Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1990 (29.8.1924)
- Date
- 1924-08-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IPolen 2Unmzyi Wien: Zum Abholen in der Expedition, II. Taborstr. 1*3, oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monätl. K 40.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1. Bez., Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 40.000 Ts c h e c h o - S I o w a k e i: Mon. K 13. Jugoslawien: Mon. DinaröO. Polen :,Mon. 3*/» Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, F r a n k r., Belgien: Mon. Fr cs. 12 G - H- Nichr.shluD.en 'Ml bei Prei«Drh5hiJntr«!*> vorbsheltaD Nr. 1990 __ Wien. Freitag. 29. August 1994 | Preis K 1400, England: Mon.4Schilling, Italien: Monatl. 12 Ure. Rumänien Mon. 15Ö Lei, Bulgarien Mon.80 Lewa. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1-—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6Uhrabds.2t-lÖ2,25-282 IX. Uni versitätsstr. 6—8 (Druckerei Steinmann) Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 8 .üahrgaug Die Londoner Botschafter nnd Gesandten find hierzu bereits ermächtigt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 28. August. Nach den bisherigen Verein- -arungen wird das Londoner'Abkommeri Samstag mittags im Auswärtigen Amt unterzeichnet werden. Für die britische Regierung wird der ständige Unterstaalssekretär im Ministerium des Aeutzern Sir Ehre L r o w e unterzeichnen. Die Alliierten und Deutschland werden durch ihre Botschafter und Gesandten vertreten sein, die bereits die E r m 8 ch t i g u ng ihrer Regierungen zur Unterzeichnung erhalten haben. Die Berliaer kntfcheidung fällt erst heute. Die Haltung der Deutschnationalen noch ungewiß. Berlin, 26. August. Die Entscheidu-ng Wer die Dawes-(^esetze wird evst Freitag, fallen. Aus Antrag des Reichslagsprä-ssdenten ist. die?.E i n z e l.b e r a tu ng d e r chritten Lesung und di^MstimMung aus. morgen vormittags lO.U h r vertagt worden. In der heutigen Reichsta>gssitzMH, die ganz ruhig verlies, ergriff nach mehreren Ansführnngen der verschiedensten Dtedner . . Außenminister Dr. Stresemann das Wort und erklärte: „Wenn das Londoner Abkommen nicht zustande käme, würde in Frankreich wieder der Ge ist Po in rares zur Herrschaft gelangen und man würde wohl erkennen können, wo der Faden abgerissen sei, jedoch nicht, wo man ihn wieder anknüpfen könnte. Das Londoner Abkommen besitze auch keinen Ewigkeitswert. Er halbe es nie als „die Bibel der Wirtschaft" betrachtet. Den dem Reichstag ^ugekommeinen Antrag aus Nachprüfung der Leistungsfähigkeit. Deutschlands innerhalb zweier Jahre bezeichnet der Minister als politisch unklug, da man nicht jetzt schon erklären könne, was die beiden nächsten Jahre bringen würden. An den Grundlagen des Londoner Vertrages möge man jetzt nicht rüttckn, zumal dieser Vertrag die Möglichkeit gewähre, die deutsche Leistungsfähigkeit nachprüfen zu lassen. Der Minister schloß seine Ausfuhrungen mit der Aufforderung, wer die Zukunft retten wolle, der müsse auf den Boden der Gegenwart treten. Sodann gibt Reichsfinanzminister Dr. Luther Erklärungen über die besonderen Abmachungen betreffend die KontroMestimmungen ab. Erklärungen der Parteien. Hierauf verliest Abg. Fehrenbach eine Erklärung der Zentrumspartei, wonach für den Fall der Ablehnung der Gutachten- Tie znsammrnkunst Ir. Brnesch-Ir. Marinkovic (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Laibach, 28. August. Nach der Konferenz der beiden Außenminister Dr. Benesch und Dr. Marinkovic wurde folgendes amtliche Commnnique ausgegeben: Der Minister des Aeußern der tschecho-slowakischen Republik, Herr Dr. Eduard Betiesch, und der Minister des Aeußeru des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen, Herr Dr. Voja Marinkovic, sind am 27. d. in Laibach zufammengetroffen. Bei dieser Gelegenheit wurden alle Fragen besprochen, welche bereits früher verhandelt worden waren ,und es wurde konstatiert, das in bezug auf die. Fragen kein Grn n d z u ihrer A 'band e r n n g bestehe. Zur gleichen Zeit sind die Herren Minister bezüglich der gemeinsamen Arbeit an der Kenser.