Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1991 (30.8.1924)
- Date
- 1924-08-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Sowjetregierungen in der Ukraine, der Krim und Weißrußlands, welche durchaus nicht imstande sind, diesem Zustrom nach dem Lande Organisation und Ordnung zu verleihen, versuchen wenigstens, ihn agitatorisch für ihre Zwecke auszunützen. Es ist bekannt, daß die sowjetistische Wirtschaftspolitik am schwersten die Juden betroffen, hat; aber es ist nichts geschehen und es geschieht von seiten der Sowjetregierungen nichts, um die wirtschaftliche Umschichtung der jüdischen Bevölkerung in geregelte Bahnen zu leiten. Die Sowjetregierungen haben mehrere Versuchsballons aussteigen lassen, um für die durch die gegenwärtige Wirtschaftspolitik ruinierten Juden das Interesse der ausländischen Judenschaft wachzurusen. Dazu gehören auch die immer wieder austauchenden Kolonisationsprojekte, für die bald die Krim, bald Teile der Ukraine oder Weißrußlands in großer Aufmachung als geeignet' hingestellt werden. Die Wirklichkeit, die diesen Reklamemeldungen zugrunde liegt, sieht so aus, daß der vollständige wirtschaftliche Ruin die Juden ziel- und planlos aufs flachs Land treibt und daß sie, solange diese Flucht aufs Land eben Flucht bleibt-und nicht organisatorisch geregelt wird, keine Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage erwarten können. Die Sowjetregierungen begnügen sich damit, propagandistisch verwendbare, aber sonst völlig wertlose Verordnungen herauszugeben, Enqueten zu veranstalten und nach fremdem G e! d zu rufen. Wie die Sache in Wirklichkeit aussieht, davon macht, allerdings unbeabsichtigt, eine Darlegung von Mitgliedern des, Volkskommissariats für Landwirtschaft, welche dem Moskauer I. T. A.- Vertreter gegeben wurde, den richtigen Begriff. Auf die Frage des Korrespondenten, welche praktische Wirkung die von den Sowjetregierungen heransgegebenen Verordnungen über die Zuweisung von Siedlungsland an die jüdischen 'arbeitenden Schichten haben, wurde u. a. folgende bezeichnende Antwort erteilt: Weder die zentrale Sowjetregirrung noch die Regierungen der föderativen Republiken können das nötige Kapital beistellen, um die Durchführung des Kolonisationsplanes zu ermöglichen. Kapital ist insbesondere in Weißrußland nötig. Dort gibt es nur sehr wenig urbar zu machendes Land. Aber einige 100.000 Deßjatinen Land kann man durch Entwässerungsarbeit urbar machen. Es ist 'möglich, durchschnittlich 75.000 Deßjatinen Land jährlich zu entwässern. Hierzu sind große Summen erforderlich, die die Sowjetregierung nicht aufbringen kann. Die jüdische Bevölkerung muß sich vergegenwärtigen, daß die Re- Bei den khalurim in Galiläa. Die französische Schriftstellerin Myriam- Harrys, eine Christin, hat vor kurzem als Ergebnis einer Palästmareise ein Buch „L e s - A m a n t 8 d e S i o n" erscheinen lassen, welches lebensvolle Schilderungen des neuen Palästina gibt, die in Frankreich viel Beachtung gefunden haben. Wir veröffentlichen im folgenden einen kleinen Ausschnitt ans dem Buche. Wie köstlich ist der kleine Fleck von Tel-Josef, von gewaltigen Terebinthen beschattet, den einzigen Bäumen der Gegend. * Heiter und still liegt das kleine Hospital aus de-r Spitze einer lustigen Anhöhe. Sechs weiße Betten: zwei Krankenschwestern lächeln 'unter ihrem Häubchen mit dem sechszackigen S^ru. Daneben die Apotheke, das Zelt des Arztes, etwas abseits ein „Studierraun/' aus