Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2049 (31.10.1924)
- Date
- 1924-10-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2049 . _ Men, FreWg Was M in der jfitofa" Hör? Plötzliche Schließung der „Wsja"-Küchen. Vor einigen Jahren wurde eine Wirts-HaiftsorgMsation jüdischer Angestellter gegründet, welche -in der Folge mi Hilfe des Joint zwei Mittelstand skürhen betreiben t-on-nte. Dieise Küchen wnird-en als Wchlfghrtsinstitutionen gesiihrt und der Joint stellte die notigen Mittel zu ihrer Erhaltung bei. Als dann der Joint liquidierte, wurden die deiden Küchen der ,Moja" im Hinblick artf -den Wohlfahrts-zw-eck von einem Komitee M Weitersühvu-ng üöevnomm-en-, an Lessen Spitze der Floridsdovfer Ralbbimr Dr. Rosen mann steht. Die ,Moja"- Küchuc, die gegen 25 A n gestellte beschäftigen, werden von zirka 150 Personen täglich freq-mnti-ert, welche zu -billigen Preisen Mittag- und UbendesseN vvhalt-en." Insbesondere seit der Schließung der Mewsa aca-dem'iüa judaioa sind die ,/Woja"-Kü-chen sür eine Anzahl jüdischer Studenten die einzige Möglichkeit, ' um M einem erschwinglichen Mittagu>nd Abendessen zu gsliaugen. Gestern Iwinvden die Gäste der ,Moja"-Küchen Lunch eine Kuudmachml-g überrascht, die sich an gesperrten Türen befand; sie Iiautet: „Es wird hiermit beka-nutgegeüen, daß die Küchen der „Wo>ja" wegen Personatw echsels siir einige Tage geschlossen bleiben. Me Wiedereröffnung wird demnächst bekanntgegeben werden. Der Borstrmd." Ebenso überrascht wie die Gäste,' die vielfach für die Mahlzeiten vownsbezahlt haben, -war das'Personal.der ,-Woja", welches sich bereits am frühen Morgen eingefunden hatte, um seine Arbeit aufzunchmen. Bon der beabsichtigten Schließung des Betriebes war es nicht v e r st ä n d i g t i.vorden. Wie uns mitgeteilt -wird, ist das Perisonail vor -kurzem gekündigt worden. Die Berwaltung der „Woja"-Küchen durch das erwähnte Komitee, beziehuing-siweise dessen Geventen — es wurde daraus hingeartbeiiet, aus -der ,Moja" ausgerechnet eine Kreditgenossenschaft zu machen und zu diesem Zwecke wurde, um einen Teil des Gründu-ngska-pitals zu evlaiMN, ein Waggon Mehl verkauft, so daß sich, als dann die Gründung der Kveditgm-osi-enfchklst nicht vorwärts ging, infolge der Notwendigkeit, das M-ehl zu erhöhtem Preise nachzuschaffen, ein B erlust von fa,st 25 M iIl-ion en Kronen ergab — ließ das Personal befürchten, daß nicht die nötigen Mittel vorhanden sein dürften, um die Ansprüche des Personals zu befriedigen, daher eri.rirkten die Angestellten* eine einstweilige V e r f ü g u n g über die vorhnadonen Vermögenswerte zur Sicherstellung ihrer etwa 46 Millionen betragenden Ansprüche. * V Die Führung der „Woja"-Betriebe ist /bereits seit Längerer Zeit unter großen Schwierigteiien vor sich gegangen. Die Angestellten haben dem verwalteten Komitee den Amtrag gestellt, daß der Betrieb von ihnen zusammen mit einem Komitee Mitglied geführt werde, da sie stets die Ansicht vertraten, daß sich -diese Institution aus ergo n cm.. erhallten könne, wenn sie r i -ch t i g v e r -w -ltet werde. Eine vierwöchige Probe ergab auch die Richtigkeit dieser Ansicht, da das Betriebsdefizit geschwunden war. Das verwaltende Komitee hat aber den Antrag, .diese Form der Getkiebsführung ans sechs Monate auszudehnen, wodurch der Bestand der für viele jüdische Studenten, Angestellte, Pensionisten usw. wichtigen MNelistaudsküchen aus längere Zeit gesichert worden wäre, abgelehnt. Statt dessen -werden nun plötzlich die Küchen geschlossen. Da es sich um eine WohHahvts- und Füvsorgeinstitntion handelt, an deren Erhaltung die jüdische Oeffentlichksit sicher ein Interesse hat, fo fragen wir: „Was geht in der „Woja" vor? Warum werden die Küchen geschlossen, ob- - wohl