Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2055 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nk. 2065 Wien, Freitag Wiener Morgenzeitung. 7. November 1024 Leite» Tagesbericht.! Radio bei den kslimos. Der ameribauifche Kapitän Donald B. Mac Millan, der kürzlich an Bord seines Schoners „Bowdoin" nach einer fünfzelMutonatigen Kreuzfahrt in den arktischen Gewässern wieder in New-Novk ringe troffen -ist, hat von seiner Forschungsreise eine Menge wertvolles geographisches und ozeamographifches Material mitgeb rächt und voröffentl'icht Wer seine Eindrücke eine Reche 'bemerkenswerter EinzÄheitrn. Nach seinen Ausfühvmign wird im NordaMntik die Eisberggefahr im nächsten Jahve noch ungleich größer sein, als wie sie je zuvor gewiesen ist. Er versichert, daß ein lenkbares Lustsch isif sehr wohl den Nordpol überfliegen könne, dabei große Bezirke der arktischen Zone und des geheimnisvollen Innern von Laib Labor aus einer zweiwöchentlichen Fahrt Photographisch aufnehmen und 'beständig mit der Welt drahtlos in Verbindung bleiben könm. Das war auch an Bord des „Bowdoin" beständig der Fall. „Bei Tag und Nacht erhielten wir Nachricht aus der zivilisierten Welt," erklärt Kapitän Mae Milli an. ,Mr hörten die R a d i o st a t i o tt c tt in England, Deutschland und .Hawai, ja, wir konnten selbst unsere Bekannten an der Stimme gut erkennen. Es waren Eindrücke, die wir nie vergessen und die noch weniger int der Erinnerung der Eskimos erlöschen werden. Der Bann, der über der Einöde des Nordens lastet, war 3wmtt gebrochen; die drahtlose Telephonie hat die Welt erobert, und im Rahmen der Ausrüstung des Polarforschers ist der Radioapparat heute der wertvollste und unentbehrlichste Gegenstand. Er gestattete uns beispielÄveise, unsere Zeitmesser täglich bis aus eine Zehntelsekwnde zu regulieren und machte es möglich, daß unsere Bekannten und Fveunde in der Heimat ständig über unser Wohlbefinden aus dem laufenden blieben. Kurz, er hielt uns dauernd mit der Welt in Verbindung und hals uns, über di« bisher so gefürchtete arktische Nacht zu triumphieren. Mit Ausnahme des Schiffskochs der „Bowdoin", der krank war, entbchvte keiner von uns die Segnungen der Zivilisation, und wir lebten mit den Eskimos, die wir reichlich zu schätzen Gelegenheit hatten, in bestem Einvernehmen. Ihnen erschienen Radio und Film wie unerklärliche Zauberkünste. Von 160 Kilometer Entisernnng kamen die Eskimos auf ihren Hundeschlitten über Eis und Schnee zu uns, um diese ungkaMichen Wunder zu bestaunen. Man ist w Europa allgemein, der Ansicht, daß die Eingeborenen der arktischen Zone das ganze Jahr lang in Schneehüttsn Hausen. Das ist aber ein Irrtum. Wahrend der Sommerzeit, die vom Mai bis zum Ssptem- 'ber dauert, schmilzt der Schnee zumeist weg und die Eskimos Men dann in aus Gechundfellen gesertigten Zelten. Im Winter vergraben sie sich in haMnnterirdischen Felshöhlen, die ihr Licht durch Fenster erhalten, dve aus den Eingeiweiden der Seehunde her-gestellt sind. Geheizt und erleuchtet wird der Raum durch Oellampen, deren Docht aus Moos besteht. Eine Oeffnuaw im Dach und eine zweite am Eingang sorgen sür die Ventilation. Der Schneehäuser bedienen sich die Eskimos nur, wenn sie aus der Reise sind. Sie sind außerordentlich abergläubisch und werden deshalb leicht Opfer ihrer Medizinmänner. Auch ihre Vorstellung vom Tode gründet sich auf den Aberglauben. Sie würden um keinen Preis in einer Hütte weiterleben, in der der Tod eingekchrt ist. Wenn deshM ein Eskimo dem Tode nahe ist, jb schleppen sie den Kranken heraus und überlassen ihn dort seinem Schicksal. Sie glauben, daß