Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1981 (20.8.1924)
- Date
- 1924-08-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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rr?-Y—' Nr. 1981 . > v/ 1 , , 1 m MJ'M «' 'mv r ,♦ Wien, Mittwoch!'p1‘;'W4l!fl[HllJJ!«!', 20. August 1924 M» Seite 8 Wiener Moraenzeitung Das Hotel des Hochverrats. Das Ende einer österreichischen Spezialität. Von Egon Dietrichstein. Man kann nicht behaupten, daß Wien dasEnde des Hotels Klomser etwa um eine SchenSwurdrMt armer wird^ oder um ein Hotel großen SW und musteMlttgen Komforts, oder um eine historische AlErener Relrqme- Es gibt zweifellos komfortablere, sehenNwurdlgere -tablissements. Das Hotel Klomser^beherbergte^ Gaste kurioser Art: Wiener Affären, die fensatroneller und rnternationaler wären als jemals seine Passanten. Der Boden ans dem es vorläufig noch steht, ist kulturell gedüngt: Menüber das Cafe Zentral, der Sitz des einstigen literarWen Zirkels, einige Schritte weiter, rechts und links, im Ehren ergraute Palais, die stille, vornehme Mworrtenkttche, das alte Stand'haus, emporgetvachsen aus der Wiener Geschichte. Mehr mit Geschichten als mit Geschichte verknüpft, mehr buch die Neuzeit als historische Ereignisse der Politik verwandt. Jenes Hotel Klomser, dem man den Beinamen da. „Unheimliche" geben möchte. Die nur einigernraßen erinnerungsfähigen Wiener sehen hier noch immer am hellichten Tage die Geister der Hochverratsaffäre herumschlcichen. die Gespenster jener Regennacht, in der sich em k u. k Generalstabsoberst — auf höheren Befehl — eine Kugel durch den Kopf jagte: Redl, der Chef der Spionagedienstes. Er verriet die reservatesten Geheimnisse an Rußland und lebte von den reichen Honoraren als Viveur, fuhr in seinen eigenen Mercedeswagen nach Prag, wo er als Chef des achten Korps wirkte, und spann von hier aus daS Netz des Verrates: . Das Hono.rgr fügten AMervtz lange Zeit, bis die Polizeibehörden unter Assistenz der deutschen Behörden verräterische Umtriebe witterten, die Provenienz der hohen Auslandssendungen verdächtigten. Zwei Detektives erwarteten den pünktlichen Geldempfänger, stellten die Identität nach einer romantischen, in derselben Nacht * durchgeführten Recherche nach dem rasch davongefahrenen Auto fest. Neues Belastungsmaterial wurde nun ausgehoben und die Verhaftung Redls vorbereitet. Die Detektives AoLachteten deri Eingang zum Hotel Klomser. Dorthin fuhr Redl, so oft er aus Prag kam. Beim Verlassen des Autos verlor er sein Messer. Einer der. Herren, die ihn ständig umlauerten, trat auf ihn zu: ,Herr Oberst, Sie haben Ihr Messer vergessen". Nun erriet Redl, diese Herren waren Detektives, ste suchten ihn. Er verließ das Hotel, irrte, von Detektives verfolgt, spät abends in den Straßen umher, verlor einen kompromittierenden Brief, der von den Detektives ausgefangen wurde. Er suchte seinen intimen Freund, den Generalprokurator Pollak, auf, soupierte mit ihm rm „Riedhof". Gegenüber hatten die beiden Zivilisten von der Polizei, bloß mit Späheraugen bewaffnet, Platz genommen. Bei einem harmlosen Rostbraten enthüllte Redl seinem Freunde, er habe das Vaterland verraten. Der Genewlprokurator verständigte die Behörde: Redl müsse vom Wahnsinn befallen