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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-24 · Heft 1985 (24.8.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1985 (24.8.1924)
Date
1924-08-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IPolen 2D-Brogzy| Wi« nt' Zum Abholen in der Expedition, II.Taborstr. 1-3, oder in einerVerecHleisstelle (Trafik) monatl. K 40.000 Strassenv erkauf in Wien durch die Kolporteure' der Firma Goldschmied, 1.6er., Wollzeile 11 MitPostversand für Wien n. Oeeterr. monatl. K 40.000 Tb ehe eh o-S iowakeit Mon. K18. Jugoslawien: Mon. DinaröO. Po len: Mon. 3*/t Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, Pr an k r., Belgien: Mon. Frcs.12 MF" Naahiahlungraa M W PreJierhShungren Vorbehalte» SICHERN SIE Nr. 198S DER lener | Preis K I80Q1 England: Mon.4 Sduüfegr, 11 aIien: Monatl. 12 Lire, R u m a n i e nMott. 150 Lei, Bulgarien Mon. 80 Lewa. S c h w e i z and dasübrige Ausland monatlich Pres. 4 Redaktion u. Administration Wien, n„ Taborstrasiwl—3 Telephone: 44-0-38,43*3*19, ab 6 Uhr abds. 21 *102,25*282 IX. Unlversltätsstr, 6—8 (Druckerei Steinmann) Oesterreichisches Postsparkassen »Konto Nr. 150.698 Me«. Syuutas. 24. August 1924 6.ZahMUg Aus dem FUHalt der heutige» Nummer. Metternichs Beziehungen zum Judentum. Bon Dr. Willy Cohn. , Parteiwirtschaften. Von Dr. Michael S n s s a n. Zur Geschichte her sevhardischen Juden ln Wien. (U.) Bon Dr. N. M. Gelber. Der zngeshitzte Zinsfütz. Bon Dr. Heinrich Schreiber. Die Freundschaft. Von S. Meisels. Der Reisekoffer. Von Egon D i e t r i ch st e i n. Die althebraischen Inschriften vom Sinai. Von Dr.. M. Rosenfeld. Tombola in Venedig. Von Otto Ab el e s. Mademische «efti-lltv. 8t. W i nt, 24. August. Im Krieg haben die Wissenschaftler, insbesondere Ober die deutschen, eine ganz ungeheuerliche Anpassungsfähigkeit bewiesen und sich in kürzester'Zeit und gründlich dem Willen und den Befehlen der kommandierenden Menschenschinder angepaßt. Im Bedarfsfälle hat die Wissenschaft haarscharf nachgewiesen, daß zerriebenes Holz nahrhafter wie Weizenmehl ist, daß der Aufenthalt in schlammigen Schützengräben für Schwertuberkolöse direkt die Rettung bedeutet, daß gekochte Rüben als Säuglingsnahrung und gebratene Hühner für, Generäle zur Erstarkung der Nation führen, daß Paralytiker im Trommelfeuer Genesung finden, daß Lungen-, schüfst die Atmungstätigkeit fördern und Prothesen weit besser sind 'wieangewächstne Hände^D^ß^M^Kestp.' Die Wissenschaftler haben bewiesen, daß es die ureigent- - lichste Bestimmung des Menschen ist, für kriegsdiensttauglich befunden und abgeschlachtet, zu -werden. Der Krieg hat wohl aufgehört, zum großen- Schmerze der deutschen Wissenschaft, aber die patriotische und mit eisernen Kreuzen belohnte Neigung-der akademischen Kapazitäten, den Menschen geringer, als. das. liebe Vieh zu werten, ist geblieben.. Der Beschluß einer.reichsdeutschen Körperschaft ist beredtes Zeugnis. Er lautet dahin, Menschen so zu behandeln wie Ochsen, Schweine und Truthähne, sie zu verschneiden, zu kastrieren. Das sächsische „Landesgesundheitsamt" hat über- Anregung des Zwickauer Bezirksarztes Dr. Boeter, gelobt sei sein Name, dem Reichsjustizministerium folgenden Gesetzentwurf unterbreitet: . „Eine strafbare Körperverletzung liegt nicht vor, wenn jemand durchs einen Arzt zeugungsunfähig gemacht" worden,ist, der an einer geistigen Krankheit, einer dieser gleichzüachtenden geistigen Störung oder an einer bestätigten schweren verbrecherischen Veranlagung leidet öder gelitten hat, welche mit großer Wahrscheinlichkeit schwere Erbschädigungen' erwarten läßt. Der Eingriff muß Mit seiner Einwilligung „oder" mit Zustimmung des gesetzlichen. Vertreters vorgenommen sein. Als Gutachter kann nur ein Psychiater und ein in Rassenhygiene erfahre-' ner Arzt gelten." Ich bin — um es vorweg zu nehmen — dafür, .daß in einem Falle dieses Gesetz sofort in Anwendung gebracht werde: Alle Männer: und Frauen, bei denen auch; nur der