Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2075 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Serie 8 Wien, Freitag Wiener Morpenzeitunrs. ilmruörik der „Wr.WorgenzeiLung" Film und Kim KrsHeint jedm Ireitag . „Die Nibelungen." Wir dürs-rn dreien kolossalen Film, der einen seltemn Lrimmph -der FittnkMlst und. Fllmtechuck «bleutet, als den Standard, als das größte und großartigste Werk, das bis jetzt geschaffen worden ist, ans-prechcn. Besonders erfreulich ist es, daß die deutsche Industrie dieses Werk schuf, daß es dort, wo <s seinonl Wesen nach tourzelt, eräugt werden konnte. Dl»?a v. Harbou versatzte das Buch zu, diesem Film und sie hat es verstanden, sowohl die nordische als auch die miclelhochdoulsche Fassung mct starker Anlehnung an letztere in einenr Drehbuch zusanlmenxu'fasseu, das in Nnstlerrscher wie auch in technischer Beziehung glctdf) hochwertig, selbst im klernsten Detail vollendet ist. Der Regisseur Fntz Lang inszenierte den Film, ans jedem seiner DiDer spricht aber der Maler Fritz Lang und dieser Umstand hat nicht wenig dazu beigetragen, daß der Film diese kolossalen Wirkungen aus« Me. die in Paris Dent-chrnhaß und Politik weit hinter Begeisterung an wahrer Kunst zurücktreien lieh. Es reiht sich hrer ein wmirdrrbares B'ld an das andere, es ist hier eine iFülle von künstlerisch geformter Schönheit zu finden, wie nirgend noch vorher. Belebt« Kunstwerke von eines -bildenden Meisters Hand geschaffen, sind die einzelnen Bilder, sind von einer gesunden und den Beschauer widerslcmidslos mit sich sortrrihenden Kraft, die der kolossalen Wucht des Geschehens volle Rechnung trägt und eindringlichste Wirkungen zu schaffen tveiß. Der Film ist in jeder Hinsicht vollendet, könnte wicht besser sein. Aus der strenjg stilisierten Linie svricht auch seltene L-rigiwalität, die in den einzelnen Auffassungen zutage tritt. So zum Beispiel in dem Bild, das die Figuren d-er Handlung zwischen den Gewappneten hindurchzivhen läßt, ihre Gestalten ganz kurz zeigt, um sie verschwinden und wieder austauchen zu lasten. Ebenso der Einzug Siegfrieds über die hohe Zugbrücke und die Ankunft BrunhiildeS in Wovms, wo Gewappnete im Wasser stehend mit ihren Sch ilden eine Brück« vom Schiff bis zrmi Lande bilden und noch viele, viele andere mchr. Prachtvoll und vollendet ist auch die Darstellung. Paul R ichters Siegfried gleicht einer jungen Gottheit. Sein Spiel ist voll Natürlichkeit und strömt fesselnde Sympathie aus. Prachtvoll ist Wöert v. Lossows Hagen, eine finstere Nachtgestalt voll Eindringlichkeit. Prachwoll sind Weilers Margarete Schön als KrionchiDe und Hanna Ralph als Bvmchrlde, ausg-^eichnet jeder einzeln« Darsteller, selbst di« der kleinsten Rollen. Architektur, Ausstattung, Beleuchtungstechnik und Photographie boten hier HöchstlÄstmnAen, hätten kaum noch Besseres und Vollwertigeres schaffen kbmren. „Die Apachin in Seide." Ein amerika-irischkr Abenteurer- und dlibeutsueriDm, der sich nicht sonderlich über das!in digsom Genre gewohnte Mittelmaß himMishrdt. Die Ha-N'iÄlMg ist nicht immer ganj; klar, bringt ei'iiie in China spielende Geschichte, di« so gieiMch nattrrtzvmäß Op!»»mschmu-gWl «bchandelt. Pviscilla Dean spielt die Haiuptrolle iumL «scheinbar auch die Ditellvolle. Mit Bestimmtheit ist dies nicht zu sagen, denn Mischen Drteil und Film ist keine rocht« Besichuivg zu 'finden. Sie ft neben Wallaoe Berry das eingig Twsili«che in diesem Geschehen, dessen Logik wie recht einll-ouchtend ist; »die Gigenischatft der meisten