sein. Dem Chef des Generalstabes, Conrad v. Hotzendorf, wurde das Geständnis gemeldet. Er saß m Gesellschaft im Restaurant. .Ms Redl sein Hotelzimmer betrat, war er bereits ein Gerichteter. Hohe Generakstabsoffiziere betraten sein Zimmer. RM erriet: es waren nicht mehr Kameraden, die ihn - besuchten, sondern eine Kommission" stellte ihn zum Verhör. Redl ersparte den Herren die peinliche Untersuchung. ,/Jch weiß, weshalb Sie kommen." Sie ließen den entehren Obersten allein mit einem Revolver, den sie schweigend auf den Tisch legten. w . Die Offiziere blieben nun bis zur Sperrstunde im Zentral, standen dann bei strömenden Regen in ihre Mantel gehüllt in der Herrengasse, sahen wartend zum hochverräterischem Zimmer hinauf, promenierten um das Hotel. Es wurde Morgen. Die Offiziere öffneten die Türe. Redl hatte stch erschossen. In seiner Loge schlief noch der Portier, es schliefen me Hotelgäste, die Passanten, das Gesetz, das auf den Hochverrat eine andere Strafe setzt. Wenige Jahre später wurde der Generalstab mobilisiert und m einer aufgewühlten, gerüchtereichen Zeit verdreiteje sich die Legende: der Verrat Redls hätte den unglucküchen Verlauf des Krieges verschuldet. Das Hotel Klomser bat sich mit den Jahren von dieser gruseligen Nachiöegebenheit entfernt, aber es gab noch immer Pasjanreu, die ,,ch vorsichtig erkundigten: das Zimmer, das man wnen anwies. wäre doch nicht jenes, in dem Redl seinen Hochverrat büßte? Und man kann es den Leuten gewiß nicht {n ^rem Nachtschlaf nicht von den Traumge,chtern einer der düstersten Affären des Militarismus veruhrt werden wollten, eine Affäre, die länger leben wird als rhr Standort, der nun neuen, nicht mehr mit nnheim- Uchen Erlebnissen infizierten Projekten den Platz räumt, ^me Bank hat das Hotel mit den benachbarten Häusern angetanst. Die Bankgasse wird um eine historische Affäre armer und erhält' einen Zuwachs an Bankbureaus. Dies oas neue, vorläufig noch ungeborene Leben, d,as ans dem alten Hotel, aus dem mit Legenden und wahren Geschichten auswattierten „Generalstabszimmer" aufsteigt. Ae llnterluchung iu der AMre Alm. - Die Verhaftung «es Sr. Klee «,»gesetzlich. ßl» »ie •» Psychopath als Untersuchungsrichter. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) nicht entraten zu können glaubte, da sie chn wieder in Dienst Berlin, 19. August. Wie bereits gemeldet, wurde der Rechtsfreuud des flüchtigen Dr. Heinrich Sklarz, Rechtsanwalt Dr. Klee, einer der geachtelten Berliner Anwälte, der in Deruifskreisen uniadeliaen Ruf genießt, unter der Anschuldigung, dem Sklarz Beihilfe zur Flucht geleistet zu haben, verhaftet. Die Berliner R-echtSanwaltSkammer hat wegen der aufsehenerregenden Bechaftung bei den in Fvage kommenden Justtzstellen sofort Protest erhoben. Es hat sich nun herausgestellt, daß Dr. Klees Bechaftung vom Staatsanwalt weder veranlaßt noch gebilligt war, sondern daß der Bautzener Untersuchungsrichter Stark, der mit der Untersuchung in der Affäre Sklarz betraut war,, eigenmächtig die Verhaftung verfügt hat. Dieser „Richter hatte bereits einmal eine ähnliche Affäre, derentwegen er seines Postens enthoben stellte, gilt als Paranoiker. Der sächsische Justizminister hat mm Stark die Fortführung der Amtshandlung verboten