leiseste' Verdacht besteht, daß sie -jemals Zwickauer Bezirksärzte oder sächsische Gesundheitsbeamte in die , Welt setzen'könnten,, sind unverzüglich zu kastrieren. Raus mit den Hoden und Eierstöcken, das . Leben wird dann schöner sein. Bis jetzt ist den Amtsärzten.nur die Macht gegeben, arme, protektionslose Teufel, an den Galgen und ins Zuchthaus und geld- und beziehungsreiche Halunken vom Gerichtssaal weg ins Sanatorium zu bringen. . Bis jetzt sind sie nur in der- Lage, von Hunger und Schande zermalmte, junge, betrogene' Fruchtabtreiberinnen und "Kindesmörderinnen für .vollkommen zurechnungsfähig und voll 'verantwortlich zu erklären. Bei! Zeichen Lustmördern, Kinderschändern und Betrügern, finden sie schwere erbliche Belastung, und mangelnde Willensfreiheit, weil einwandfrei nachgewiesen..werden kann, daß der Angeklagte schön als zweijähriges Kind seine Erzieherin in die Wade gezwickt und mit Vorliebe nach glänzenden Gegenständen gegriffen hat. Bis jetzt konnten sie über das Individuum, verfügen, nun sollen sie über Generationen walten. Ihr Operationsmesserwird sich nicht dem geheiligten Leib eines adeligen Kein krfolg in London. — Iie Notwendigkeit der deutsche Wirtschaft. für die (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 23. August. Der beschämende Ausgang, der gestrigen ReichStagAsitzung hat in der Presse aller Parteirichtungen, . ausgenommen die deutschnationale, lebhafte Entrüstung gegen den Relchsltagspräsidenten W a l!l r a f ausgelöst,. dessen -parlamentarische Mfähigkeit: die gestrigen Szenen'heraiusbeschworen hat. . Allgemein wird der Rü cktri ttWallrass und dieM^rbetrauung Lvebes mit dem'Reichstagspräsidium verlangt.' .; ■ H?ute um'. 10 Uhr: vormittags' wurde - der Reichstag wieder eröffnet und , j;; Reichskanzlei Dr Marx, den die KvmmMstsn mit RüstN „ÄAnestie!" empfingen, mst denen - sie ab er Lalh. aMöften-, da sw vom PxasidmÄWK^Mötziert>w.i^n, l konnte die. RegierÄugs'- > rekläruyg äbgeben.. Dr^ führt aus, daß die deutsche- Delegatton'! sich:kchtes: Erfolges riihine, l den sie in' 2 o ndon erreicht Mt?. Die --Aufgabe' der -Delegation habe, darin bestanden, Ms l-de.r.u ng en p erstreben und Bedingungen .auftnstellen, um' diel-Durchführung - des Gutachtens in einer für' die Lebensnotwendlgbeiten und.für die nationale Würde des deutschen' Bc-Hes erträglichen Weise'M gewährleisten. Er glaubefesisMen. zu können, daß .-die.deutsche Delegationin mancher Hinsicht eine.Ber- . b e s s e r u n g' erreicht habe. Erbetonte, .daß die deutschen . Gegenvorschläge in g >l e i ch b e r e ch t i g t e n Berhündlungen m London-'besprochen 'wurden und daß die zum Teil ' tief eingreifenden Einw en'du nge n in vielen Tälle-n von :dc>u AlIiterteit angenom.men -lvurden. Wenn auch die Londoner- Beschlüsse fuhr de-x Kanzler fort — eine schwere- Be la stu ng Deutschlands seien, -so stellen sie doch einen'-F o r t sch r i t t dar und disne.n der Wiedererstarkung der deutschen Wirtschaft ins- und der Wiederherstellung der de . besondere in' den besetzten Gebieten. -Der Reichskanzler erläuterte "dann unter Anerkennung des ehrlichen Willens Herrials die- Bedeutung' der Zugeständnisse hinsichtlich der militärischen RäumnÄg des .Ruhrgebiet-es .W)' wies auf das von Horviot gegebene Versprechen hin, daß die Räumung viel schneller . durchgeführt werden solle, wenn-die.-Verständigung zwischen .Deutschland und Frankreich weiter,vorgeschritten sei. Schließlich richtete der^ReichskaNi^er an.'alle Parteien die Mahnung, sich ihrer Verantwortung bewußt zu sein; -eine Ablehnung des Londoner Vertrages bedeute die Zerstörung zahlreiche Hoffnungen des -deutschen Bottes und insbesondere der Bevölkerung des ' besetzten' Gebietes.' -Jnidustvie : und .Landwirtschaft würden dann. noch!mehr ntzter dev 'Kredit- .not leiden und der Fortbestand --der .deutschenWähmng .würde in -Frage, gestellt werdem ' Die Rede-des Kanzlers -würde von den Kommunisten, .Nationalsozialisten und einigen' Deütschna-tionalen wieder- -hoilt durch