Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2083 (6.12.1924)
- Date
- 1924-12-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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©fett, SamLtay Wiener Mornenzeitung. 6. Deze-mber 1924 Seite $ 3Jtt. 2088 Tagesbericht. 6in ««berechtigter Angriff gegen Me „Wiener Morge»reit«ng". In der ZMschv'vft „Nvio PaLe'strne", dem Oygan der amevikwischen Zionisten, vevöfseMicht der Sekretär des aimerckamschen Palästinaaufbaiulfonds (Kehren Hajeffod), Herr Emanuel Reumann, «inen Artikel „Geistige Stagimkion", den er mit folgenden Worten einleitet: „Bor einigen unserer Zeitgenossen jenseits des Ozeans scheint es zu omom verechtrgt-en und beliMen Zeitvertreib geworden zu sein, den amerikauüschen Zionismus zu tritt« sieren unid zu Karikieren. Man kann Kaum mehr, ein zionistisches Blatt aufschlaaen — sei e§.' der Londoner „Jewish Chronicle", die „Wrener M o rge nzeitu n g" - rü>er der palästinensische „Heschiloach" --, ohne daß man auf einen Aufsatz, «inen De-üavt-iikel oder MnvNdöst auf eine Notiz stößt, worin die Beweouwg in Amerika nicht irgendwie herabgöfetzt würde. Wir bilden dauernd die ZielschMsfür die Pfeüe der Verächtlichmachung." . Es sei festgestellt, daß die Behauptung des, Herrn Neu mann, sow-oit sie die Movgenzc'itiu'itg '^trifft, durchaus g r u n d l o § ist. In der „Wiener Mlo-vgenzsrtu.ng" sind niemals derartige Notitzen oder Artikel evschienen. Wir müssen Herm Reumann ersuchen, feine Behauptung zu präzisieren und die Artikel und Notigen, lvielche den Ge- Mnstaavd feiner Beschwerden Hilden und aus denen sine ,-dauwnde BerächtlichmachU'Ng des amerikanischen Hwnisnms" abgeleitet werden könnte, näher zu bezeichnen. Mir weisen seine Beschuldigung, die nur auf falsche Jnfovma/ tion und nicht auf Lektüre unserer Zeitung znESgeführt werden kann, entschiedenst zurück, um so mehr als die Zionistische Korrespondenz rn Berlin den Artikel allen zionistischen Stellen und Mischen Blattern übermittelt hat. Bin Gedenktag. (300 Jahre Leopoldstadt.) Von Ludwig Balo. Nach der großen Vevsolgmvg im Jahve 1421, bei der fast die gange Wiener Judcrcheit den Märthrertod findet, siedeln sich wohl im Laufe der Jahve die Juden wieder in Wien an, ihre Gemeinde vermag aber zufolge der Jndenpolitik der Herrscher nicht mehr zur Bedeutung zu. gelangen. Die Juden werden von den Landesherren gleichsam wie Schwamme behandelt. Man läßt den Schwamm vollsau/gen, nm ihn daun auszupressen 'und wcgzuwerfen und im Jlotfalle wieder zu verwenden. Im 16. Jahrhundert allein werden die ’ Inden nicht weniger als sechsmal des Landes verwiesen. Auch das 17. Jahrhundert hebt unter bösen Auspizien an» denn 1614 werden sie auf die Anklage ihrer hohläugigen Neider hin, sie/hätten allen Handel und das Gewerbe an sich gerissen, wieder vertricben. Wir finden sie jedoch bald wieder in der Residenz, wo sie von dem nmgewÄhlten Kaiser Ferdinand den Zweiten besonders begünstigt werden. Dagegen haben sie unter den Umtrieben der Soldateska und des Pöbels, der durch , die judensem'dliche Bürgerschaft aufgewieigelt und Wohl auch oft gedungen wird, viel zu leiden, weshalb ernstlich der Plan erwogen wird, die, Juden zu ihrem eigenen Schutze in einer Vorstadt anzusisdeiln. Nach längeren Verhandlungen/ wird auf Anraten der Grasen von Colalto, Präsidenten des Hofkriegsrates, der „untere Wert", die jetzige Leopoldstadt» dazu ausersehen, und am 6. Dezember 1624 ««fließt denn auch das kaiserliche Dekret, womit die U-ebersiMung der Juden angeordnet wird. Die Juden der damaligen Zeit erblicken in der Errichtung der Judensbadt durchaus nichts Entwürdigendes, ist. doch auch die erste geschlossene jüdische Siedlung