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Wiener Morgenzeitung · 1924-10-01 · Heft 2020 (1.10.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2020 (1.10.1924)
Date
1924-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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|Po!en 20 gro»W Wien: Zain Ähholen in der Expedition, II. Taborstr. 1-3, oder in einerVerschleisstell** (Trafik) monatl. K 40.000 Strasscnvorkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1. Bez„ Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien t Oesterr. monatl. K 40.00' Ta ehecho-Slowakei Mon. K20. Ju?osIawieu Mon. Dinar60. Polen: Mon. 3V* Zloty, Deutschland: Mon Goldmark 4, F r a n k r., Belgien: Mon. Frcs. 15 ^. Wiener MorAMstttung In I4««l England: Mon.4 Schilling, Italien: Monatl. 15 1 irr, Rumänien Mon. 1501 ei Bulgarien Mon. $0 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 4 Wien II., Taborstr. 1-3 i'elepnonc '; 43-3-1V. A 5Uhrabd* 21-102.25-2R2 IX. Universitatsstrasse 6—8 (Druckerei Steinmann) 5?^ Preinerhöhunoen v< Ul iU'lU Oesterreic; isches Po3lspa» fmen onto Nr. 150.6^'* 91t. 2020 Wien. Mittwoch. 1. Sktober 1924 8. Snftnmnn In den heuttgen Nummer begännt unser neuer Roman „$ie Stadt an der Moldau" von Auguste Hauschner zu erscheinen. Der gestürzte Eastiglioiü. - y. Wien, 1. Oktober. Diese unglaubliche Blamage hätte sich die Regierung der Republik Oesterreich ersparen können. Sie hat die leitenden Direktoren des Bankhauses Castiglioni unter Steckbrief gesteckt und dem Chef für freies Geleite eine Sicherstellung von hundert Milliarden Kronen vorgeschrieben. Sie hat in die ohnedies würgende Wirtschaftskrise neue Unruhemomente hineingetragen und so alles getan, was im gegenwärtigen Zeitpunkt alles nicht geschehen durfte. Das Unglaublichste aber ist, daß keine amtliche Stelle klipp und klar heraussagt, was dem Herrn Kamillo Castiglioni und den Direktoren Gold stein und Neumann zur Last gelegt wird. Die amtlichen Communiques schweigen sich über diesen Punkt hartnäckig aus und es ist nicht zu erfahren, weshalb denn die m Fluß gekommene Sanierungsaktion, die von einer italienischen Bank geführt wird,, gestört werden mußte und dies in solcher lärmender Art, daß für die Zukunft jedes auswärtige Institut es sich doppelt überdenken wird, an derlei Unternehmungen, die ja auch für späterhin nicht ausgeschlossen sind, mitzuwirken. Der einfache Menschenverstand hätte es veMeten müssen, den Apparat der hysterisch gewordenen Staatsmorai mit ganzer Kraft in Schwung zu bringen; tat man dies ab«: einmal, dann mußte man auch die Motive bekanntgeben, die den Staatsanwalt zwingen, in eine zivilrechtliche Auseinandersetzung Mischen Co-stiglioni und einigen von ihni geschorenen Jndustrierittern einzugreisen und die Autorität des Staates in solcher Weise zu engagieren. Die österreichische Oeffentkchkeil ist in diesem Punkt sehr kitzlich. Sie geht mit der Moral schlafen und steht mit ihr auf. Allerdings versteht sic es trefflich, sie im gegebenen Zeitpunkt zu verschweigen. Im Mai, als die Vorgänge in der Depositenbank zum ersten Male die Zeitungen beschäftigten, da stand Kamillo Castiglioni im vollsten Glanz seiner Macht. In Arnstein in Oststeiermark, wo er an dem Stollendurchschlag der Toigitsch-Werke teilnahm, pries der Bundeskanzler das organisatorische Genie und das wirtschaftliche Verständnis des Magnaten; als er im Auto tvegsuhr, standen Minister und Abgeordnete um den Wagen und beugten sich tief. Alle kriegten erst Mut, als Castiglioni immobil wurde und ihm die Mailänder Bank einen Konirollkommissär nach Wien setzte. Der Mut explodierte, als Castiglioni nach Triest und seine Direktoren nach Berlin und BrÄapest fuhren. Alle drei sind nicht da, es kann nix gescheh'n. Heraus mit den Steckbriefen, Untersuchung, Zeitungen! Alle Helden der Sittlichkeit sind in Bewegung und Empörung: die boshaften Bureaukraten (die das Material der Angelegenheit wahrscheinlich nicht verstehen), die Kinodichter der Wiener Presse, alle Klopffechter der billigsten Tartüffevie, alle, die noch vor einem Monat vor dem Geldsiirsten ihre Buckerl machten und ihm die Stiefel leckten. Jetzt bricht's aus ihnen heraus. Rache dafür, daß