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Wiener Morgenzeitung · 1924-11-07 · Heft 2055 (7.11.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2055 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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iPoien 20proszy! Wien; Zum Abholen in der Expedition, II. Taborstr. 1-3, oder in elnerVerschleisstelle (Trafik) monatl. K 40.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1. Bez., Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien o.. Oesterr. monatl. K 40.000 Tscheeh o-Slowakei: Mon. K 20. Jugoslawien: Mon. DinaröO, Polen: Mon 31/» Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, Fr an kr., Belgien: Mon. Frcs. 15 UBF* Naeb t ah I u n *W bei PreUerh5hun?en vorbebelle» rener tfa-Pa last-Rino II. Taborstrasse 1-3 mammmmsm ( Preis K 14001 England: Mon.4 Schilling, Italien: Monatl. 15 Lire, Rumänien Mon. 150 Lei, Bulgarien Mon.80 Lewa, Schweiz und das übrige ■ Ausland monatlich Fres. 4. Redaktion u. AdministratffH Wien II„ Taborstr. 1—8 -elepnone; 41-0-38,43-3-19, A^6Uhrabds. 21-102,25-282 IX. Universitätsstrasse 6—8 (Druckerei Steinmann) Oesterreichisches Postspar' kassen Konto Nr. 150.6°ll Dir. 2055 Men. Freitag. 7. November 1924 6. Jahrgang Bor einem Uenbahimstreik? deute Mittag laust das Ultimatum ab. 6ert Wochen ftchen foie drei EisenbahnerveM-ude in LohnverihaMuugen mit -der. Gener.Mirektion.-der Bundesbahnen. Die Situation ist äußerst kritisch geworden, da die Berlhandlungen noch zu keiner Einigung geführt haken. Am radikalsten gebärdet .sich die hakenkreuzleri'sche deutsche Verkethrsgawerlkschast, die schon seit Wochen zum Streik hetzt. Güstern hat der Bundeskanzler seWst anlt den Fühvevu -der Eisenlbähne-r Besprechungen gepflogen. Um halb 12 Uhr mittags begaben sich die Unterhändler der drei Organisationen zum GeneraMvektar Günther, dem sie ihre Gegenvorschläge müf -das Anbot der Gen-ercvldirektion «mitteilten. Die Unterhändler der Eisenbahner verlangten zunächst, daß der Betrag von 38 Milliarden Kronen, den die Generäldiveikti-on für die Teuerungszulagen zu geben ibeve.it ist, erhöht «werde. Da es sich um keine be-sonders hohe Summe handelte, zeigte sich die Generaldirektion gegenüber dieser Forderung nicht prinzipiell abgeneigt. Hingegen lehnte die Generaldirüktion die weitere Forderung, daß die Teu'cvungsAulicvgen auch den N e u P e n s i >o n i st e n gewährt «werden sollen, rundweg ab. In den übrigen.Punkten, wie Fertigstellung der neuen Besoldungsordnung und des neuen Dienstrechtes bis Jahresende, Regelung der Nebengebühren usw., gelangte, nmn zu etiier Einigung, da diese Bediensteten seW'den Wunsch ausspwchen, daß diese Fragen einer ehesten Lösung ziugeführt werden sollen.. Da die GeneraNvak-tion die Ziüwendung an die A>eupeyrsMi-stew stEtjs'-WWüe,-7vM«M-.