Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2084 (7.12.1924)
- Date
- 1924-12-07
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sekt« 12 Men. Sonntag Wiener Mornen-reitung. 7. Dezember 1924 Nr. 2084' Volkswirt. Klerikaler Wirtschastsantisemitismus und Wirtschafttunkenntnls. Der Wirtschaftsaniffemiksums bügirmt sich im der Letzten Zeit stärker fühlbar zu machen. Die Krise und ihre Folgen geben die Veranlassung hierzu. Es ist seit jeher sin bequemes Mittel der Wirtschaftsantistmitischen Ignoranz, bei Mangel der Erkenntnis der eigentlichen tieferen Ursachen die Inden verantwortlich zn machen. Wenn haienkreuzlevi'sche Demagogie, pochend ans die Unwissenheit der Massen, sich dieses Arguments bedient, fo kann dies nicht wundernehrnen. Wenn aber auch andere, auf ernste, würdige Behandlung Anspruch erhebende gebildete katholisch-klerikale Kreise sich solcher Mittel bedienen und ihnen der Wirtschaftsantisemitismus als wichtigstes Kriterium ihrer politischen Verachtungen herhÄlten muß, so ist dies scholl eine um so bedauernswertere Tatsache, namentlich dann, wenn diese wivtschaftsantisemitische Argumentation von Unkenntnis der Wirtschaftsverhältnisse und Tatsachen zeigt, wie ma-n sie in aebiGeten katholischen Krebsen nie erwartet hatte. 'In Wkn erscheint seit o'migen Fahren eine klerikale Wochenschrift für Kultur, Politik und Volkswirtschaft, ,Aas neue Reich", die allem Anschein nach in erster Reche berufen ist, die katholische Intelligenz Oesterreichs über, die wichtigsten Tagesprobleme in sachlicher und wücktzer Form M unterrichten. Sie steht der Leo-Gesellschaft nahe und zahlt eine Reihe katholischer Gelehrten zu Wen Mitarbeitern. In ebner der letzten Nummern dieser Zeitschrift erschien m ein von ihrem Herausgeber gefertigter Artikel, der die aktuellen politischen Probleme Oesterreichs behcmdeü und sich dabei in wirtschaftsantisemitischen Auslastungen ergcht, die man in einer für gebildete Leser geschriebenen 'Zeitschrift nicht erwartet hätte. Man Knute vielleicht noch diese Ausführungen ernst nehmen, wenn sie von einer gründlichen Beherrschung der Materie und von e ixrer gewissen Wirtschastskenntnis zeugen würden. Mas aber in diesen Artikeln Unverständnis der Materie geboten wird, zeigt, daß auch „Das neue Reich" in vereinzelten Artik-ckn «rf das Niveau des selig entschlafenen, auf den Antisemickismkts des völlig Ungebildeten awgepaßt gewesenen ^AoÜsstuvm" sinken kann. In diesem ArtÄol, der „Äreif- Kchter" auf die jetzigen unerquicklichen V-erhältmsse Oesterveichs werfen ftll, finden sich unter anderem folgende Sätze: ,Kmter dew liberalen Kapitalismus des letzten Jahrhunderts steht vor allem das Juden tu m Md Neuheidentu^ „Und statt jerre' Mächte, die sich, be-i Älen MSniahmen, immer wieder als praktische Gegengewichte gegen Dmck und Ammchmvg hejdnirsch-jüdischer.Wrtokratie erwiesen haben, Dynastien und Adelshäuser, zu stützen und um Buudesgetzosienschaft zu bitten, wurde gerade ihnen der Hauptkampf — bis zur Vernichtung — artzesaA, indes man die Roths chilvs uud Maut'hner wch Re.itzes und Stumm umd Rathenau gewähren ließ." Es wird von einer Mischen Majorität der Aerzte und Advokaten gespwchev, welche durch die katholische Intelligenz gebrochen werden soll. Der Radauantisemft O r e l wird als ,Mter'der genialsten Schüler Vogelfangs" bezeichnet, wo doch letzterer bekarmMch einer der vornehmsten geistigen Schöpfer des von der heutigen christkichsozurlen Partei rmÄenkveit entfernten.christlichen Sozialismus ist. Nur Juden.werden als die ,^iaar intelliigenten Führer der Sozialdemokraten" Lszeichnet und gefragt, wie es möglich sei, „daß sie für Christen Autoritäten sind." In diesem Ton geht es im Artikel ummtechrochen