ein Modus gegeben war, sie mindestens Noch sechs Monate, und bei vollem Gelingen der schon drvvch vier Wachen bewährten BetvvebsfühMng auch w-eiterhin zu erhalten?" Die jüdische OeffentlUchkeit hat em Interesse daran, auf diese Frage eine völlig aufWr-en-de Antwort zu «chatten. j Sin SMgtzis k« Braud gMckt. Der Gefängniswärter wurde vorher ermordet. Aus Breslau wird uns gemeldet: Das Gefängnis k H albau wurde m tfefet vergangenen Nacht in Brand gesteckt. Bei den Löschungsarbeiten wurden an verschiedenen Stellen der Gefängniswärter und seine Fra« ermordet aufgefunden. Auch die zwanzigjährige Tochter der beiden Ermordeten wurde tot gefunden. Die Täter sind unbekannt, doch vermutet mau, daß an dieser grauenvollen Tat ein L a n d st r e i ch e r betejligt ist, der gestern in das Gefängnis eingeliefert wurde und seither verschwunden ist. .Professor Merlei«" - der Meldorfer Mderdieb. Wie bereits berichtet, sind vor einigen Dochen in der städtischen Kuusthälle in Düsseldorf acht d^r wertvollsten Gemälde, darunter ein Böcklin, ein Schwind, ein Li-ebermgnn und ein Marras gestohlen worden. Aus Düsseldorf wurde dann berichtet, dH die Diebe, ein Arzt Dr. Josef Huppert und ein Kaufmann namens B e r z e w s k i, verhaftet worden seien, von denen Huppert früher in Wien ansässig gewesen sei. Nun hat das Berliner Polizeipräsidium festgestellt, daß der angebliche Dr. Huppert der mehrfach vorbestrafte Hochstapler Max Kiefewetter ^ist. Kiesewetter ist vor drei Jahren'in Wen durch einen originellen _Wiener Morgenzettimg. 31. Oktober 1924 Sekt« 8 Werrabbiuer Wajer Wer die Ausgaben der Wischen Kultusgemeinde. Sie Wahrheit über dm Anhalt seiner letzten Reden. 3>y;;,"'.kn QbermMmr, H>evr Proif. Dr. CHajes, h>at m der jünDeü Zeit einige Pvedigtien geiMtien, d-ie anläßlich des gegeniwärtigen Wählikampfes um die Maudate im Kul-tnsvo-vstap-d von eiriAeluen und von Gruppen, in'Abesioindeve aber von dar „Waihilvereiniguing für foztailie Tätigkeit m diex Kultus-gsme-m-de", ent st-eilt wiedergegeben und dahin aüsgelegt wurden, als > wären sie gegen den abtretenden Vorstand gerichtet gewesen. Für alle, -welche die Persönlichkeit des Oberrabbiners und ßsine Ansichten kennen, war es sofort klar, daß hier e'm Mißbrauch seiner Aeußerungen, -also ein verwerfliches Wahlinanöver voMegt. Bon Stunde zu Stunde wurden Lieft PvMgten wnsinnizer entstellt. Einer unserer Mitarbeiter nahm Gelegen-Hoit, mit Herr Qbervabbiner Dr. Cha-jes über den Inhalt ftln-er Predigten zu sprechen. Er sagte unserem Giöwähvsmann i>m wefenMchen folgendes: ry$it meiner Neujahrs rode teilte ich errMtend mit, es isei nicht aars-geischlossen, -daß.-ich i-n abschbarer Zeit.das Amt des Wiener Oberrab-bliner^ niederl-eg e, um mich wieder auFi'chl'ießlich wissenschaMch-er Arbeit Au widmen uind daß ich mich a>u§ diesem Grumde'gedrängt fühle, eine Reihe wichtiger Probleme mit meiner Gömoi-nide durchzubesprechen. In' rno'mer ersten Rede behandolte ich die Frage der Umschtchtung der jüdischen Bevölkerung und am Versöhnu'Nigstage sprach ich über die gewaltige Bedeutung der Paläst'masrage für das Leben und die GntwüKujng >der Judenhoit in der Verstreunng. Anläßlich des Laubhüttsenfeftes wandte ich mich zwei PElismen zu, die mir angesichts der ibcvovstcheuden Nsu<- waMen in den Knltusvorst-and alls brennend eufcheinien. Gs sind, dies die Fragen der Jugenderziehung und der jüdischen sozialen Fürsorge. Ich weiß nicht, ist es Beschränkheit oder Gewissensosigfeit, wenn man diese beiden Reden dahin ausnüßen will, als ob sie gegen den abtretenden Vorstand gerichtet gewesen waren und als ob ich die Wähler aufgefordert hatte, andere» Menschen als bis mm ihr Vertrauen zu geben. Ich habe i-n moin-er zwoit>en Re-de idouMch