Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2096 (20.12.1924)
- Date
- 1924-12-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Oe. NW 86. Dezember tm Seit« fc/'t */a8 Uhr abend» Karten im Btireau des Zionistischen Landeskomitees, I. Bez., Kärntnerstrasse 28 515 Sie LluM aus Marokko. Paris, 19. Dezember. (Havas.) „Daily Mail" berichtet aats Tanger, daß die EifenLahnverbindung zwischen Ceuta und Tetuan abgeschnitten sei. Das „Journal" meldet aus Madrid: Vier neue Gebirgsjägerbataillone sind aufgestrllt worden, um für den Fall, als verdächtige Personen auf spanischen Boden überzutreten verbuchten, die Grenzb e wa chung zu verstärken. Das Gebäude der Madrider Freimaurerloge ist gesperrt worden. Der gewesene Gouverneur von Sevilla Iirnenes ist wegen der Veröffentlichung eines gegen das Direktorium gerichteten Artikels verbannt worden. Scheinlin« Bestattung. Aus Jaffa wird uns berichtet: Am 14. d. fand in Tel-' Awrw das Begräbnis des vor einem Monat in Chicago auf tragische Weise ums Loben gekommenen palästinensisch -zionistisch^ Führers Dr. Scheinkin statt. Dr. Cchemk'.«, der im Jm-eresse des Aufbaues Palästinas in Amerika weckte, war Las? Opfer eines S t r a ß e n b ah n n n f a! l e s geworden. Seine Leiche wurde auf Kosten der amerikanischen Zionisten nach'Palästina übertührt. An der Bestattung im Dck-Awiw nahmen etwa 60M Personen, teil. Die Zöglinge sämtlicher Schulen schritten hinter hm. Sarge. Am offnen Grabe hielten Nachmfe die Rabbiner Aaron s0h n und Usi el, der Bürgermeister von Tel-Awiw, Herr Diesengoff. und Herr Dr. Rosenbaum, der frühere Minister für jüdiische Angelegenheiten in Litauen. MMn« ßvrovmeisk. Eine Biertclmillion Pfund für Bodenkauf in Ettz Israel. - Wie uns das JMsabemer HaupLuroau des Nationalsonds mitt-eilt. haben die von Herrn Nssischkrn vor kurzem besuchten Länder Polen. Deutschland. Ostgalizien, Eugland, die. Tschecho-Slo-wakei, Rumänien, Litauen, Lettland, Deßaraibieu, Wcstgailizien, Oesterreich, Gviechenland, Frankreich unld Bulgarien die Berp'lich'iung übernommen, im Jahre 5685 insgesamt 222.750 Pfund für BodenLanf austzubrimgen. - Herr Uffischkin. der Vorsitzende des NationalfoivdÄnvHtoriwms. drückte gegenüber Pressevertvetevn dve HoffMNg aus, daß die übrigen Lander den für den Ankauf von 100.000 Dnncnn «och fchlendrn Betrag komplettieren würden. Die Vereinigten Staaten werden 600.060 Dollar. Kanada 20.000 Pfund und Südafrika 10.000 Pfund M'bvmgen. Architekt Bernhard Sorowitz tödlich verunalM. Ci« Schüler Hafenaners. Wie uns ans New-Aork gemeldet wivd, ist in BwvNyn Architekt Bernhard Hör0Witz während fect Besichtigung eines Baues tödlich verunglückt. Er stürzt aus 60 Meier Höhe ab und blieb tot liegen. Horowitz, der aus Hamburg stammte, war mehrere Jahre Hörer der Wiener Akademie der bildenden Künste und Schüler von Karl Hasenauer. Er erhielt auch ein, groß: s Reisestilperdinm behufs Studiums der architektonischen Denkmäler Jtabiens. Ueber diese seine Äudienreise erschien auch eine größere Arbeit. Bon Wien ging Horowitz nach Amerika, wo er sich bald als Erbauer. einer großen Zahl von Synagogen und öffentlichen Instituten einen Ibedeattenden Namen erwarb. Eine fo'mer letzten Schöpfungen ist das Mormmentalgebände des von Siephan S. Wise gegründeten Seminars in New-Aork und der große, in Vollendung «bögriffene Tempel in Brooklyn, bei dessen Besichtigung er den Tod fand. Horowitz wurde 67 Jahre alt und hinterläßt eine Witwe und drei Kinder. Leuchtgarvergiftung