Brettern mit Bibliothek und Waschgelegenheit, wo man sich versammelt, um die Geographie -er Bibel zu studieren oder hebräisch zu lernen. ■ Bon einer Art vorgeschobener Plattform bietet sich eine wundervolle Aussicht auf die dreieckige Ebene, ans dieses Land, versprochen von Balfour, dieses Kanaan einer neuen Hoffnung, aus dem von Zeit zu- Zeit bläulicher Rauch aufsteigt, wie die „Duftopfer des Abends". Pflanzungen, Anlagen, Vevsuchsgärten, Modellfelder; etwa zchn Meter breite quadratische Flecke, besät mit allen Pflanzen der Welt, mit allen Getreiden, vom australischen und chinesi'chen bis zum englischen und italienischen, nicht zu vergessen der Urweizen, den Aaronson am Fuße des Hermon entdeckt hat. Den Rekord an Fruchtbarkeit schlägt der italienische Weizen; vierzig bis fünfzig Halme aus einem Strunk und achtzig bis hundert Körner die Achre. „Es sind 3000 Prozent," sagt det Chaluz, ,/ein Quadrat- . Meter wird hier bei unZ mehr äbwerfen wie dem Fellachen ein ganzes Feld. Stellen Sie sich vor, welche Fülle aus dieser Ebene gewonnen iverden kannl" MtO & tenxitv 'ffandels'^fisdlsckafF Theodo rfei 6 s &(b $/ien IV. Wied ne rlfeuiitef nasse 41 Telephon Nr. 57'0'J1 gierungsverorhnuugen nicht so gemeint sind, daß man sich einfach nach den betreffenden Landgebieten zu begeben und mit deren Bearbeitung anzufangen hätte. Unglücklicherweise ist das Elend unter der jüdffchen Bevölkerung so groß und ihr Landhunger so heftig, daß Tausende von Familien unseren Warnungen kein Gehör schenken. Die jüdische Bevölkerung muß begreifen, daß die Regierung bestrebt ist, nach Kräften zu helfen, aber Zeit und vor all-em Geld sind die Hauptbedingungen. Puccini «nd die Tochter Sosima Wagners. Die unterdrückte Oper des Meisters. In einem soeben evschienenen Buche des italienischem Marchelse Gino Monaldi Wer Puccini und sein Werk 'berichtet der Verfasser auch über eine Begegnung, die Puccini mit der Gräfin Blanbine G r a d i n a, der ziweiten Tochter Cosima Wagners aus ihrer Ehe mit Hans v. BÄlow hatte, eine Begegnung, die zur Folge hatte, daß eine Oper Puccinis ungeschrieben blieb. Es handelt sich nm eine Oper „L'.rpa", zu der Giovanni Berga das Textbuch geschrieben hatte. Puccini hatte lebhaften Anteil an dem Text dieser bäuerlichen Tragödie genommen und sich sogar nach Sizilien begeben, um sich auf dem Schauplatz der Ereignisse des Dramas persönlich zu unterrichten und Notizen, Photographien und VolksNDlcdien an Ort nnd Stelle zu sammeln. Gleichw-Hl kamen ihm schon bei dieser Vorarbeit Bedenken aller Art. Um sich zu''' zerstreuen und auf andere Gedanken zu kommen, hatte Puccini sich entschlossen, nach Malta zu reisen und eine Zeitlang auf der Insel in stiller Zurückgezogenheit zu Me>n. Damit erlitt er indessen' eine unangenehme Enttäuschung. Kaum gelandet, würde der Komponist von der englischen Polizei derhastet, weil er unvorsichtig genug gewesen war, als lei-ensÄafÄicher Photograph eine Höhe aufzunchmen, auf der sich englische Befestigungsanlagen befanden. Puccini blieb zwar nur wenige Stunden in Haft, aber das Abenteuer genügte, um ihm den Aufenthalt zu verleiden. Er schiffte sich deshalb wenige Stunden nach der Ankunft wieder nach Livorno ein. Der Zufall wollte es, daß sich auf demselben Dampfer die aus Palermo kommende Gräfin Nlaudine Gradina befand. Da sie von de>m Opevnplan Puccims wußte, be» fragte sie ihn eines Tages über den Inhalt des Textbuches der neuen Oper, und ails sie