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Wiener Morgenzeitung · 1924-12-18 · Heft 2094 (18.12.1924) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2094 (18.12.1924)
Date
1924-12-18
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Donnerstag Wiener v-roraenKeiruntz. Ssksvirt. Julius» Wolksohn erzielte vor ehiiqeu Tagen in.Prag 6el fernem Klavierabond großen Ctffoifl nicht nur als Pmmst, fordern als Komponist. Sein«« in Wien bereits populären Paraphrasen über jüdische. Volksweisen, die in Prag zum ersten Me von Professor Wolffohn geispiel-t wurden, sind vorn Publ-ikum bchlbelt und von der gesamten Presse g-würdigt worden. Gerichtssaal. Ein verurteilter Richter. Bor dein GrazerSchöffengockicht hatte sich in einer zweitägigen Vev-andlung der Bezirks richter Georg Cure wegen Derbrechens des Mißbrauches der Amtsgewalt M verantworten. Er war als Bezirlsrichter m Güssimg tätig gewesen, wo er sich dem TmmLe ergaben hatte und Schulden im Betrage von 20 Millionen bei Privatpersonen und von 38 Millionen gegen Gchaltsvovmerknng bei verschiedenen Kved-itrnstitutm gemacht hatte. Er hatte im Börse nlsptel größere Summen verloren. Bei seiner DieNstleistunig in Grissmig! hatte er eine Betvugsuntensuchrmg gegen Johann Kudovemig! Mren, dem er erklärte, er müsse ihn vcrhast-en lassen, falls er chm nicht 30 bis 40 Millionen als HaisÄcmtnm erlege, trotzdem die Staatsanwaltschaft keinerlei Haftbefehl erlassen hatte. Kudovernig konnte nur 10 Millionen ausbr tagen, mit denen Cmc sich schließlich zufrieden gab. Das GsD hatte Cuic für sich behalten. Cuic fälschte auch ein auf 10.000 K. lautendes Einlagelbuch der Gramer GemeindefpaiÄasie dadurch, daß er eine weitere Einlage von 221,4 Millionen eintruig. Der Angeklagte suchte sein Handeln ans seinen, geschwächten Geisteszustand zuruchzuDhren. In dein ärztlichen Gutachten wurde allerdings von einer chronischen Alkoholvergiftung gesprochen, jedoch eine Geisteskrankheit in Abrede gestellt. Cuic wurde im Sinne der AMage m acht Monaten schweren Kerkers verurteilt. Der Vemrteüte meldete die NichtigkeitZbeschwerdc an. „Delikatessekase" aus Schweinefutter. Bor einem Schösifen-; senat unter fcmt Vorsitz des Hafrates Dr. Czerny hatten sich i der MchkonjservenerMrrger Franz Magy'a rossy, der Dreher! Franz Schwä-gerle, der Obsthändler ArWvst Müller^ der Agent Maximilian Blitz, der Köseerzenger Werizel iChoutka, der Pensionist JchAf Ditrich und der FirmeniVertreter Mrcd Kojcherak wegm Löbensmitteffälischungen zu verantworten. Die Fälschunigen reichen bis in das Jahr ' 1919 zurück. Nach einem Berichte des Wiener Marlktamtes lieferten Dtagyarosfi und Schwägerle schon während des Krieges ' große Mengen verM-chten Käses an die österreichische Front : und erwarben sich dadurch ein 'bedeutendes Vermögen. Die Not der Kriegs-'und der Nach-kriagsgert erleichterte den Absatz ge- . fAschter Leibensmittel. Die Käufer ahnten nicht, daß der ihnen gellrcherte Käse aus Men Käserinden, verdorbenem Weichkäse, der infolge der dielen Maden eine lebende Masse bildete, a u s Schwer nefutter und jauchigen Quargeln sich zusammenisetzte. In den Jahren 1919 und 1920 häuisten sich die Anzeigen. Das Marktamt griff ein. Aus Korrespondenzen ergab sich, daß Magharossh große Mengen Schweinefutter bezog und dieses zu Käse, verdorbene Heringe zu Sardellen und Rollmöpsen verarbeitete. Durch den Agenten Josef Ditrich wurde die Ware Äs „Delikatesse-Bierläije" Imperial-Käse", Roqusforte, Gmwonzpta, Mariazeller