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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-26 · Heft 1987 (26.8.1924) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1987 (26.8.1924)
Date
1924-08-26
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seit« 8' Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitimg. _26. August 1924_ Nr. 1987 Gesellschaft sind lächerliche Hohlköpfe, die einander über die Achsel ansehen. Ein Pröbchen wie sie in Musils Spiegel aussehen: Ter Universitätsprosessor, entrüstet über den Größen- Wahnsinn des „Tondichters", sagt: „Ich bin nicht so geschmacklos, mich mit Beethoven zn vergleichen. Aber angenommen, ich wäre Beethoven: Wie könnte ich es beweisen, ohne 'zugleich Historiker zu sein? . . Diese Herrschaften benötigen Alpha nicht nur als Weibchen. Alpha, die Jour-Schwätzerin, ist gleichzeitig ihr sittlicher Halt. Natürlich bezieht die beliebte Dame ihre Kunst der Dialektik nicht aus dem eigenen Hirn. Ihr geschiedener Mann, der Schriftsteller und Kunstsachverständige, gibt ihr das Material und ist empört, daß sie den Lohn einstreicht, nicht'er: „Was ich sage, kann ich mit den Autoren belegen, von denen ich es habe; Alpha hat es aber von mir." (Merkt man aus diesen Textproben, daß bei dieser. Komödie ein Mann von nicht gewöhnlichem Geist am Werke war?) Alpha findet ihren Meister in Vinzenz, einer Zuhälter- und Gaunernatur von bestem gesellschaftlichen Schliff und den erforderlichen mangelnden Herzensqualitäten. Für tüchtige und richtige (das heißt: nicht nachweisliche) Bezahlung tut er alles und geht überall unverfroren „mitten durch". Indem er sich nämlich aalglatt fortschlängelt. Er steht im Dienste des bloß geschiedenen, aber noch nicht getrennten Ehegatten, für welchen er ein in flagranti zwischen Alpha und einem Multimillionär zustandezubringen hat, damit sich nebst der gewünschten Trennung auch noch eine fette Erpressung ergibt — und steht in Diensten des nämlichen Multimillionärs, den er gegen einen gehörigell Scheck von dem Dämon Alpha befreit. Kurzum, er bringt den Befähigungsnachweis,, Alphas ebenbürtiger Lebensgefährte zu werden. Aber daraus kann nichts werden. Diese beiden Ausbeuter einer lächerlichen, dummen und perfiden Gesellschaft stünden einander im Wege und sorgen rechtzeitig, daß sich ihre Wirkungskreise nicht schneiden. Sie werden auch fürderhin vortrefflich gedeihen, Vinzenz, der Meister der „gebratenen Worte", und Alpha, das Papageienweibchen, das bei ihrem verflossenen Göttergatten so tüchtig Schule machte, bei dem Kunstschriftsteller Halm, dessen Maxime, würdig der Gesellschaft, die ihn zeugte, also lautet: „Ich kaufte, wofür ich kritisch einzutreten vermochte, und also vermochte ich kritisch einzutreten für das, was ich gekauft hatte. Mein Wohlstand hat sich im Einklang mit meinen Ueberzeugungen entwickelt." Der erste und der zweite Akt sind ungewöhnlich amüsant, auch in der Szenenführung abwechslungsreich, der dritte läßt allerdings einiges zu wünschen übrig. Ohne daß natürlich auch nur der geringste Anlaß zu Aeußerungen empörten Widerwillens gegeben wäre. Aber ein Publikum, das nur bei einer einzigen Textstelle verständnisinnig mitging, als nämlich einer besorgt, ob die Bank noch in der Lage sein werde, seinen Scheck zu honorieren, hat eben auch ein Antlitz. Das Stück, ganz auf den subtilen Dialog gestellt, ist schwer zu spielen, besonders in einem großen Hause. Die Mitwirkenden haben unter Beers Leitung in Ehren bestanden. Die beste Leistung der feminine, süße, schmierige Kunstschriftsteller Hans Zieglers und