Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1988 (27.8.1924)
- Date
- 1924-08-27
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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#it*wti^ * * * *> ~ >-• ** t » i 17 , *« * f t? . *. Das Buch derzeit UTERATURBEILAGE DER .'WIENER MORGENZEITUNG' Nummer 24 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 27, August 1924 'ADMINISTRATION , „WIENER MORGENZEITUNG“, WIEN, II., TABORSTRASSE 1—3 UNSER BUCH DER WOCHE Die sittliche Welt des Judentums Die vorliegende Arbeit Professor Zieglers,*) des verdienten Gelehrten, dem es seit je um Fragen des praktischen Judentums :wie selten einem ernst ist, bildet den ersten Teil eines Werkes über die sittliche Welt des. Judentums von der Zeit der Bibel bis auf unsere Tage. Als weitere Teile werden folgen: „Vom Abschluß des Kanons bis Saadja“ und „Von Saadja“ bis Mendelssohn“. An Darstellungen der IJthiK des Judentums und Zusammenstellungen der biblischen und talmudisehen Quellen einer solchen „leiden“ wir vielleicht eher Ueberflüß als Mangel* Auch gute Schriften, wie die von der „Vereinigung für Schriften über jüdische Religion“ besorgte Publikation „Die Lehren des Judentums“, stehen uns zur Verfügung* Diese, wie übrigens auch die nicht minder gut.gemeinten schwächeren Produkte dieses Literaturzweiges, sind von einer leider . aktuellen apologetischen Tendenz getragen. Gegenüber der. sich wissenschaftlich gebärdenden systematischen Verunglimpfung und Herabsetzung des Judentums soll und muß aufgezeigt werden, was in den Quellen wirklich steht und wie ernste nicht jüdische und jüdische Autoren zu allen Zeiten diese Quellen interpretiert und demzufolge den Geist des Judentums als den einer hochstehenden Sittlichkeit erkannt haben. Von ganz anderen Absichten ist Ziegler geleitet. Wohl tr.eübt auch er Apologetik. Bewußt. Doch nicht nach außen. Er will den dem Judentum entfremdeten Juden unserer Tage zeigen, daß die Sittlichkeit des Judentums, speziell der Bibel, unübertroffen ist, daß im besonderen die Bezeichnung des Judentums als Offenbarung des Gottes der Rache unrichtig ist u. dglm. Zu diesem Zwecke erklärt er sich sogar bereit, „frühere Ideale“ zu eliminieren und selbst sehr gut Aufrechtzuerhaltendes, wie die „Auserwählung“, über Bord zu werfen. Aber der Verfasser will noch mehr. Er will durch die zu erzielende Anerkennung der ethischen Hochwertigkeit des Judentums eine neue subjektive Frömmigkeit erzeugen. Und hier sind wir im Kern seines Problems. Das Problem, die entschwundene „alte Naivetät unerschütterlichen Glaubens“ und der Frömmigkeit überhaupt (ganz abgesehen von der besonderen Problematik dieses letzten Begriffes) unserem Geschlechte wiederzugeben, könnte, um es vorweg zu sagen, nur so gelöst werden, daß all die zahllosen Komponenten, aus denen der Jetzige Zustand sich als Resultierende ergab, in ihren Ursachen erkannt und von dort aus womöglich wirksam bekämpft werden. Dann stünde man immer noch vor der Mauer, als welche alles Gewordene und historisch Motivierte sich uns immer entgegenstellt. Der Verfasser sieht die Lösung seines Problems In dem Bestreben, unserer Generation die Bibel wieder in die Hand zu geben und auf diese Weise die sittlichen Ideale des Judentums wieder zu popularisieren. Zu dem Ende legt er ausgewählte Bibelsprüche vor über die Sendung Israels und seine Gottesidee,, über das Verhältnis von Gott zum Menschen und von Mensch zu Mensch, auch von Mensch, und Tier und schließt mit einer Abhandlung über den Frieden als den Ausdruck des messianischen Gedankens. Diese Bibelsprüche sind rum Teil wörtlich, sehr