Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1984 (23.8.1924)
- Date
- 1924-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r" IPol bb 20 groszyl Wien: Zum Abholen in der Expedition» II, Taborstr. 1*3, oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatl. K 40.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1. Bez., Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 40.000 Ts ch e c h o-S I owa Ic e i: Mon. K 18. jusoslawien: Mon. DinaröO. Polen: Mon. 31/» Zloty, Deutschland: Mon. Goldpl«(rk4, F r a n k r.» Belgien? Mon. Fr cs. 12 IMF* Nsehsahlungen *W> W PrwterhShunsreD Vorbehalte» | Preis K 14001 England: Mon.4 Schilling, Italien: Monatl. 12 Lire, Rumänien Mon. 1501 .ei, Bulgarien Mon.80 Lewa. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 4 WERDEN SIE SICHERN SIE SICH WM MMW,.-. 31t. 1984 Men. Samstag. 23. August 1924 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstraase 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6Ührabd8.21-102,25-282 IX. Unlversltätsstr. 6—8 (Druckerei Stelnmann) Oesterreichiaches Postsparkassen- Konto Nr. 150.698 6. Fahrgang Lörmszenen im Reichstag. Reichrkaarler Sr. Marx kan» wegen fortgesetzten kommmWche» Krawallen -ie RegierungserklSruns nicht abgeben. ■f ■ (Eigenbierist der „Wiener Morgenzeitrmg".) Berlin, 22. August. Der Reichstag erhielt heute bei feinem ersten Wiederzusammentritt nach der Londoner Konferenz i«n Anstrich eines großen Tages. Schon lange vor Beginn der Sitzung umlagerte eine große Menschenmenge das Reichstagsgebäude, die die ankommenden Abgeordneten j und Minister mit stürmischen Zurufen bedachte. I Das Haus war schon lauge vor dem anberaumlen Beginn der Sitzung überfüllt. Die Tribünen waren bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Auch in den Diplomaleulogen sah man keine einzige Lücke. Ebenso waren auch die Abgeordneten fast vollzählig auf ihren Plätzen, desgleichen die Vertreter der Reichsregierung und der einzelnen Länder. Kurz nach 4 Uhr wurde die Sitzung vom Präsidenten Wall raff eröffnet. Vor Eintritt in die Tagesordnung, auf der als erster Punkt die Erklärung der Reichsregiemng stand, beantragte Abg. Katz (Kommunist) die sofortige Beratung der verschiedenen kommunistischen Anträge. Diese seien wichtiger als die Regierungserklärung. Mg. Katz fordert EÜter, haß stach' der RegierungserMrung die Parteien zu Worte kommen und daß dann.sofort der Re: ch tag a u f g e t o st und ein V o l k s e st t s ch e i d herbeigefuhrt werde. . Der Antrag wurde abgelehnt, was die Kommunisten mit Entrüstungsrufen begleiteten. Nun erteilte der Präsident dem Reichskanzler Doktor Marx das Wort. Noch che.jedoch der Kanzler zur Tribüne trat, wurden auf der kommunistischen Seite stüruüsche Rufe nach „Amnestie" laut. Trotz der Glocke des Präsidenten ließ der Lärm nicht nach. Es blieb dem Präsidenten nichts anderes übrig, als den Kommunisten Schwarz aus dem Hause zu verweisen. Aber auch dies hatte keinen Erfolg. Der Lärm, ging unaufhörlich weiter, so daß sich der Präsident gezwungen sah, die Sitzung auf einige Minuten zu unterbrechen. * Als die Sitzung wieder ausgenommen wurde, begann der Lärm auf der Seite der Kommunisten von neuem. Der Kommunist Schwarz, der sich trotz der Ausweisung aus dem Saale auf seinem Platze befand und auf die Ordnungsrufe des Präsidenten nicht reagierte, wurde von 2V Sitzungen ausgeschlossen und die Sitzung hierauf auf 5 Uhr nachmittags verschoben, .Der kommunistische Abgeordnete.Schwarz war. wählend der ganzen Pause, die sich bis 6 Uhr ausdehnte, im Saale auf seinem Platze geblieben,' umringt von seinen Parteigenossen. Die Minister mit dem Reichskanzler erschienen kurz nach 6 Uhr wieder rat Saale. S'.e verließen jedoch schon Me Viertelstunde später ihre' Plätze. ’ Um halb 7 Uhr erschien Präsident Wall raff im Saale und erklärte, daß der Aelltestomat in seiner überwiegenden Mehrheit sein Verhalten