Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2077 (30.11.1924)
- Date
- 1924-11-30
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette IS Men, Dminrag «vteitrr wtvrnenzrnnng. w. jccoenroer i\r& Serichtssaal. Las Urteil gegen Franziska Pruscha. fünfzehn Jahre schweren Kerkers. — Die Fragen auf gemeinen Mord und Rand bejaht. Gestern abends ging der unheimliche Prozeß zu Ende, der die ganze Oeffentlichkeit in Spannung hielt. Die Vruscha schrie ihre Unschuld bis zum letzten Moment hinaus, aber die Geschworenen nahmen den Indizienbeweis an. Das Geheimnis der Tai konnte nicht enträtselt werden. Die Verhandlung wurde gestern gegen 10 Uhr eröffnet. Der Vorsitzende gibt bekannt, daß den Geschwornen folgende Schuldfragen vorgelegt werden: Erste Frage auf meuchlerischen Raubmord. Zweite Eventualfrage (im Falle der Verneinung der ersten Frage) auf gemeinen Mord. Dritte Zusatzsrage auf Diebstahl des Geldes der Frau Eberl. Der Staatsanwalt sagt: Es ist der Staatsanwaltschaft vorgeworfen worden, daß der Fall konstruiert sei, daß der gesammelte Indizienbeweis in keinem Punkts zur Ueberführung der Angeklagten hinreicht. Das ist unrichtig. Zugeben muß ich. daß der ganze Fall grotesk ist. Ich gebe zu, daß die Tat im Widerspruch mit ihrem ganzen bisherigen Leben steht. Der Staatsanwalt Wender sich nun der Perlon des M ei che zu. Er müsse es hier unterstreichen, daß Meiche außerhalb der Möglichkeit stehe, der Täter zu sein. Er ist um dreiviertel 7 Uhr aus dem Hause weggegangen und ist um 4 Uhr früh wiedergekehrt, wobei er die schon vor Stunden gestorbene Frau angetroffen hat. Mriche tue dem Staatsanwalt persönlich leid, da er ja in dieser Sache viel erduldet habe. Ich habe den leisen Verdacht, daß Meiche n'svscrne im Schabten dieses Verbrechens steht, als er nachträglich in der Früh, als er zur Frau Pruscha kam, nwglicherweise von ihr reinen Wein eingeschenkt bekommen hat. Es ist auch möglich, daß er von ihr den Auftrag bekommen hot, irgendetwas an der Leiche zu machen. Wenn er es aber we'tz und nicht sagt, so beweist das doppelt, daß er ihr nicht schlecht gesinnt ist. Wenn jetzt Meiche aus Oesterreich weggeht — was ja wahrscheinlich ist, da ihm so übel milgespielt wurde — so kann mau sagen, daß er wohl weiter.kein großes Geheimnis .mir sich nimmt. Es lst begreiflich, daß er nur zaghaft hier antworten konnte, wenn seine privatesten Angelegenheiten preisgegeben wurden, wenn hier hervorgezerrt wurde, was ja nicht bestritten werden kann, daß er sich von den zwei alte» Weibern hat aushalten laste«. Aber abgesehen von welcher schmutzigen Rolle immer, die er gespielt hat, hat er doch den. Nndrnck gemacht, daß er die Wahrheit gesprochen hat. Niemand anderer als die Pruscha ist die Mörderin. Darauf ruf die Angeklagte laut zu den Geschworenen hinüber: „Ich brn's nicht! Ich hatte keinen Grund, ich bin es nicht, machen Sie mit mir, was Sie wollen!" Der Vorsitzende und der Verteidiger suchen auf die Angeklagte einzuwirken und mahnen sie zur Ruhe. Die Angeklagte wendet sich heftig zum Justizwachebeamten: „Ich kann nicht weiter, ich kann es nicht hören!" Daraufhin sagt der Vorsitzende: Da die Angeklagte ununterbrochen die Verhandlung stört, har der Gerichtshof beschlossen, die Angeklagte abfiihren zu lassen. Der Staatsanwalt setzt fort: Die Angeklagte hat eine große Dummheit begangen, indem sie den würgenden Docht an der Leiche beließ. Daß ein I u st i z m o r d hier geschehen könnte, ist ausgeschlossen, denn die Pruscha ist die Täterin! Es kann nur ein Justzmord hier geschehen: an der Gerechtigkeit der Wahrheit. Diese Wahrheit ist: Franziska Pruscha Hai die Eberle ermordet. Ich bitte um ihr Schuldig! Verteidiger Dr. Hugo Sperber beginnt