Ä" Vertreter der' Baldlmns Kabinett. ' . (Eigendienst der ,M-iener Morgenzeiitung".) Ai o n d o n, 6. November. Das neue Kabinett fetzt sich folgendermaßen zusammen: Baldlvi«, Premierminister; Anstin C h a m b e r l e i n,. Aontzeres; Churchill, Schatzkanzler; Curzon, Lordpräsident des Geheimen Rates; Wo r thington Evans, Krieg; Bridgern an, Admiralität; Samuel Hoare, Lnstschiffahrt; Birkenhead, Staatssekretär für Indien; Amery, Kolonien; Johnson Hieks, Inneres; Steel Maitland, öffentliche Arbeiten; Lloyd Greame, Handel; Salisbury, Lord - Geheimsiegelbewahrer; Neville Chamberlein, Gesundheitswesen; Wood, Landwirtschaft; John Gilmour, Staatssekretär für Schottland; Perey, Unterricht; Douglas Hogg, Generalsiaatsanwalt. Diese Liste hat heute abends Bald Win dem König überreicht. Morgen vormittags wich der König einen g eheivreri Kronrat einbernfru, in dessen Verlauf er den neuen Ministern Siegel und Abzeichen ihrer Aemter überreichen wird. Die Minister werden dann dem König den Eid leisten. Eine Stunde vorher wird der König die zurückgetretenen Minister der Labour- Regierung empfangen, die ihm die Siegel ihrer Ministerien übergeben werden. An neues Psfic-Kabinett. MMiidianst der „Wiener MorgenzolUmg".) Belgrad, 6. November. Der Radikale Tri-skovie cvbieit i;icu-{c um 2 Uhr früh vom König den Au-ftm-a, de>nr erkrankten! Pa sic -den Auftrag zur Bildung des Kabinetts zu übevbringen. P a s i c hat den Auftrag zur Kabinettsbildung angenommen und folgende, durchwegs aus- RadivW-on und Pri-bicev«ic-Domakvaten zn'sa.m«mengeisetzte Regierung gebildet: Mim'fterprä«stdmm: Pa sic; Inneres: Maxim-ov i c; Kultlis:' P r i b -i c e v i c; Finanzen: Stojadin -ov i c; Post und Telegraph: AeliwirV-uiki c e v i e; «Handel: Andreas Staute; Krieg: General Trif-nn-ovie; Justiz: L u k i n i e; Sozialpolitik:. G r i s -o g o n >o; Bergwerke und Forste: Miletic; Agrarreform: Wnjncic; Hygiene: Sladko Milutic; Minister' für die Konstituante: Marko Gjurielic. Tie S«lupscht«iua durfte auf Verlangen der Radikalen n-och in dieser Woche durch kön.iglichein- Ukas a ufgelöst und Neuwahilen ausgeschrieben -werden. Organisationen nach dreistündiger Beratung unbefriedigt den Sitzungssaal. Abends traten die Vorstände der ' Bü!ndesbah-nanaestellte^ovaanisaitiiouen z»u Beratungen zusammen, in welchen sich die Unterhändler für die heutigen Verhandlungen neue Direktiven geben ließen. -Heute vormittaos findet abermals eine gemeinsame Sitzung ■ der Unterhändler der Eiseubahnerg'ewsrksckMften statt, worauf dann diese nochmals mit.der Generaldirebtion in Fühlung treten «werden, ihr den onidgültigen Standpunkt der Bediensteten darzuleaen. Sollte es bis heute Mittag z-u keiner Einigung kr,mimen, so ist tatsächlich der. A n s b r -n ch des Ei s e n b ahne r st r e i l § zu befürchten. Die Deutsche Berke«hrsWirerEschast hielt geistern im RathaNse eine Versammlung ab, in der mi«tg-eteilt wurde, daß die Berkehrsgswerkschaft das Angebot ' der GeneraldireWon a«b'lehne. Die Versammlung beschloß, falls bis in die ersten Stunden des he.utigen Mchmittags nicht neue Vorschläge von der GenevaldirÄtion erstattet werden, morgen n«m 24 U«hr den Betrieb ein-- zusteilen. Auch der Rechtsschutz- und Gewevlschastsvieroin der sozialdamokratischen Eisenbahner hat bereits in die Provinz 'die' 'Weisung zur B-e r ik t hr sein st e l- .lnng..s.ür haute mitternachts für den Fall HinMsgegictben,, daß^ HA HZW. MttagS ke«rr'.