und eS wird gegen ihn ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Der Sozius veS Dr. Klee, Rechtsanwalt Dr. S i m o n, hat bereits das,- Enthaftuugsgesuch für Dr. Klee eingereicht, das vom Staatsanwalt befürwortet wurde. Die Enthaftnng Klees dürfte noch heute erfvlgen. Dr. Simon hat gegen Stark Strafantrag wegen Freiheitsberaubung, Amtsverbrechens und Amts mißbrauch es gestellt. Der paranoische Untersuchungsrichter hat übrigens deshalb beim Landesgerichtsprastdium Bautzen die Strafverfolgung Dr. Simons beantragt. tjr„f+ n +<Dr. Klee, einer der bekanntesten Männer der zionisti- <«*» ««•»* «f *“ E"""" malte, «oetne wu n - Regierung anscheinend I bischen Gemeinde an. Die Red.) Mann, dessen Diensten die sächsische Las Rätsel. Bon Lola Landau. Sie hielt ihre Arme noch ausgeistveckt. der unendlichen Spur seiner Schritte folgend; aber die leere Luft preßte ihre Ellenbogen herunter. Ihre , weiten schwarzen Aernvel sanken schlaft herab wie die gebrochenen Schwingen eines Vogels. Es war das -.erste Mgl- M getrennt gewesen, und wenn mittags sein Schlüssel leise im Schloß knirischte, löschte ihr Kuß den Staub des Vormittags von seiinem Gelsicht, und das Wiedersehen glänzte von allen Wänden. Nun ging sie an das Fenster, und ihr war, als ob ste aus den Geräuschen der Straße seinen Schritt hörte, eMos und unaufhörlich. Mit geschlossenen Augen würde sie ihn noch vernehmen, wenn er durch eine fremde Stadt hallte. Sie lauschte angestrengt mit ihrem gachen Körper. Es. war nicht gut, allein zu sein. Das Glück-hatte sie hilflos gemacht. Es gab kein Bild, das nicht erst durch seine Blicke gewandert war, ehe sie es empfing; sie lebte durch einen Mittler, der ihr das Leben weiterreichte. Nein, sie war nicht mehr gewöhnt, allein zu sein, nicht beim Singen, wenn sie den süßen Faden ihrer Stimme aus dem Munde gleiten ließ, nicht beim Schreiten, nicht in der Ruhe. Im tiefen Schlaf hatten ihre Atemzüge Luft aus dem Atem des nahen Schläfers gesogen. Und Plötzlich wußte sie schneidend: sie wird diese Nacht nicht schlafen können. Treibt nicht die Furcht, das Grauen vor dem Tode die Menschen zur Liebe, daß sie sich aneinanderschmiegen, um im Kuß die Angst zu ersticken! Und sie WM lange schlafen, um die Zeit zu töten, bis er w'iedevkommt. Diese -drei Tage will sie zusammenLrmlle'n und auch bei scharfem Licht sie bewußtlos, im Gehen schlafend, erfüllen. Wieder hörte sie seinen starken, schnellen Schritt, jetzt in dem schmalen Gang des Zuges, unter dem die Erde forttollte. Wie fest und glänzend wuvde sein Gesicht, wenn die Landschaft an ihm sausend vorülberstvich; leise, zum erstenmal spürte sie Feindschaft gegen den Mann, weil er nicht ebenso ürtt wie sie. Hilfesuchend wandte sich die Frau vom Fenster fort. Sie wollte fein Zimmer verlassen, wo die Kante jedes Stuhles noch den Abdruck feiner Finger trug, sein Antlitz braun aus den großen Holiztafeln der Schränke strahlte. Aber sie kam nicht fort. Wie neu war noch der Geruch der Möbel, die in dem Raum wurzelten, junge Bäume, die sie gemeinsam gepflanzt hatten. War es nicht ihr Zimmer ebenso wie das seine, da ihre Hände jeden Fleck darin urbar gemacht hatten, jedes Stück seines Lebens an dem rechten Platz eingruben? ' # Sie ließ sich am