amerMuischeu SmL«N'fÄ->u«, bei denen ijchöinbair immer auf das B'uch daS geringste Gewicht gelegt wird. lind dies ist nm so bcdMSÄiicher, ÄS Regie und DarsbMmg sehr gut« LeistunWm auch hier zu bieten wissen und ein« nicht garimige Msstattnug auch dietsen Werken zu Gctbot« sicht. Pviscilla Dean hat hier einige Mmnen-tv, in denen sie 'ihrem Rufe gerecht wird; im übrigen wäre M sagen, daß mau von ihr im allgemioinen Besteres zu seihen gewohnt ist. Be-rry gi>bt wieder eiumÄ einen seiner «inöisiechaO verkörperten Jnt«r!iganten, doch ist auch diese Rolle Molut keim Höchstleilitunig. Sehr gut ist eine klpme Chmesiu amd Möi amerNcmische Darsteller spielen mit louschender MaMe zstvei Chinesen sehr inaturgetreu nnd gut. Die Regie ist im allgemEu sehr gut, brilliert in den Maßen iKamPfstc>uen, kann aber auch nicht veiüt^n, tvas das Buch LMdauö. In seine n technischen Belangen ist «dieser Film «tiadMvs. hungernde Heizen." Unter diesem Mal Md zu Beginn des uächisten Jahves ein -großer ameritkanischer FAm «rtscheiuen, der im jüdischen -M «i'lieu spieilt. Er «behaindM hauMächlich di« GegensLhe des Lebens der Juden im Awistisschen Rußl-cmd und ln den freien Vereinigten Staaten Noridämerikas. «Er ist «in ganz auÄpazeichnvtes Merk und wkd gewiß in allen Kreisen den lebhastirn Beifall sinden, der ihm vollauf gMihrt. Jenny Hasselquist für zwei Jahre in Deutschland engagiert. Die bekannt« schwedische Primaiballerina, die sich «auch schon «mit viel Erfolg vckin FMn betätigt hat, «wiurde van der Westi in Berlin nach FertMelbung des Filmes ,Me Perücke", der von di-etsvr PvodiMlivn erzeuigt wuiro-e, amif dre Dauer von zwei Fuhren emMivrt. Der Arbeitsbericht der Westi in Berlin. Dieses neu« und großgüaig Mrsgestaiiete FNumnterNehmTn hat >Äs fetzt im ÄmM dieses Jahves «strtiiggcstellt: Dwboidrn He-uny-Poriten- Mme .Hratertmum" «und „Das Mldone «Kakib" unter der Regie Peter Paul Felneus, den OstiOswolda-iFKin „Niniche", unter der Regie BertihM Viertels „Die Perücke" mit Otto Gebühr amd 'Jemny Hastelquist, den RWard-ÖZWald-Mlim ,Kumüxn und Sei^ mÄ Mary Kid, Ferdimmd Boam, Johannes Riemann und Rei-nhelld Schünyel, dann „Die Puppe vom Lnniaipark'' mit Alice Hechy. Derzeit arbeitet die Wssti in Paris au „Graf «Kostfa" nvit Kvnirud Beidt in dar Titelrolle, in Neapel an „Cavcalcari« ardente^' mit Saaiva Gallone unter der «Regie Cavmin« Gwllau-es und begiinut in Paris mit den die nreecunfien Roit: mit im HB f)6UC€ : Reglet Tritt nana B«kg.Ri»o. 7. Openrlia te Clite Rino, 7. aiollxei!« 34 Rofenforn-RiBo, 7. Tieiicftmarkt r BttstD-Kiso, 77. Praterste?» Lor-rnimplele, 777. U»g-rg»rre -0 Tivtten-Ri»-. V7. M trlaMUcrstratse 43/47 Cicbtsplele OlkwciU, 97. Cinke Ulicaieilt « Tlleacr-Kitto, IX. Ciecliteaiteinstrasie 37 28. November 1924' Nr. 2975 ^tlifu-ahmeu «für „Der Mbamte Priug" Jia-tali« Ko-waÄa «und NikMi Colin. urit Jacques LatÄain, Die rvilme der: Woche. „Der Herr der Welt." —. „Die Nibelungen," erster Teil. — Die Emigranten."—„Lebende Buddhas." —"Die spanische Tänzerin." —BURG-KINO, I. öpernrinfl 19__ Von heute bis 1, Dezember Die spanlscheTänzerin Grosser Kostüm- und Ausstattungsfilm mit Pola Negri und das übrige Schlagerprogramm Beginn der Vorstellungen: V«8. "/«ö, t/iB, */.9 -KÄRNTNERKINO- I. Kärntnerstrasse (Ecke johannesgasse) Von heute bis 1. Dezember Lebende Buddhas Bilder aus dem .geheimnisvollen Tibet in 5 Akten mjt Paul Wegener und das übrige Programm , Beginn '/,4. */46. 