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Wiener Morgenzeitung · 1924-10-05 · Heft 2024 (5.10.1924) · p. Seite 11

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2024 (5.10.1924)
Date
1924-10-05
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. tz024 Wien, Sonnlag Bühne und Kunst. eine jüdische KlelnklMsMhue in Men. De »machst wird in Wien unter der Führung eLner Gruppe jüdischer Schriftsteller und unter Mitwirkung der bekannten MttgMer der Wilnaer Truppe Joses Bulow und Äjuba K a dis oh n eine literarische jüd ische Kl einku nstv ühne eröffnet. Die moderne jüdische Wortkunst sowie die eigenartige jüdische Musik und das jüdische Lied, nicht minder natürlich der - spezifisch jüdische Humor wenden hier eine vornehme künstlerische Pflegestatte finden. Schon der Name der Heiden genannten ostjüdischen Künstler, durch ihr Wirken während des Wiener Gastspieles'der „Wiluaer" ack der Roland-Bühne rümlichst bekannt, ' sind Gewähr dafür, daß das jüdische künstlerische Unternnehr^en Wveau Haben wird. Zer blaue Basel mm® mm -<ss» Zum zweitenmal ist der laue Bo geil" an Men eingelehrt, nachdem er zwövf europäische Lander durchquert hat. Das Programm war zuiv größten Teil ntii Um es in kurzen Werten gu sagen, es hat enttäuscht. Man fühlt deutlich, daß der jahrelange Aufenthalt in der Frentde,die Losreißung vom rnsfischeit Mutterboden dieser Klei-nkmist die besten Säfte entzogen hasten. Waren die Nemen Szenen früher aus der Beobachtung und dem Erlebnis des russischen Menschen gedichtet, so sind die tmtefl Bilder nur aus der Erinnerung an frühere Eindrücke entstavpen. Sie tragen daher den sentimentalen Schimmer der Vergoldung als Festgewand, nicht dre ur- Wiener Morgenzertrmg. sprüUgliche' Einfalt >ünd Frische. Es ist daher leicht erklärlich, daßdie grotesken^ Genrebilder mähr eingeschlagen haben als so manche romantische Liebesträumereien, vor allem die reizenden SpielzeugftgnM der Zinnsoldaten. Auch in den. Dekorationen merkt man alle möglichen westlichen Einflüsse, nur Leine neuen russischen Ideen. Das Publikum aber, teilweise aus Neulingen bestehend, die zum erstenmal vor ein literarisches Kabarett geraten waren, spendete unermüdlich Beifall, besonders dem Direktor und Conferencier I. Jushny, der sicher nach Ablauf vontveiteren zwei Jahren die deutsche Sprache ebenso radebrechen wird wie diesmal, dt.! Ein christlicher Künstler ■ ■ Mp apma iiiriixnhG 7Tinr}f*r> f ■ MP a.pm& iiiriixnhf* Kir)ri(*r>t ■ des berühmten Amateurvlrtuosen auf dem Flügelhom jjj 5 Pro?. Dr. MAX SOSTARIC i ' im Augarten » 8 am Samtagj 18, Oktober, y.8 Uhr abends J a miTT S6$8 KRONEN , i ■ Es wird, gebeten, mindestens-fünf Karten zu £ n kaufen und den dafür aufgebrachten Betrag als , ■ Spende für die jüdische Kinderhilfe zu betrachten! n ■ Der Oesamterlö* wird der JQd. Klndorfilrsorge—Wieii und ■ ■ damit allen in der Wiener Jüdischen Kinderhilfe tätigen Organ isan » nonen und Vereinen und dem Koren Kajemeth L’jisraei rum (0 ® Ankauf von Land für die Unterbringung jüdischer Waisenkinder u ■ ■ (vor allem auch Pogromwaisen) zugewendet g ■ Wii*npr I f Lasst den Christlichen S g vvrenci fUUCn. Veranstalter des Kon- * « *«5*6s in seinem Liebeswerk für arme jüd. Kinder 2 ■ edeht im Stich l Kommt alle u. gebt nach Kräften! » ■ *u haben im Bureau des Keren Kajeriietli.il. Zirlnisg. 