oft aber paraphrasierend wiedergegeben, immer aber in sehr schöner, flüssiger Sprache. Den Übersetzungen stellt der Verfasser den hebräischen Bibeltext zur Seite und scheint sich unter Betonung der Wichtigkeit des Hebräischen als „Kultsprache“ der Erwartung. hinzugeben, daß der Leser mit Hilfe dieses Buches des Hebräischen .mächtig werden könne. Nun, das dürfte sich bei frei übersetzten Texten ohne Wörter und ohne Formen schwer machen lassen. Dennoch behauptet ZiegleV: „Nur die Kenntnis der Bibel in der. Ursprache kann da eine Besserung herbeiführen*“ Doch bei aller Vorfrefflichkeit der klar und interessant verfaßten Vorbemerkungen und Einführungen zu den Bibelsprüchen, diese Methode, unserer Zeit zur Wiedererlangung der < ihr verloren gegangenen Frömmigkeit und Naivetät zu verhelfen, kann nicht überzeugen. Es ist zweifellos sehr war, daß zur Erzielung einer ansprechenden Geistigkeit der jüdischen Massen eine Popularisierung der Bibel und Propagierung ihrer Sittlichkeit dringend notwendig ist. Es ist auch richtig, daß der .Drokessor Dr. J. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad: »Die sittliche Welt des Judentums.“ Erster Teil: „Die sittliche Welt der heiligen Schriften,“ Herausgegeben von der Großloge X. J. 0, B. B. für den Tschecho-slowakischen Staat. Leipzig 1924. Verlag W. M. Kaufmann. (VII u. 271 S.) Wiederaufbau einer gesunden Religiosität und subjektiven Frömmigkeit in Angriff genommen werden soll und muß. Es ist ferner richtig und wahr, daß dies ohne Wiederbelebung des Hebräischen nicht möglich ist. — Aber nicht als. „Kultsprache“. Wenn der Verfasser gelegentlich behauptet, selbst die unwissendsten Juden der früheren Zeit „lasen“ Pentateuch und Psalmen, dann verwechselt er „Hersagen“ mit „Lesen“. Gerade ihr sinnloses Hersagen beweist die Geringwertigkeit des Hebräischen als einer bloßen Kultsprache. — Der Verfasser hat mit all seinen „Zu* rück“-Rufen — „zurück zur Seele, zurück zum Gottesgeist, zurück zur Menschenliebe . . - blutig recht. Dennoch, kann es da nur einen Weg geben — und das ist ein zweckentsprechender, auf der Basis, der Hebräisierung zu erteilender Jugendunterricht. Nur von der Jugend, einzig und allein von der Jugend, kann das Heil kommen. Alle jüdischen Probleme unserer Zeit,: religiöse, nationale und rein ethische, führen nur dann zu einer Lösung, wenn man sie als Erziehungsprobleme er-, faßt. Bei Erwachsenen ist ein Achtungserfolg das höchste Erreichbare. Doch vielleicht behält der Optimismus des Verfassers recht. Das kann sich mir erweisen, wenn sein Buch, was zu wünschen ist, einen großen, verständigen und willigen Leserkreis findet. Dr. M. R o s e n f e 1 d. 1 L verlangen Sie von HELLER (BUKUMI illl 88 I* Bauernmarkt mUll kostenlos! LEBEN IM BUCH Robespierre: „Erinnerungen.“ Verlag Rösl u. Co., München-Leipzig. - Ein Buch, das die tausend Fabeln vom blutiürstigen Ungeheuer Robespier re zunichte macht. Rodespier re selber zeichnet wohl mit pedantischer Genauigkeit seinen Werdegang. Wir sehen, wie eine Zeit voll unerträglichen Druckes den kleinen Provinzadrvotoaten. zu schrecklicher Größe emporträgt. Robespierre und mit ihm tausende denkender Franzosen mußten so werden, um Frankreich und mit ihm die ganze Welt von Hange, Schmach und Dunkelheit zu befreien. Die Reden Robespierres sind in ihrer Form gebügelt, nach unserem Geschmack vielleicht zu ku.tiviert. Aber ihr Inhalt macht v.e fürchterlich, verderblich für alle Träger der alten Macht, welche ihr Hauch nur streift. Robespierre sieht sein Ende voraus. Er macht sich keinerlei Illusionen un-d geht den Weg, von dem er weiß, daß er nter der Guillotine endet. Das Buch macht die große Revolution verständlich. Lord Mäcaulay: „Essays.