Käse, .Liptauer, feinst garniert", in den Handel gebracht. Ter von ihnen angerichtete Schaden geht in die hunderte Millionen. Der Senat hot den Magyarossh zu zweieinhalb '.Jahre n, den Schwägerle M fünfzehn Monaten und 'iben Koscherst zu achtzehn Monaten schweren Kevkers, 'Von Müller zu einem Monat strengen Arrests, den ChauM zu zwei Monaten Arrest veMrteÄt, Blitz und ■ Ditrich von der Anklage fre igespröchen. Gegen' Marie Preitzl und Joses Bauer mußte, da sie kurvondiert werden, das BersÄhren cmsgeschieden werden. ' LesterreiÄs EavierMg in englischem Lichte. Präsident Dr. Reisch Über seine Londoner Eindrücke. Ter Präsident der Oesterreichischen Nationalbank, Dr. Neisch, der soeben von London zurückgekehrt ist, gab gestern gegenüber einem Vertreter der Politischen. Korrespondenz über seine Londoner Besprechungen unter anderem folgende Erklärungen ab: Ich wurde in London sehr liebenswürdig ausgenommen und konnte mich neuerlich davon überzeugen, woran ja ernstlich niemals gezweiselt werden konnte, daß der Gouverneur 'der Bank von England und die in London lebenden Mitglieder des Komitees des Völkerbundes die wirtschaftliche Entwicklung Oesterreichs nach wie vor mit lebhaftem Interesse verfolgen und die besten Wünsche für einen raschen Fortschritt unseres Wiederaufbaues hegen. Allerdings scheinen die in Lotwon zur Verfügung stehenden Informationen über Oesterreich durchaus nicht immer die guve rlässigsten und unparteiischesten zu sein, so daß sich manche mißverständliche Auffassung über die Vorgänge bei uns verbreitet und recht tief e i ng e w u r z e l t hat. Während nun wir Oesterreicher glauben, durch die Konsolidierung unserer politischen Verhältnisse, Stabilisierung des Kurses unseres Geldes und Equtlibrierung unseres Budgets scho'n sehr viel geleistet zu haben, betont man in England hauptsächlich jene Momente, die das Saniorungswerk als noch nicht vollendet erscheinen lassen. Man hat dort >das Gefühl, daß das Sanierungswerk in Oesterreich zu langsam fortschreitet, und macht hiefür tatsächliche oder vermeintliche Fehler unserer WirtschastSsaktoren verantwortlich. Hisbei wird namentlich die vorjährige Börsenspekulation und die heurige Frankenspekulation überaus strenge und ohne billige Würdigung der aus der Inflationszeit entspringenden besonderen Verhältnisse wirtschaftlicher und psychologischer Natur beurteilt. Ferner wird der steigenden Teuemng größte Aufmerksamkeit — namentlich m ihren Rückwirkungen aus das Staatsbudget und die Arbeitslöhne — zugewendet; und hier macht sich nun ganz speziell der Ein- MM LMM G. m. b. H, HL Heumarkt 9 Telephon 18-79 * HJTT e i I z a h 1 ungen XU. JOX.JV xv£u iJVt. L\JO% ..... .... ....... üiumungsverltauf von Hutstoffen Bändern K 30.000 aufw. K 1.500 aufw. in der Bauernmarkt-Filiale H. Ellenbogen, 1. Freisingergasse 1 flnß der in England derzeit herrschenden Theorie fühlbar, daß die Preise eines Landes in erster Linie von der Menge der Zirkulationsmittel mit Einschluß der Giroverbindlichkeiten abhängen, und daher von der Notenbank wirksam beeinflußt werden können. Nach meiner Auffassung allerdings kann die Preissteigerung durch die technischen Mittel der Notenbank. Politik allein keinesfalls in entscheidender Weise bekämpft tverdeu. Es ist daher auch in Aussicht genommen, daß ich in einigen Monaten neuerlich über die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Oesterreich persönlich berichten werde, zumal ja bis dahin auch die eine oder die andere Anleihev er Handlung, die in