gebilligt habe "Und die Ausweisung des Kommunisten Schwarz aufrechterhalte. Präsident Wallraff erklärte weiter, daß er, da Abgeordneter Schwarz noch immer im Saale sei, nicht in der Lage sei, die DerhaMungen zu letten, und daß er deshalb Vorschläge, für morgen vormittags 10 Uhr eine neue Sitzung mit derselben Tagesordnung anzuberaumen. Diese Aeußerung des Präswenten wurde unter großer Unruhe des ganzen Hauses aufgenonraren und es meldeten sich sehr viele Redner zur Geschäftsordnung. Demgegenüber erklärte der Präsident, er könne audJ bte GeschLstLordnningSdebatie nicht zu lassen, da er aus den angeführten Gründen keine Verhandlung leiten könnt. In diesem Augenblick rief der sozialistische Abgeordnete Schöpflin dem Präsidenten zu: „Kapitulieren Sie vor einem Narren?" Dieser Avischenruf des Sozialisten wurde mit Beifall ausgenommen. Der Präsident brach, .sodann die Sitzung kurzerhand ab und eMärte, daß die Dchsw'Sitzung morgen vormttags um 10 Uhr statsiiüden werde. Neuwahlen? Berlin, 22. August. Wie aus parhl-nrentavischen - Kreisen verlautet, rechnet man im allgemein-en. sehr stark mit der bevorstehenden Auflösung des Reichstages. Um möglichst bald zu einer Entscheidung Wer die Londoner Protokolle zu kommen, sollen dann die Neuwahlen in einem möglichst abgekürzten Dermin, etwa schon gegen Ende Septembe r, stattfinden. Da zum größten Teil das technische Material von den letzten Wahlen dazu verwendet werden kann, seien die einem solchen Vorgang entgegenstehenden Schwierigkeiten bedeutend verringert. Der gestern vom Reichsvat verabschiedete Gesetzentwurf über die Abänldsvung des Reichs--. 'Wahlgesetzes verdient in der heutigen Situation besonderes Interesse. Die wesentlichen Bestimmungen des Gesetzes sind folgende: Die A b g e o r d u e t e n z ah l wird auf 39 9 festgesetzt, während sie bisher variabel tvar. Auf je 75.000 statt nur bisher 60.000 Wähler soll ein Abgeordneter entfallen. Auf alle Fälle wird ober sichergeftellt, daß 399 Abgeordnete gewählt werden. Die Wahlvorschlage : sollen nicht mehr in Form von langen Asten ausgestellt werden, sondern jede Liste darf höchstens zwei Bewerber enthalten, wodurch der Grundsatz der Perfönlich- ' keitswahlen. im Gegensatz zur Listeniwahl wieder in , Geltung kommt. Die deutsche Volkspartei für London, f j Berlin, 22.. August. Die Reichstagssraktion der deutschen Volkspartei hat nach mehrstündiger Sitzung einst i mW i g den B e s ch l n ß gefaßt, trotz der schweren Bedenken gegen die auferlegten Lasten die Ergebnisse der Londoner Konferenz anzunehmen. Eröffnung der jüdischen WeltWrkonfmnz (^igeudienst der „Wiener Morgenzeitung".) . Karlsbad, 22. August. Gestern ist hier die „ jüdische Welthilfskonferenz eröffnet worden, die bis zum 27. d. tagen und sich vor allem mit der b e f t n i t i v e'n R eg eIuttg der jüdischen Emigrati on Wie mit der Bildung eines permanenten - jüdischen Weltverbandes für soziale Fürsorge befassen wird. ‘ ' ‘ J Wllerand kandidiert für dleKammer. Paris, 22. Augttst. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Den Blättern zufolge wird M i U e r a n d im zweiten^ Wahlkreis seine Kandidatur bei einer Ersatzwahl für die Kammer aufstellen. In diesem Wahlkreis ist ein Sitz durch den Tod des Abgeordneten Jgnaze frei geworden. Da aber dom Wahlgesetz zufolge eine Ersatzwahl . nur/ stattfinden kann, wenn zwei Sitze frei sind, so wird,, wie verlautet, foer Abgeordnete Taitinger, ein Freund Mille vands, freiiwillig zu rück treten, um Millerand zu ermöglichen, seine Kandidatur aufzustellen. Bon einer kleinen Universität. — y. Wien, 28. August. An bet Grazer technischen Hochschule ist ein Professor, der Leiter des mechanisch-technischen Laboratoriums, vor zwei Jahren bei den Herren Studenten in Ungnade gefallen. Er hat einem seiner Assistenten die kommentmäßige. Austragung einer Streitsache, die im Dienst entstanden war, untersagt und den kontrahierenden