dabei hörte, daß auf dem Höhepunkt des Dramas die Lupa genannte Heldin, eine verbrecherische Dirne, vorn au der Rampe getötet würde, während im Hintergrund die KarfreitagslProzesfion vovüberzieht, rief sie entsetzt: „Meister, vermeiden Sie es um Gottes willen, mit diesem Drama der Dinnenliebe und des Verbrechens eine religiöse Feier zu verquicken. Das würde Ihnen sicher Unglück bvingsnl" Die Worte der Tochter Cosima Wagners wirkten auf . den ohnehin von Bedenken geplagten Komponisten und löschten die noch unter der Asche glimmenden Funken der Begeisterung aus. Bon der „Lupa" war seicher nicht mehr die Rede. Das Schachspiel ist das verbreitetste Spiel auf, det ganzen Erde und es ist kein Wunder, daß es in Geschichte, Legende und Sage eine große Rolle spielt. Schon die Erfindung!) es Schachs, welche bekanntlich in völliges historisches Dunkel gehüllt ist, gibt reichen Anlaß zu aller, Hand Sagen und Erzählungen. So wird unter anderem erzählt, ‘ das Schachspiel sei von einem großen Gelehrten namens S chischach erfunden worden, der in B abylob lebte. Zu Schischachs Zeiten hatte gerade der junge König Amolni den Dhron von Babylon bestiegen, der das niedrige Volk, besonders aber die Bauern, grausam unterdrückte. In ihrer Verzweiflung wandte sich die Bauernschaft an Schischach, der große Verehrung genoß, und bat ihn um Hilfe. Die Bauern flehten Schifchach an, er möge dem König klarmachen, daß ein Bauer auch ein Mensch sei, der dem Königreich Nutzen bringt. Um dies dem König begreiflich zu machen, erfand nun Schischach .das Schachspiel und lehrte es dem jungen König; damit böwis er ihm, daß die Bauern des Königs bester Schutz feien. Der König erfaßte den Sinn des Spieles und hörte auf, die Bauern zu verfolgen. Seinen Ratgeber belohnte er reich. Nach einer anderen Sage soll die Gattin des Königs Rawan von Ceylon das Schachspiel erfunden haben. Ein fremder Herrscher belagerte lange Zeit die Hauptstadt der Insel Ceylon. Als die Not schon sehr groß war, wollte König Rat.nan, der den Mut verlor, die Hauptstadt dem Feinde übergeben. Seine Gattin aber, die Königin Ranalahna, erfand, um ihm zu beweisen, daß man sich nicht ergeben dürfe, ehe nicht alle Mittel erschöpft seien, das Schachspiel, in dem der Kampf zweier Könige bis zum letzten Mann dargestellt ist, und so immer noch eine Möglichkeit des Sieges bleibt, solange ein einzitzer Soldat auf >dem Brett ist. Es steht fest, daß das Schachspiel bereits vor drei- >.ta u s e n d Jahren bei den Königen und Fürsten I ndien s verbreitet war. In indischen Manuskripten, welche so weit zurückdatiert werden können, finden sich bereits Regdln des Schachspiels. In den erstell Jahrhunderten, der heute üblichen Zeitrechnung war das Schachspiel in Arabien und Persien so verbreitet, daß es eine Schande für einen Gebildeten war, dieses Spiel nicht zu kennen. Auf das Schachspiel bezügliche Redckvendungen, Metaphern und Symbole sind im Briefstil und auch im Stil der Dichtung dieser Zeit gang und gäbe. Auch in B h zanz war im 6. und 7. Jahrhundert der gegenwärtigen Zeitrechnung das Schachspiel sehr verbreitet, wie aus einem Briefe des Kaisers Nicophorus von Byzanz an den aus ' Ja, ja, sie ist nahe, sagt der „Rabbiner" und spricht hebräisch: "?■!»»' "■»!' ■>»«* *—!»UJ.wei'|I!«»|' —iiiM'JIJ!!!■«■!