Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1982 (21.8.1924)
- Date
- 1924-08-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 198S Men, D'vnmrskaH Wiener Morflenzeitung. 21. August 1924 HU Nervosität una B j%j«| AM#A A MM B B Kopfschmerz en B'vB BS BB BB B5 Julius Lfner 80 Zahle all.; Ein MMN vollendet sein 80. Lebensjahr, dessen langjährige Wirksamkeit in erster Linie der sozialen Freiheit galt. Dr. Julius Ofner, in der Aera des Liberalismus einer seiner streitbarsten Kämpfer, in seinem Denken weit über die soziale Seichtheit das alten Liberalismus hinMsgehend, ist in seiner politischen Laufbahn, die mit dem Zusammenbruch, des.alten Oesterreich auch äußerlich zu Ende war, oft allein gestanden. Er war für den alten Liberalismus zu radikal, für die Sozialdemokratie jedoch zu bürgerlich. Und so wurde er, der ausgezeichnete Jurist, auf ein Gebiet verwiesen, wo er durch seinen Scharfsinn und seine gute juristische Schulung Ersprießliches leistete. An seinen Namen (Lex Ofner) knüpft sich die Erhöhung der Beträge bei Vermögensdelikten. Mit den Gesehen, Novellen und Entwürfen über das Verbot der Kinderarbeit, die Regelung der Theaterzensur und des Theaterkonzessionswesens, das Vereinsgesetz, die Eherechtsreform usw. ist seine Tätigkeit eng verbunden. Seine Wirksamkeit und seine Bestrebungen auf dem Gebiete der sozialen Gesetzgebung haben überall Anerkennung gefunden. Gegenwärtig wirkt Ofner, der nach dem Umsturz nicht mehr ins Parlament gewählt wurde, am Verfassungsgerichtshof. Öftrer ist ein Jude aus Deutschböhmen. Seine politische Vereinsamung, die nach dem Zusammenbruch des alten Liberalismus dadurch besonders offenkundig war, daß Ofner bei keiner Partei Anschluß fand, mag zum großen Teil darauf zurückzuführen sein, daß -sein politisches Ideal, die Angleichung des Judentums an die Wirtsvölker, den wirklichen Entwicklungstendenzen nicht entsprach. Das Judentum, dem Ofner entstammt und dessen nationalen Tod er zugunsten eines verschwommenen kosmopolitischen Ideals wünscht, ist über die politische Tätigkeit dieses MMnes, den Tendenzen seiner natürlichen Entwicklung gemäß, hinweggeschritten. Aber den Mann, der, ans dem Reichtum des jüdischen Volksgeistes schöpfendseinen Scharfsinn und seine große Begabung in den Dienst sozialer Kulturentwicklung gestellt hat, chn achtet und schätzt die Judenheit, die es bedauert, daß er in seinen besten Jahren nicht zu ihr, zu ihrer Jugend finden konnte. Sie kontinentale Auswanderung. Das letzte Heft der „International Labour Refiew" bringt eine Uebersicht über die kontinentale Auswanderung in den Vereinigten Staaten, in Italien, Polen, Rumänien und der T s ch e ch o - Slowakei für die letzten vier Jahre. Bloß in diesen Ländern wird die kontinentale oder Ueberlandauswanderung, d. i. die Abwanderung derjenigen Bewohner eines Landes, die ihren Niederlassungsort im Innern.desselb en Welttriles wechseln, statistisch erfaßt. Deutschland, Oesterreich und die Schweiz sind in dieser Zusammenstellung nicht aufgezählt, da in diesen Staaten bisher die kontinentale Auswanderung nicht separat registriert wird. Wir bringen im folgenden die Zahlen der kontinentalen Auswanderung in den fünf Ländern und fügen die Zahlen der überseeischen Auswanderung in Klammern bei: Vereinigte Staaten Italien 1920: 14.274 (261.723) 163.717 (194.224) 11.116 (246.978) 60.846 (182.040) 6.844 (109.129) 123.030 (121.410) 6.042 ( 65.668) 170.226 (177.798) Rumänien 1920r? ( % ) 1921: 1.199 ( 2.949) 1922: 12.879 (16.812) 1923: 7.941 (12.719) Aus den vorstehenden Ziffern Md in der Tschecho-Slowakei die kontinentale Auswanderung ungefähr die gleiche Höhe erreicht wie die überseeische. Sie nimmt in Polen stark zu, in Rumänien anscheinend ab. Die Kontinentalauswanderung in den Vereinigten Staaten kommt gegenüber der überseeischen mit kaum einem Zehntel in Betracht. I Kopfschmerz en lEine Massage mit tilMlBk'Franzbranniiuein erfrischt, um hre ermüdende Tagesarbeit fortsetzen zu können. 