es zwei jenseitige Welten gibt, eine Oberwelt und eine Unterwelt. Die Oberwelt denken sie sich als Hölle, während sie sich merkwürdigerweise die Unterwelt als Himmel vorstellen. Um sich gegen die bösen Geister zu schützen, schließen sie sich zu enger Gemeinschaft zusammen, was nur dazu beiträgt, der unter ihnen grassierenden .Tuberkulose günstige AusbveitungsnröOjchkeiten zu schaffen." stoolidge als Aphoristiker. Der amerikanische Schriftsteller ArtUr Macdonald hat die politischen Gedanken des Präsidenten Coolidge in einem Buch medergelegt, aus dem die amerrkairischen Blätter Auszüge veröffentlichen, die sür die Sinnesart Amerikas und seines Präsidenten bezeichnend sind. Hier seien einige Aphorismen wiedergegöben: „Wir sind Bürger, bevor wir Partei- Menschen sind." — „Die Politik ist kein Ziel, sondern ein Mittel; sie ist kein fertiges Produkt, sondern ein Werdeprozeß. Das ist das ganze Geheimnis der Rogievungsknnst." — „Jeder Amerikaner, der das Licht der Welt erblickt, ist ein Präsident." — „Jeder. Mensch ist politisch, ob er will oder nicht. Denn die Regierungen beruhen nicht aus den Mic>m.mi.gen der Menschen, sondern auf ihren Taten." — „So wichtig auch die Wissenschaft ist, sie kann keine bleibenden Güter vermitteln, wenn sie des klassischen Ideals entbehrt" — „Die Demokratie verneint nicht das göttliche Recht der Könige, sondern sie verleiht es allen Menschen ohne Ausnahme." — ,/Die Freiheit wird nicht geschenkt, sie wird erworben. Sie kommt erst zu einem Volk, wenn dieses VoA alle'Etappen zurückgelegt hat, die ihr vorangchen. Sie -ist weit davon entfernt, ein natürlicher Zustand zu sein; denn solange es Arbeitsbedingungen gibt, in denen es besser ist, Sklave als frei zu sein, werden zahlreiche Menscheneine Sklaverei vorziehen, statt die Verantwortung für die Freiheit $u übernehmen." — ,S>ie Menschen machen nicht die Gesetze, si-e entdecken sie." — „Die Gesetze machen nicht die Reformen, sondern umgekehrt." Der Mualmrd der mtnlmmt Sitte krklstrung drr PollzeikoUMissSrs Schenk. Das Tagesorgan der Wiener Ritualmörder teilte gestern 'mit, es habe bereits neues Material in Händen, das die Dermntung, Otmar Grüsch sei das -Opfer eines Verbrechens geworden,, bestätigt. Heraus damit! Wer die Wahrheit weiß, muß sie sagen, und 'da die edlen Judenfresser vom Ritnalmord gesprochen «haben, müssen sie umso eher ihr Material vorlegen. Wir haben uns für alle Fälle an das für den Füll des armen Achtungen zuständige PoKzeikommissariat Meidling um Auskunft gewendet. Das Referat über diese Angelegenheit führt der Kommissär Dr. Schenk. Er erklärte uns, daß die Untersuchung bereits abgeschlossen sei und der Akt dem Gerichte übergeben wurde. Polizeilich ist einwandfrei fest ge stellt worden, daß der Lehrling Grüsch das Opfer der bissigen Hunde des Besitzers der Restauration „Tivoli" geworden ist. Von einem Morde oder gar einem Ritualmord, wie er von einigen Zeitungen behauptet wird, könne absolut keine Rede sein. Riehl biedert sich den NalionalsoMlisten an. Walter Riehl ertragt es schwer, aus den Rekta>meapparat der offiziellen Hakenkrsusier, die ihn mit Schwung hinausgeschmissen haben, verzichten zu müssen. Sein MUits-chfozicrler Verein kann nicht im entferntesten die für diesen Abgelchnten erwünschte Resonanz erreichen, und so bittet Riehl wieder um Liebe und Gnade. In .Hernals hat er eine wchmütige Rede gehalten. Obzwar ex von den Nationalsozialisten ausgeschlossen worden fei, halte er doch den idealen Belang hoch, einen ch r i st l i ch n a t i o n a l e n Block gegen das Judentum zu gründen. Wenn das Ziel ■ erreicht und das Judentum n i e