7. Uhr ■-RQTENTURH-KINO-- WIEN, 1. FLEIS GEMARKT 1 Von heute bis 1. Dezember D*niBG£Un6€ß x.Teiii Siegfrieds Kampf mit dem Drachen und das übrige Schlagerprogramm Beginn der Vorstellnngen: V«5- ‘48. '48 nnd */49 Dhr Berleiim^Blk einer emtkla«Bigen Kttnatlertapelle — SCHOTTENRING-KINO —. l. SCHOTTENRING 5 // TEL 174-26 Von heute bis 1. Dezember d ßiBecuneen I. Teil: Siegfrieds Kampf mit dem Drachen und das übrige Schlagerprogramm. Vorstellungen täglich: 4, l!fi, V,7. */48, y —- CENTRAL-KINO- II. Tabors trasse 8 Direktion: J. Schulz Von heute bis 1. Dezember Die spanisMnzeriii Grosser Kostüm- und Ausstattungsfilm mit Pola Negri in der Hauptrolle und das übrige Schlagerprogramm Beginn: 7,6, 7. 7,9 Uhr C opyright 1024 by Nachdruck verboten. Deutsche LerlagSanftalt, Stuttgart. 44. Fortsetzung, Sie Stadt an der Moldau. Roman. Bon Auguste Hauschuer. „Wenn ich darf ehrlich meine Meinu'wg sagen, Herr Doktor, ein großer Dichte-r ist der Herr Shakchpeave gewiß gewesen. Wie er -aber ftumt. so große Stücke o«uif den Brutus hatten, das verstehe -ich nicht. Baterlaind hin, Baterla-nd her. Was ist eim Mensch «noch wert, wenn e>r ein Verräter wipd cm feinem besten Freund." Es fand sich, daß viel« Hörerinnen Goldes Mtstcht teilten, einige ihr widersprachen. - Bon SlhcvkesePcrve entartete die Kritik in geräuschvolle regellose Unterhaldimg. Jakob lauschte: Gtttels Stimme fe>We. Ein Impuls trieb ihn, sich an sie M wenden: ,/U.wd Sie, lFra«u<tem Gittel?" Keine seiiner Schülermmn «pflegte er so «förmlich autzuredm. ,ßk hatten doch einen so starken Eindruck von dem Werk bekonmien. Warum sind Sie jetzt so stumm?" Er dachte: Num werde ich sie zu «Gesicht 'bekommen. Anstatt sich auMvichten, sank das Mädchen noch schüchterner in sich .hinein. Sie hestetie die Augen in den Schoß. Jakob konnte durch die Menschenlücke nur dsn gebeugten Kopf erspähen, die schmale weiße Linie, die ihre schweren Scheitet toilte. Gleich seidigen Rabenflügeln beschatteten sie di« blaue Stirn nnd schlugen über den Ovail «der abgezehrten Wange fast zusammen. We aus der Tiefe sprach sie leise und ängstlich, «als habe sie sich etwas zuschulden kommen lassen und sMe zur BeramtwortUiNg gezogen werden. . „Mich müssen Sie wicht fragen, Herr. Schon war es, manchmal wie Gs'aug. Ich Hab' «weinen müssen. Aber mein Verstand «ist klein. Ich weiß nicht, toi« es zugeht in der Welt. Bis vor zwei Ddonatvn Hab ich gelebt in momer Gasse und Hab' nichts gewußt, wie, daß «meine Elitern mich lieb haben ^ud meine Geschtoisler und meine Fvsunidininen. Bis vor zwei Monaten . . ." «Sie «brach «ab. Es «war, als wolle sie im Erdboden versrnkw. In Jakob bldete sich die Vorstellung eines toaidtounden Tieres, >da«s some Spuren im Buschdickicht v-ertoischt. Ehrerbietig zog er sich zurück vor dein Gche'imniis ehtar jungfräulichen Seele. Gin Vorwurf becklenrntte ihn, als «lasse er «ine Hilflose -untevgehen, ohne ihr beizuspringen. Er 'beeilte sich, die allgemeine Ausmerlsamleit von diesem Zwische«nsall abzulenken. Er zog die Uhr «und sagt«: ,Ks «ist spät geworden, liebe Fveu.n«din«n'en. Wir wollm unsere Betvacht-uinig schließen. In« der nächsten Woche setzen wir sie fort. Nur eines möchte ich «noch heute sagen: Ihr habt euch als echte Frauen KU der Dichtung zu Persv-Mch eingestellt, habt sie zu sehr in euer Einzelfchicksal hinahgezogen. Um es auch noch gleich vorweg zu nehmen: auch mir ist im höchsten Sinn der Mensch das Maß der Dinge. Das kleinste Samenkorn Liebe ist mir wertvoll, ich möchte es pflegen und zum Blühen bringen. Aber es handelt sich hier weniger um meine und eure persönlichen