der „Gelehrte" Ludwig Gibisers. Der Rolle des Vinzenz, die ein genialer Komödiant aus dem Handgelenk spielen müßte, zeigt sich Karl Günther überraschend gewachsen. Auch Lore Busch als Alpha von bemerkenswerter geistiger Beweglichkeit. Aber es war in diesem Falle doch nicht genügend. Diese Alpha muß ein weiblicher Ekel sein. Ein körperlich reizender, Männer »usreizender. Aber doch ein Ekel ... . O. A. i Neujahrsgratulationeu in drr Wiener Morgenzeitung' Ihren Verwandten, creunden, Gästen, Kunden in der Nummer der WenerMorsenzeitrms' am Sonntag den 28. September (29. Elul) Sie waren Geld, 3eit n. Mühe! . Die Neujahrsgratulationen cker *Wiener Morgenzeitung“ haben sich seit Jahren beim jüdischen Publikum bestens eingeführt. Um die grosse Fülle der einlaufenden Gratulationen unterbringen und günstigst placieren zu können, empfiehlt es sich, den anliegenden Bestellschein sofort auszuschneiden und umgehend an die Verwaltung der „Wiener Morgenzeiturig“ einzusenden. Der Betrag ist am besten in Noten der entsprechenden Landeswährung gleichzeitig mit dem Bestellschein in bar zu überweisen. Der Preis für das Einheitsinserat (20 mm) betrSgts Für Wien und Oesterreich . K 70*000 Für Polen .Zloty 5.— Für alle übrigen Länder Dollar 1.— beziehungsweise dessen Oegenwert in der Landeswährung Muster: J. M. Frost und Frau G II; Grosse Motirengasse Nr. 47 gratulieren allen Verwandten, Freunden und Bekannten zum Neuen j&hrel M I Serichtsfaal. Der Mordprozeb Wler vor dem Sberfte» Gerichtshöfe. Die Nichtigkeitsbeschwerde verworfen. Gestern hatte sich der Oberste Gerichtshof als Kassationshof mir der Nichtigkeitsbeschwerde zu befassen, die der gewesene Mitchef der Holzfirma Elßler, Otw Eitzler, gegen das Urteil eingebracht hat, mit welchem er vom Wiener Schwurgericht unter Vorsitz des Hofrates Ra ms au er wegen Ermordung seines Vetters Robert Eißler zu zehn Jahren schweren Kerkers verurteilt worden war. Der Verteidiger Dr. Teirich führte in' einer zweistündigen Rede die Nichtigkeitsbescherde aus, in deren Verlauf er insbesondere schwere Bedenken gegen das psychiatrische Gutachten der Sachverständigen erhob, das aus der einen Seite Wahnideen konstatierte, um sie auf der anderen Seite wegzumterpretieren. Entgegen dem Sachverständigengutachten suchte der Verteidiger nachzuweisen, daß der Angeklagte nicht em bloßer ' Sonderling war, wie die Psychiater vermeinten, sondern daß an ihm sämtliche Erscheinungen der fortschreitenden Paranoia zu beobachten sind. Dr. Teirich schloß feinte Ausführungen mit einem Appell an den Obersten Gerichtshof, im Hinblick auf die schweren Bedenken gegen das angefochtene Urteil die Entscheidung des Schwurgerichtes aufzuheben und die Sache zur neuerlichen Verhandlung znrückzuverweisen. Um halb 3 Uhr nachmittags trat die Mittagspause «in. bei Wiederbeginn der Verhandlung um halb 5 Uhr nachmittags ergriff der Vertreter der Generalprokuratur Hofat Dr. Gastheim das Wort, welcher die Verwerfung der Nichtigkeitsbeschwerde beantragte. Um halb 7 Uhr verkündete der Vorsitzende, Senatspräfident Dr. Pascoletto, das Urteil des Obersten Gerichtshofes, womit die Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten verworfen und dieser zur Tragung der Kosten verurteilt wurde. Die Begründung schloß sich den Ausführungen des Vertreters der Generalprokuratur an, die das Vorhandensein von Nichtigkeitsgründen aberkannte und darlegte, daß im Sachverständigengutachten über den Geisteszustand deS Angeklagten kein Widerspruch liege. In nichtöffentlicher Sitzung beriet hierauf der Senat über die Berufung bezüglich des