33, _ bei der jüdischen Jugendfürsorge, I. Seltenstettengusse (Kultus- ® gemeinde), in der Buchhandlung Lüw'it, I. Rotenturmslr. 22. bei der 2 5 ^Wiener Morgenzeitung. U. Taborstrasse 1-3, und bei zahlreichen ■ S jüdischen und zionistischen Vereinen ® weitere Verkaufsstellen werden bekanut gegeben werden * BBBBBBBBBBBBBBBII BRKSiBBOBBBBBBBBBBBIBBIB ö. Ofti'kr 1924 Sitte 11 Richard MWMtvmN. Modernes Theater. Bor zwei Jahren schon wollte er sich in Wien nieder« lasten, kam ans Volkstheater, trat in „Mandra-gola" auf, wurde bejubelt, mußte aber schleunigst nach Prag zurück. Es fand sich in Wien keine Wohnung für ihn. Jetzt hat ihm hoffentlich das Wohnungsamt eine zugeteilt. Laßt ihn nicht fort! Er ist ein Jreudospender. Gestern spielte er den Mustergatten in dem -gleichnamigen vortrefflichen Schwank. Warum wurde man so froh, als er die Szene betrat, warum steigerte sich die Heiterkeit zum warmen, hellen Lachen, was ztvaug die Gäste, immer wieder in die Hände zu klatschen, wie Kinder, wenn sie sich -gar sehr freuen? Weil er keine Rätsel aus-gibt, keine verzwickten Karikaturen formt, sondern mit genialischer Natürlichkeit einen ganzen Menschen. . Bei dieser Begegnung sah nian einen -tvchlgenährten, unglaublich braven,' unglaublich dummen Philister, einen Ehegatten ohne Temperament und ohne Hann. Manchmal wird dieser gute, blonde Tölpel, von Knelppkaffee und Milchbrot ringsum lieblich ansgepolstert, plötzlich energisch. Dann kriegt man Schreie zu hören, im schrillsten Diskant und von einer Kraftlosigkeit, daß man Tränen lacht. Er sagt alles so einfach vor sich hin und doch so prägnant, daß jeder Satz seiner Rolle sich zur Pointe zuspitzt. Diese Figur des Ehetölpels ist eben Ms einem Guß. Mau muß diesen „Mustergatten" im grauen Elend sehen, wenn er geMmgen ward, diverse Schnäpse zu trinken und uun, statt endlich, endlich fesch zu werden, im .sichenden Flüsterton nach dem Doktor'ruft. Wie er sich dann zu entkleiden beginnt, trotz Verlust des Gleichgewichtes nicht vergißt, die Weste sorgsälligst zusammenzulegen, die durch den Moholgenuß ungehorsam gewordenen Gliedmaßen allmählich zusammenklaubt und schließlich, ein Häufchen Unglück, unter der Sofadeckc daliegt — diese mimische Szene fetzt sich aus einer Fülle von Eingebungen zusammen. Höchst persönliche Könnt von uueehärter Durchschlagskraft. Roinanowski besteht itc'bcu Pallenberg uud unterscheidet sich von ihm, wie sich eben zwei Individualitäten voneinander unterscheiden. Man behalte ihn tun- ' sichst lange im sanierungZbvdürstigen Wien. O. A. Das Sxpenmrnt mit der Ra«mbW«e. Pmil Frifchaurrs „Im Dunkel". Mas weiß der zur Respektierung der Tradition dtt Bühnensorm erzogene Mensch mit den: dreidimensionalen Theater anzufaugeu? Kann er immer nur flächig sehen, in einer Perspektive, die der normale Selstvittkel ihm vorschreibt? Jeden falls verhilft die neue Bühne zu Anregungen, deren Effekt heute noch nicht abzugrenzen ist, verleitet zu Gefahren, die in Lhr seübst begründet sind. Ein junger Dramatiker-, der die Gabe besitzt, den Dialog straff zu spannen und ihn trotz der abstrakten Stückidee, die ans der Sphäre Otto Soykas und Georg Kaisers geboren ist, zu Entladungen aUMpeitschen! Dadurch ergibt sich eine Konzentration der