d e r g e r u ngen fei, könnten die Parteien dieses Blocks wieder auseinandergehen. Es sei höchste Zeit, den Bruderzwist zu beenden und gemeinsame Front zu manchen... Auch Ovel hinausgeschmissen. Eine Versammlung der christlichsozialen Vertrauensmänner Währings hat den Gemeindemt Orel, der erst im vorigen Jahre von den Wähvinger Ehriftlichsozialen in -den 'Gemeinderat gewählt wurde, aus der chvistlichfoziakm Partei aus geschlossen .das war schon der zweite Ausschließungsbeschluß, denn, im Inni hat .schon die christlichsolziale Beziriksorganisatron Orel ausgeschloffen. Auch ein Delegierter der christlichsozialen Parteileitung war in der Vertrauensmännerversammiliung anwesend. Orel wurde auch ausgcfordert, sein G e m e i n d e r a t s m a n d a t n i ederzul egen. Wahrscheinlich erschien dieser Volksstürmer seinen Wählern zu verrückt. Rebellion gegen Ludendorff. München, 6. November. Die Reichskonferenz der unter der Führung der Radau-Antisemiten Esser u-nd Streicher sowie des thüringischen Landtagsäbgeordneten Dr. Dinter stehenden großdeutschen Vosksgemeinschaft hat ein'stim-nrig eine Entschließung angenommen, in der jeder weitere Versuch einer Vereinigung Mit der Mtronalsozialistischen Freiheits-kewegung unter dw Führung Ludendorff-Straßer-v. Graefe für unmöglich erklärt, wird. Tie Leitung beschließt, unter -der Bezeichnung „Vollzugsausschuß der großdoutschen VvKsgemeinschaft" die Geschäfte weiter zu führen., und Adolf Hitler jederzeit die Organisation zur Beringung zu stellen. Lndendorff, Straßer und Gvaefe erlassen unter der Firma „Reichs sührung der nationMogialistischeu Freiheitsbewegung Grcßdeutschlau'ds" zum 9. d. einen Ausruf. Darin nennen sie den 9. November 1918 den Tag des Steges Judas' und seiner Werkzeuge und Hiffstruippen, der KEmmnsten» Sozialdemokraten, Demokraten, des Zentrums «und der bürgerlichen Feigen, Zünden 9. November 1923, das Datum des Hütler-Puffches im Bierkeller, den Tag des Sieges der beginnenden Reaktion gegen den völkischen Erneuerungswffien. Die „alljüdisch geleitete Weltwirtschaft". Berlin, 6. November. Der R e i ch s l a n d b u n d, die größte Organisation der lLandivirte in Deutschland, erläßt aus Anlaß der kommenden Nerchstags- Wahlen einen Aufruf, in welchem es unter anderem heißt: „Nicht die Bestrebungen des internationalen Welt« Handels und die Ziele einer a I l j ü d i s ch geleiteten Weltwirtschaft sollen künftig in Deutschland ausschlaggebend sein. Den Interessen weniger großer Exportfirmen darf nicht die Exilstenz von Millionen bodenständiger Deutscher znm Opfer gebracht werden." Dieser Reichslandbund ist deutschnatioual und _ hat die 'deutschnationale Reichstagsfraltion vor der Adsi.mrnuug über -das Dawes-Gutachten unter allen möglichen Druckmitteln dahin beeinflußt, daß die Fraktion die Hälfte ihrer Mitglieder als Jasager a b k o w m a nvierte. Die Junker wollen die Dawes-Kontrolle , schlucken, weA «damit Anleihen verbunden sind, asi denen elwas zu verdienen ist. Die Verantwortung schieben sie rechtzeitig aus die „allijMsch geleitete Weltwirtschaft". I Herrenmodehaus 1 S ^liquidierte | 5 3 5 Verkauf ab 4. November S s tu sensationell reduzierten Preisen! | Trattnerhof am Graben BESONDERE ANGEBOTE: Raglans und Winterröcke aus orig, engl. Stoffen wegen gänzlicher Auslassung der Schnelderabtlg. K 1,200.000 Hüte in allen Modefarben.K 95.000 Seidenkrawatten ln neuesten Dessins . K 50.000 Wollwesten aus bestem Material . . . K 250.000 Engl. Zephirhemden aus garantiert koch- _ echtem, durchwehtem Material . K 110.000 =3 Welsse la Chiffonhemden mit Raye- Einsatz.K 85.000 Seidenhemden, geschmackvollste