Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2028 (10.10.1924)
- Date
- 1924-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ae Wahlkampagne bereits in vollem Sang.—Ae Thronrede des Königs. (Eigendieust der „Wiener Morgenzritu«-".) London, 9. Oktober. Knapp vor Mitternacht war die .Mdevllvge Mae Donalds im Unterhaus bestegM. Zuerst wmde über den konservativen Mißtraüensantrag abgestimmt. Er wurde unter allgemeiner Bewegung mit 369 gegen. 196 Stimmen ab ge l ehu t. Daun wurde der l i b e r a I e A n t r a g aus Einsetzung einer Uniersnichungskommisiion mit 394 gegen 198 Stimmen angenommen. Gegen dm Antrag stimmten 182 Abgeordnete der Arbeiterpartei, 2 Konservative, 2 irische Nationalisten und 12 Liberale, darunter K e nworthh. Erklärmng Mae Donalds Uber: die Neuwahlen. Sofort nach Eröffnung der heutigen Unterhaussitzung fragte B a l d w i n den Minffterpräfibenten, ob er eine Er- Kavnng abzugeben habe. Mae Donald bejahte die Frage, trtcr tiefem Schweigen gab Ramsay Mac Doald damus folgende Erklärung ab: „Ich bedauere sehr, daß die gestrige Haltung der Leiden oppositionellen Parteien a l l g e meine Wahl e n notwendig gemacht hat. Ich hatte heute morgens eine Andienz veim König, Vernich die Auf- VsS«S' des.^KarhmienK HÄ michMnächtigt, dem Untechatze^litzüteiM dH er i der Auflösung des Hauses zustimme." Mae Donald teilte sodann mit,' -daß .die G e m e i n de-- w ah len am 1. November stattfinden werden. Das . Kabinett. ist gu dem Schlüsse gekommen, die Unterhaus- Wahlen vor den Gemeindewahlen ftattfiiuben zu lasier». Darum schlage er vor, .das Unterhaus aufzulösen und die Wahlen sofort auszuschreiben. Wenn das Parlament heute abends ausgelöst werde, dann.könnten die Kandidatenerklärungen am 18. d. stattfinden. Die Wahlen würden sodann am 29. d. vorgenommm werden Wunen. (Beifall aus den.Banken der Arbeiterpartei.) Darauf wurde die Sitzung um 6 Uhr abends vertagt, um den Abgeordneten Zeit zu lasien, sich nach dem Ober- 'haüst M begeben und dort die Rede des Königs anzuhören. Verlesung dev Thronrede rm Overhaus. Der Lord k a n z lex verlas im Oberhaus die Thronrede, durch die das Parlament vertagt wich. In her Thronrede heißt es: Mei.«e Beziehsingen zu den a u8wär 1 i° gen Machten.sind Weiterhin freundschaftlicher Art. Die Annahme/ des D a w e s - B e r ich i e s durch die in Betracht kommenden Ndächte wurde von der im Juli und August in London abgehaltenen Konferenz bestätigt. Dieses erfteuliche Ergebnis ist dem weitherzigen Geist des.Zusammeniivirkens zu verdanken, mit dem von den in Betracht kommenden Mächten an dieses sehr schwierige Problem herangetveten wurde. Ich glaube, >daß diese Regelung in hohem Maße zur Wiederherstellung des internationalen Handels, beitragen wird, von dem die materielle Wohlfahrt dieses Landes in so hohem Maße abhängt. Unmittelbar nach erfolgter Verständigung zwischen der französischen und der britischen Delegation in Genf hat die 'Bölkerbundversammlung ihre Vorschläge für das Schiedsgericht und die Sicherheit formuliert und damit einen bedeutsamen Fortschritt $u einer Verhinderung der Rüstungen gemacht. Dieses Protokoll wird' sobald als möglich dem Parlament vorgelegt werden. Die ThroHede bezeichnet dann den Abschluß der englisch-russischen Verträge als notwendig es E I.c rn.c n t für die allgemeine Befriedigung und die wirtschaftliche Wiederherstellung Europas. Nachdem die Grenzstreitigkeiten im Irak und der Abbruch der Verhandlungen mit Aegypten eriwähnt worden sind, heißt es weiter,- daß trotz der schwierigen Lage des Handels .eine deuNche Wfserung m.verschiedenem-.wichtigemIn-.. dustvien eingetreten sei. . ^7 'Me Erergnrsse, dro zur.Parlamentsäüslösnng geführt haben, werden in der Thronrede nicht erwähnt. , -; f ' Die Wahlkampagne geht los. Labours oder Konservative? Londoy, 9. Oktober. Mac Don a l d ewfsnete heute die Wahlkampagne mit einer Rede,'die er nachmittags auf dem Parteikongreß der Arbeiterpartei in der Guild Hall hielt.' Die „Evening News" erklären gleichfalls die Wa'hl- Lanrpague mit dem heutigem Tage.für eröffnet.