Handlung mit cmfjTaiitmen-beit Höhepunkten, die die sketchartige Fabel interessant macht. Ich glaube nicht, daß die Raumbühne der Stimmung des Frischauer-Stückes gerecht werden kann. Die Menschen im Dunkel, von o'ben beleuchtet, schlügen trampelig über bin Holzboden, verschwinden trotz dem Dunkel sichtbar über die Spiralstieige uud zerstören die Illusion, sobald gerade sie erforderlich ist. Derart bleiben die Möglichkeiten, von verschiedenen Lagen des Raumes aus verschiedene GefühlLhöh-on' und eine dramatische Komposition zu erzeugen und wirken zu lass-en, mrausgenÄtzt — was nicht nur Me Dicht«««. Max MAs ,McheWÄ". — Theater in der Josefftüdt.) Wenn mach diefenr Elbend e'mer aus mich zugNkomnwn wäre und Zitiert hätte: ,Me Träne qwllti, die Erde hat mich Wiedel, ich hatt's Hrn gsglaM, ahne Verdacht, dch er sich und nur was vo^urachen wU. Selbst wenn ich ihn bisnun KomodiaM^ oder Schwätzer kannte. Seit Gechard Hmrptnmnns „Hcnmeles tHmrmelscchri" ist kem Werk geglmft, d-rs so zur Liebe Klvingt und Reue über nichtiges Tun und sündiges Unterlasten. Jedermann, auch der Verderbteste, ist für Stunden MnWms -- gereinigt. Ein entfach Spiet Mwr GauerZllmkeN. Der Name ist irreführend. Es ist Vei-n „MpostÄspiel" -n heickäUMÄichen Sinne, kein kirchliches Gassionsstnel lnnd überhaupt Seine konfestionelle AngelegenlheiL, sondern eine religiöse Wohl geht es mn die lichte E^WsergestaÜ des GhrrftengotteZ und seiner Jünger, aber Lew kZMe wird sich der diesem Geschehen und bei diesen Gesprächen fremd fühlen. Er braucht nur etwa an einen BMänger des Mischen Ehristengottes zu denken und den Namen Jesus Lurch den Namen Hillel zu ersetzen. Und er wird sich bei dem frommen Werke Max Mells, der geistig in dem Mhchos wurzelt, den er dichterisch gestaltet, destirrmt heimischer fühlen, dfs etwa bei der chvistkatholtschen-, wnechten, in geborgten Wechrauch und geborgte Sprache gchültten Mchsterieinfpielen des Juden Hoftnanusthal. Ein einfach Bvuernspwl belHÄ, daß die WreMe, Bas Muck, die lautere Seligkeit nur demn beschieden, die ohne sharm sind irnd deren Herz bis an den Rand gefüllt ist mit Liebe, so daß Neid und die Bosheit des Anterkriegenwollens, Argwohn und Mißgunst nicht Raum finden und darüber hinaus auch nicht Sorge u-ck leMrche Notdurft und um den nächsten Dag. Und weit bedeutender scheint mir dieser dramatische Bericht Max Mells von der Errettung der Gmlerrvdivne Magdalene zu sein, als Gerhard Hmchtimanns Legende von dem gemartevten, im Tode erlösten stzaunele, MMMHWel in keiner MtzvWy Vollkommenheit jenes Hilfsmittels entbehren kann, das bei Hauptmanns ,Hannele" sehr nötig war, nämlich der Krücke „Technik". Bedeutender auch deshalb, -weil -Mell in seiner unbekümmerten und ungetrübten Güte sehr heiter ist -und mit Dieser Heiterkeit die Geschöpfe seiner Dichtung beschenkt. An diesem Abend, der alte ergriffen hat, iwnrde viel und herzlich gelacht. Der Humor des jungerr Autors ist auch nicht mit einem Körnchen aburtellender Geringschätzung, Ironie Ä>er gar Bosheit geschärft. In einem verschneiten Bauernhaius, hoch oben im Gebirge, haust ein Großvater mit der 16jährigen Magdalene. Sie.hat in der Schule nicht willig gelernt. Wie ste aüf der Schulbank Feinde sah in den Buchstaben des AlphabethZ, wie ihre kindliche Phantasie im M oder R