“ Herausgegeben von Egon Friede!!. 1924. Rikola-Verlag, Wien-Leipzig-München. Diese Neubearbeitung der Uebersetzung von Friedrich Bülau umfaßt die Aufsätze über Mächiavelli, Lord Bacon, Friedrich d. Gr. und Lord Byron. Der Herausgeber will diese vier aus der großen Zahl der Macaulayschen Essays ausgewählt haben, weil er gerade für sie bei dem heutigen Leser stärkeres Interesse vermutet. Und er hat einen richtigen Griff getan. Ist wohl an sich schon alles, was Macaulay gestaltet hat, in. vollendetem Maße geeignet, dem Leser von geistiger Distinktion in dem dem Autor eigenen, ebenso klugen wie gerechten Erfassen und Verstehen von Menschen und Ereignissen einen erlesenen Genuß zu bereiten, so ist dies um so mehr dort der Fall, wo ein aktueller Nebensinn, der im Geiste des Lesers mitschwingt, diesen Reiz erhöht. . Ein Beispiel: Macaulay sagt von Friedrich d. Gr-: „Die meisten Fehler der friderizianisclien Verwaltung gehen auf einen einzigen Fehler zurück: den Geist des Sicheinmisch ens .. . sein herrisches Wesen, seine militärischen Gewohnheiten, alles lenkte ihn zu diesem .großen Fehler hin . „Wir können uns dareinfinden, unter einem Lüstling oder einem Tyrannen zu leben; aber von einem Vi elgeschäftigen regiert zu werden, ist mehr, als die menschliche Natur ertragen kann.“ Kann man bei Aufrollung--dieses Bildes an unserem zeitgenössischen Katastrophenhelden vorbeisehen? — Die Sorgfalt, die Uebersetzer und Verleger dem Buch ängedeihen ließen, erhöhen die Annehmlichkeit der Lektüre desselben. Dr. R. Friedrich Schleier machen „Leber die Religion.“ Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. Mit einer Einleitung von Dr, Hans L e i s c g a n g. 1924. Verlag Alfred Kröner, Leipzig. (Band 34 von Kröners Taschenausgabe. Dr. Hans Leisegangs Einleitung zu der neuen, in der bekannt ansprechenden Weise der Taschenausgaben ausgestatteten Ausgabe der „Reden“ mutet wie eine Apologie’ an. Er verteidigt Schleiermacher gegen den vorausgesetzten stillen, Vorwurf des Veraltetseins und zeigt, wie dieses Buch dem modernen Menschen vielleicht noch mehr zu sagen hat. als seinerzeit den „Gebildeten“, für die es geschrieben wurde. Denn diese Vielzuvieleti und Bildungsphilister, wie sie Nietzsche nennt, die Schleiermacher am Anfang ihrer Entwicklung sah, sind heute in noch viel ausgedehnterem Maße, als sie es zu seiner Zeit waren, die Herrschenden geworden. Darum sei für das religiöse Leben der Gegenwart die innerliche Auffassung vom Wesen der Religion, wie sie Schleiermacher entwickelt, sowie seine ganze Kulturpolitik überhaupt, mehr denn je vonnöten. Schleiermacher sucht im Gefühl den Ursprung der Religion und gleichzeitig ist ihm die Religion die mystische Methode, Welt und Leben zu begreifen. Leisegang verweist nun mit Recht darauf, daß Schleiermacher der Religion dadurch, daß* er sie auf der Mystik aufbaut, mehr geschadet als genützt hat. Denn, so meint er, auf diese Weise löste die Religion sich selbst aus dem Zusammenhänge der Kultur und verschuldete selbst die immer größer werdende Kluft zwischen ihr und der Wissenschaft. Dennoch bedarf es keiner Apologie der „Reden“. Für jene Menschen, denen Religion Gefühl ist, werden sie Ihre Aktualität im großen und ganzen noch lange nicht einbüßen. Dr. Rd. Ludwig Feuerbach: „Das Wesen des Christentums.