eines Bronivaares. : . Gestern gegen 8 llhr früh wurden in der Wohnung Landstraßer Hauptstraße 104 der 23jährige Konzertlsänger Alois Schwabe und'die 21jähvige Private Le-opoldime Sonnte i t-'h ner, em Brautpaar, mr leuchtgas-echülltem Zimmer leblos <m!gefunden. Der' Trv der beiden jungen Leute wurde nach pofiZeilichen Erhebungen durch Unfall herbeigeführt, da die Sonnleithner, die am Abend zuvor einen Tee kochte, .mit dem Gaskocher nicht nmAUgkhen verstand. Erst als gestern früh die Mzitjer des Mädchens ihre woggöblievene Tochter suchen kam, entdeckte man'den Tcd des Brautpaares. Sie Wiener AeaieMe. ^Gräfin Mariza" mit Klavierbegleitung, -.stein Wechstlgastfpiel Erlbühne-Bolksoper. Das Wiener Theaierproblem wird nmner kompliziertor. Die Lage spitzt sich von Tag zu Tag mehr zu. Wo die Unternehmungen wegen materieller»Schwierigkeiten noch nicht wanken, duct Hc-Mnen Lohnstrertigkeiten den Betrieb. Gestern m itwgs wuche die Direktion des T h e a t e r s <r n der W i e n von der M u s i k e r 0 r g a n l s a 1 i 0 n verständigt, daß das, Orchester in Streik trete. Am gestrigen Lage fanden huch keine Verhandlungen mehr statt. Die Abendvorstellung wiHe bei Aavierbegtermng abgchaiten, was, wie uns mitgeteilt wird, von dem gut besuchten Hause in freundlicher Stirnnmng ausgenommen wurde. Im Johann-Strauß-Theater fand die gestrige Premiere mit vollem Orchester statt. In der B 0 l k s 0 p e r ist inisoferne wieder eine Situativnsändevnng eingetreten, alsdas Wechselga st spiel E x l - B ü h n e - B 0 l k s 0 P e r, zu dem sich bte Direktion, der Exl-Bühne im Interesse der Angestellten der Bolksoper bereit erklärt hat und welches am Samstag de» 20. und Sonntag den 21. d. hätte stattfinden sollen, wieder abgesagt tvuvde. Nachdem Donnerstag spät abends die Vereinbarung festgelsgt worden war. kam gestern Mittags, wie die Direktion der Exl- Bühne erklärt, 'die Mitteilung, daß das Volkopernensemble Ms Solidarität mit den Musikern sich weigert, im Komödierrhaus Operettenäufsührungen bei Klavier durchMühren. Der Spialplan der Exl-Bühne im Wiener Komödienhaus bleibt daher ohne irgend welche Veränderungen aufrecht. Abends wird uns mitgeteilt, daß am Sonntag in . der Volksoper wieder gespielt wird. Es wird „Die Fledermau s" gegeben werden. Ser Mörder und sei« Matter. Daö Todesurteil gegen Haarman« und Grans. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitunq") Hannover, 19. Dezember. Heutiherrschte ein ungeheurer Andrang zum ZuschauerraMri Die Kontrolle war jedoch äußerst verschärft. Be-i der Staatsanwaltschaft war eine amtliche Mitteiliung Ms einer entfernten StM eingelansen, daß von dort ein wegen seines exaltierten Wesens bekannt»^ Mann nach Hannover gefahren sei,. um Haarmann sofort nach seiner Verurteilung zu erschießen, um so eine eventuelle Begnadigung zu verhindern. Alle Personen, die den Zuschauerraum beraten, wurden auf das genaueste nach Waffen untersucht. Außerdem waren ein besonders starkes Aufgebot von Schutzpolizisten unter die Zuschauer verteilt. Haannaun hatte heute, als er das letztewckl zum Gericht geführt wurde, einen seiner Wünsche erfüllt gesehen. Ei« Kknooperateur hat diesen Transport ausgenommen, und als Haarmann ihn kuobeln sah, rief er m seiner krankhaften Eitelkeit aus: „Also komme ich doch ins Kino!" . Schon kurz nach 10 Uhr war der Gerichtshof im Venhaudlurvgssaccl erschienen. Der Vorsitzende gibt dem Angeklagten Grans bekannt, daß er im Falle HMnaPel nicht nur wegen Anstv'tung