61 km Berliner Theaterfkandal. Einleitung eines Wucherverfahrens gegen die Brüder Rotier. Aus Berlin wird uns gemeldet: Gegen die Theaterunternehmer Brüder R.o t t er schwebt seit einiger Zeit ein Wu ch e rv ersah r en. Bor einigen Tagen ist nämlich in Ider Generalversammlung der Großen Bolksoper mttget-eilt worden, daß die Stadt! Berlin diesem Unternehmen mit einer großen Summe bcigesprungen ist und sich dafür einen gewissen Einfluß in der Verwaltung gesichert hat. Die Summe ist. wie ausdrücklich erklärt wurde, dazu benützt worden, um die Miete für das Haus an die Brüder Rotier im voraus auf längere Zeit zu entrichten. Es ist nun sehr interessant zu erfahren, daß die Brüder Rotter nach Ablauf der bisherigen Mietverträge jetzt als die eigentlichen Mieter des Theaters des Westens anzufehen sind, die das Haus für der: Betrag von 80.000 Goldmark von dem Besitzer Sehring gepachtet halben. Der Mietvertrag ist nun von ihm an die Große Volksoper weitergegeben worden, und zwar für eine Mietsumme von 300.000 Goldmark. Außerdem haben sie das Restaurant verpachtet und sich einen Anteil an den Garderobeinnahmen gesichert. So wird sich der Gewinn der Brüder Rotter aus der Woitevvermietung Theaters des Westens auf mehrere hunderttausend Mark belaufen. Die Wirtschaftspoliz-ei hat nun diese Angelegenheit aufge.gr iffen. Es werden gegenwärtig die verschiedenen Mietverträge und Mietzessionen geprüft. Wie von informierter Seite mitgeteilt wird, hat die Prüfung der Verträge bereits dazu geführt, daß ein B erfahren gegen die Brüder Brüder Rotter eingeleitet wurde. 1921: 1922: 1923: Polen 26.846 (74.121) 12.129 (87.334) 28.927 (38.716) s ( r ) Der Schrecken des Kasinos von Seauville. Beispielloses Spielerglück des Automobilfabrikanten Citroen. Aus Paris wird uns gemeldet: Die Blätter beschäftigen sich mit dem beispiellosen SpielergWck des Automo'bilsatbrikanten C i t r o e n, der seit etwa zehn Tagen der Schrecken des Syndikats ist, das die Bakkarattische im Kasino von D e a uville gepachtet hat. Citroen, dessen geringster Einsatz 100.000 Franken ist, der aber häufig eine Million Franken in einem Schlag riskiert, gewann an zehn Abenden rund 12 Millionen Franken. An den beiden letzten Abenden gab Citroen allerdings einen Teil seines Gewinstes wieder an die Bank äb, er war aber auch so vernünftig, im selben Augenblick, als sich das Blatt wendete, mit einem reinen Gewinn von 7 Millionen Franken das Kasino endgültig zu verlassen und Deauville den Rücken zu kehren. Der Prinz von Wales besuchte vorgestern abentzs das Kasino von Deauville. Er setzte am Bakkarattisch einmal 10.000 Franken, gewann, imd v e r l i e ß den Spiclsaal. POLEN EXPORT BEILAGE DER Tschecho-Slowakei 16.474 (16.857) 16.350 (17.086) 18.467 (20.363) 16.320 (15.795) ergibt sich, daß in Italien Ae Auswanderung aus Sefterreich. Dir Eröffnung der Quote für das neue Jahr in den Vereinigten Staaten hat im Juni, wie zu erwarten war, eine ziemlich beträchtliche Erhöhung derZahl der Ausgewanderten in Erscheinung treten lassen, die in ihrer Gesamtsumme 8 0 7 erreichen. Von ihnen wandten sich : Nach Brasilien.. ..... 131 , den Vereinigten Staaten ..... 94 „ Argentinien..47 „ anderen Ländern ........ 