“ Kritische Ausgabe. Mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Karl Q u e n z e 1. Verlag Philipp Reciam jun., Leipzig. Der rührige Verlag legt einen neuerlichen Abdruck dieses Werkes vor. das sich seit je zahlreicher und leidenschaftlicher Feinde und Freunde erfreute. Feuerbachs „Wesen des Christentums zählt zu den Schriften, die nicht wegen ihrer dauernden wissenschaftlichen Geltung — denn die methodischen Bedingungen einer solchen sind nicht mehr die gleichen wie zur Zeit der Ab-, fassung dieses Werkes —. sondern hauptsächlich wegen des großen Freimutes eines auch innerlich unabhängigen Geistes, von dem sie zeugen, auch heute Leser finden werden. Bezeichnend dafür ist/was er an einer Stelle von sich sagt: „Ich habe nichts dagegen: Ich bm lieber ein Teufel im Bunde mit der Wahrheit, als ein Engel Kn Bunde mit der Lüge.“ Die die geschichtliche Einordnung und Wirkung des Huches würdigende Einleitung und die aufschlußreichen Anmerkungen des Herausgebers erhöhen den Wert dieser sehr gefälligen Ausgabe. Dr. R- VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Zwei Übersetzungen Der Jüdische Verlag in Berlin hat injfer letzten Zelt ( ■mit der Veröffentlichung zweier großer Werke ln deutscher Sprache begonnen, durch die eine empfindliche Lücke in dem dem deutschen Leser zugänglichen jüdischen Schrifttum ausgefüllt wird. Der bedeutendste hebräische Denker und der vollendetste künstlerische Darsteller des ost-europäischen Ghettos werden gleichzeitig in Gesamtausgaben herausgegeben. Ach ad Ha am ist gerade den deutsch sprechenden Zionisten kein Fremder mehr* Seine Gedanken und Theorien haben auf die Entwicklung des mitteleuropäischen Zionismus seit 1908 einen entscheidenden Einfluß ausgeübt. Die wichtigsten seiner Essays, die sich mit der Lösung der Judenfrage und dem Zionismus befassen, waren bereits vor dem Krieg vom Jüdischen Verlag ln der Uebersetzung Israel Friedländers und Harry Torczyners zugänglich gemacht worden. Aber nun liegen die ersten zwei Bände der Gesamtausgabe in neuer Uebertragung vor. Hier sind wörtlich und ohne jede Auslassung sämtliche Schriften Achad Haams, wie er sie in der hebräischen Gesamtausgabe seiner Schriften gesammelt hat, veröffentlicht. Erst so wird die gesamte Struktur dieses gewaltigen Baues1 vor unseren Augen sichtbar. Der zweite Band dieser Ausgabe enthält die Aufsätze, die Achad Haam in den ersten Jahrgängen seiner Zeitschrift „Haschiloach“ veröffentlicht hat. Die unermüdliche Klarheit und die strenge geistige Haltung Achad Haams lassen uns immer wieder bedauern, daß nicht auch heute einer ist, der mit solcher Autorität und Sicherheit uns die Wege wiese und all das Tun des Tages an den Maßstäben der allgemeinen Vernunft und Sittlichkeit messe. Heute noch aktuell sind seine Aufsätze über die Schulen ht Jaffa und über die Palästinakolonisation und ihre Bevormundung. Es wäre gut, sie zu lesen und an dem Gegenwärtigen zu prüfen, wie viel wir weiter gekommen sind. Wunde Punkte, auf die hier die Hand gelegt wird, sind manchmal noch nicht zugehellt, manche sind an anderen Stellen wieder aufgebrochen. Die Uebersetzung des zweiten Bandes durch Hugo Knöpfmacher und Ernst Müller hält sich treu an das Original und gibt trotz ihrer guten deutschen Lesbarkeit die Rhythmik der Sprache Achad Haams gut wieder* Achad Haam ist der repräsentative Denker, den die nationale Bewegung im Osten hervorgebracht hat./Er ist tief mit den geistigen Traditionen seines Volkes verknüpft. Tiefer aber noch wurzelt in ihnen mit seinem ganzen Wesen Mendete Moclier Sförim, der in seinen Romanen und Erzählungen in jiddischer und hebräischer TV Tri TJljrjTJ DER WOCHE STETS BEI BRAUCHST DU BÜCHER, Mo Dullil ™"l'elm ®ri“m0ll"&Soin > PÜF öie Pspiey: lyiksla-JSäcbct81 | GEH ZU LÖWIT jsxaas aj M VaA Wien, I, 0 r a b e n 2|l WIEN. 1. R0TENTURMSTRAS8E 22