-. z des Völkerbundes in Genf übereingekommen. gesetze die Verantwortung jenen Parteien zugeschrieben werden müßte, die in falscher Einschätzung der internationalen Lage und in politischer Verblendung den. Weg in die Zukunft versperrten. Im Namen der deutschen Volkspartei gibt Abg. Dr. Zapf eine Erklärung ab, wonach die An-' träge der Dcutsibnationalen mit der Begründung 'abgelehnt werden, daß sonst neue Verhandlungen erforderlich wären und die hierdurch bedingte Hinausschiebung von der deutschen Volkspartei nicht-verantwortet werdenkönnte. Für die Kommunisten begründet Abg. Thälmannn die ablehnende H a l t u n gseiner Partei gegenüber den Gutachtengesttzen. Abg. Graf R e v e n t l o w Nationalsozialist, richtet he f fti g e A ng r i f f e gegen den R e i ch s k a n zl e r .und 'den" Reichs p r äs idente n und erklärte feilte Partei werde die GMchtzMseM auch bei. sofortiger RuhrräuMng abl ehnem, Mr dle^ - - ' ' ' - demokratische Pürier -- . führt -Abg. Schiffer aüs - angesichts der Folgen einer Ablehnung müsse alle Kritik -verstummen. Für die bayrische Volkspartei erklärt Mg. P r e g e r, trotz schwerster Bedenken gegen das Eisen-bahngesetz werde seine Partei den Vorlagen zustimm e n. Für die wirtschaftliche Vereinigung sprach Abg. A l p e r s. der sich ebenfalls in zusti m m e ritz cm Sinne äußert und die Veränderung - in der außenpolitischen Atmosphäre betont. Abg. Kunz e, deutschsozial, spricht sich gegen die Annahme der Gutachtengeistze aus. Sodann wurde der Vertagnugsa-ntr-ag angenommen. Am Schluß der heutigen Sitzung i>st noch ein Mißtrauensantrag des völkischen Abg. Graese eingegangen, der in seiner knappen Formulierung lautet: „Die Neichsregiernng besitzt nicht das Vertrauen des Reichstages." Auch in den späten Abendstunden ist die parlamentarische Lage g ä n z l i ch u n g e k l ä r t und die Vermutungen über Annahme oder Ablehnung der Gesetze halten sich die Wage. Vergrößert wird die Ungewißheit durch die Unschlüssigkeit der Deutschnationalen selbst, die noch morgen vormittags vor Zusammentritt des Plenums des Reichstages zu einer Fraktionsfktzung zusammentreen werden, in der sie sich über ihre endgültige Haltung schlüssig werden sollen. MmntionseÄoffon im Athener Arsenal. London, 28. August. Nach Meldungen aus-Athen hat in der letzten Nacht im großen Pulvermagazin im Arsenal eine Reihe von Explosionen begonnen, die auf die benachbarten Munitions-depots Übergriffen und bis 6 Uhr früh andauerten. Mehrere Personen seien dabei zu Schaden gekommen. Berhandlunarn mit Rnmünien über die Borkriegrschulde». (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Bukarest» 28. Auguä. Im Laufe des Monats September wird sich e i n e r u m ä n i s ch e K o m m t s fl o n nach Wien begeben, um mit der ö st e r r e i ch i s ch e n R e g i e r u n g ein Uebereinko mm e n.bezüglich d e r S ch u l d e n zu treffen, die von den beiden Staaten und ihren Staatsangehörigen vor der rumänischen Kriegserklärung kontraktiert wurden. Ane Wische Mordgeschichte st. Wien, 29. August. In'Amerika stehen Zwei Knaben vor Gericht. Sie habey aus purem Uebermut einen dritten grausam ermordet. Sie stammen aus allerreichsten Familien, in welchen die Väter Geld verdienen und wieder Geld verdienen, die Mütter-vom Juwelier zum Schneider und vom Schneider zum Juwelier fahren, ähren ■ Schoßhunden BrillantenhaWänder und den Kindern Automobile und Erzieher kaufen, wobei ihnen die Auswahl des Automobils mehr Kopfzerbrechen