35 Für das erste Halbjahr 1924 ergibt sich eine Gesamtzahl an Auswanderern von 11 ä 2 Person e n: gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres zeigt sich eine Verminderung um 6691 Köpfe. Von diesen Auswanderern entfielen auf die Vereinigten Staaten 420, auf Brasilien 307, auf Argentinien 261 und auf Kanada 43. Ae KindeMndler von Agrn. Aus Paris wird uns gemeldet: Die Untersuchung .in' der Angelegenheit der Kinderhändlcr von Agen hat noch immer keine Aufklärung der Beweggründe des Ehepaares bei seinen Massenadoptierungen von Kindern gebracht. Der Vater des verhafteten Dr. Galon erklärte vor Pressevertretern, daß sein Sohn ein willenloses Opfer der Frau geweisen sei, die sich für die Enkelin eines indischen Maharadscha ausgäb und dem Mann einredete, daß sie im Interesse einer Ries e n erbschaft über eine zahlreiche Nachkommenschaft verfügen müsse. Doktor Galon habe den Hochstapeleien seiner Frau Glauben geschenkt. W!§!üB MORGENZilTUNG Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Oesterreich und Polen stehen im Zeichen einer wachsenden Intensität. Immer mehr gravitieren die Bestrebungen von Oesterreichs Industrie und Export nach dem Osten, und auch in Polen beginnt man die Bedeutung Wiens als wirtschaftliches Ausfallstor immer mehr anzuerkennen, wovon die zwischen den beiden Staaten getroffenen Wirtschaftsabmachungen Zeugnis ablegen. Die „Wiener Morgenzeitung“, welche speziell in Polen eine bedeutende Verbreitung hat und von den wichtigsten Faktoren der polnischen Geschäftswelt sehr beachtet wird, bringt in ihrer Nummer vom Sonntag den 31. August I. J, knapp vor der „Lemberger Ost messe“ und der „VII. Internationalen Wiener Messe“ eine Polen - Export- Beilase in verstärkter Auflage. , Diese Beilage wird zum Teil auch in polnischer Sprache erscheinen und sämtlichen polnischen Handelsorganisationen, Handelskammern sowie allen bedeutenden Handels- und Industrie-Unternehmungen zugehen, die am Import aus Oesterreich, beziehungsweise Polen interessiert sind. ANKÜNDIGUNGEN in dieser Beilage können daher auf den besten Erfolg rechnen und laden wir alle Interessenten zur Insertion in unserer Polen-Export-Beilage ein. Mit Rücksicht auf die Kürze der Zeit empfiehlt es sich, umgehend die Insertionsaufträge zu überschreiben, resp. unverbindlichen Vertreterbesuch zu verlangen, damit Ausführung und Placierung des Inserats wunschgemäss erfolgen können. Die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung** Deutsche Fuftlzorgane. Der Breslauer Staatsanwalt. Aus Breslau berichtete I. T. A.: Der Staatsanma.ltschaftsrat Dr. Speer in Breslau hat sich in einer Verhandlung wegen VMbreitung verleumderischer Flugblätter in ausgesprochen antisemitischer Welse statt zum Ankläger zum Verteidiger der Angeklagten gemacht. Während der Vernehmung der Allgeklagten unterstützte er sie durch Hinweise auf die antisemitische Lite-ratur und sein Plaidoyer wurde dann vollends eine Verteidigungsrede für die Angeklagten. Er' begnügte sich damit, trotz der schweren Beleidigung eine Strafe von 5 0 Goldmark zu beantragen; das Gericht ging im Urteil um das Achtfache über den Betrag hinaus. Auf eine Beschwerde, die im Dienstaussichtsüvege gegen Dr. Speer emgereicht wurde, hat der Oberstaatsanwalt beim Landgericht Breslau einen Bescheid ergehen lassen, der besagt: „Ich habe nach Prüfung des SachvechMcs des Staatsanwaltschaftsrates Dr. Speer meine scharfe Mißbilligung über seine dienstliche Betätigung im besagten Strafprozeß, seine Verkennung der Sach- und Prozeßlage, insbesondere seine unsachgemäße Antragstellung zum Sfr a f m a ß e ausgesprochen. Wegen des politischen Verhaltens Dr. Speers in Oppeln ist bereits vom Herrn Oberstaatsanwalt in Oppeln seinerzeit das Erforderliche veranlaßt worden." De. Klee enthaftet. Aus Berlin wird uns berichtet,: Rechtsanwalt Dr. Klee, dessen Verhaftung im Zusammenhang mit der Affäre Hemrich Sklarz von dem paranoischen , Untersuchungsrichter Stark eigenmächtig augeordnet wurde, ist noch gestern enthaftet worden. 