in Wien — .wie überall in der Diaspora — durch freiwilligen ZufammenWuß ohne strichen äußeren Zwang zustande gekmmnen. Die gemeinsamen Sitten und Gebräuche, Synagoge rmd Lehrhaus, Blut und Volkstum sowie die gemeinsame Gefahr führen die- Juden zusammen. ' Die Leopoldstadt ist damals noch sehr wenig bewohnt und hat den ausgesprochenen Charakter einer Vorstadt. Das-Flußbett der Donau, die si-r von der Stadt trennt, ist bsderitend breiter als heute und von keiner Brücke überspannt, so daß der Verkehr durch Kähne vermittelt wird. Es ergibt sich daher die Notwendigkeit, die Juden äuch hier vor Ueberfällen zu schützen, und so tragen sie zur Erhaltung der „Stadtguavdia" 4006 Gulden bei. Die Judenstadt am Untieren Wert umfaßt dis Gegend von > -der KarrMiterkirche bis zum „alten Tabor", von-dort bis zur Donau der Rosiau gegenüber und zurück bis zu den Karmeliterir. Die Häuser in diesem ausgedchnten.Bezirk, der zum großen Teile leere Gvünde umfaßt, müssen von. den Christen an die Juden verkauft werden, dio zunächst 14 Häuser erstehen. Da jodoch diese Nicht ansveichen, bleiben vorläufig noch mehrere Juden m der iimeven Stadt. Am 16. Juli 1625 werden aber auch diese durch kaiserlichen Befehl angewiesen, sich am U'wteren Wert anzusiedeln. Im Laufe der Jahve erstarkt allmählich die jüdische Gemeinde, Handel und Wandel blühen in ihren-Mauern, die Wische Lehre wird eifrig betrieben, ein großes Lehrhaus vermittelt die Kenntnis des jüdischen Gesetzes, und Wißbegierige strömen von nah und fern herbei, mn den Vorträgen der Lehrer zu lauschen. Unter ihnen wirkt der große. Rabbi Jomtow Lipmann Heller aus Prag, dessen.Kommentar „Tossefot Jomtow" heute noch ein Lotse auf dem Meer-e des Talmuds ist. Auch jüdische Acvzte finden wir am unteren Wert, die den Doktorhut in Padua holen, da die Pforten der deutschen Hochschulen den Mischen Jüngern nach wie vor verschlossen bleiben. Das Mick der ersten jüdischen Siedlung in der Leopoldstadt ist aber von nnr kurzer Dauer.- Nach 46 Jahren wird ihr der Garaus gemacht, indem den Inden wieder einmal der Wanderstaib in die Hand gedrückt-wird. Ihre große Synagoge in der Groß?n P-'or---,-s-'? wird in die heute'noch bestehende „Ich lasse mich mit Diana-Franzbranntwein massieren!* „Warum gerade mit Diana-Franzbranntwein?“ „Weil ich mich überzeugt habe, dass nur Massage mit DIANA Franzbranntwein mit Menthol solche Schmerzen lindert, welche von Ueberanstrengung und schwerer Arbeit herrühren. / .Ebendarum kaufe ich nur mMm und nichts anderes.* Ueberall erhältlich Diana - Franzbranntwein - ProduKriGH - öes. WIEN, II. PRAG, VIII. Engerthstraße 169 Lieben, Drahobeljova 1073 Pfarrkirche zu St. Leopold umgewandelt, und Kaiser Leopold der Erste — heißt es m einer vormärzlichen Schilderung — beglückte diese Jnselstadt mit seinem N-amen, daher dieselbe l'eit dam Jahre 1670 Leopoldstadt heißt. Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts siedeln sich wieder Juden in der LeopoldstM an. Ser Kampf bei Bfuleft. Jerusalem, 4. Dezember. <J. T. A.) Die Untersuchung über die Schießaffare -bei Aftllch am Freitag den 28. November wird fortgeführt. Es steht fest, daß nur ern Schuß abgegeben tvurde, doch konnte der Täler nicht festgestellt werden. Von den wenn im Zusammenhang mit dieser Affäre verhafteten Juden wurden am 30. November acht wieder ans freien Fuß gesetzt. Der umworbene Arnstein. Aus P r a g wird uns 'berichtet: Wie die Prager Presse erfährt, fanden vor kurzem wegen des Eintritts des ChefiMgeEnrs Arnstein, des Erbau^rZ des „Z. R. 3", in den Verband der Skoda-Werke unverbindliche Verhandlungen statt, die jedoch vorderhand zu keinem Ergebnis führten, da Arnstein durch seinen Vertrag für die