seine Rede mit einer Schilderung des laugen Lebens der Angeklagten, die sich niemals das geringste zuschulden kommen ließ, immer ehrlich war und dabei als Bedienerin immer mit dem Reichtum in vornehmen Häusern in Berührung kam, wo sie nur die Hand hätte ausstrecken b'auchcn, um ganz andere Kostbarkeiten zu erwischen, als die Paar armicligen Groschen der Frau Eberl. Der Staatsanwalt hat Ihnen gesagt, es sei nicht einzusehen, warum nicht auch eine unbescholtene Greisin einen Raubmord begehen könne. Sonst, wenn es sich um jemanden handelt, der vorbestraft ist, stützt er sich anf die Vorstrafen. Dann sagt er: „Verurteilen Sie, denn die Vorstrafen sprechen ja für die Tat!" Halten Sie sich auf einer Seite die bisher unbescholtene Angeklagte vor Augen, auf der anderen Seite solche angenehme Zeitgenossen wie diese Meiches. Der Verteidiger verweist auf die Tatsache, daß der Student Meiche, der ein innerlich moralisch an gefault er M e n s ch sei, in einem Milieu von Nichtstuern verkehrte, in einem Milieu, in dem man einen Verbrecher suchen kann. Wer sagt uns, vaß der Meiche nicht irgendeinen seiner Kumpane in prahlerischer Weise erzählt hat, daß er von einer alten Frau ausgehallen und mit Geld versehen wird, daß sich-einer seiner Kumpane gesagt hat, dieses alte Weib muß Geld haben, die kann man ja besuchen, der Meiche geht auf den Ball, dann »st sie allein. Meine Herren Geschworenen, kann einer von Ihnen bei sich sagen, es ist ausgeschlossen, daß ein anderer als die Angella-üe die Tar begangen. hat? In seiner- Replik bemerkt der Staatsanwalt auch: Der Umstand, daß der Angeklagten zwei Verteidiger zur Seite stehen, laste darauf schließen, daß sich die Verteidigung schwach fühle. Er habe nur deshalb repliziert, damit der zweite Verteidiger Gelegenheit bekomme, ein Plaidoyer zu halten, wozu er sonst nach der Strafprozeßordnnng Nicht die Möglichkeit gehabt hätte.'Mährend dieser Ausführungen erhebt sich - der zweite Verteidiger Dr. N e u d a dem o n st r a t.i v und. e n Pf e r nTt 'ich Mit« dem >• Saale. Verteidiger Dr! Sperber: Das Kite Argument der Staatsanwaltschaft würde eher auf eine Schwäche der Anklag e-schließen lassen. Es war nur die Gü e meines verehrten Freundes und ehemaligen Chefs, Dr. Mar Reusa, mir zur Seite zu stehen. Nach dem R e s u m e des Vorsitzenden ziehen sich die Geschworenen zurück. Nach dreiviertelstündiger Beratung erschienen die Geschworenen unter lantloser Stille des Auditoriums im Verhandlungssaale und beantworteten die ihnen vorgelegre» Fragen wie folgt: Die Hauptfrage auf Meuchelmord mit 0 Ja und 6 Nein, die Eventualfrage auf gemcineu Mord mir 10 Ja und 2 Nein, die Frage des Diebstahls des Geldes der Eberl mit 11 I a und 1 N e i n. Nach Verlantbarung des Verdiktes wurde die Angeklagte in den Saal geführt. Der Vorsitzende gibt -hr den Wahrspruch der Geschworenen bekannt. Die Angeklagte »leibt anfangs ganz ruhig, sie hat das Verdikt nicht verstanden. Sie wendet sich verlegen an den neben ihr sitzenden Oberwachmrun um Aufklärung. Dieser sagt, sie möge sich nicht ansregen und nur ruhig bleiben. Als ihr der Verteidiger Dr. Sperber sagt, daß er gegen das Urteil Nichtigkeit und Berufung anmelden werde, scheint sie zu begreifen: „Ja, ick versteh' das gar nicht, ich weiß nicht, tch bin so unerfahren. Ah' deshalb schauen die Leute mich an/ Dr. Sperber bittet um Anwendung des außerordentlichen Milderungsrech res. Die Beratung des Gerichtshofes über?