Strafausmaßes. Der Dienstmann im Weltkrieg. Der Dienftmann Aaron David mann, der an der Front als Lastträger verwendet wurde, behauptete, hierbei derart als „Packesel" benützt worden zu sein, daß er unter diesen ungewohnten schweren Lasten zusammenbrach und nich> mehr weiter konnte. Sein Anspruch aus Invalidenrente wurde abgewiesen, weil der Zusammenhang zwischen der Kviegsdienstleistung und seinem derzeit-geschwächten Organismus nicht gegeben und eine Erwerbsähigkeitseinbuße von mehr als 16 Prozent nicht erwiesen sei. Bei der dagegen über die Klage des Llbgewiesenen vor dem Verwaltungsgerichtshose stattgehabten Verhandlung machte der Böschwerdevertreter gellend, daß der Klager laut heeresärzlichen Zeugnisses durch Strapazen und Erkältung herabgekommen war. Er sei trotz des schon damals erkannten geschwächten Organismus eben doch gemustert und sogar an die Front geschickt worden. Der Verwaltungsaerichtsyof erkannte auf Abweisung der Klage, weil zwar der ursächliche Zusammenhang des derzeitigen Körperzustandes des Klägers mit der Kriegsdienstleistung allerdings angenommen werden müsse, allein eine Erwerbsfähigkeitseinouße von mehr als 15 Prozent, welche die Voraussetzung für den Rentenanspruch wäre, nicht erwiesen sei. Aus dm Matern. Im Deutschen Bolkstheater findet Samstag die Erstaufführung des Lustspiels „Ein schwaches Weib" von Jacques D e v a l statt. Annemarie Steisieck tritt darin in dieser Spielzeit zum ersten Male aus. Für Montag den 1. September wird Anzengrubers Bauernlustspiel „Die Kreuze ls chre i b er" vorbereitet. . Volksoper. Heute „Cavall e r i a r u st i c a n a". „Der Bajazzo". Morgen Mittwoch „Boheme". Im dienen Wiener Stadttheater gelangt heute die Posse „Die Gigerln von Wien", neu einstudiert von Oberregisseur Karl Kneidinger, zur Erstausführung. Im Komödien Haus eröffnet Alfred Gerasch sein Gastspiel bereits Donnerstag den 28. d., und zwar gelangt anläßlich des 175. Geburtstages Goethes „Iphigenie aus Tauris" mir Gerasch als Orestes zur Aufführung. Heute ui'.d morgen bleibt das Theater wegen Vorbereitung zum Gastspiel geschlossen. Musik- und Theaterfest der Stadt Wien. Das Theater in der Josesstadt hat für das Musiksest vorläufig zwei Aufführungen angekündigt, und zwar Goethes Iphigenie auf Tauris" für den 3. Oktober (Inszenierung R'char) Beer-Hofmann) und Ncstroys „Haus der Temperament" für den 13. Oktober tJnjzkr'ernng Max Reiny':>.). — In das Programm d-s Mniik- I;ies der Stadt Wien wnr^e ani als außer rde?.:l:ch' Verans.ail.ing ein Konzen des berühmten ruj>'schen Sängers S ch a l j a p i» ausgenommen. Da-r Konzert findet in den erfreu Tagen des Musikfestes statt. Joachim Slutschewsty kommt nach Wien. Der Cellist Joachim S tu t >' ch e ws kv wurde von dem neu gegründeten Wiener Streichquartett nach Wien berufen. Der Künstler, der bisher in Zürich ansässig war, erfreute sich in der Schweiz großer Beliebtheit und die Schweizer Presse bedauert sein Scheiden aus feinem bisherigen Wirkungskreise außerordentlich. Unter anderem schreib die „Neue Züricher Zeitung": „Stutschewsky hat dafür gesorgt, daß seine künstlerische Tätigkeit noch lange ehrenvoll genannt werden wird." Stutschewsky ist auch als Bearbeiter jüdischer Melodien und Volkslieder vekannt. Klara Aoung, die bekannte jüdische Soubrette, die vor „ .i. . ^-len austrcu und gege'-wärtiq in " ar s gastiert, wird, wie wir erfahren, in den nächsten Wochen zu einem kurzen Gastspiel nach Wien kommen. Maria Orska, die für einen Teil der Saison dem Moderuen Theater verpflichtet wurde, beginnt ihre Tätigkeit in der