die Geldquelle des Mäzens nicht mehr fließt, daß man ihn anhimmeln mußte, at§ er's Licht noch sah, daß er Macht besessen hatte und jetzt nackt und bloß dasteht und schwarz auf weiß zu lesen bekommt, daß er sich gegen die Moral, Marke Wien, vergangen hat. Er mutz es auskosten, was es heißt, die Gloriole des Reichtums zu verlieren. Es ist, als ob das bißchen Verstand, das in diesem Staat noch vorhanden war, sich verflüchtigt hätte. Eine Indiskretion, über die man sich kurze Zeit ärgerte, brachte den von dem Hoftat Stern, dem sozialdemokratischen Referenten der Bankenkommission des Nationalrates verfaßten Korruptionsbericht in die Oeffentlichkeit. Es ist nichts darüber bekannt worden, ob der Staat sich mit «dem Zweck und der Absicht dieser Indiskretion befaßt hat. Es ist auch jetzt mit den Publizierungen amtlicher Mitteilungen Unheil angerichtet worden, das weit über den Kreis Castiglionis hinaus- Zer Zusammenbruch Wiglisms. Ae Vorgeschichte seiner Flucht nur Wien. — Steckbriese gegen seine Direktoren Solbstein md Aeumsrm. Am Montag abends ist eine amtliche Mitteilung veröffentlicht worden, in der es heißt, daß Samstag vormittags die Herren Gold st ein und Direktor Gabor Neumann dem Landesgericht hätten vorgeführt werden s'llen, daß sie aber schon tags vorher sich ins Ausland begeben hätten. Eswurde daher gegen die beiden ein Steckbrief erlassen. Gegen Castiglioni, der sich gegenwärtig in Triest befindet, geschah dies nicht, da bisher dazu noch kein Anlaß vorlag. Die weiieven Maßnahmen gegen ihn hängen von den Ergebnissen der Untersuchung ab und davon, -ob sich seine Abreise aus Men als Flucht darstellt. Gleichzeitig veröffentlichen die Blätter Mitteilungen des .Hauses Castiglioni, in denen es heißt, daß dieser einer gerichtlichen Vorladung Folge leisten werde. Nach einem Blatte bestätigt es sich, daß der Vertreter Castiglionis freies Geleit für ihn verlangte, und daß das Landesgericht eine Bürgschaft von hundert Milliarden Kronen forderte. Gleichzeitig wird mitgeteilt, daß der italienische Gesandte, Bordonaro, beim Bundeskanzler vorgesprochen hat, um sich über die Angelegenheit zu „unterrichten". Die Vorgeschichte der Flucht Castiglrortis. lieber die Ursachen, die Castiglioni zum Verlassen Wiens bewogen haben, erfahren wir von informierter Seite: Es ist allgemein bekannt, daß gegen Castiglioni schon seit zweieinhalb Jahren eine Klage wegen einer Spiritusangelegenheit schwebt. Durch eine ganz unglaubliche Nachlässigkeit der österreichischen Gerichtsbehörden wurde Castiglioni nicht ein einzigesmal in dieser Angelegenheit vorgeladen. Die diesbezüglichen Akten lagen monatelang in den Schreibtischen der Aemter und es wurde kein Schritt gegen Castiglioni unternommen. Dadurch wurde Castiglioni und sein Haus in den Glauben versetzt, sie seien u » a n t a st b a r. Als nun die - Sanierungsaktion bei der Banca commerciale eingeleitet wurde, mußte Castiglioni gewisse Wertgegenstände als Sicherstellung verpfänden und auf seine Häuser Hypotheken aufnehmen. Erst jetzt wurde man auf ihn aufmerksamer und schon wurden hie und da Stimmen laut, die von einer S ch e i u s a n i e r u n g wissen wollten, die da vorgetäuscht werde, damit gewisse Vermögensobjekte unbehindert ins Ausland abgeschoben werden könnten. Und als sich nun diese Stimrnen immer mehr verdichten, entschloß sich plötzlich das Wiener Gericht zu einem Zugrif f, der in schroffem Gegensatz zur bisherigen Haltung der Behörden Castiglioni gegenüber stand: Man schickte dem Finanzier eine Vorladung. Darüber verlor Castiglioni den Kopf: ohne sich mit jemandem zu beraten, verließ er plötzlich Wien und fuhr nach Italien. Man glaubt hier allgemein, daß Castiglioni in wenigen Tagen in Wien erscheinen wird. Das Vermögen Castiglionis. Nach dein Zusammenbruch der D e p o s i t e n b a n k im Sommer d. I. wurden bereits Einzelheiten bekannt, welche den Namen Castiglionis mit dieser Affäre in , Verbindung brachten. Diese Meldungen erhielten vollen! Inhalt, als die Wirtschaftspolizei den Auftrag erhielt, I die Gestion bei der Depositenbank zu priisen. Diese Untersuchung, zu welcher der von Hosrat greift und einstweilen nicht zur»gedämmt werden kann. Aber die öffentliche Sittlichkeit ist aufgestiert -worden. Sie tut ansonsten nichts als schlafen. Sie und alle Sittlichen, alle Antikorrnptionisten wissen nichts damit anzufangen, daß alle Begriffe von Recht und Gesetz wegeskamotiert wurden; es besteht kein öffentliches Interesse für die Hakenkreuz-Politik an den Hochschulen, weil, Dr. Stern als Referenten Hx L a u : ci.fo m Mission desNationalrates erstattete Bericht (der dann in di? Oessentlichleit gelangte) di: Grundlagen bracbe. zog sich durch viele Wochen hin und erfuhr erst in den . T.' m eine Bffcheunigun'. Die Staa "Anwaltschaft ^ecmtrag-le beim Unt-ersuch.'