-Man -habe sich auf einen i nie nsiven und wa hrscheruli ch sehr erbtttc r-te n KamPf 'gefaßt zu machen. Sowohl in der konservativen wie in»der sozialistischen Partei gingen - die Meinungen dahin,' daß der Kampf, hauptsächlich zwischen diesen Parteien zur Austragung gelangen-werde. Auch. „Evening Standard";; meint, daß sich die Hauptschla.cht. zwischen den Konservativen und der Arbeiterpartei abspielen werde. Die Konservativen veranstalten am Freitag a b e n d s ein M a s s e n m e e t.i.n g in der Alberthaü. Baldwin.wich bei diesem Meeting sprechen,. Die deutsche KsMlonsertveiterung gescheitert. (Eigendienst der „Wiener Morgenzertung".) Berlin, 9. Oktober. In der vormittags cchgehaltenen Besprechung des Reichskanzlers Dr. M a r x mit den Führern der Koalitionsparteien, gab -er Reichskanzler, einen Ueberblick über die Ergebnisse der gestrigen Fraktions- - sitzungen und erklärte, daß er anseinen Richtlinien festhalte. In der Aussprache, die nachmittags zwischen dem Reichskanzler und den sozialdemokratischen Fraktionsführern stattfünd, wurde von diesen festgestellt, daß der gestrige Beschluß der deutschNaüonalen Reichstagsfraktion mit den Absichten des. Reichskanzlers unvereinbar sei und daß sie daher den P l ä n d e sReichskanzlers als gescheitert betrachten. In der Besprechung des Reichskanzlers mit den . Beauftragten der deutschnati0nal'L-n' .V0lkSpart.e i wurde vom Reichskanzler, die Stellungnahme der sozialdemokratischen Vertreter mitgeteilt.. Die deutschnationalen Vertreter nahmen von der dadurch geschaffenen neuen Lage Kenntnis. ' Der Reichskanzler teilte hierauf mit, daß er nunmehr die Verhandlungen über die Schaffung einer Regierung unter Einbeziehung der Deutsch-, nationalen und der.S0zia.ldemökraten als erledigt ansehe und sich morgen neuerlich mit den Parteien über den nunmehr einzuschlagenden Weg ins Einvernehmensetzteu werde. ■ Die deutsche Bolkshartei will eine Rechtsregierung. Berlin, 9. Oktober. Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, / hat . die deutsche Bolkspartei Dr. Scholz und Dr.. Cu r t tu's zum Reichskanzler entsendet, um diesem mitzuieileu, daß nach ihrer- Auffassung der Reichskanzler setzt mit seinen Bemühungen in der Richtung der Bildung einer nach rechts erweiterten Regierung emsetzen müsse. Huffein verläßt Hedschks. Dschidda, 9. Oktober. Der ehemalige König H u f f e t n ist aus Mekka hier eingetrossen. ,Er dürfte morgen Hedschas mit uybekanntem Ziel verlassen. Polens «rößte TeMBrik abgebramt. Riesiger Schaden. Aus Warschau wird uns gemeldet: Die größte. Textilfabrik Polens, die der Firma Gebrüder Deutsch, gehörenden Webereien und Spinnereien in Bielitz, sind durch ein heute nachts allsgebrochenes Schadenfeuer fast völlig vernichtet worden. Ungeheure Vorräte an Rohstoffen und Frrtigfabrikaten sind verbrannt. Labours Mauz. . -Kr. W t c ii,-10, Oktober. Mac Donald ist gestürzt, das UnterlMs ist^ aufgelöst, und wenngleich in diesem Augenblick noch nicht gesagt werden kann, wie sich. die. nächste Entw.icklüng der Krise in England gestalten wird, so ist es doch.sicher, daß Mac Donald und seine Partei bereits 'alle Vorbereitungen getroffen haben, um in'den Neuwahlen das Land zu überzeugen, -daß die Politik der Av'beiterregierung gegenwärtig die einzige ist, die England in seiner inneren Politik auf den Weg der ruhigen friedlichen Entwicklung zu führen und Europa vor neuen Erschütterungen zu bewahren vermag. Nicht nur im Parlament,sondern auch in der großen Presse wurde von den Gegrrern des Kabinetts der Sturz