Eröffnungsvorstellung des Modernen Theaters, die Samstag den SO. d. stattfindet. An diesem Abend gelangt Strindbergs Komödis Kameraden" zur ersten MsWhrun^, Bestellschein An die Verwaltung der „ Wiener Morgenzetiung" Wien, IL Taborstrasse 1—3 Ich bestelle für die Eosch-Haschanah-Nummer der „Wiener Morgcnzeitmg“ «....Neujahr sgratulation{en) zum Preise von und sende den Betrag gleichzeitig mit diesem Bestellschein ein Text: (deutlich ausfüllen!) ... . . . Name: Adresse: . den im Das beleidigte Hakenkreuzgymnasium in Graslitz. Aus Prag wird uns geschrieben: Das Professorenkollegium des Gymnasiums in Graslitz hatte gegen den dortigen Fabrikanten R. Schulz die Ehrenbeleidungsklage erhoben. Schulz hatte nämlich in einer Eingabe an den jüdischen Nationalrat in Prag auf unliebsame Zustände aufmerksam gemacht, die am dortigen Gymnasium herrschten. Er wies namentlich auf die antisemitische Strömung und ungerechte Behandlung jüdischer Schüler hin und hob auch dre hakenkreuzlerische Tendenz hervor, unter der die jüdischen Schüler zu leiden hätten. Der Landesschulrat leitete die Beschwerde an das Unterrichtsministerium,' welches ein neuerliches Verbot des Tragens der Hakenkreuzabzeichen seitens der Schülerschaft erließ. Der Angeklagte wurde damals zu 500 Kronen verurteilt» und zwar bedingt, weil ihm ethische und nationale Motiv» zugebilligt wurden. lieber die vom Angeklagten eingebrachte Berufung verhandelte ein Berufüngssenat. Verteidiger Dr. Ludwig Singer führte, bevor er sich dem Klageinhalt selbst zuwandte, folgendes an: „Es ist wohl richtig, daß das Gerrcht sich streng an die Paragraphen des Strafgesetzes und der Strrsprozeßordnung zn halten hat. Man kann jedoch den Emzelfall nicht anders beurteilen, als im Wesen des ganzen Milieus, aus welchem er entsprungen ist. Es ist allgemein bekannt, wie sehr die Hakenkreuzbewegung an den deutschen Mittelschulen um sich gegriffen und welche Folgen diese unter den Mittelschülern gezeitigt hat. Daß auch unsere Universität von derartigen Strömungen nicht frei ist, beweisen die Vorgänge anläßlich der Wahl des jüdischen Gelehrten St einh erz zum Rektor. Ich erinnere nur daran, mit welchen Mitteln jüdischen Studenten das Betreten des Universitätsgebäudes unmöglich gemach: wurde." Dr. Singer befaßte sich dann mit den Einzelheiteii des Falles und wies auf den Mangel der Legitimation der Ankläger hin. da sich die angeblichen Beschuldigungen nur auf einzelne Personen bezogen haben. Dr. Singer erwähnt, daß der Wahrheitsbeweis in diesen Fällen gelungen sei, daß aber auch schon der Wahrscheinlichkeitsoeweis genügt hätte. Die Motive des Angeklagten waren ehrlich und rein, da er sich berufen gefühlt habe, gegen den verderblichen Einfluß des Hakenkreuzlertums auszutreten, dessen Ideal Lndendorff und Hitler ist. Ter Angeklagte habe im Interesse des Staates gehandelt, da er auf Zustände hingewiesen habe, die gegen die Gleichberechtigung aller Bürger gerichtet waren. Nach sehr langer Beratung verkündete der Senat das Urteil, mit welchem das erstinzanzliche betätigt wurde. Die Gründe stimmeii im wesentlichen mit denen der ersten Instanz überein, insbesondere wird der Umstand hervorgehoben. daß die Beleidigung öffentlich war. Es ist zwar richtig, daß unter den Schülern Unzukömmlichkeiten waren und daß die Schüler sich hakenkreuzlerischer Tendenzen bedienten, es konnte jedoch nicht nachgewi-esen werden, daß den klägerijchen 18 Professoren die Einzelfälle bekannt waren. Der Angeklagte war daher schuldig zu sprechen müb zu verurteilen.

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