-annehmbares ^"An!bÄ^ dLr'-Äm'ÄÄWon' 'V-Miegen '«Mie." Der Zwischenfall in FngolftM. ^Ei'gendieust der „W-icner MovgenMiitnng".) München, 6. Novembcu. Die bayrische Regievuing hat zur Klärung des Z «w i s ch e n f a l I e s i n Ingo lstadt eine Untersuchimgokommisfion entsandt, die bis jeltzt folljeeudes feststellte: Die Belästigungen- 'der Eu-tenteoffiziere begännen bereits >w ähre n.d. d e r K o ntroil'le.' Einem größeren Polizeiaufgebot gelang es, die Mlgen Burschen, welche «die Jnterälliievte Kontrollkomimission -nm«drängten, zu vertreiben. Als «die Entente-- off.iziere mr Begl-iffe waren, Wider «wegzusahren, drangen -plötzlich ans verschiedenen Nebenstraßen einige Gr«nppen junger Leute neuerlich vor, überrannten die Polizei und verhinderten das AutomMl an «der Abfahrt. Gegen den Kvastwage-n wurde Steine ges ch >l u d er t und seine Insassen «wurden a ngespuckt. Tätlich angegvWn wurden sie nicht. Die Polizei trieb Mießlich die Burschen ausetnander und nahm mehrere BevhaftmMn vor. Rakowsty besetzt die Pariser russische Botschaft. Paris, 6. Novomber. Ratowsky hat «heute vor- .mittags im Na-lnen der Somjetregreruug von «dem alten Mssi-schcn Botschaftsgebäiulde Besitz ergriffen. Erreist^ morgen nach London zurück, «wird aber jedenfalls in oinigen Wochen «wieder nach Paris fcwnwu. Der ungarische Geueralkomnü;^ . . (Eigendienst der „Wiener Morgenzeiftlug".) Budapest, 5. November. Wie „Az Ujsag" von insorunerter Seite erfährt, hat das G e n e r a l s e k r e t a r i a t des Völkerbundes an die ungarische Regierung das Ersuchen gerichtet, eine Aufstellung über die noch be-ftehenden Einschränkungen der Aus- und Ein- , fuhr vorzulegen. Das Ersuchen stützt sich auf die Klausel des Genfer Protokolls über die ungarische Sanieruu-gsaktion und die ungarische Ausländsanleihe, wonach «das System der Aus- und.Einfuhrverbote in Ungarn sHrittiueif-c abzubauen ist. Är. Marx editzeukauditzot. ^.Eigendienst der „Wietter Morgenzeitung" Berlin, 8. November. NeichSkonzler Dr. Marx wuroe von der Delegiertenversammlung der Ze-ntrums-par-rei in SchleNv-ig-Holstein als Spitzenkandidat au-sgestellt. Es rast der Schmoü... st. Wie n. 7. November. Die Wiener Presse schreit: „Mord! Blutiger, verruchter Mord, der Sühne heischt... Sofortige, gründliche S'i—i'i—h—h—n—e!!... Wir können es nicht länger dulden, daß...!!" Was? - Ein neunzehnjähriger Gymnasiast hat seine Lehrer roh beleidigt. Er hat ihnen in der Schulklasse, in Gegenwart der Mitschüler, ein unflätiges Schimpfwort zugeschleudert, ohne unmittell>aren Anlaß, nicht in der Erregung, nicht im Zorn über soeiben erlittene llybill. Die Lehrerschaft hat die Entfernung des Schülers'aus der Lehranstalt verfügt. Der junge Vi-ann, Sohn reicher Eltern und durch den Ausschluß loeder einer materiellen noch einer moralischen Katastrophe ausgesetzt, hatsich das Leben genommen. Die Wiener Jonrnatiftik hat sich des Falles bemächtigt und schwört Poch urtd Schwefel aus die Häupter der Lehrer herunter. Sie schreibt von einer hingemordet-en noblen Seele, von perversen Kathedersadisten, die in ihrer zün-stigeit Gehässigkeit gegen jede freie Regung der Jugend einen jugendlichen Gdelrebellen feig ermordet ha'bett. Sieschreit nach dem Stadtschulrat und Staatsanwalt, damit das heilige