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Wiener Morgenzeitung · 1924-11-08 · Heft 2056 (8.11.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2056 (8.11.1924)
Date
1924-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ik viM r»mm» Wien: Zum Abholen in der Expedition, II. Tabors.tr. 1*3, oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatl, K 40.000 atrassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1. Bez., Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien v Oesterr. monatl. K 40.00l lener Ifa-Pa last-Ktno II. Taborstrasse 1-3 Tschecho-S.l ow# k e i: Mob. K20. Jugoslawien; Mon. Dinar60.ro len: Mon. 37a Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, F r a n k r., Belgien: Mon. Fres. 15 ASM" NaehaahI■agen -WA lii PrciferhöhanjrcB Vorbehalte» Rr. 2856 Wie«. Samstag. 8. November 1924 Zemission fPrfffs R MOO» England: Mon,4 Schilling Italien: Monatl. 15 Lire) Rumänien Mon. 150 Lei( BuIgarien Mon. 80 Lewa) S c h w e i z und das übrig« Ausland mon;t'ich Fres. 4 Redaktion u. Administrators Wien. II., TaborStr. 1—3 Telephone: 44*0*38,43*3-19 AhßUhrabds. 21-102,25-283 IX. Universitätsstrasse ,6—8 (Druckerei Steinmann) Oesterreichisches Postspar1 kassen-Konto Nr. 150.693 8. Fahrgang —y. Wien, 8. November. Der Konflikt Zwifckien dm Angestellten und der Leitung, der Oesterreichi-schen Bundesbahnen hat sich zu einem Ereignis verdichtet, das iilber Oeisterreichs Grvnzen hinaus Aufsehen erregen uwtfj. Der Gonevaldirektor der Bundesbahnen und in weiterer Fotge die gesamte Regierung Seipel sind zurückgetreten. Der Kadinettschef hat seine im Verlauf der vorgestrigen Verhandlungen ^äußerte Ankündigung wahr gemacht und die Deutission vollzogen. Ob es dabei Neiden Wird und der Nationalrat eine völlig neue Regierung wird bilden müssen, ist im Augenblick noch unklar und hängt davon . ob, welche weitere Entwicklung der Kampf der Auge-, stellten der Bahnen nehmen Wird. Sicher ist, daß schon dieser vorläufige Akt die bestehende Regievungskoaliti'0n in Frage stellt. Es ist festzuhalten, daß Sie Verschlimmerung in der Gisenbahnerfrage von Seite einer den großdeutschen Kalbmettsmitgliedern nahestehenden Beamtenkategovie herbeige führt wurde, daß ats'o die Regierung nicht mehr tragfähig ist. Es ist weiters festzuhalten, daß die Vertreter der sozialdemokratischen und der christlichsozialen Gewerkschaften sich nachgiebig zeigten, wägend die nationalen Repräsentanten die ihnen vovgelegten Einigungsfovmeln zurückwiesen. Daraus erhellt, daß es sich weniger um eine Finanzfvage handelte, als vielmehr um eine PalMrevoluMn in der ^Koalition, die, ^seK>st wenn sie rK^sckMgen wrrd, doch das Systettwaüch rn der nahen Zukimft bedroht. Der Bundeskanzler Dr. Seipel hat mit der Genossenschaft der Großdeutfchen wenig gute Erfahrungen gemacht. Sie sind als Partei so geringfügig, daß sie in den Wahlen auf direktem Weg nur ein einziges Mandat hatten durchsetzen können. Sie waren in ihrer eigenen Anhängerschaft entwurzelt und nur mit Hilfe des armseligen Reststimmenverfahrens konnten sie die Ueber- : bleibsel einstiger Herrlichkeit ins Parlament reiten. Das - ' Urteil der Wählerschaft wurde aber nicht respektiert. Daß alle. Macht im Staate vom Volke ausgcht, dieses sonst so gefeierte Prinzip der Demokratie, erwies sich gerade in der wichtigsten. Frage, der der Zusammensetzung der Regierung, als eine leere Phrase, mit der ein Mängel von Königsmachevn Ball spielte. Die großdeutschen Minister freilich entsprachen in ihrer Amtstätigkeit vollkommen dem Urteil der Wahlen. Herr Frank vereinigte die wichtigsten Ressorts,' die der inneren VerSvaltung uud der Justiz, in seiner Hand. Er war eifrig bestrebt, der nach dem Rassenprinzip sich vollziehenden Radikalisierung der ihm unterstellten Zweige nicht im Wege zu stehen, und er hat die von den Hakentrenzlern in ihn gesetzten Hoffnungen nicht enttäuscht. Er,ist der beste Sachwalter dieses von Deutschland hereingetvagerren Blödsinns geworden und alle Maßnahmen, die gegen die Landplage der Sturmtrupps'hätten getroffen werden können, sind auf dom Papier geblieben. Wie die Rechtspflege sich entwickelt