>te Strafe bauerte un gewöhnlich lange. Bei der formellen Einleitung der Urleilsverkündigung beginnt die Angeklagte zu zittern. Bei der Stelle, wo die Strafe von 15 Jahren schweren Kerkers erscheint, fängt sie an, dazwischen zu rufen' .,J ch h a b' n i ch t s g'macht, nichts, nichts. Ich Hab' sie nicht um gebracht." Als der Vorsitzende sagt, daß ihr Sie tlrrtersnchimgs* Haft in die Strafe eingerechnet wird, ruft sie aus: „I ch b rkomm' gar nichts. Ich sitz' nicht einen Tag" — Vors.: „Sind Sie ruhig, lasten Sir mich eussprechen." — An ge kl.: „Ich soll ruhig sein? «Zum Publikum): Bitte schauen Sie mich alle an. Ich bin unschuldig!" Trotz Ermahnung des Präsidenten setzt sie fort: ,Ich Hab' nichts g'macht. Ihr könnt's mich abführen und mir den Kopf obschneiden." Der Vorsitzende veranlaßt ihre Abführung. Man hört ihre Stimme vom Gang: „Der Kerl, ders qmacht hat, rennt draußen herum und ich muß sitzen. Das werde ich dem Polizeidirektor Schulz sagen." Der Verteidiger meldet die Nichtigkeitsbeschwel.de und Berufung an. Der Vorsitzende erklärt die Verhandlung kür geschlossen und dankt den Geschworenen für ihre Ausdauer. Bevor sich die Geschworenen-entfernen, drückt ein jeder von ihnen dem Staatsanwalt die Hand. sind Dr. HOFFBAUERS ENTFETTUNGSTABLETTEN von bester Wirkung, angenehmem Geschmack, vollständig un« schädlich. 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Es sind nicht mehr die großen Geldmengen vorhanden, die im Vorjahr noch ihren Weg in die Kassen der Kmifleute m der Form von großen EmtLuf-sn nahmen. Die Krise, welche zuerst an der Börse in Erscheinung trat, bat immer weitere Krei'e erfaßte rmd es scheint nunmehr, daß die gesamt« Wirtschaft in ihren Bereich gezogen ist. Trotz der offiziellen Beschönigungen steigt die Arbeitslosigkeit rn erschreckendem -Matze. Die besten .Konsirmentewschichten, die Bankbeamten und Arbeiter, sind jetzt zu Einschränkungen und EntbohMngm genötigt. Mit der Arbeitslosenunterstützung kann man keine gro'.en wVii/.ifc besorgen; und die a-ttd""« i, d'e r.n.r -iim.''-" <»."•? diese Unterstützung nicht angewiesen sind, fürchten, daß sie dasselbe Schicksal ereilen könnte. Die schönen Reden des Flnanzministers und des Mrrüsters des Aeußevn, di« betonen, daß man di« Wirtschaft jct. non unbedingt protegieren müsse, helfen da wenig. Wem die Re, gierenden vor an-derthalb Jahren solche Gedanken geäußert und sie nt Wirklichkeit umgesetzt hätten, wäre dies« Kris« vielleicht vermieden worden. Doch damals hat..feto Ministe, solche Worte gefunden. Da hieß es nicht: der Fiskus ist bei Wirtschaft wegen da, sondern damals galt als Axiom, daß die Wirtschaft des Fiskus wegen da sei. An dieser Stelle wurde mehr als einmal davor gewarnt, der Wirtschaft allzu viel zuzumuten und sich statt bv-n wirtschaftlichen, von parteipolitischen Md demagogischen Motive-n leiten zu lassen. Die unnabwendbaren, furchtbwm Folgen eines solchen Verhaltens-sind jetzt ein» getreten. Es geht nicht nur dem Kaufmann, schiecht. Die Steuereingänge sind geringer. Die Gefahr weiterer Zusammenbrüche dauern an, und wenn die Privatwirtschaft in einem Kr-:':nzu-stand dahinstcht, ist es. unmöglich, daß die Staatswirtschaft, die an und für sich als krankes Wirtschasiru'gan mit Vorsicht behaudvlt werden muß, dies ohne alle Konsequenzen übersieht. . ,s Das Haussephantom der Börse« Natürlich sind diese Fragen des Geldmangels mit ebenso grcßer Deutlichkeit an der Börsezu spuren. Gm Börseaner hat eimen ibezoichnoude-n Witz, gemacht: Der Reichtum der Börse sei mit dem bekannten Tausender zu vergleichen, der im Laufe der Woche -den Rundgang von einem Ende des Dorfes zum anderen, macht, um dann wieder -in der nächste,» Woche vom anderen End« zu seinem Ausganas-punkt zurückzukehren; davon lebtd'e ganze Kleinstadt. Man hat umbedim-gt den Eindruck, -daß es sich an der Börse nicht anders verhält. Die Kurse Halen-sich wohlgebessert. Di« Ursache dafür liegt in erster Reihe, wie wir schon vo-r drei Wochen an dieser Stelle betont fabelt,.rät dem Bestreben -der Banken, am Ende des Jahves mit einer hach Wegs anständigen Bilanz hemuszukommen, da bei den; niedrigen Kursen ihre Tres "s diel zu.stark umter-wertet wären und dies zweifellos die Beu-rteikuing der Bank--, inst'.'