oder W ein gefährliches Untier fürchtete, jedes mit anderen GHrhren drohend, das muß man aus dem Munde des MWdchens hören,^ wobei gleich hmzugefügt werden mutz, daß Helene ThrMig des Dichters Mittlerin ist. Aber jetzt beglückt Magdalene ihr Wissen um die Schriftzeichen, denn ste kanndie Bibel lesen amd alle die Gestalten des alten a-bg^rrfsenen Büchels sind ihr so lebendig geworden, daß ste mit ihnen Zwiesprache halten könnte. Züver struppige Gesellen hat das Licht der Hütte angekockt. Nicht das Mädchen, nicht der GroKrater erkennen, wie es in der Brust der beiden Wanderer anssiaht. Es sitrd keine gewöhnlichen Strolche, sondern verbitterte Uebeplebende Des Weltkrieges, die alles vernichten wollen, kvaL besteht, weil sie es nur noch der Verni-chtmig wert erachten. Vor allem wollen sie „Leut' expedieren, die überzählig sind"; und also auch an diesern einfältigen Großvater und dieser Bauerndirne handeln, die m ihrer verbohrten Dummheit und gedankenlosen Gläubigkeit nicht ahnen» was draußen in der Welt geschah, alles aufs beste erachten, so wie es ist, und nach der Meinung Der rj.oei Schjvergeprüften durch ihr bloßes Vorhandensein die Zukunst bchindern. Für zwei von den zwölf Aposteln hält bas Mädchen Ae SKWrüch'lgen, der Großvater bestärkt die Wanderer darin, das Mädchen in diesem Glauben ,zu belassen und fördert ihren Spatz. Währerld der Alte draußen Strohsäcke für das Nachtlager der Gäste!herrichtet, führen ,/Petrus" und „Johannes" ein Gespräch mir Magdalena, das von unvergleichlicher Schönheit und in seiner selbstverständlichen Steigerung von uugeloKhnlicher dramatischer Wirkung ist. Die Gläubigkeit, die -unerschütterliche Liebe des jungen. Dinges zu den Gestalten des Büchels, mit denen sie. so vertraut ist, die Kraft ihrer kindlichen Fmgen besiegen die Fremden. „Johannes", dem die Lippen bebten, als j Magdalene -fragte, wie das sei, wenn der Herr liebe, schickt das Mädchen unter einem^Lorwand in die Küche, schultert j den Rucksack, zerrt den härteren Gerwssen mit und flieht . in die Wmternacht aus dieser heiligen Hütte, deren Beüvohner er „expedieren" wollte. Nun war es für die kleine Magdalene wirklich das eriräumte Wunder Gottes, auch den fkepttscheren Grotzvater überkommen die Schauer überirdischer Seligkeit und sie heften die gläubigen Augen an den Hellen, verklärten Nachchimmel. Die Interpreten der Dichtung, selbst ergriffen und -jeder für seinen Teil außerordentlich, sind Karl Goetz, Helene Thimig, Hermann Thim'ig und Oskar Homolka. Der Prolog, an sich überflüssig, aber schon,, wird dadurch bedeutend, daß ihn Herr Goetz spricht. Hier wird seine Kunst, -ohne Minenfpiel, ja -fast ohne Modulation der Stimme, bloß durch seeleivhafte Drache, durch Verbundenseiu mit den ihm anvertrauten Wichten Versen, höchste Wirkung zu erzwingen, zum kostbaren künstlerischen Erlebnis. Einfachste Sprache (echter, nicht geknustelter Volkston), keine „Ballungen", keine umnebelten Symbole —- und doch: das simple Spiel ergreift dich, gelegentlich ist dir wa-rmer, erquicklicher Frohmut gegönnt und dann verstummst bat in Ergriffenheit und mußt dich gar nicht schämen, befangen zu fern bvie ein Kind, das ein Wunder sah. —Wir grüßen den neuen Dichter. " " ' ' _ r Otto AbeleS." D$^C

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