hat, darüber gibt es heute wohl nur mehr eine Stimme. Das Verkeihrsressort, das der zweite Großdeutsche besetzte, ist an Bedeutungslosigkeit kaum mehr zu überbieten, und der zweite Teil seiner Würde, die Leitung des Amtes für Handel, ist dem Minister, der seine TätiAeit im Cisenbahnwac^gon ansübt, teils durch den Kanzler, teils durch den Finanzminister aus der Hand genommen worden. Es ist auch ein charakteristifchcs Detail, daß der Minister für das Verkehrswesen gerade in diesem Augenblick der krisenhaften Vevschärsuug, die durch das Ultimatum der Ei'sewbahner für gestern angesagt war, nicht in Men weilt. Die Beamtengruppen, deren Exponenten . diese Minister sind, haben zu wiederholten Malen in die Sanierungsaktion störend eingegriffen. Sie find aus ihrer chauvinistischen, großdeühschen Einstellung heraus die geschworenen Gegner einer ruhigen, planmäßigen Ordnung des Staates und seiner Wirtschaft ■ und sie entdecken ihre soziale Not immer in dem für den Staat ungeeignetsten Zeitpunkt. Diese Beamtenschaft bekennt sich immer zur starken Hand, zur Staatsautorität, zur Zensur, girr Polizei, zum System der Gewalt. Aber fctitftm .sie ans den Winkeln der alldeutschen Brandstiftung das Signal bekommen, dann geht die Freude an der Staatsautorität flöten. Herr. Doktor Seipel konnte wiederholt die Probe auf das Exempel machen. Er ist jetzt wieder von seinen Koaliüonsfreunden amgefallen und von ihren Ministern irn Stich gelassen worden. Wenn es noch' Logik in Oesterreich gibt, muß diese Koalition ihr Ende erreicht haben. Sie zerbricht an dem von den Großdeutschen zur Feier der Novemberrevolution Hitlers inszenierten Putsch. Re letzte« Verhandlung««. Die Verhandlungen der Leitung der Bundesbahnen mit den Vertretern der Beamtenorganisattonen hat sich gestern nachmittags derartig zugespitzt, daß der Generaldirektor Günther seine Demission gab, nachdem sein Maxiwalairbot von den Beamten abgelohnt worden war. Da die drei Beamtengruppen durch SslidaritStserkläkUng aneinander gebunden waren, mußte der Generaldirektor zurücktrete«. Er hatte für seine Haltung die Deckung durch den Bundeskanzler erhalten. Nach seinem Rücktritt erklärte sich die Regierung mit ihm solidarisch und ein abends im Bundeskanzleramt zusammengetretener Ministerrat beschloß die Gesamtdemission des Kabinetts. > - Der.mrs Mer befindliche Handelsminister Dr. SchL rff, dem die Berkehrsangelegenheiten unterstehen, wurde telegraphisch von diesem Beschluß in Kenntnis gesetzt. Er ist abeüds von Linz Mach Wien abgereist. In der Dache selbst, in dom durch Strettulttmatum belasteten Konflikt, ist keine Aeudemng eingetreten. An Stelle des Generaldirektors nahm die Verwaltungskommission der Bundesbahnen die Verhandlungen mit der Beamtenschaft aus Grund neuer Vorschläge auf. Die - eutschnationale VerkehrSgewerkschaft, die die Fiihvung hat, formulierte ursprünglich die folgenden Forderungen: 1. Erhöhung der ständigen Bezüge für alle aktiven Bediensteten und aller Ruhe- und Versorgung sgenüsse entsprechend der seit Juni 1924 eingetretenen Jwdexerhohungen, d. i. ab 1. August 1924 um 8 Prozent (14,4 Märzbezüge) und ab 1. Oktober 1924 um ein weiteres Prozent (1,9 Marzbezüge) sowie Anerkennung, der Auswirkung von weiterhin eintretenden Jndexerhöhungen auf Aktiv- und Ruhebeziige bis zum Jnkraftreten der neuen Gehaltsordnung. 2. Entsprechende Erhöhungen sämtlicher MrfwandSentschädigungen, Zulagen und Prämien. 3. Erfüllung der durch den Zentralausschuß bereits km Anfänge dieses Jahres gestellten Forderungen znr Dienstkleiderfrage. 4. Gleichmäßige Behandlung aller Eisenbahnruhestandler, ohne Rücksicht auf den Zeitpunkt ihrer Versetzung in den Ruhestand nach der Gehaltsordnung der Bundesbahnen. 