weirter, wobei die sonisttzen polemffch-PoWischen Ausführungen sich auf keinem höheren Niveau halten. Gegen Phrasen und demagogische, durch nichts begründete antisemitische Reden helfen Lerne Argumente. Es wäre auch verlorene Mühe, dort gegen falsche Behauptungen zu polemisieren, wo die primitivsten Glemente der Wirlschaftskenmtn-is fehlen. Wer keine Ahnung von der Wirtischaftsentwicklu-nig der letzten zwei Jahrhunderte, hat, wer die Auswirkungen der gewaltigen AusbiDung des Berkchrs, der Entstehung und Ausdehnung des JnduftriakiSmus, der Anpaffuuy des Kapitals an die muzeitliche Wirtschaftsentwicklung nicht studiert und auch nicht derstcht, der darf Über derartige Dinge nicht schreiben, wenn er sich nicht umsterMch blamieren will. Er scheint nicht einmal zu wisien, daß dieser ,/liberale" Kapitalismus, der in den echt christlichen Schopfem des Manchesterliberalismus seinen Kulminationspunkt erreicht hat, schon Jahrzehnte vor dem Kriege einem staatlichen Mrtschastsegoismus gewichen ist, der zum Beispiel in der HochschntzzoWewelgung Ausdruck fand,' die ebenfalls von dem urchviMchen, puritanischen Amerika seinen Ausgang genommenhat und. von den -anderen Staaten nachgea'hmt wurde, von' Staaten, in denen gerade die katholische Kirche nicht das letzte Wort zu sprechen hatte. Jüdische Borkrisgsrerche werden für die usuzeitl-iche Entwicklung des modernen Kapitalismus verantwortlich gemacht, doch die ungeheuren Reichtürner der Fürstenberg, Hohervldhe, Schwarzenberg, Thyssen und all.der änderen foauzösischen, bayrischen und österreichischen Reichen, die ungeheure Kapitalien ängesammelt, sie aber für alle dn- SB UMSONST // erhält Jeder Abonnent der „Wlene* ^nryenreitung" bei Vorauszahlung der Bezugsgebühr 1U ein ganzes Jahr in drei eleganten Halbleinenbänden För Versandspesen des ..Gmetz" sind ausser rier JahresbezugsgebOhr noch 26-OOü östorr. K. zu entrichten deren kapitalistischen Zwecke eher als in einer dem Wohle des christlichen Volles dienenden Art veuvendet haben — wahrscheinlich aus Unkenntnis —, verschwiegen. Vielleicht ist es in diesen Kreisen auch nicht bekannt, daß der Kapitalsbesitz, welchen der Urarier des katholischen, Ruhrrevoers, Stinnes, sine der ausgepvägtcften Typen des modernen Nachkriegskapitalismus ist? Und schlieMch ist der reichste Mvirn der Welt, der amerikanische AutomMlkouig Ford, der durch verschiedene Maivipulationen wAhrend des Krieges ft'men Reichtum alles eher denn vermindert hat/doch auch zu den Gesinnuugrigvnossen des Herausgebers der obevwähnten Zeitschrift zu zählen. Es ist zu tadeln „bet Raubbau und das fast schrankenlos« Ausbeutertum jener Spekulanten aus der Banken-, Börsen- und Industviewelt, die inrmer wie-der wie Wilde Haufen, weiteste Kreise dcs bodenständigen, di« Kultur der Heimat tragenden Mittolbesitzes enteignen u-nd beste Wert« ins Ausland entführen." Haben aber die katholischen Bauern Oesterreichs, die in den Kriegsjahren und nachher der städtischen Bevölkerung die Lebensmittel Vovenchielten, und die Tiroler erzkatholltschen Bauern, welche das Bich, das wichtigste Lebensmittel des Volkes, nach dem Ausland hiuausschmuggelten, nicht ebenso gehandelt? Wer .den Gang der Kriegs- und Nachkriegswiäschaft nur halbwegs versteht, wird weder-für die erste Erscheinung das Judentum verantwortlich machen noch für die zweite Er- .schoinung die Ursache m der EnMÄung des liberalen jüdischen Kapitalismus finden. .... Dabei darf nicht vergeffen werden, , daß der Verfasser des Artikels und seine Genoffen diejenigen waren, welche den Anstoß zu einer Reihe vom kriegswirtschaftlichen Maßnahmen gegeben haben, die sich in der Fotze schon deshalb als völlig vermehrt und direkt schädlich erwiesen