden suchen,. so haben wir genug andere Beispiele. Es ist nicht richtig, -daß, wie Ihr Mitarbeiter sagt, D y s e n 1 e r i e, -T y p h u s und M a'l ar-i a durch die Juden Ostlondons verbreitet werden; die Einschleppung dieser Krankheiten geschah durch die heimkehrenden britischen Soldaten, dieru den überseeischen Ländern Kriegsdienst geleistet habeu Nach vierjähriger näherer Bek-a-nntichaft mit dem East End muß ichsagen, baß die Vorstellung, die Juden dieses Sl-adtteiles stünden ms einer tieferen inoral ischen Stnfe oderhästen ein minderesRemilchkei-tsbedürfnis «als die Per-, sonen gleicher Klasse in anberen Teilen Landons- oder in anderen Städten. Englands, keineswegs zuwisft Es gibt - ' - - kerne Bewezse dafür, daß die aus Osteuropa, stammenden Juden unfähig waren, bviiisch-e Traditionen anzn-nehmen. 4Z Jahre sind-seit der Zeit vergangen,-da Jrrden and .Rußland, um den grausamen. Verfolgungen m ihrem Lande zu en-tgÄ)en, begonnen haben, nach England eiNM- ' wandern. Wagt man die Vorteile und Nachteile ab, du diese Juden dem britischen Reich im Frieden wie im Kriege gelbracht haben, st würdm die . Vorteile weit überwiegen. Lord- Rochschild schli-.ßt: Die Schlußbemerkungen der Arti-kelfolge Ihres- Mitarbeiters vevsüchen. die .Gefa.hr einer Frsmdenülberflutung zu suggerieren. Wir finden kömerlsr Rechtf-ertvgung Kr eine solche Annahme, aber wir stimmen zu. daß,' falls eine solche Gefahr bestehen sollte, alle notwendigen Vorsichtsmaßregeln ergrUeu werden müßten. Der „besondere Mitarbeiter" der „Timrs" knüpft an den Brief 'Lord- Rothschilds die folgende Bt. merkung: Die Ausführungen -Lord Rothschilds sind ffr meine Artikel nicht an-wendbar. Ich bin der Mer niM'g, daß die Hälfte der Juden Londons zu den neuer ^Fremden gehört, die man nicht mit, den naturalisierter j Fremden verwechseln darf. Der Mitarbeiter weist aus di« Statistik der vusii'schen Regierung über die Verbreitung der Malaria in Südrußländ hin, die den Schlußzuläßt, daß die südrussischen Juden die Malaria nach England eistchleppen. Er . erklärt, cx habe m seinen Artikel'» den britischen. Patriotismus der englischen Juden gelobt und ebenso auf die Tätigkeit der britischen Juden zügunstep ihrer Glaubensgenosien hingewiesen. ' . zu ganz abnorm billigen Okkasionspreisen bei VI. linke Wien* Ms 4U (im Kola)

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