6. Die aus der Zusammenlegung von Direktionen oder aus der Organisation der Bundesbahnen sich ergebende persönliche Nkberzahligkeit von Bediensteten darf kein Abbaugrund sein. Die Generaldirektton hatte darauf am Montag eine Teuerungszulage von insgesamt 38 Milliarden vorgeschlagen, die im Effekt der Bewilligung von 49 Märzbcyügen gegen 48,6 Marzbezüge, die gefordert worden waren, gleichkommen. Weitere Zulagen, die gemacht ivnrden, belaufen sich auf zirka 24.5 Milliarden. Gleichzeitig wurde eine Erhöhung der Pensionen zngestanden. Diese Vorschläge der Generaldirektion wurden vorgestern uhgelehnt. Das Angebot der Verwaltung, weitere vier Milliarden auszuwerfen, wurde ebenfalls von den Beamten als unzureichend erklärt. Die Spannung zwischen den Forderungen und den Bewilligungen betragt imganz enzehnMilliardenKroncn. Die Eisenbahner hatten ihre Vorbereitungen für den Streik derart getroffen, daß in der Nacht auf heute um 24 Uhr auf sämtlichen Linien der Bundesbahnen die Arbeit eingestellt werden kann. Die nur diese Zeit auf der Strecke rollenden Züge sollen noch biß zurnachsten Station gebracht werden. Die Lebensmittel- und Milchtrans- Porte für Wien werden aufrecht bleiben. Die Ankündigung des Streiks hatte gestern aus allen Wiener Bahnhöfen eine« Massenandrang des. Publikums zur Folge. Alle aus Wien «Wehenden Züge waren nachmittags und abends überfüllt, dagegen leerten sich die- Hotels. Nach 6 Uhr abends ging der StreikbefeHl telegraphisch hinaus. Alle Verchandlrrngen pescheitert. Um 11 Uhr abends wird uns mitgrteilt, daß alle Verhandlungen als resnltatlos abgebrochen worden sind. Die Vertreter der Beamten lehnten auch die neuerdings gemachten Vorschläge ad. Generaldirektor Günther wiederholte nunmehr sein Entlassungsgesuch, woraus die Regierung ihre» Demissiousbeschlntz bekräftigte. Der Bundeskanzler ^erreichte um 11 Uhr. nachts * dem Buiwespräsidenten.Hq.infsch djeDeimsswn.des " ■ MÜiüMs? Die Regierung bleibt bis zur endgültigen Entscheidung im Amt. Der Nattonalrat wird sofort ritt» berufe». > Die offiziellen Mitteilungen. Der Präsident -er Verwalhunjgskommission der Bundesbahnen berichtete im Laufe des Vormittags dem Bundeskanzler über die Lage, die durch die Ablehnung der bis an die äußerste Grenze der LeiftunMähigkeit des selbständigen Wirtschastskörpers der Bundesbahnen gehenden Zugeständnisse der Generaldirektton durch die deutsche Verkehrsgewerkschast und die sozialdemokratische Eisen« bahnerorganisatton geschaffen wurde. Er kündigte zMr'ch die Absicht an, falls die Angestelltenschaft wegen Nichterfüllung ihrer weiteren Forderungen den Streikbeschluß tatsächlich znr Ausführung bringen sollte, von der Leitung der Bundesbahnen zurück zutreten, da er dann die erfolgreich eingeleitete Sanierung der Bundesbahnen für bedroht ansehen müsse. Der Bundeskanzler Billigte ben Standpunkt des Präsidenten Dr. G ü «t h e r nutz ersuchte ihn, sich bei seinen Entscheidungen ausschließlich von Erwägungen der kommerziellen Führung der Brmdesbahnen leiten zu lassen. Zugleich erklärte er, daß die Regierung, wenn einem so wichtigen Teil des Sanierungswerkes, wie es die Reform der Bundesbahnen ist, unüberwindliche Schwierigkeiten gemacht würden, nicht länger im Amte bleiben werde. Der Ministerrat, der nachmittags um 3 Uhr zu einer regulären Geschäftssitzung zuAnnrnentrat, beschloß im Sinne der Borschlage des Bundeskanzlers. Dieser teilte die Entschlüsse des Präsidenten Dr. Günther und der Regierung purverzüglich den Führern der parlamentarischen Parteien mit. Darauf berief er Vertreter der Eisenbahnerorganisattonen zu sich, um ihnen die Größe der Verantwortung vor Augen zu stellen, die sie bei starrem Festhalten an ihren Forderungen auf sich laden würden, und sie eindringlich zu mahnen, noch in letzter Stunde die Schädigung des Wirtschaftslebens und die Gefährdung des von Regierung und Parlament unter so großen Opfern der gesamten Bevölkerung bis nahe an die Vollendung geführten Sanierungswerkes hintanzuhallen. Die Berwaltungskommission der Bundesbahnen, der Präsident Günther Bericht erstattete, erklärte sich mit A « 8nahme der Angestelltenvertreter mit dem Präsidenten solidarisch. In den Abendstunden wurden die Verhandeln gen zwischen der Generaldirektion und den Organisationsvertretern wieder ausgenommen. Diese Verhandlungen wurden bis 10 Uhr 39 Minuten nachts weitergeführt. Da auch ein neuer, innerhalb des Rahmens der bisherigen finanziellen Zugeständnisse gei machtex Vorschlag des NroLdentev DrlMvdbn» ab a c*

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