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Wiener Morgenzeitung · 1924-09-07 · Heft 1999 (7.9.1924) · p. Seite 12

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1999 (7.9.1924)
Date
1924-09-07
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 rnm»,iV..Men. Sonntag Wkener M? r^enzeiinngA 7. September 1924 M. 1999 Bühne und „Ver SowjetikommWr." Uraufführung im Wiener Stadttheater. der Dichter nicht gut zu sprechen ist» hat ihm den Vorwurf gegeben/Somit ist alles in Ordnung. >,Was ist geschehen?" fragt, Helena Wladimirowna Schukowskaja.. Und die Mutter des Sowietkommissärs erwidert: „Es geschieht immer etwas in Rußland" Aber es müssen nicht gerade Füsilierungen sein. A i Eugen Tschirikoff. Der liebe, gute Herr Erlgen Tschirikoff, Verfasser der »Juden", eines Familienromans a la Rougon Maquard, einiger blutiger Novellen, trägt graumelierten Schnurr¬ und Spitzbart, unmodern eingefaßte Brillen, eine Weiße wehende Masche und ein zärtliches Lächeln um Augen und Lippen. Er hat das „grausame" Mütterchen Rußland verlassen und Prag zu seiner neuen Heimatstadt erwählt, und mit seinem gegenwärtigen, sehr kürz bemessenen Wiener Aufenthalt bezweckt ex bloß, zu seinem 60, Geburtstag ein Geschenk eutgegcnzunehmen: die Uraufführung seines vieraktigen, sechsbildrigen Schauspiels „Der Sow j et kommissä r". Maurice Hirschmann, der rührige Uebersetzer, hat in seiner Monopolstellung es für die deutsche Bühne bearbeitet, vielleicht sogar erobert, Ludwig Stärk hat es inszeniert — mit viel Liebe und Farbe, und As heutige (oder gestrige?) Rußland, auf das Der Sowjetkommissär inspiziert Gefängnisse, in denen Gegenrevolutionäre (Frauen, Kinder, Greise, Fürsten, Bettler, Soldaten), vermeintliche ‘ Gegenrevolutionäre hungern, klagen, schreien, zittern, beten, das Leben verfluchen und — abmarschieren an die Wand. Es wird kein Prozeß gemacht, d. h. kurzer Prozeß. Typen: der Stolze, der Feige, der Verschlossene marschieren auf. Der Sowjetkommissär Oberst Murawjow kennt nur seine Pflicht. Abführen, fertig. Die Zeitungen Mitteleuropas und des W&l&Ca Schufstiefef W L h . 3 für tfrvaben u.lTföddien 3 Vorlage: gienische Passform* ** •SpössleHalibapkeii« •Biffigsle^relss- A schwaft JaT3ottaff.fotonengenäUt. 'Jfchwarz $frapazl)Qx.<jen&gdi, 000 31-35-148.000, Sros* 36-39*168ooo Unsere Spezialifäl: statt u-btamSttapasleöiei' mit ZoppelsoMa o. feietMU? ginheifspreia: Zlös-e 26"30 }l. m ä v.ooo § 198«° ‘Kindepsipümpfe ia^aaee Auswahl. tut 148 \ >> w wa w vy wwvT'aww :v *\\v.\\> y vv\v ' ..... —. . ft - I I I I *1 ■ Aa_.' assoümiiäiäimät Montag (Feiertag) den ganzen Tag geöffnet: Westens bringen mit Vorliebe derlei Berichte, die von Blut, Grausamkeit, Fanatismus triefen. Tschirikoff macht zwei Bühnenbilder daraus. Sie erscheinen uns echt, weil direktes Erleben fehlt. Aber Murawjow ist schließlich auch -- Mensch, bei Gott. Er hat sie einst geliebt, die schöne Helena, deren Mann erschossen wurde und deren Jntermezzogelicbter Fürst Galitzin jetzt interniert ist — im Gefängnis neben ihr. Murawjow tut nur seine Pflicht. Er will dem Fürsten Geständnisse erpressen, erwill ihn zum Verrat verführen. Der Fürst schwört seine Vergangenheit ab, bekennt sich zur Svwjetregiernng, verrät Helena, um sein Leben zu retten. Und Helena, die Einzige, die Heldin, das schöne Weib, wird Zeuge seines Verrates, speit ihn an und schon dämmert in ihr die Liebe zum starken Mann, zum Sowjetkommissär, der sie rettet — unter Lebensgefahr. Helena darf fliehen und Murawjow fällt durch den Schuß des Fürsten, der sich nach seiner Wandlung in den Dienst der Sowjets gestellt hat. Unter der rauhen Schale des Barbaren hat ein menschliches Herz geschlummert, darum mußte er den tödlichen Schuß empfangen. Nirwana! Eine kurze, scheinbar alltägliche Tragödie ist abgerollt. „Schweig still, mein Herze . . .!" Das fordert Rußland, das neue Menschen formen will.^ Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß. Tschirikow ist auf Rußland nicht gut zu sprechen, aber mm kann auch in Prag dichten. * Haben wir etwas Ungekanntes von der russischen Seele erfahren? Haben wir etwas Ungekanntes vom heutigen Rußland erfahren? Nein. Die russische Breite, das Nebeneinanderliegen heterogener Gefühle und Handlungen, das die russische Seele so interessant macht, mag sie einem Fürsten oder Vagabunden gehören, hat Tschirikow bloß angedeutet. Seine Menschen reden nicht viel, die epische Technik, die Arzybaschew und Juschkiewitsch mit Behagen anwenden, ist im „Sowjetkommissär" vermieden. Es ergeben sich dramatische Explosionen, Revolverschüsse und hysterische Aufschreie brechen die Konversation ab. Aber man sieht Menschen, wenn auch bloß skizzierte. Oskar B e r e g i hat sich vom Sketchstil emanzipiert. Er zeichnet in großen Linien, ohne die Details zu vernachlässigen. Eine seelische Situation durch Tonfall, Geste, Mundzucken, Stirnfalten plastisch zu formen, ist sein Eigenstes. Der Prolet, der in ein höheres geistiges und sensitives Sein emporsteigen will, war eine Aufgabe, die er restlos löste. Endlich wieder einmal echtes, unmaniriertes, unversnobtes Komödiantentum. Sehr viel, daß Magda Garden sich neben dieser Leistung behaupten konnte. Ihre Gefühlsskala ist reich, das Aetherische- und Fragile, dem ein Stück Heldentum bcigemischt ist, rührend getroffen und sogar in der hysterischen Ekstase wahrscheinlich. Eugen Jordan machte den Verräter Fürst Galitzin sympathisch, indem er über die vom Dichter gezeichnete Linie hinansging. Von wundervoller Echtheit der Tscherkeste des Rudolf Ferstl, russisch bis in die Fingerspitzen. Dieser junge Künstler möge besonders vermerkt sein. Bilder, Bilder, Bilder. Das Amtslokal mit der Wache, dcs Gefängnis mit den durcheinandergewickelten Menschentieren, zu kleinen Pyramiden geformt. Der Salonwagen des Sowjetkommissärs, durch die russische Nacht fahrend. Die Prunkwohnung, wahrscheinlich das beschlagnahmte Palais eines geflüchteten Fürsten, zum Laster bestimmt, durch Heldentod und Heldentat geadelt . . . Bilder! Ein Stück Rußland, das der Geschichte angehört, die ersten Takte der großen Revolution, die kein Leitartikel ist und auch kein Kochrezept. Ludwig Stärk dichtete mit und sprang dort ein, wo der Dichter zu versagen drohte. Oskar Nosenfeld.

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