Dauer eines Jahres in Amerika geib-nnden ist. ' Sie 3ahirsko«ferem des Amer»a«isch.MMe« Komitees. New-Aork, 2. Dezember. (I. T. A.) In der achtzehnten Jahresversammlung des Amerisanisch-jüdischen Komite>es teilte, wie schon kurz berichtet, der Vorsitzende der Vevsa-muÄAN'g, Herr Loui's Mar sh all mit, daß drei Mllianen Dollar für die P a l ä st i n a - I n v e st i e-' ru ngsges elI s chaf t gezeichnet sind, wovon bereits mehr als 450.000" Dollar das Joint Distribution: Committee beigestellt hat. Die geplante Gesellschaft soll iy Delaware ihren Sitz haben. Ihr Zweck ist unter anderem, industriellen Unternehmungen in Erez Israel Kredite zu angemessenen Zinsen zu gewähren. ' Sodawn beriet die Versammlung über die Lage der 8000 gestrandetsn jüdischen Mchtlinge. An >dem vom Kongreß angenomnienen Einwanderungsgesetz wurde strenge Kritik geübt. Das Ein'wanderungsgesietz befindet sich beim Präsidenten der Vereinigten Stagten> nachdem es durch beide Häuser des Kongresses gegangen war. Das Komitee hat dem Präsidenten Coo-lidge ein Memorandum überreicht, in welchem darauf aufmerksam gemacht wird, >dast dieses Gesetz Japan beleidigt und die Völker des südlichen und östlichen Europa 'herabfetzt. Das Konritee 'beauftragte das Präsidium, den Kongreß Aber die beklagenswerte Lage der Flüchtlinge zu infonnrieren und ihm vo.rzuschlagen, daß eine gesetzliche Regelung zugunsten dieser Flüchtlinge vorgenommen wird. Daraus wurde über die Lage der .Juden 'in Rußland berichtet, die unter größten Entbehrungen loben. Nur eine sehr geringe Anzahl von Juden, die Regierungs'posten bekleiden, und wenige Industriearbeiter haben eine normale Existenz, alle übrigen Juden sind 'dem Elend Pr e i sg e g eb e n. In dem Bericht des Komitees wird auch zur Frage des AntisemitiAmns in Europa Stellung ^genomme n. Dps Komitee hat daun eine Resolution angenommen, in der gegen die Annahme des Gesetzes über die Registrier n n g d e x Fre m den protestiert wird, da ein solches Gesetz ln das amerikanische Leben das ,/verlaßte russische oder preußische Sy-stc-m zur Geltung brm'en würde". Nach diesem Gesetz müßte sich jeder ^Fremde einmal im Jahre melden und eine Steuer von fünf, respektive drei Dollar zahlen, die für Verbessevungsarbeilen auf Ellis Island sowie zwm Schutz neuer Ankömmlinge verwendet werden sollen. staftiglloni und Lederer. Aktenfunde im Keller der Depositenbank. Die „Stunde" teilte gestern mit, eine Kommission der W i r 1 f ch aft s p o liz e i habe auf die Anzeige eines a>bgebauten Beamten der Dcposidentbank im Keller dieser Anstalt Nachschau gehalten und dort die seit September a bgängigen Akten in der Affäre Castiglioni kontra Lederer aufgsftrnden. Bon unterrichteter Seite wind hierzu mitgeteilt, daß zwei vom Untersuchungsrichter Dr. Jakob beauftragte Beamte der Wirtschaftspoltzei vorgestern in der Depositenbank nachfragten,, ob dort noch irgend welche Akten zur Spiritusangelegeicheit vorhanden wären. Es wurde ihnen geantwortet, daß in dem Keller sine U-nmenge alter Wen liegen und )aß sie amam besten selbst überprüfen könnten, ob sich irgend etwas für sie Interessantes darunter befindet. Die Herren uahmxn Akten an sich, die aber keinen Zusammenhang mit dem seinerzeit aus dem Bureau des Dr. Jakob verschwundenen Akienfajszi'kel stehen. Die Akten wurden nachmittags dom Landesgericht üibevm>ittelt. Eine Anzeige eines abge'bauten Neunten ist, wie uns bestrMnt erklärt wird, nicht erfolgt. Ae Bolksoperkrise. Die Musiker der DEsoper erklärten wegen nnbe» friedigender Gagenbezahlung ihren Austritt. Sie stellen sich nur Ehr von Borstellmvg zu Vovstelllmg gegen tägliche Bezcchluwg zur Verfügung. An Direktor Sticdry soll der Vorschlag