.ute ungünstig beeinflussen wurde; - ■? deshalb das Bestreben der Banken, unbchingt die Kurse heraufzusetzen. Dieser Bewegung wurde 'bezeichnenderweise der Titel, Bilanz Hausse" beigelegt; sie könnte aber nur daun durchgreifend sein, wenn sich nicht nur das Publikum, sondern die ganze Börse daran be'-eiligen würde. Daß diese Kreise dazu nicht imstande-sind, hat seinen Grund, darin, daß ihnen die -nötigen Geldmittel nicht zur Ber fügung stehen. Der größte Teil der BLrsenfirrnen ist verarmt und die Fälle, wo ein Bankkommistionar die Perlen seine- Frau als Unterlage für di« Beschaffung des Kostgeldes gibt, sind nicht so selten, well er nicht e-'mmail über -bte, nötigen Effekten zur Unterlage verfügt. Der Reichtum, dev die Besitzer einzelner größerer BanGrmenzu einem etwas^ schärferen Vorgehen veranlassen konnte, fehlt; daher di«^ Zurückhaltung dieser Kreise. Man macht nur Geschäfte, für die man kein Geld beanspruchen muß. Deswegen, steigen die meisten Papiere am Montag.und Dienstag, um aber schon am Mittwoch, Donnerstag oder Freitag aus Angst vor der Versorgung wieder dom Markte zur Ver. fügung gestellt zu werden. Deswegen sind auch die. Kurst zuWochenende regelmaß'g im Fallen« Diese Bewegung vollzieht sich scheu seit ewiger Zett« Sie ist alles eher als befriedigend für einen gefunden Verlauf -der Börse. Dies ist auch -das Motiv, weshalb der Kostgeldmarkt zu Wochenende relativ wen-i-^r in Anspruch gonamen wird und -das Taggeld relativ niedrig - ist. Trotz der niedrigen Zinsen fürchten -die eingeknen, sich stärker zu engagieren und sich Verpflichtungen auf-acha-lsm für die sie nicht die nötigen Unterlagen haben. Es fehlt ihnen' einfach das nötige Geld. Die gvoßen Zuflüsse, die aus dem Auslände kommen, schrumpfen auf relativ kleine Mengen von Wertpapieren zusvmmen. Dies kommt den großen Banken zugute, nicht aber den kleinen Firmen, die eigentlich das belebende Element der Börse repräsentieren. Daraus läßt sich der Schluß auf die weitere Gestaltung der Börse 4d)6n: solange nicht die gvoßen Masten mikhelfen und wirklich Mitarbeiten, kann von einer durchgreifenden Rekonvaleszenz nicht die. R ede fein. Sie können aber nicht mitwerken, so lange ihnen das Geld dazu fehlt. Wann ihnen dieses zur Berfüg-ung stehen wird, ist fraglich. Dle neue Regierung» Die Minister halten beruhigende Redeni Der neue FmanMmifter Dr. Ahrer scheint seine Sache' ernst.zu nehmen. Wenn man ihn znm ersten Male sieht,'glaubt man den richtigen Pvovinzkonzipienten vor sich zu ha'bcn. der mit Ernst seine Men studiert und unbedingt ein Mittel finden will, den Prozeß zu gewinnen. Vielleicht ist er'auch von den besten Intentionen erfüllt. Aber seine.Absichten können an der Tücke des Objekts scheitern. Ein Finanzminister, der inrmer neuen Perso-nalforderungen gegenüberstcht» von dessen Budget -die Pers-onalausgaben allein 60'Prozent oevschKngen und dem joden Mittwoch oder Donnerstag neue Forderungen präsentiert werden, kann kein Budget in Ord-. nnng bringen, auch' wenn er noch so ernste Absichten hat. Erst müssen diese unhaltbaren. Z-ustände besöltigt werden. Wor<-e di'r Berub-'g-una allein nützen hier .nichts. Wenn der Außemninifter Dr. M a t a j a sich ebenfalls der Wirtschaft erinnert und ihr.große Bedeutung bevmißt, so -scheint es, daß er -den Zeitpunkt schlecht gewählt hat. Mt solchen Redensarten kommt man am Beginn einer Regenerverung, aber -nicht erst dam, wenn die Kvife das Mrtijchaftlichtz