Studenten, der Hm seinen Biernamen als Familiennamen angegeben hatte, durch die Polizei feststellen lassen, nachdem das Professorenkollegium ein Einschreiten abgelehnt hatte. Denn ich Graz ist noch weit mehr als in Wien ein Couleurstudent ein unantastbares Heiligtum. Seit dieser Zeit führt dieser Professor, er heißt Leon, ein Märtyrerleben. Er ist ein Deutscher. Um ihn der vollen Rache der P. T. Hörer auszusetzen, ist er zum Juden ernannt worden. Und da die Juden. an den Hochschulen der österreichischen Republik mit der Funktion betraut sind, allen armseligen bierehrlichen Witz auf sich abzuleiten, so teilt dieser Professor das jüdische Schicksal voll und ganz und unentwegt. Die akademische Behörde besteht aus Bundesbrüdern. Dasgenügt für jeden, zu ermessen, wie es diesem Professor geht. Er kommt von einer Untersuchung indie ändere. Bald hat er Dollarpakete, bald eine goldene Uhr gestohlen, er ist bald zu streng, bald zumild und er ist, was am schwersten wiegt, pflichttreu. Ein Strckent, der das Fach beherrscht, kommt bei Hm durch, auch wenn er ein Jude ist; hat er nichts gelernt, so fällt er, obzwar er ein Arier ist. .. , Was m Graz geschieht, ereignet sich auch in Wien.. Die Provinzatmosphäre mit ihrer potenzWi^r Bos haftigkeit. und Kleinlichkeit wirkt südlich VÄN Hemme-! ring stärker, während sie in Wien, dem Zentrum internationaler Kultur, doch ein wenig gehemmt wird. Das Aevgernis geschieht in der Metropole nicht so offen vor aller Augen, aber doch zu einem genügend klaren MaH, um die Einheitlichkeit des Systems erkennen zu lassen und den Willen zu zeigen, das gesamte öffentliche Leben mit der biederen Beschränktheit zu erfüllen, die das Ideal aller bundesbrüderlichen Politik ist und bleibt. Ihr Wesen ist die Beamtenfabrik, die Disziplin der Kneipstube und des Mensurbodens — die natürliche Ueberleitung zur Kaserne — und die Versorgung aus Staatsmitteln. Wer sich dagegen auflehnt, statt des Komments Kenntnisse und statt des Ehrenwortes Ehrenhaftigkeit verlangt, der is a Jud'. Das gilt, wie wir ja wissen, nicht bloß für das Hochschulwesen. Dieser Geist herrscht überall dort, wo Publikum und Behörde Zusammentreffen. Die Behörde besteht fast zur Gänze aus Menschen, die m diesem System erzogen wurden, die aus der Enge der studentischen Bursen kommen und' dort gelernt hoben, daß deutsch sein gleichbedeutend ist mit antisemitisch sein, antisozial, antidemokratisch sein. Das Volk hat Steuern zu zahlen und zu kuschen, der Jud' hat noch mehr Steuern zu zahlen und noch tiefer zu kuschen. Etwas anderes lernt die Jugend nicht. Ihr Jus-, Medizin- oder Philosophiestudium ist nur Vorbereitung für die Staatsaustellung, und es ist gar nicht sonderbar, daß dem Professor Leon in Graz unter anderem vorgeworfen wird, er ha'öe seine Lehrkanzel vom Buchwissen modernisiert. Es ist auch nicht sonderbar, daß der Mische Techniker Tallian, der seine Prüfung an der Budapester Horthy-Schule mit vorzüglichem Erfolg absolviertem Graz aus denselben Gegenständen durchfällt. Es gohört zu diesem Hochschulwesen, zu diesem System und zu dieser Republik, daß die Professoren gegen einen mißliebigen Kollegen geheime Konventikel halten (wie in Wien), daß sie ihn beim Ministerium anzeigen, daß. einer einen Mischen Kandidaten nicht prüft, weil, der ja ohnehin nichts können wird, daß einer Hakenkreuzplakate für das Kropfdorf malt, in welchem, jüdische Sommergäste' wohnen. Es ist alles beisammen: Denunziation, Anonymität und — der Diensteid. Das addiert gibt den Begriff der Bodenständigkeit, den Ku'lturmhalt der Politik, die in Oesterreich herrscht und die sich „auf dem Boden der Republik" auslebt. Neider- und Naderertum ist heute in Oesterreich genau so am 'Werk, wie vor dem Krieg und während des'Krieges. Das deutsche Bürgertum der Republik — eigentlich ein Widerspruch in sich, selbst — hat sich von diesen Grundlagen . der bureaukratisch-militaristischen