macht als die des Erziehers. Daß aus diesem Milieu perverses, degeneriertes Menschenunkraut herauswächst, ist eine längst bekannte Sache., Der Fall an sich ist absolut uninteressant. Nur gewisse Nebenumstände haben ihn zur Sensationsaffäre gemacht. Wenn die Bürschchen zur Befriedigung ihrer standesgemäßen erotischen Gelüste Bediente geschlagen oder in den Salons diskreter Kupplerinnen arme Kinder blutig mißhandelt hätten, kein Hahn hätte danach gekräht. Und wenn einer gekräht hätte, hätte ihm Papa so lange Dollar in den Schnabel gestopft, bis er verstummt wäre. Nur weil sie ihr L)pser dem eigenen Kreise entnommen, weil sie einen reichen Knaben ermordet haben, ist der Lärm so riesengroß geworden. Sonst aber ist der Fall an sich wirklich nicht absonderlich. Auch die Tatsache, daß die jugendlichen Mörder Juden sind, gibt keinen Anlaß zu nachdenklichen Betrachtungen. Bei der Geldverdienerei — wenn eine gewisse Grenze überschritten wivd — fängt die Bestie an Und hört der Mensch auf, .auch der jüdische. Im Reichtum M verkommen ist leider kein.arisches' Monopol. Wir Juden bringen das auch zuwege. Bemerkenswert' ist nur die Art, wie die amerikanische GeMschüft auf den Umstand reagiert, hat, daß die Angeklatzten 'Juden sind. Eine aufgeregte Menge drang in den Gerichtssaal ein und schrie: „An den Galgen mit dey jüdischen Mordbuben! Wir trauen den Richtern nicht! Wir selbst wollen die Juden hängen!" Die Zeitungen glaubten auch das Detail verzeichnen zu müssen, daß die Anführer durchwegs gut gekleidete Männer und Frauen waren. Sie hätten sich die Telegramm- und Druckspesenfür diese Sonderbemerkung ersparen können. Die Anführer von Rassenhetzen, insbesondere von Judenhetzen,' sind immer gut gekleidet. Arme Teufel rennen nur mit.' Mau muß feststellen, daß dieser Ausbruch des Antisemitismus in seiner Form einzigartig ist. Er übertrifft an Radikalismus so ziemlich alles, was aus anderen Landern berichtet wird. 'Die Antisemiten der anderen Nationen sind bemüht, ihren Judenhaß innerhalb der bestehenden Gesetze auswirken zu lassen, oder streben Gesetze an, welche ihnen das Judetthetzen straffrei ermöglichen sollen. Eine gewisse Scheu vor dem Gesetze ist ihnen geblieben und mit dem Gerichte haben sie nicht gern zu tun. Der junge amerikanische Antisemi--. tismus kennt diese Hemmungen nicht. Er verliert keine Zeit damit, nach gesetzlichen Formen zu streben, er sucht keine Vorwände und macht keine Umstände. Die Heiligkeit des Gerichtes ist ihm keinen Pfifferling wert, er zerbricht seine Schranken am hellen, lichten Tage und jagt die Richter fort. Die Methode ist echt amerikanisch, an Negern, Chinesen und Japanern längst erprobt. Es ist gut, daß der amerikanische Antisemitismus nicht ans leisen Sohlen heranschleicht, daß er nicht lispelnd und zischend sein Lied beginnt. Es ist gut, daß er polternd und krachend einherstürmt und seinen Haßgesang aus voller Kehle schmettert. Es ist gut, daß er laut ist, denn die amerikanischen Juden sind noch tief in einem lieblichen nnd gefährlichen Traume 'besangen. Sie glauben noch immer, daß sie ausgezeichnet sind vor allen anderen Juden, daß ihr Land ausgezeichnet ist vor allen anderen Ländern, daß Amerika eine Ausnahme in der vieltausendjährigen Geschichte der Inden bildet, daß ans seinem Boden der finstere Judenhaß nicht gedeihen kann. Die amerikanischen Inden sind gute Juden. Sie haben es hundertfach bewiesen. Sie tun alles, um die Leiden ihrer Brüder zu lindern, und kein Hilferuf verhallt bei ihnen ungehört. Sie kümmern sich um das Schicksal ihrer verfolgten Brüder, aber sie wollen nicht erkennen, daß es ihr eigenes Schicksal ist. Sie fühlen sich so sicher, so frei, so fern vorn Schüsse. Sie organisieren Hilfswerke für andere J'.^'n und hali ten es für überflüssig und y v den eigenen