zum Morde, sondern auch wegen Beihilfe bestraft, werden kann und bcftagt den AngeklaEgten» ob er sich hierzu äußern wolle. Angeklagter und Verteidiger verzichten auf das Wort. Das Gericht zieht sich noch einmal zurück, tritt aber schon nach kurzer Pause wieder m den Saal, um das Urieil zu verkünden. In demselben Moment, kommen aus einer Seitentür zwölf Schutzpolizeibeamte, die sich Mischen Gerichtshof und Zuschauerraum ausstellen, und zwar so, daß sie das Gesicht dem Zuschauerraum zukehren und alle Personen im Auge behalten. Unter lMtlofer Stille verkündet der Vorsitzende sodann das Urteil. Haar mann und Grans nehmen stehend, ohne irgend welches Zoichen der Erregung, das Urtall und die Begründung entg,egen. Haarmann wurde wegen Mordes in 24 Fallen vier«»dzwanzigmal zum Tode verurteilt m drei Fällen wurde Haarmann vom Verbrechen des Mordes freigesprochen. ' Grans wurde WMN Anstiftung zum Morde in einem Fall zum Tode und wegen Beihilfe in anderen Fällen zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Beiden Angeklagten werden die bürgerlichen Ehrenrechte dauernd a-bgesprochen. Nachdem der Vorsitzende geetidet hat, erhebt sich Haarmann, um die Erklärung cvbzu geben, daß er das Art.eil voll und ganz ann-ehme. Der Oberstaatsanwalt und der Verteidiger sowie der Vorsitzende versuchen, Haarmann zur Abgabe eimr anderen Erklärung zu veranlassen. Haarmann erklärt jedoch: „Ich habe mir das schon lange überlegt, ich nehme das Urteil an!" Defe Erklärung wurde daranshitz in das Protokoll Mfgenommen. In der ausführlichen Urteilsbegründung heißt es: Das Gericht ist in Uebereinstimmung mit den Sachverständigen, zur Überzeugung gekommen, daß Haarmaun nicht geistig krank und auch nicht Epileptiker ist, daß er sich bei seinen Taten auch nicht im Zustande d.-r Bewußtlosigkeit befand. Ebenso ist krankhafter Zustand der Zuvechnungsfähigkeit ausgeschlossen. Das Gericht steht auf dem Standpunkt, daß die -Taren mit Borsatz und Ueberlegnng ausgesührt ivuvden. Haarmann ist ein Mensch, der sich schonte, ehrliche Arbeit zu leisten. Er hat gobettelt, gestohlen, Sprtzeldispste geleistet und dabei doch durchMs überlegt gehandelt, um sich das.Vertrauen der Beamten zu erringen. Daß Haarmann in gefchl-echtlrchtzm Rausch gchand-E Lat, wie er angibt, hält das Gericht für ausgeschlossen: denn dann wären! die Taten nicht, so vorbereitet gewesen. In den einzelnen Fällen! mögm wo-hl sexuelle Gründe maßgebend gewesen sein,! aber in anderen hat das G.'richt die lloberzeuMug gewonnen,! daß auch Gewinnsucht die Tri-obsodet gewesen ist. Daß Haarmann mit Uebei?legung gehandelt hat, geht auch! daraus hervor, daß er sich während der Taten mit seinem? Körper auf d ie. Opfer legte, um diese wehrlos zu! machen. Die Tat konnte ja nur ausgeführt werden, wenn das! Opfer in einer bestimmten Lage war und Haarmann seinen' Mund in einer absolut bestimmten Art an den Kehlkopf des Opfers brachte. Das Gericht hat der Auffasiung HaavmaMs nicht; Folge geleistet, diesen oder jenen Mord auf sein Konto zu!, fchreibrn. Nur weil das Gericht zur UeberK.'ugung ge>langtZvar,v daß Haarmann tatsächlich der Tater ist. hat cs die Schuldsrage! bejaht. Vielleicht ist er es auch i-n 'wei Fällen, Hennies und! Wolfs, in d.men er freigesprochen worden ist: Aber hi-er^ reichen die Beweise für eine Verurteilung nicht ans. Der Vor-! sitzende erörtert dann von Fall zu Fall, Ms welche Moment^ sich die Verurteilung des Angeklagten stützt. Ein Geheimbericht aus dem ungarischen