haben, weil ihre Bevfaffer bar jeder wirtschaftlichen Kenntnis waren. f Es verlohnt sich wirklich nicht, alle die wirtschaftsantrsemitiischen Mätzchen des Herausgebers «der kachvbischen Zeitschrift für die Gebildeten ernst zu nehmen. Unbewußt scheint der Versaffer des Artikels neben den isdaDeMvkvatischen Leuchten auch auf sich h'mzuweisen, wenn er in seinem Artikel die b^sichnende Frage stellt: „Wanum werden sie mcht immer wieder von einem Hohngelächter der Intellektuellen van der Rampe getrieben? Wir sind wir!" Sie Soldbilanzm. Konfttenz beim Finanzminister. ^Bundes.,linifter für Finanzen Dr. Ahrer empfing di« Vertreter der Banken und der Industrie, um deren Anre-gunigen und Wunsche in der Frage der GoMAanM ent-' gegenzunehmen. In der fast dreistünd'igen Konferenz, der auch der Präsidmt der Nationcvlibank Dr. Reisch sowie die zuständigen Referenten des Bundesministeriums Pr Finanzen Levwohnten, zeigte es sich, daß unter den Interessenten volle Ädbereinstinnnung dahin herrscht, daß anläßlich der Neubewertung eine Besteuerung von Scheingewinnen in keinerlei Form stattfinden soll. Weiters ging die einmütige Auffassung dahin, daß die Neubewertung frei «nach kaufmänniischsn Grundsätzen und ohne eine bchördliche Ueibevpvü'sung erfolgen sollte, da ja die Beihürden einer solchen Aufgabe doch kaum gewachsen wären, und dadurch nur «ine stavk« Verzögerung hinsichtlich der Durchführung der Mtion eintveten würde. In einigen anderen Punkten, so nameMich Über die Frage der fakul.tativen oder obligatorische nMnführunig der GoL-bilanM sowie bezüglich des Zeitpunktes einer obligatorischen Einführung, dann in der Frage, aus welche Weise eine Sicherheit dafür erreicht werden Me, daß ■ die Gvldbilanzen auf die Steuerbemeffung des Jahres 1924 keinen Einfluß ausüben, sowie in welcher Weise Vorsorge dafür getroffen werden.solle, daß -die Steuereingänge in. den ersten Ichre» nach der Einfühvilnig der Goldbilanzen nicht aus einen unbefriedigenden Stand herabsinken, traten unter den ÄNweseMn Interessenten» Vertretern verschioden« Auffassungen zutage. . Die Besprechungen werben in den nächsten Tagen sortgssetzt werden Der zusammenbrulh der Budapefter Setreide- »andelr-A. «. Budapest, 6. Dezember. Infolge des 'Zusammenbruches der Allgemeinen Getreideyandels-A. G. ist die Budapester Warenbörse in eine schwere Krise geraten. ^Jeglicher Geschäftsverkehr ist lahmgelegt. Es' gibt kaum eine nennenswerte ungarische Mühle, die an der'Insolvenz nicht direkt oder indirekt beteiligt wäre. Die größten. Forderungen an die insolvente Gesellschaft hat die Biktoriamühle, die .Co n cor di a-, die Gisela' und die Budapesker Dampfmühle. Eine ganze Reihe Getreidehändler in der Provinz erleiden durch den Zusammenbruch einen Schaden von je 100 bis 150 Millionen Kronen. Gestern sind weitere acht Strafanzeigen gegen die zusammengebrochene Getreidehandels-A.. G. eingelanfen. Die angemeldete Schadenssumme beträgt hier zweieinhalb Milliarden Kronen. Die äußerst komplizierte Strafuntersuchung nimntt ihr-n Fortgang. Eine strafgerichtlichc Untersuchung. Die Strafangekegenheit der Budapester Allgemeinen Getreidehandels-A. G befindet sich einstweilen im Stadium der Untersuchung. Das Verfahren ist wegen Betruges, Berunrrenung und Doknmenlenfälschung im Zug, es wurden bereits zahlreiche Personen einvernommen, doch.ist es noch vollkomnien unklar, auf welche Personen die Strafuntersuchung ausgedehnt werden wird. Der Generaldirektor der zahlungsunfähigen' Gesellschaft, Samuel Molnar wurde gestern.auf der Qberstadthauptmannschasi Viole Stunden lang verhört. Molnar gab über sämtliche Transaktionen der Getreidehandels-A. G. Auskunft und gab an, daß diese Transaktionen mit einem Verlust von 