England ganz vorwiegend vom Gesichtspunkte ihrer Einwirkung aus unsere Gesamtwirtschaft erwogen wird, s p r u ch reif geworden sein dürste. Heber konkrete Fragen der Bankpolitik, speziell über die Frage der Zinsfußhöhe und des Kostgeschästes, wurde naürlich nur imallge-neinen gesprochen, da ja unsere Unabhängigkeit rn dieser Richtung nicht an getastet werden soll und darf..Daß wir allerdings bei d^r Erlangt!ng weiterer Kredite in England in stärkstem Maße davon abhängig sind, daß man sich dortselbist von der Nichtigkeit oder wenigstens Gefahrlosigkeit unserer Bankpolitik überzeugen läßt, kann nicht in Abrede gestellt werden. Wir haben daher gewiß alle Ursache, auf die Denkungsweise der Engländer in diesen Fragen jede mit unseren besonderen Be-rhältnissen nur irgend vereinbare Rücksicht zu nehmen, doch kann ich schon jetzt konstatieren. daß die große Bedeutung fremder Kredite für unsere BoUswirtschaft anerkannt und kein grundsätzlicher Wider st and gegen hie Gewährung neuer Kredite aus englischer oder amerikanischer Onelte geleistet wird, falls hieraus nur keine ,ünflatiouist i s ch e n K o n s e q u e n z e n" zu bestirchten sind. Von -dieser Gefahr halte ich persönlich aber Österreich derzeit für weit entfernt und hoffe, dieser Ueberzeuguug auch in L o n don baldigst zum Druchbruch verhelfen zu können. M Bankenorganilation in 8rez ijfrcel (Bon unserem Jaffa er Korrespondenten.) In Erez Israel sind gegenwärtig v i e r große Banken tätig: die Anglo-Palestine Bank, die Otto- "ma Nische Bank, die Banea di Roma und die Anglo-Egyptian Bank. Die Anglo-Palestine Bank gewahrt allen reellen jüdischen Unternehmungen Kredite,' finanziert den Verband jüdischer Pflanzer und gibt ihnen insbesondere im Sommer Vorschüsse aus die Orangenernte. Auch die übrigen drei Banken machen mit den Inden gute Geschäfte und suchen durch besonderes Eutgegenkom- 140 zirn. breit *ltN.lAOiail«AS«ft- ****•-• Nt 7fi2£*. IW Copyriitht 1924 by , Nachdruck verdaten. Deutsche BerlagSanslalt, Stuttgart. SS. Fortjebung, Die Stadt au der Moldau. Roman. Von Auguste Hauschner. „Da hat nian nichts zu-rückgewiesen, Notembschreiben, Transkriptionen, Pfufchavbei-t und Potpourris. Ich , habe Gasienhauer für meine Frau gemacht, je einträglicher, je gemeiner. Manchmal bei langem Aufenthalt kriegte ich ein paar Stunden, ich habe auch für Naturalien zum Tanz aufgespielt in den Loyalen." - Peinigender noch aU -diese Erzählung war die tvrst- Lose SelbftverstäMichkeit, mit der sie v-orgetragen wu-rde. „Du willst doch nicht behaupten, daß du ganz aufgehört hast zu kondponieren." ,Leider nicht." Es war ein Mang in Leschners Stimme, die Jakob stutzig machte. ,Aag und Nacht sind mir die Töne nachgegangen. Ich habe mir Viertelstzunden äbgÄstohlen. Ich habe nicht anders können, ich habe Frau und Kind betrogen. Willst du sehen, was dabei Heraus-Zekommen ist?" - Er entnahm den Koisfevfalten eine Rolle, die er ent-, schnürte. „Nicht wahr?" sagte er in die Stille hinein, 'die sich um Jakobs Aeußernng legte und bemächtigte sich der Rollet .