Anrecht der Jugend auf Beschimpfung der Lehrer gewahrt bleibe. Die heutige. Gesellschaft, auf welcher die Kriegsschuldlastet, hat der J-ugend gegenüber ein schlechtes Gewissen. Sie hat diese Jrrgend um eine schöne- Welt betrogen und sie in ein der höchsten moralischen, sind moseriellen Werte beraubtes Jammertal versetzt. Aus einem dunklen Drange heraus will sie der J-u gel'H ettvas geben, sie teilweise entschädigen.. Auch iu der. Journalistik, welche in der Redakt-ionsschbe und im Kriegspresse-; quartier so eifrig mitgeschürt und ntitgehetzt hat, regt sich vielleicht dieses Bedürfnis. Wirkliche Werte hat aber diese Gesellschaft nicht. Auch sie hat im Krieg für lange Zeit hinaus alles verloren. Sie kann die Jugend nicht mit Gedanken, mit fruchtbaren Ideen, mit einer gefestigten Weltanschauung beschenken, weil sie dergleichen nicht mehr hat. Aber schenken will sie ihr eüvas, so schenkt sie ihr: das Recht autf Selbstanbetung, auf Selbstüberhebung. Sie läßt sie Rebellion spielen. Arme, junge Rebellen, die nicht wissen, für und gegen was sie rebellieren. Armer Dhonias Schwarz! Man hat ihm den Mut verliehen, seinen Lehrern Verachtung ins Gesicht zu schleudern, ohne ihni die Kraft zu geben, die peinlichen, wirklich nur peinlichen und gewiß nicht tragischen Folgen seiner heldischen Tat zu ertragen. Er suhlte sich als Triumphator, als er vor versammelter Klasse - der kleinlichen Rotte engbrüstiger Schulfüchse gegenüberstaud, deren AMinderwertigkeit in den SchülerversammÄngen ihm gewiß mehr als einmal restlos bewiesen worden war. Aber als diese arntselige, von ihm so vemchtete Rotte ins Konferenzzinnmer verschwand, um ein Urteil über ihn zu sprechen, würgte ihm die Aufregung die Kehle zu, und das Urteil traf keinen Rebellen mehr, es traf einen zitternden Schuljungen, der in kindische Verzweiflung und in den Tod taumelte. Und so wie es diesem Thomas Schwarz erging, wird es allen Jungen ergehen, denen man hohe Worte - und mächtige Gebärden gibt untb sonst nichts; denen man die Fertigkeit schen«kt, die Feigheit und Schwacbbcit ihrer Väter und Lehrer zu erkennen und zu verurteilen, ohne ihnen selbst Mut und Kraft Alt verleihen. Wer glücklicher ist wie Thomas Schlvarz und der Schul« entrinnt, den wird das Leben zerdrücken. Glauben die entrüsteten, zeitungsschreibeiiden Jugendretter wirklich, daß das Recht, bent Lehrer straffrei ins Gesicht zu spucken, unsere Jugend und mit ihr die». Welt einef schöneren Zukunft entgegensührt? Ich glaube es nicht. Hingegen glaube ich, daß die journalistische Entrüstung über den traurigen Fall des Thomas Schwarz viel gelinder uild zeilenärurer ausgefallen wäre, wenn der Operndirektor früher denlissioniert oder die Kmderschänderin Kadivec einige Tage zuvor ihre Enthülltmgeu der vornehmen Gesellschaft Wiens produziert hätte. Thomas Schwarz hatte das Gluck oder das Unglück, un einem sensationsfreien Tage zu sterben. Sonst hätte die Wiener Journalistik den Drang, ihre ailgesammelte E-wvüstunig. auszllgietzen, am Falle Strauß und am Falle Kadivec ausreichend betätigt. Für Thotuas Schwarz wäre nicht gar viel übrig geblieben. 2

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