ergangen sein, er möge die Direktion zurücklegen. Stiedry erklärte, daß er im Interesse des Hauses und auf Grund fernes Vertrages das Angebot nicht annohmen könne. Zar Femsalemrr Institut für Wische Wiffenschafte«. Eröffnung in den Ehanukkah-Tagen. Wie man -uns aus Jerusalem berichtet, werden dort große Vorbereitungen getroffen, um zu Ehanuktäh das In-" stitut für jüdische Wissenschaften, die erste der hrl-manistischen Fakultäten der. auf dam Skopnsberza errichtenden hebräischen Universität, zu eröffnen. Gemäß dem provisorischen Plan wird das Institut iotgenide Abteilungen umfasien: Hebräisch-aramäische Philologie^ arabische Kultur und Zivilisation, Talmud, archäologisches Stuibmm Evez Israels, jüdische Geschichte, hebräische Literatur, Soziologie, jüdische Philosophie. Für jede Mieilung wird ein Professor bestimmt. Im ersten Semester werden folgende Herren Vorlesungen halten: Professor M. L. Margolies. Professor G u t t m a n n und Dr. S. Klei n. Ilrt zruci wvrteren Pwfessoren werden VechaMungen gepflogen. Das Institut für jüdische Wissenschaft wird auch volkstümliche Kurse und besonders geschlossene Kurse eröffnen. Die Arbeit des Instituts wird von ForschrnsgKgvu.pperr ausaefiihrt. Von dem Professor jeder Abteilung wird eine Gruppe Wissenschaftler «ingeladen, welche Mitglieder der bei raffenden Abteilung werden und zusammen mit dein Professor und unter seiner Aufsicht individuell oder gruppenweise Origmalsorschimgsarbeit leisten. Einige werden dem Professor bei seinen Vorlesungen assistieren. Während des zweiten Semesters'werden auch Ch. N. B i a l i k und Dr. Leib Vorlesungen halten Sie Revwahle» in der Lemberger Kultus, gemeinde. .Lemberg, 4. Dezember. (I. T. A.) Die Zuständige Behörde hat die Wahlen in die Vertretung der jüdischen Gemeinde Lembergs für Anfang Jänner festgesetzt. Die Kullusgemeindewahlen in Lemberg sanden, wie im übrig'en Polen, ihr Juli dieses Jahres statt. Die Assimilanten, die früher die.herrschende Schicht in der Gemeindevertretung waren, aber diesmal k einen einzige n Vertreter dnrchbrmgen konnten, reichten Protest ein, so daß die Wahlen annulliert wurde». Amundseus RordyoiMue. Acht Stunden Flugzeit. Aus Kopenhagen wind uns gemeldet: A in u n d s e n hat beschlossen, mit dem FluGeug, das' den Nordpol überslieg-ra soll, von dem nöMichsten Punkt von Spitz b e r g e n au.s;ufliagen. Cs wird erwartet, daß die Strecke zum Nordpol in acht Stunden zurückgelegt loerdcn soll. Ob auf deur Nordpol eine Landung vorgenommcn wird, steht noch nicht fest, hängt vicknehr davon ab, welches Gellin'de dort anigetroffen wird. Sollte die Landung möÄich sein, so soll von emem FluGoug OÄ und Benzin auf das an-dere übernourmen werden und dieses dann nach Alaska weitersliegcn, das man in 24 Stunden zu erreichen>hofjt. Die Lynchjustiz in Amerika. Ein Gesetzentwurf im Kongreß. Aus New -Vork wird uns geschrwben: DbwM auch im-der Vergangenheit hie nmd da Versuche gemacht worden sind, da s LY nch c n ab zus ch affe«, so -ist doch die erste org,amsie>rte, shstemat>ische und re-gelrechr fMa-nzivote Besiccbnug k dieser Richtung erst k\ den letzten acht Jalhren zusta.nde gebammen, »md zivar duirch die Nationale Vereiu>i!gu.ug zur Fördevuug der F-aUbilgen stRational Association for che Zldvancement of Colored People). Es wird bähauptet, daß dein von dieser BerömigUWg geführten FAd-zug in der Har.pt«sache der starke Rückgang der Lynchjustiz in >den letzten fünf Jahren zu vcrdcmiken ist. Während die Durchschnittszahl der Lynchfälle in den dreißig Jahren von 1889 bis 1917 sich auf 107 belief, lauten die Zahlen nach siu-sm Bericht des F. P. S. für 1919 85, 1920 65, IM 64, 1922 61, 1923 28 und 1924 bis jetzt nur 9