-wieder. Langsam wie in feierlicher Handlung zerriß er sie in lange Streifen und fegte sie in die offene Glut. „Zum Wursteinpacken find sie mir zu gut, sie verdienen ein ehrliches Begräbnis." °. - 1 . ■ Es war zu spät für Jakoib einzufchreiten. . , hast -mich ganz -mißverstanden. Es wären ne Ansätze zwischen Unämgereistenr. Du warft iunteremährt, übermüdet, du brauchst Zeit und Ruht. Leschner starrte in die auMhende-n Funken. - itönn-derschö „Du erinnerst dich vielleicht noch an dm Namen Korngrün, an den Russen, der gewissermaßen Trauzeuge war bei meiner Hochzeit mit der Freiheit." Seine Mundwinkel verzogen sich zu einer Fratze der Verachtung. ,/St glaubt immer noch an mich. Dir und er, ihr seid meine Gemeinde. Gedichte hat er nur neullch e'mgeschickt, von seinen Landsleuten. Er hat gemsint. ich fei der richtige, sie zu vertonen. Und ich habe mich wirklich dazu hergegeben." O, biß mich sehen", bat Mutti, da er Eduard in die Seitentasche greifen sah und fürchtete, es werde noch ein zweites Opfer fallen. Notenschriften steckten in de-m dünnen Bändchen. «Jakob ncchm sie heraus, las, hastig mit steigendem Interesse, summte zuweilen einige Tone vor sich hin, befingerte die. Lust, wie um sich den Aufbau deutll-icher zu nrachen. Als letztes Verse von Tolstoi. ,Kntfinnst du dich, Maria? — ein Häuschen morsch und Nein — die alten Linden schliefen — am Teich jahraus, jahrein." Edrta-rd Mlte sich aus seiner gebeugten Stellung aujfgerissen, an des Kameraden Herz gepreßt. Entzückend diese Lieder. Ich bewundere die ersten beiden, aber das letzte liebe, liebe ich." Me eine Fahne schw-LN'kte er das Heftchen, sang gedämpft ans Rücksicht auf den Keinen Schläfer. 7 „Und hinter diesem Garten — der jetzt veriv-Et, ver- Mrht — sang ein. kleines Bächlein — sein ewig gleiches Lied." . Erschütternd zu Beginn die sanfte Schwernm-t in B- , Moll, durch die bisweilen die D-Dur-Wückstligkeit der . .Jugendjahre blitzt. Und tote zum Schluß die Stimme aus- . setzt, als wäre sie von Trauer überwältigt. „In diesem Keinen Garten — da gingen wir zu Zwein" und die Bereitung chromafisch weiter träunst. bis sie wie in einem Sensor ineinander stießen. „Entsinnst du dich Maria — . -der ruhig -frohen Zeit?" Er glühte wie nach eigenem Schaffen. „Und wenn du nichts geschrieben hättest als diese Lieder.^. Eduard, du bist ein großer Ksinstler." Leschner stotterte: „Einen Moment lang habe ich es mir damals auch eiilgebil-det", warf die?lrn:e a>uf den Tisch, den Kops h'mein,' ithn schüttelte ein Krampf. „Mein lieber Freund", Jakob beugte sich zu dam Schluchzenden hernieder, „ich bin so glücklich und so stolz auf dich. Und jetzt darf ich auch nicht länger schweigou." Er dachte: ach, daß ich doch die rechten Worte . finden könnte, sagte dann gan; einfach: „Ich hohe mit Zahradil gesprochen.." Es war Jakvb's belastendftes Ertebins in dieser schitveren Stunde; beim Blitzlicht der Seligkeit, die über Eduards vergrämte Züge huschte, die Tiefe seines K-ummers anszmnessen. Das zitternde „natürlich will er von mir nichts wissen" zu vernehmen, ans dein die Heraiussovderung flehte: Straf' mich Lügen! Nasch, um die Soaunung nicht zu längen, sagte Jakob: „Im Gegenteil, er würde dich in 'Aussicht nehmen." Etwas zurücktretend, wie zum W.mnis ei^ics großeit Sprunges, „nur deine Bedingungen tvi er nicht erstellen können". „Meine Bedingungen „Deine Frau mit zu engagieren, wird ihm nicht möglich sein." E Das Freudenfener löschte aus. Ein grauer alter Mann sank in sich zrisammen. „Artch das vorbei." ■ Ein bettelndes „Mavum" schrie aus seiu-elv Augen und verschtvieg sich wie aus An-^st vor der Demütigung der Erklärung. Ungesagtes verbreitete den schvarzeu Schatten der Unerbittlichkeit. - Schuldbewußt, als führe er eine Waffe, die er vergiftet wußte, bediente Jafiib sich Pasqnittas Na-men in dem Kampf, den er um dte Unabhüngigkeit des Freundes focht. sFvrtseiznna sokgi.)

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