gesagt, daß ich das, -was ich van dieser Kanzel spreche, e'benso in irgend einer anderen Gemeinde vorkbringen müßte, daß ich also Fvagm bohaMie, die alle jüdis chen Gemeinden betreffe» -und sich auf Verhältnisse beziehen, die so ziemN'ch überall gleich sind. . ... In der ersten dieser be-vden Reden, welche Gegenstand völlig entstellter Wiedergabe waren, legte ich dar: Die Wiener jüdische Kültusgome-mde hat ebenso wie die führenden jüdischen Gümeinde-n anderer Dä-nder -verabsäuimt, die Lebe-nsfmge dv^ Juidentulms in .der BerstwMing, nämlich die $ Frage der Erziehung unserer Fugend a-uifzurollen und 'hatsich daran,f beschränkt, den Relliz-ionsnnterri-cht,' der von den Staat-sgosetzen verlangt wird, zu besorgen. Damit ist natürlich keineswegs -er Konnplex der jM-schen Erziehung erschöpft. Wenn man henie darüber Magen muß, daß ein sehr erheblicher Teil unserer Jugend jedes jüdischen Inhaltes bar-ist wnd jeder fremden Strömung als «leichtes Opfer cn» he im fällt, so ist dies ja dem Umstand z-uzuischreiben, daß man verabsäumt haß die Frage der jüdischen Jugenderztichung in ihrer Größe nnd Schwere' zu erfassen. Es liegt in der Natnr der Solche, daß bei den Wahlen W die Boivstehnng diefex oder -irgend einer anderen Ge- M'e«i.nlde nicht in erster Reihe darauf gesehen wird, daß Menschen gew ählt werden, die fich von am-tswegen mit Erziehungsfrwyen beschäftigen. E's kann dies auch nicht anders sein, weil der Kultusgemei'nidevo'rstand ein Verwaltungskörper ist und sich -iMbesondeve in diesen Jahren der Nachkriegszeit aus das Intensivste mit wirtschastlichien und anderen VerwailtM'gsfvagsn zu beschäftigen gezwungen ist, daher wicht -in die La-ge kommt, Fvagen der ErMhuing in gebührender Woife zu Ähandeln. Ich habe daher meiner Meinung Ausdruckgegeben, es könnte eine Löfnng dadurch gefunden werden', daß man — gsnan .fowie dies-die StadiWmiemde -Wien tut — -innerhalb der Gemeinde autonome Körperschaften errichtet, die sich aus Fachmännern auf dem Gebiet der Erziehung zusa-mme nsetzen und sich — wie bet Stadtschulrat Streich bekannt geworden. Er hat nämlich damals unter dem- Namen „Professor Hans Joachim D öderlein" in Anssee und anderen Sommerfrischen des Salzkammergutes eine ausgebreitete Praxis als Frauenarzt ausgeübt; „beruflich" lernte er danials die Tochter eines Döblinger Kaufmannes kennen und entführte sie. Ueberdies verübte „Professor Dödevlein", der ein sehr beliebter Arzt war, Erpressungen an Hebammen, bei denen er als Polkzeiarzt auftrat. Er wurde damals in Wels verhaftet und zu einer zweijährigen Kerkerstrafe verurteilt. Nach deren Verbüßung ist Kiesewetter-Döderlein nach Deutschland gekonimen und scheint sich mit der „eigentümlichen Erwerbung" von Kunstwerken besaßt zu haben. — cm-sschlleßlich mit diesen Fragen bes.chäftigt. Diese MÄ größter Vorsicht zu wählenden Männer müssen die Moglichke-it haben, arrtorrom, also völlig ungshirwert ihre der-/ antwortuN'gKvolle Arbeit zu leiistLv,. 'Mr ^der vm» ihnen eristellte Etat unterliegt nat-Mvch der^ BMilligun-g durch den Kuiltnsvovswnd. Ich sche die Schwierig-keiiten der ersten Zeit, schon w-egen der vers-chi-odenen Strömungen im Judenibuim, aber ich glaube, daß sich die Geigensätze allmählich auKgWchen iweilde-n. Bestimmt wird aber der Kamps der Geister für die Entwicklung des Erziehungswesens segensreich sein. In gleicher Wells,e habe ich in der nächsten Rede über die jüdische soziale Fürsorge gesprochen. Ein- Neltend erinnerte ich an die hochwertige und mustergültige soziale Gefetzgebung der Bibel, welche bezeichnieulderweise sirr die Begröffe „Bettler" und „Bettelei" keinen Ausdruck hat, und wie sich allmüPich im Exil, vor allem im Mitt-Ä- Mer, an Stelle dieser Gosetzgebung <bie«t B-ibel ein System