25 Milliarden Kronen abgeschloffen hätten. Molnar lehnt die Verantwortung kür diese Geschäfte nicht von. sich ab, verteidigt sich jedoch mit dem Hinweis, an allen diesen mißlungenen Geschäften auch die Holdingus-Bank, die gegen ihn die Strafanzeige erstattet hat, sowie deren Direktor Johann Svab beteiligt gewesen sind. Die Holdingus habe monatelang anstandslos die Bons und Schecks der Getreidehandels-A. G. honoriert und entzog sich erst ihrer Zahlungsverpflichtung,-als die Getreidehandels'A. G in den letzten Tagen gänzlich insolvent wurde. Ilm die materielle Verantwortung von sich abzuwälzen, habe die Holdingus die Angelegenheit auf das strafrechtliche Gebiet gelenkt. > Molnar gab weiter an, daß ec zu ^uer größeren Transaktion die Ermächtigung der Holdingns-Bank eingeholt habe, daß er rm Besitz der Stampiglie der Holdingus war und daß er schließliH Bons und Schecks der Holdingus mit der Unterschrift Johann Svabs bekommen habe und. mit diesen Anweisungen unbeschränkt verfügen durfte. Die Getreidehandels-A. G. stand, der Aussage.Molnars zufolge, schon seit Monaten vor dem Konkurs. Molnar hoffte jedoch, Laß seine reichen Verwandten ihm zu Hilfe eilen, würden und stellte der Holdingus einen diesbezüglichen Antrag. Die Bank erstattete jedoch die Strafanzeige " gegen Molnar, worauf sich die reichen Verwandten Samuel Molnars von jeder Sanirrungsaktwn zurückzogen. Polnische Wirtschaftswoche. (Bo-n mrsevsm polnischen M.-S.-KorrefponbentiLn.) . Wve bereits berichtet wurde, 'haben die obevschlesischen Industriellen di« Kohlenpreis« neuerlich erhöht. Die Regieruing 'hat jedoch diese Erhöhung nicht akzeptiert mvd leitete mit diesen VevhanÄN'Naen e'vn. um eine Mögilichbeit zu ßmidvn, dies« den Export schäldi-genide Maßnabme rückgängig zu machen. Es besteht die Möalichkeit. daß -die Regievung ihren SlandpunK wird durchsetzen, können. Die diesbegüg-lichen VerhaM.u>nigen dauern an. Wie iedoch verlautet, sollen die Preist drei Prozent hevahgesttzt werden, Die Verhandlungen der Vereinigung der polnischen Städte und der amerikanischen Firma Ulen, u. Co. betreffend des Anslbaues einer Reihe polnischer Städte sind gwnistig albge-schlossen worden. Die Veriväae -müssen mi noch von den Mzelnsn Stadtverwaltungen bestätigt werden, wovauif die Avbeitem auitzenommen werden sollen. Die Arbeiten werde.» von einem Konsortium her obigen Firma finanziert. In erster Reihe sollen in LuMn, Radom und Czenstocha-u die Kanalisation, Wafferle-itWgen umd Schlächtereien eingesührt .werden. Die von ameriLonischer Seite erteilten Kredite hoben eine Laufzeit von -20 :Iahven Mid werden mit 8 Prozent jährlich verzinst. Die Dendentz der Börsen «war in der BerichtSwoche nicht einheitlich. Vovülbergehend könnt« sich eine Reihe Von Gffakten 'erholen, sie Mißten jedoch M Wochenverlause die erzielten Gewiiuue wieder ein. Die Börsen leidrn weiter unter dem ständigen Geldmangel. Es verlautet, daß die Zuckerraßftnevie Ähedornw die nächste sein wivd,^ die .ihr Vermögen aufwerten. wird. Jede Aktie scll auf i.0 Zloty umgerechnet rmd die Dividende für 1983 dir 1924 mit 0.25 Zloty festgesetzt werden. Für d'e jetzigen Verhältnisse ist das bereits eine nennenswerte Verzinsung, da die bis-- nun verteilten Dividenden, lächerliche.Betrage darstell!en. Trotz aller Verbote und Gesetze erreicht Hr private Zinsfuß neuerlich -die Höhe vm'7-Pv^tE'Mmatlich,- waS jeden lobhafterest'.Geschäftsgangs unwög'lich^ macht. Pou den Arbiträgewerten notierten gegmWr.Mtimp - Oktober: ZieleniewSki 10.49 (10.15), Galizische Montan 495 (4.W), Tepege 2.50 (2.60), Ched:v-W 5:40 (5.25), Ehyble 6:60 (6.65), Lsmberger Brau 9.45 (8.—), Hypothekeulbanik 0.59 (0.62), MaloPolÄibanr 0.88 (0.83), Warschauer Diskonto-