Zurufe unterbrochen. - Sodann ergriff, von den Kommunisten mit lärmen^ den K u n d g e b u n g ie r empfangen,; Reichsfrnanzminister Dr. Luther ' -das Wort! Er'gäb.ew Bildbe^stchwere mK'.rise-Md^ gesamten deutschen Wirtscha-fh ünd. wies aufs die steigende E rw er b 'sl os igkei t und die starke littterbrIanz -hin. Der Minist^ -wies nach, büßdas^ Reichseit d-tr- S-tabi- 'listerung. dw - MarkkeiWweas allein Non ständigen' Gm- 'nahmen' lebte,-söndern är^ße einmalige Einnahmenihatte, die bis auf einen keinen Rest alle- -verbraucht seien.' Außerdem '-habe die S t e u e r f ä h igikei t mit der wachsenden Not. der Wirtschaft offensichtlich a b ge n 'o m m e n. 'Mit' dem völligen - wirtschaftlichen' Zusämmenbruch im Ruhrgebiet -drohe aber die größte Gefahr für ganz Deutschland, um )o mehr, als bei einer Nichtannahme der. Londoner Abmachüngen die K r e d i t n -o t stark anste-ige-n würde. Trotz aller Bedenken zwinge hoch der gesamte Zustand der Mrtschaft' zur Annahme der Londoner Ueberomkommen. ' Rerchsmtnrster Dr. Stresemsnn -schilderte, 'häufig voü Zwischenrufen - derM a t-i o n a l- -s o z i a l i ft e n unterbrochen, -den Verlauf der Verhandlungen über die Ruhrräumung und führte sodann weiter aus: 'Als wir. nach London kamen, - Märte die. -deutsche Delega- -tion in einem Schreiben, daß außer - den Fragen, -die sich auf die Aufgaben der drei -Kommiffipnen beziehen, zwei Fragen -für uns -unlösbar-mit der,Debatte über die'Zustimmung 'zckn- Gutachten '-verbündensÄ-seien; ern-mall die Z ü-rü ck-- 'z i e h ü n g - aller französischen 'und belg-ischen' E i se n- -bah ner, die innerhalb-des Deutschen Reiches verwendet 'wurden, und sodann die Räumung der Ruhr: Als .Herrio-tmit dem Bevfprechen der militärischen Räu- -'mü-ng des R-u-hrgebietes- -in'einem M a'-xi m u w'' v ö n '.e i n e m -Jä h r aüs Paris zürückka-m, ' eMä-rte l ihm die; deutsche Delegation, daß ein solches' Versprechen wbne einen -sichtbaren Umfang dieser Räumung für Deutschland-ün- - annehmbar wäre.. Die Delegation hatte ferner-mit dem ' Wüstlings und-reichen .Schwerverbrechers nähern, .es ' sei. denn, ein adeligerer und reicherer wünscht es. Kleine! Erbschaftsangelegenbeiten können da ausschlaggebend! werden. Aberan-«en Elenden, Verlassenen- und von der Gesellschaft AWgeworfenen, wenn sie gar noch -aufrührerischer-Gesinnung - sind,-, wird herumqeschnittetl' ^werben'.. Der Antrag dessächsischen Gesundheitsanttes - wirst- Licht in den dunkelsten Winkel des durch den Krieg! verrotteten Seelenlebens. unserer Generation. ' Dieses plumpe Hineingreifen ins Ureigenste des Mit- . Schweinezüchtergesinnüng läßt uns. die Zeit erkennen,! in.der wir leben. Noch fürchterlicher,' noch ekelerregen-! der als diel Meinungsäußerung der beamteten säch- - t fischen Sauschneider wirkt' die Art, wie die Oeffentlich- - ' keit-auf. die .Nachricht, reagiert,hat.. Man' hat. fie?ein-! fach verzeichnet.' Bisher'kann man auf Grund amtlicher- . Zertifikate schänden, einsperren, hängen. Nun wird. man eben auf Grund einesgestempelten Papieres auch . entmannen können. Sehr. appetitlich. ist das ja nicht, und,der Stand der psychiatrischen Wissenschaft hat die!tnathematisch genaue. Diagnose bestimmt noch nicht er- 'möglicht, aber, man'wird sicher .interessante. Studien an- ' stellen Und vielleicht-das Budget für Geisteskrankenpflege reduzieren-können.-' . . ■ , ' Ob nicht, im. liefen Unterbewußtsein des.Zwickauer 'Bezirksarztes,, -des .sächsischen Gesundheitsreferenten * und - der beteiligten Medizinprofessoren die triebhafte Sehnsucht. wirkt, aufdem Wege der -behördlich und - wissenschaftlich anbefohlenen Kastration das deutsche ' Volk chön M Roten- und von ^den-Juden zu befreien? 'Man kann es ja-nicht verschwören, abdr das Ganze ' schmeckt unb riecht verflucht nach *hakenkrenzlerischer : Staatsraisön und Wisfestfchaft. Es wird einem schwärz- Weiß-röt vor den-Augen? i—8BM in allen AbiftiliiHrrnn idno II. TaborstraBe 48

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