Dessins K 250.000 Socken, Flor, mit Doppelsohle und Ferse K 25.000 ©orti kehrt «ach Rußland zurück. Nachrichten aus Moskau zufolge wird Maxim Gorki i« den nächsten Tagen zu längerem Aufenthalt nach Rußland veitsen. Der Dichter wird abwechselnd in Moskau und Petersburg leiben. Nach Petersburg zieht ihn die Miavbeiterschafr an dem Verlage „VsMirnaja literatura" ^(Weltlvteratur) und überdies feine gesamte öffentliche Tätigkeit irt den letzten Jahren. Gorki selbst gibt an., er reise Wils aus privaten Gründen nach Rußland, teils deshalb, um sich mit dem heutigen Zustand und der gegenwärtigen Stimndtmg Rußlands vertraut zu machen, da sein letzter Ansenchalt in der Heimat drei Jchre zurück datiert. Trotz der ibekannten Erklärungen Gorkis über die Verwilderung zahlreicher Sotvsc'tsaktoren und trotz seiner nngünstiigen Charakterisierung hervorragender Sowjetpersönlichkeiten stößt seine Ankunft auf keinen Widerstand, da er f n r einen v e r h ä l t n i s nr ä ß i g verläßlichen Anhänger des SÄvjetsystems gehalten wird. In Mgskau gehört er zu densinigetr, bfetreii scharfe Urteile nicht als antirevolutionäre Ktlndlgvbungen aufgesaßt werden. In der Praxis sorgen allerdings die Bchörden dafür, daß seine Kritik nicht über liserarische Zirkel hülausdringt. Sein humoristisches Stück: „Rabotjaga Llovotekov", in der die Sowjetwivklichkeit sehr gemäßigt kari--! kiert wird, wurde nach einer eiilUigon Bovstellung, vevbotou. Thphuserkraukungen im Rheinlanv. Mus Solingen wird unterm 6. d. gemeldet: Hier und m der U.mg«ebung der Sta>dt ist int der letzten Zeit eine große Anzahl von Personen! an Typhus erkrankt. Ms gestern abends sind nach einer Meldung „Solinger DagMatbes" 17 Personen gestorben, «meist jüngere Männer wnd Frauen. Bon der englischen Militärbehörde wurde die Stadt für die englischen Truppen des Kohleng.e.biet«o8 wegen AnsteckuWstzefahr gesperrt. zaristische Sffiziere. Ein Revolverattentat im Restaurant. Aus Neusatz, 5. d., wird uns gemeldet: Im hiesigen ruffischen R«estaurant feuerte gestern abends der ehemalige zaristische Hatuptmiann Mihaljow Grigorevic, nachdem er vorher ruhig sein Nachtmahl emgenomnien hat«, aus den am Nöbentisch sitzenden chemali'gen zaristischen 'Offizier Georgij KarnievaSki fünf Revolverschüsie ab. Karnevaski blieb auf der Stelle t o «t. Der Mvder wusch sich die Hände und erklärt« in aller Ruhe, er habe Karnevaski erschossen, weil er ei» Mädchen verführt habe. Der Audapester Levitichschmuzgel. Budapest, 5. Novemvbsr. Wie „Magyarorstag" berichtet, hat die persische Regievumg den Budapestcr povsichen Geueral- Nonfukl, Eugen Ritter v. Freystädter, seines Awies enthoben. Diese Maßregel erregt in der Gesellschaft sinWs Aufscheu, da Fvehstädtileir in Budapest sowohl durch seinen enor..nen Reichtum wie seine herrlichen Eq!Uiipa,gen «uattb persönlichen Exzenitvizitädeu stadtbeikmm ist. Die Pariser FiimaUre. Regisseur Kreisler bedingt verurteil!. Versailles, 6. Noilvemlber. In Vom Prozesse wegen der FAuwu.suahme im Schloss« «von Versailles wurde heute das Uvteiil verkwnde-t. Die Fillnkünsilerii-nmil Diana M a1a «Bouchen «ot und Sa volle wurdenzu j« 50 Fwnckm GMtraife, dsv österreichische FNmnegjissvwü Kreisler beding! zu einem Monat GesÄrgiris und zrr 800 Franken Geldstveife vevuröe-ilt. Das Verfahren gegen ideri Filwregissenr Fleck wunde ausgeschieden: ^das Urteil gegen ihn wird spät»- Heßällt werden. Die Nadiver-AMre. Wie verlautet soll Fra.u Degrassi, gegen welche Foaa Kaviver neue Beschuldigungen erhebt, ua,ch der Moisra abgsreist sein und sich >in.Nizza Ebenso «befindet sich Leopold Ehlumecky «ian AuLland.