6in Terente-Rachfolger. Tomescu, der „Schrecken der Touristen". Au8 Bukarest wird gemeldet: An Stelle T e r e n t e S, der seinen Verfolgern endgültig e n t k o m m e n zu sein scheint, ist eine neuer Bandit namens Tomescu aufgetaucht, der die Komitate Dambowica und Muscel unsicher macht. Der Bandit hat bereits zahlreiche Einbrüche und Raubanfälle auSgeführt und bildet den Schrecken der Touristen, da Tomescu hauptsächlich in den Wäldern und im Hochgebirge operiert. Der Bandit genießt bei der Dorfbevölkerung großes Ansehen, da man ihm nachsagt, er greife nur die reichen Leute an und sei ein Verteidiger der Armen. Gegen Tomescu wurden bereitstarke Gendarmerieabteilungen aufgeboten, doch gelang es dem Banditen immer wieder, zu entkommen. .' Selbstmord einer Prager Kaufmannes. Am Abend des 19. d. war in ein Hotel auf der Wieden ein älterer Mann gekommen und hatte sich ein Zimmer geben lassen. Auf dem Meldezettel nannte er. sich Wenzel Z d e m e r, 63 Jahre alt, Kaufmann aus Prag. Die Nacht verbrachte er im Hotel, und als es gestern früh zum Zahlen kam, beglich der Gast seine Schuldigkeit mit zwei türkischen Banknoten, die sich aber als ungültig erwiesen. Als er gestem früh deshalb zur Rede gestellt würde, gab er an, er habe sein Gepäck auf der Bahn und werde nach. Behebung die Schuld begleichen. Danach suchte er den Anstandsort auf und brachte sich dort mit einem Skalpell eine Schnittwunde am Halse bei, die die Schlagader durchschnitt und seinen Tod zur Folge hatte. Der amerikanische Zeppelin fertiggestellt. Aus F r i e d r i ch s h a f e n wird berichtet: Das für Amerika bestimmte Luftschiff „Z. 3" wurde heute von ettva 150 deutschen und auswärtigen Pressevertretern besichtigt. Sein Gasinhalt beträgt 7 0.0 0 0 Kubikmeter, seine Länge 2 00, seine größte Breite im Querschnitt 2 7,6 und seine größte Höhe 31 Meter. Mitte nächster Woche werden die ersten Probefahrten stattfinden, worauf eine große Probefahrt über Deutschland und eventuell nach Schweden geplant ist. Die Ueberführung nach Amerika wird voraussichtlich litte September erfolgen. Muh und Matzka. Der ehemalige Hauptmann Eckl enthaftet. Gestern nachmittags, ist der am Mittwoch verhafkere Angestellte der Firma Mutz und Matzka, Eckl, auf freien Fuß gesetzt worden, da er zwar seit Mai von den bedenklichen Geschäften seiner Prinzipale gewußt, aber weder Vorschub gelöstet, noch daraus Nutzen gezogen hatte. Eckl, der nur 800.000 Kronen Monatsgehalt und 15 Prozent Provision seines Umsatzes hatte, blieb nur aus Angst bei den beiden. Er hat nur im Vorraum mit den Parteien gesprock-en, war aber bei den schwindelhaften Manipulat oi-eu nicht anwesend. Ae Lebensmüden. Der gestrige Tag weist wieder eine traurige Liste ans. In ei schreckender Weise häufen sich die Selbstmorde unter den Wehrleuten. In der Renuweger Kaserne hat sich der Wehrmann Alexander Weißhappel am 19. d. abends erschossen. — Gestern wurde im Hause Winrlcrgergasse 9 der dort wohnhafte Portier des Wiener Bankvereines, Johann W e b m e i e r, in der mit Leuchtgas erfüllten Küche tot ausgefunden. — Die Hausgehilfin Anna Bernard stürzte sich gestern nachmittags in ihrer Wohnung aus unbekannter Ursache aus einem Fenster in die Tiefe und blieb tot liegen.