■ m n.i.Ji.,iuiw»il— ... Eine Glocke läutet; sie kündet den Beginn des Festtages: ’ d'.e Ankunft der stillen gekrönten Prinzessin. Die Herde Jakobs verläßt die Arbeiten und steigt fröhlich hinan zu den kleiner, kegelförmigen Zelten, mn sich für die Genüsse des Sabbats vorzubereiten. Auch wir gchen zu unserer LemwanWehausung; einer der zierlichsten, von einem Blumenkranz umgelben und bewohnt von zwei Cousinen, Gärtnerinnen, dieinen Frühlingsausflug zu einem anderen G'duid unternommen haben. * Dreihundert Gedecke in einem großen Saale mit Tischen. Das Salbbatsestmahl: Suppe, Flei'ch mit Gemüse, Pflaumen. Ich sitze dem Leiter der Zuchtanftalt gegenüber, einem Talmudjünger, den sie „Rabbiner" .nemren und an der Seite einer Schauspi-sirni aus Moskau mit einem klassischen Kopfe, die aus einem Wagen sitzt. — Ja, die Frauen! sie möchten sich alle an den Pflug stellen und die schweren Arbeiten im Freien besorgen. Ich sehe den Augenblick, da wir gezwungen sein werden, mit den Töpfen zu hantieren und Wäsche zu waschen, sagt lächelnd einer der Führer. Und hieraus ernst werdend: Die jüdischen Frauen sind bewundernswert. Wenn wir heute hier sind, danken wir dies zum Teil jenen. Zuerst behüteten sie die Traditionen unseres Heims, dann begriffen sie unser Verlangen, aus der Galuth und aus uns selbst auszubrcchen. Als erste begannen sic hebräisch zu lernen und sie sprechen es viel besser und gewissenhafter als wir. Und welche Quellen des aktiven Enthusiasmus, des praktischen Idealismus, des Mutes bedeuten sie! Und doch sind fast alle Kleinbürgerinnen, welche ihre Studien gemacht haben. Es gibt viele da, die an der Universität waren' und wir Haben Mi Daktoven unter ihnen. Aber im allgemeinen wünschen wie nicht von unsrer Vergangenheit zu reden. Wir sind neue Menschen, neue Seelen; oder besser: wird sind im Begriffe, es zu werden. Denn unser Volk ist noch im Zustande der Rekonvaleszenz; aber die Heilung ist nahe, näher als man meint. „Die Berge, die ihr zur Blüte gebracht habt, werden in Freuden lachen, Die Baume, die ihr pflanztet, werden in die Hönde klatschen, An Stelle des Stachelstrauchs erhebt sich die Zypresse, Wo Schlehdorn wuchs, wird die Myrthe wachsen Und voll Liebe nennt man den Namen Israels." * Ein Beduinenhäuptling tritt ein, von den Chaluzim be» grüßt und ausgesvagl. Bon seiner stolzen Person, die prächtig drapiert ist, sieht man bloß die glänzenden Augen. Schabadh Schalom! sagt er, seine Nilpserdpeitsche aus den Diisch legend. Unser erster Schomer, das Oberhaupt, der Chef dev Polizei unserer Kolonie, spricht arabi'ch wie ein Fellach. Seit 20 Jahren bewacht er die jüdischen Kolonien. Er kennt jeden Stein, jede Hütte, jedes Zelt, er kommt eiben Von seinem Rundgange. Hamdullah! Alles ist ruhig. Während sie sich unterreden, treten wir hinaus ms Freie. Vier junge Leute, bis an die Zähne bewaffnet, beziehen die Wache; aber vorher vereinigen sie sich wie üblich und, das Gewehr in der Hand, singen sie den Davidpsalm, welcher der Sang der Wächter geworden ist: Nicht schläft noch schlummert der Hüter Israels. Und ringsum erwidern im Chore in einer modulierten und . schweren Melodie die Chaluzim die Hymne des Vertrauens, die von den Zelten Jakobs bis zum Gebiete der Ämalekiten fliegt. Dann tritt man wieder ein, denn draußen ist es noch frisch. Die männlichen unt» wen-lichen Pioniere beginnen einen Rundtanz, rn zwei Kreise geteilt, die sich gegenseitig Frage und Antlvort senden, deren Rhythnius sie mit den Füßen schlagen. Mi jrbne Hagalil? Wer wird Galiläa wieder aufbauen? Antwort: Der Ewige baut Galiläa wieder au- - ■; ‘1 .1 v'’ 'I I 3