der Wohltätigkeit im Sinne von „Wmosengebein" eniwickÄi hat. Man gaivöhnte sich allmWich daran, es sür ein Gebot zu erachten, „zu gelben", und glaubte damit, seine Pflicht. euMt zu haben, ohne zu prüfen, ob der Bedachte der Gabe würdig ist und ob man ihm mit der Gabe geholfen hat. Wenn in der letzten Zeit eine Rückkehr zur altjMschr» Auffassung der sozialen Pflicht zu bemerken ist, -so läßt sich nicht behaupten, daß die jüdischen Gemeinden diese Tendenzen richtig vevstaMn hätten und bei ihrer Durchführung bis nun iWsndwie führend beteiligt gewesen wären. Auch hier gilt, -was ich bezüglich der Jugenderziehwng sagte. Es ist nicht möglich, bei der Auswahl der Mitgli-eder des Vorstandes an Männer zu denken, -welche Wer die evfo-rdeMche fachmännische Ausbilldung verfüigen rmd soziale Fürsorge zu treiben der-, stehen. Es ist. auch klar, daß -diiefsr Vevwa-ll-lmgWrPermicht Zeit finden kann, das Problem der sozialen Fürsorge , so zu bchcmdeln, wie dies einer Körperschaft möglich ist, die sich. ausschließlich Imivt dieser schwierigen Materie beschäftigt Ich erachte also die Schaffung eines Senats für soziale Fürsorge inn-Ähalb >der Geünemde für unumgänglich notig. Er muß sich aus den besten Fachlieiuiten znsamm-ensetzen, -die wir -finden- und man mutz chm Ge-Ie-Zenheit geben, den Komplex der Fragen mit allem Evnsi u>nd aller Freiheit zu bchandelln. Ich HWe fevne-r ausdrücklich, gesagt, daß & u n- -billig wäre, zn verlangen, die Gemein de hätte aus ihren Mitteln die gesamte Fürsorge zu bestreiten, ebenfow-enU .wie in dieser Be- Kichiung die SÄdtgomeinde Wien oder ein anderes Gememiwofen olle Lasten zn tragen vermag. Was ich aber für die vornehmste Pflicht der Gemeinde hallte: Sie ^nutz den Vereinen Md Körperschaßten, -die sich mit Fürsorge befassen, den richtigen Weg zeigen, und Me Probleme aufzeigen und lösen, deven Beha>M'.vng Privaten nicht -WeMssen lwevden dar' Ich Hube in diesen Predigten die jüdische Devölkeru-ng aulfgefordert, -dafür zu sorgen, daß der künftige Vorstand sich mit diesen zwei wichtigsten Fragen so beifchäftige, wie es -°de>r Ernst und die Verantwortu«ng der -Gegenwart erheischt. Ich .beabsichtigte mit Liefen Au-ssührunge-u, das Niveau der Wahlbewegung zu heben und dem künftigen Fühvem der Gemeinde die Möglichkeit zu geben, über die Pflichten n-achz-udenken. die sie übernehmen. Es hat sich mir nicht um Rekriminationen gehandelt, sonder« einzig und allein um die Arbeit in der Zukunft. Sollte ich mich in ab-schbavor Zeit ^bsmüßigb seihen, mein Amt aufzuge'den -und Wien zu verlassen, so wird es mir tiefe Bievuhigung sein, mit -der Ueberz-eugung zu scheiden, daß der neue Vorstand e-ru-st und vera-ntwortnngsvo-lk au der Behandlung und Löfn-ng dieser Fragen arbeitet Ich kann dies bum Männern, die unter schwersten Opfern in de« letzten Jahren die Saniermtg der Gemeinde in die Wege geleitet haben um so eher evwarten, als ich nach jahve-la-nger Zusamimenarbcit w-e-iß, daß mnit-er ihnen Persönlichkeiten vorhanden sind, die ebenso wie ich die überragende Bedeutung dieser Fragen erkannt haben un-d ebenso wie ich Wege zn suchen bemüht sind, sie einer gedeihliche» Lösung zuzusühre n. Bor einem allzemekne» Musikerftreil. Der Orchesterstreik im Bitrgertheater. dauert fort. Indessen richtet das Bürgertheater mit Hilfe der Wiener Sprechbühnen einen Prosabetrieb ein. Morgen und Sou-ntag abends gastiert das Deutsche Bolkstheater, am 3. und 4. November wird „Die Großfürstin und der Zimmerkellner" mit Leopoldine Konstantin und dem Ensemble der Geper-Bühnen, Dienstag „Wera Mirzewa" mil Frau'Orska gegeben. Die Musiker kündigen für den 4. November de« Ausbruch eines allgemeinen Mnsikerstreiks in den Theater n einschließlich der S t a a t s v p c r an.