.nTrichter, gegen den früheren Präsidenten der Depositenbank Paul Gold ft ein und gegen den Generaldirektor Gabor N e u m a n n einen Hastöes-eh zu erlassen. Kamillo Castiglioni erhielt seinerseits eine Vorladung zur Einvernahme. Alle drei hatten aber Wien vergaffen. Castiglioni ruh* nach Grand'ee und reu dort nach Triest und nicht, wie ',er: det mu de, nach Mailand. N c u m a n n be^db sich nach B u da ' c st, wo er zuständig ist. und Goldstern weilt in B e rl in. . Vom Hause Castiglioni selber wurde die italienische Reise Castiglionimit einer wichtigen Sitzung begründet, die für Dienstag angefekt ist. und in der „verschiedene geschäftliche Verhandlungen fortgesetzt werden sollen." Gerneint' sind mit diesen Verhandlungen offenbar die Konferenzen, in denen über die Ordnung der Vermöge:'sver^ältnisse Castiglionis, und zwar durch die Banca Cornrncreialc in Mailand beraten werden soll. Im Verlaufe der letzten Wirtschaftskrise war nämlich Herr Castiglioni, der in einem Zustand der Im Mobilisierung geraten war, an die Banca Ccmmerciale in Mailand mit dem Ersuchen herangetreten, sie möge ihm einen höheren Betrag zur Behebung der momentanen Schwierigkeiten zur Verfügung stellen. Es kam ein Vertragsentwurf zustande, wonach sich die Bank verpflichtete, Eastig i...i zur Erfüllung aller Verpflichtungen die Summe von 125 Millionen Lire, das sind rund 400 Milliarden Kronen, zur Verfügung zu stellen. Zur Sicherheit mußte Castiglioni seinen gesamten Besitz verpfänden, und in der vergangenen Woche sind auch tatsächlich auf dem Hause am Kolcwvatring Nr. 14 sowie auf dem Atlantiopalais Hypotheken zugunsten der Banca Commerciale eingetragen worden. Ter Vertrag ist vorläufig noch nicht unterzeichnet, doch hat die Banca Commercial-e trotzdem in den letzten Wochen mehrfach sehr hohe Beträge für Castiglioni ausgezahlt. Als Sachtvalter ihrer Interessen hat sie ihren Vertrauens mann Adolf Rossi bestellt, einen verhältnismäßig jungen i/..* der sich durch besondereEnergic auszeichnen soll und der sich tu den letzten Wochen vornehmlich mit der Ausstellung des Vevmögensstatns Castiglionis befaßt hat. Dieses Vermögen wurde im Sommer vorigen Jahres, das ist zur Zeit der Börfenhausse, auf mehrere Billionen geschätzt. Castiglioni hat heute die größte Privatgalerie Oesterreichs und seine Bronzesammlungen und anderweitigen Knnstfchätze repräsentieren einen ungeheuren Wert. Dazu kommen noch die Beteiligungen Castiglionis an einer ganzen Reihe von Bank- und Industrieunternehmnngen. Von Banken gehören in den Bereich seines Miteinflusses die Export- und I n d u st r i e b a n k in Wien, die Böhmische Unionbank und die Ungarisch-Italienische Bank in Budapest, deren Aktien in den lettzen Tagen an die Mailänder Bank übergegangen sind. Ebenso hat sie den Castigliomschen Besitz an Ior e st a - A k t i e it übernommen. Zu seinem Jndustriekonzern gehören A l p i n e M o n t a n, das sachlicke, unbeirrbare Empfinden für das Gesetz abhanden gekommen ist. Die Negierung alles dessen, was recht und billig ist, hat sich die Herrschaft über das System errungen und der Lärm um den gestürzten Castiglioni ist nichts als Sensationsrnacherei und Rache für die Reverenz, die man ihm erweisen mußte. Sie werfen Steine nach dem Geßlerhut, dett sie bisher anbeteten. VIEL GELD ersparen Sie beim Einkauf von Stoffen für Herbst und Winter, Damen- und Herrenwäsche, Leinenwaren, Strick- und Wnkwaren, Teppichen, Vorhängen usw. üflT im Warenhaus Schiffmann II. Taborstrafe 48 To!a*»Ur3? 47-t-TS Kn «gros En detail jisrtsysa:

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