sozusagen psychologisch vorbereitet. In den ■ großen englischen Zeitschriften sowohl Englands, als auch -Amerikas wurde Mac Donald systematisch bald als der „Nuntius des Bolschewismus", bald wieder — und dies mit dem Zwecke, den linken. Flügel der Arbeiterpartei gegen ihn zu stimmen — als ein „wohlwollender . Geheimagent des Kapitalismus" angeschwärzt. Diese Attacken veranlagten den Premierminister dazu,.'von seinem außen- und innerpolitischen Programm so rasch als möglich soviel unter Dach zu bringen oder zunrindest vor- 'zubereiten, als er notwendig hatte,'nm in. allen demokratisch orientierten Kreisen.Englands, seinen Sturz und seinen. Abgang als ein Unglück .empfinden, zw lassen. Ge- - rade Wil Mac Donald auf.seiMM Wege der. Vrogrammt ersüllring 'in der letzten. Zelt ein rascheres, und. ener- 'gischeres' Tempo einschlug, . hiWu es W Heiden gegnerischen Parteien, die- Konservatsven und Äheralen^ für 'geboten, die Bestimmung-des Zeitpunktes-für. den'Sturz 'des Kabinetts nicht Mac Donald selbst zu - 'ülberlassen, 'sondern ihn schon sitzt herbeizuMren. . '. . ' Man ist in England, allgemein der Ansicht, daß die Gegner der Ärbeiterpartei schön zu lange gewartet. haben, denn die Regierung kann bereits heute mit einer Bilanz ihrer. Politik in den WaWamps eintreten, die nicht nur bei den organisierten. Avbeiiern,. sondern auch.bei den linksstohenden. Liberalen .und bei allen "Wählern-wirken muß' die jeden neuen Versuch verdammen-,,die.friedliche Entwicklung, die dank der, Politik Mac - Donalds die europäische Frage in den. letzten Monaten. genomrüen hat, zu stören. Auch die nicht in der Arbeiterpartei organisierten Wählerkreise können nicht gleichgültig an der Tatsache vorü-bergehen, daß.-die führenden Börsenwerte im letzten halben Jahr gegenüber dem gleichen" Zeitabschnitt im Jahre 1923 um 5 bis 10 Prozent gestiegen sind, daß die Ausfuhr im. Verhältnis.zur.ersten.Hälfte des Vorjahres eine Steigerungvon 16 Millionen Pfund Sterling, austveift. und daß . schließlich das Pfünd in seiner Relation zum Dollar stabilisiert wurde.' -Viel augensälliger allerdings sind die' Reformen aussozialpolitischem Gebiet. Die Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung von 26 auf 41 Wochen bei gleichzeitiger- Erhöhung der wöchentlichen Unterstützungum 3 Schilling für Erwachsene und um das Doppelte.für Kinder, sowie eine radikale Aenderung der gesetzlichen Bestimmungen über den Rechtschutz der Arbeiter und der Arbeiterfrauen haben wohl die Nervosität der Konservativen und großkapitalistischen Liberalen aufs -äußerste -gesteigert, desto euger aber die organisierten Arbeiter mst-chem Ka-. b.inett verbunden: Diese sozialpolitischen Reformen erstrecken sich nicht nur auf die-Industriearbeiter. Auch die landwirtschastlichen Arbeiter und selbst die Schiffsarbeiter und Matrosen würden durch die Inkraftsetzung der.Bestimnmngen des, internationalen Av'beiterübereinkommens mit einem erträglichen Existenzminimum und mit anderen bisher, entbehrten Begünstigungen bedacht. Von großer Bedeutung'sind auch die unter dem Kabinett zustande gekmnmenen gesetzlichen Bestünnmingen - gegen den Mißbrauch jugendlicher Arbeiter und betressend die Altersversicherung der' Arbeiter und ' Arbeiterinnen. Durch den Sturz der Arbeiterregierung erscheint auch die Durchführung des vom Gesundheiismimster lausgearbeiteten grandiose!: Wohnbauplanes gefährdet. Nach, diesem Plan sollten -bereits im Jahre 1925 90.000 und fortlanfend bis zum Jahre 1939 zusammen 225.000 neue Wohnhäuser mit Hilfe des Staates zu einem Baupreis erricbtet werden, der auch-der arbeitenden Bevölkerung den-Mietzins erschwinglich macht. Zu diesen innerpolitischen Errungenschaften des . Kalbinetts Mac Donald, die ja für die Wahlaussichten von unmittelbarer großer Bedeutung find, muß das pa- 1111