Gefühle, es geht mir darum, eure Kenntnis zu erweitern. Es soll euch vor allem bewußt werden, wie dieser große Dichter seinen Stoff gestaltet hat. Es geht um Weltanschauung und Idee. Um die Idee der absoluten Macht, die in Julius Cäsar sich verkörpert, daß die Geschichte ein Schlagwort aus seinem Namen schuf. Und die Idee der Freiheit, für die Brütus alles opfert: Freundschaft, Eheglück, Gewissen, das eigene Leben. Ihr solltet das bildnerische Genie des großen Briten aufs neue schätzen lernen, wie er gottähnlich Gestalten zeugt. Die Kraft und Schönheit seiner Sprache, den Aufbau der Szenen und der Bühnenwirkungen. Diese Mannigfaltigkeit nach einmaligem Vortrag in euch auftunehinen, «war unmöglich. Ich bitte euch deshalb, ilafset das Buch, ich habe ein zweites Exentplar noch mitgebracht, in eurem Kreis umhergehen und berichtet mir das nächste Mal, was eine jede von euch geistig am bleibendsten darin gefesselt hat." Chajc Jaupel nahm die Bände in Empfang. Dabei flüsterte sie Jakob zu: „Herr Doktor, mein Vater läßt Sie bitten, daß Sie ihm möchten die Ehre geben, heute Abend zur dritten Mahlzeit in dent Flüchtlingsheint. Ein hoher Gast ist bei uns eingekehrt. Der Rabbi Bär aus- Meseritz. Mit seiner ganzen Verwandtschaft hat man ihn ausgelrieben.. Sie gehen nach Palästina alle mit einander." Geheimnis umwitterte ihre Rede, als sie ihm anvertraute: „Er ist ein Nachkomme des berühmten Bratzewer Chafsiden Rabbi Nachmann, und es geht von 'ihm die Sage, daß er tun kann Wunder." Beim Heimweg hielt sie sich an Jakobs Seite, die Schar der Mädchen blieb hinter dem Paar zurück. Stillschweigend, wenn auch nicht neidlos, wurde Chajes geistige Ueberlegenheit von ihnen anerkannt, und der Vorzug, den ihr der Lehrer gab. An ihren erdenhaften, engbegreuztcn Horizonten tauchten Luftschlösser empor, bevölkert mit Gewißheiten, die sie sich als höchste Glückserfüllung träumten: Verlobung, Hochzeit. An Chajes Zustimmung hegten sie keinen Zweifel. Sie wußten nichts vom Mann, nichts von d^r Vielfältigkeit seines erotischen Empfindens, nichts von der Kameradschaft, dieser Zwischenstufe in dem Verhältnis der Geschlechter. Sie kannten nur den kurzen Aebergang von Erstbegegnung zur Eheschließung. Sie mißverstanden auch den Charakter der Unterhaltung, deren Lebhaftigkeit zu ihnen drang. Chaje, bis an den Rand der Seele voll zärtlicher Bereitschaft, glaubte sich berechtigt, dieselbe Stimmung im Gemüt des Freundes zu vermuten. Aus magdlicher Befangenheit, um die Erklärung, die sie ersehnte, und die ihm, wie sie wähnte, auf den Lippen schwebte, hinauszuschieben, spann sie den Faden weiter, der Lehrer und Schülerin verband.. Mechanisch gab er Antwort, gedanklich dem Bezirk von Ethik nnd Dramatik weit entglitten. Vor seinem inneren Auge zuckten ein paar zarte, in eiu dunkles Tuch gehüllte Schultern, lief eine schmale weiße Linie zwischen schwer heranfallenden, rabenschwarzen Scheitel, stand die gebeugte Haltung einer gebrechlichen Gestalt. Unvermittelt, mitten in die Wertung altjüdischer Probleme, warf er die Frage: „Was ist mit dieser Gittel? Wo kommt sie her? Was ist ihr widerfahren?" Chajes aufslammendes Erröten verbarg sich in der anbrechenden Dämmerung. Deutlich wurde Jakob nur die Schroffheit der Gebärde, mit der sie von ihm wich. „Gittel? ... ich weiß wirklich nichts von ihr . . . sie ist, glaube ich, erst gekornmen... sie spricht mit niemandem . . . vielleicht ist sie krank... Ich komme schon/' rief sie ztlrück, als sei ein Ruf zu ihr gelangt. iLortletzuna folnt.)