Staatsarchiv. Der „Poster Ar-hd" hat im ungarischen Staatsarchiv : einen „streng oeheimen" Bericht des seinerzeitigen oster-! reich'.'ch-mn^arischen Botschafters Grafen Wolken st ein? aus Petersburg an den Grafen Kalnoky als Minister! des Aeußern entdeckt! Der Bericht, den wahrschemlich der! Herr Botschafter und der Herr Minister sehr ernst nah-? men, zeigt, wozu die Botschafter. Zeit fanden und was sie! zu -melden für gut befanden. Der Zarewitsch, um den es - sich handelt, war der nachmalige Zar Nikolaus der Zweite» St. Petersburg, 12. April — 31. März 1887. - Hcchgeborener Graf! " Bor einigen Wochen wurde mir eine Geschichte erzählte (deren Hauptperson der Großfürst-Thro'nfolger ist) und die mir so absonderlich erschien, daß ich es süvf anaeze'gt hielt, weiter- Erkundigungen einzuziehen, ehe ich' dieselbe znm Gegenstand einer Berichterstattung machte, - Der Inhalt der Geschichte ist folgender: * \ Der Erzieher des Groß fürsten -Throne folg er s soll, nach Rücksprache mit ärztlichen Autorr-i täten, die dem kaiserlichen Hose nahestehen, den kaiserlichen! Eltern nahegelegt haben, zu erwägen, ob es nicht im! phhsischenIn t e resse des Zarewitsch gelegen wäre, i letzterem eine M a i t r e s^s e zu geben. Die kaiserlichen? Eltern hatten sodann, nach Erwägung der in Be-? tracht kommenden Fragen, dem Erzieher des! Thronfolgers General D a n i l 0 w i t s ch recht gegeben! und ihm die Einleitung der erforderlichen- M a ß n a h m e n übertragen. Es wäre nun eine junge Dame, die der Klaffe der, Eleven f ü r da s B a.ll e 11 angehort, auserwählt worden.! Ihre Majestät die Kaiserin hatte sodann gelegentlich! einer Theatervorstellung die junge Dame gesehen und hatte! hierauf nicht gezögert, ihre Zustimmung zu geben.' daß sie die Mai treffe des Zarewitschs werde. General Danilowitsch sei dann an d'esen Letzteren? herangetreten, in dem kaiserlichen Lustschloß Aellagine "auf den St. Petersburger Inseln) das Soup er mit der, jungen Dame einzunebmen. Nachdem das Souper vorüber war und der Zarewitsch mit seiner zukünft'gen Geliebten: genügende Beka.nntschaft gemacht batte, sei General Danilowitsch verschwunden und hätte das jugendliche Paar bis zum nächste» Morgen allein. gelaffen. ■ , Seither besteht ein festes Verhältnis zwischen dem Grcßfürsten-Tlironfo^ger> und seiner jungen Freundin — welch letztere einen Monatsgehalt von 1000 Rubel beziehen soll. Ihre Mutter hätte eine Abfertigung von? 60.000 Rubel erhalten. Wie oben bemerkt, schien mir die Geschichte so sonder-- bar, konnte ich mich insbesondere so wenig mit der etwas zynischen Rolle befreunden, die man gegebenenfallsdie Kaiserin spielen ließ, daß ich.mich anfangs ganz^ ungläubig verhielt. Es wurden mir aber seither die hier in Frage kommenden Taten mehrfach und mit solcher Bestimmtheit bestätigt, daß ich mich entschl'cß, die Einzelheiten dieser Episode einzuberichten. - Was nun die Motive betrifft, welche diesfalls für die Entschließungen des kaiserlichen Elternpaares entscheidend gewesen sein mögen, wurde mir bemerkt, daß der ältere Bruder des Kaisers Alexander des Dritten infolge von wide rnatür lichen geschlechtlichen A u s s ch w e i f u n gen dem Siechtum versallen sei. Möglich ist es daher immerhin, daß die hier in Rede stehenden Maßregeln ergriffen worden sind, weil Anzeichen vorliegen, der Zarewitsch würde ähnliche Wege einschlagen, falls nicht rechtzeitig Sorge getragen würde, daß sein jugendliches Verlangen in di-e natürlichen Pfade einlenke.