Schreibtisch nieder, um einen Brief an ihn zu beginnen. Verg-eblüch suchte sie nach den Bogen, eine Schublade war verschlossen, sie riß daran, plötzlich stieß sie ein Schrecken zurück, sie trieb im Zimmer umher. Da lag sein Schlüsselbund, er kicherte in ihrer Hand mit den silbernen Bärten, ein kleiner Schlüssel sprang in das Schloß, die Lade öffnete sich, breit wie ein Maul. Durch die verbotene Tür zwängte sie sich hinab. Ans den Lnchenhüllen toter Briese schwärmte seine Vergangenheit ans. Ta waren sie alle, die Frauen, die er in fiebern Leben längst erschlagen hatte. Ihre Köpfe tanzten seltsam vor dm angstvollen Augen der Frau. Da waren die gespitzten spöttischen Lippen einer Siebgehnjähvigen, die geblähten Nüstern der Abenteurerin, eine Schwarzhaarige mit zerrissenem Lächeln, Wangen fleischig und schamlos hinter gepuderter Haut, schlammige Gesichter mit gelben Schöpsen. Sie hatten verschiedene Sprachen, es wurde geschrien, geflüstert, gewinselt und gebetet, Kreischen und Gesang erfüllte die Zeilen der Frauen. Aber mer'wiivdig war es, deß in seinen Worten, wie anders er sie auch an jede der Geliebten zu'a'.nmenfetzte, immer derselbe Klaing hindurchlief, und mit Entsetzen glaubte seine Frau, denselben Tonfall daraus zu hören, MÄ dem °r s« »«Wer langsm» und immer dichter nmkr-qt V schlug das G-Mche den Brief mjf H«r Jwb. Sie hatte das Datum über der Sch-vP gelesen, em Marzabend, zwei Tage vor ihrer Hochzeit. „Ich komme heute zu dir, trage das schwarze Kleid, M .Slier, das gevrssen hat. Dre innige Frau stieß die Schublade auf. Sie entsann sich wohl jenes Abends im BorfrüMng; sie waren durch einen kleinen Pank gegangen, dn-rch die rosanackten Zweige schaukelte der warme Himmel, sein Arm uw ihre Hüfte hatte sie dicht &u sich genommen. Und an demselben Abend also war et von ihr zu dem anderen Weibe gegangen, noch die Frucht ihrer Wange in seinen Händen. Mar es möglich, daß Liebe so heucheln konnte, sich das falsche Gebiß des Lächelns eiüsetzte und mit den geliehenen Gebärden der Leidenschaft um sich schlug? Mer je mehr die Frau, die mit ihrem herabgeisallenen Haupt wie eine Geköpfte über dem Stuhle lag, darüber nachgrübelte, 'desto weniger konnte sie an seine Verstellung glauben. Heute noch fühlte sie schauernd, daß er sie aufrichttg an diesem Abend geliebt hatte, vielleicht eine Stumide früher als die andere oder sogar sie beide im gleichen Augenblick, imd noch entsetzlicher bäumte sich das Rätsel des Mmrneswesens vor ihr auf. Die Liebe des Mannes war eine Gotcheit mit ztwei Köpfen, mit den vielen Armen und hundert Schenkeln, vor die er sich auf die Knie warf, sie alle gemeinsam berührend. Das Haupt der Erschütterten sank noch tiefer auf den Schoß. Und nun begann sie in ihrer Einbildung das endlose Gespräch mit dem Entfernten, das sie sich zu ihrer Marter immer wiederholte. Wie würde er doch sagen — sie hörte es deutlich sogar, wie seine Stimme leise abriß: ,Liebling, ich habe dich nie betrogen. Das war etwas anderes, was meine Licke zu dir nicht berührte. Es ist vorüber. Jetzt bist nur du da." Und sie hört sich selber antiworten, heiser vor Qual ■ und Erbitterung. Und obwohl sie weiß, daß er immer neben ihr auch andere Frauen in sein Leben nehmen wird, wird sie sich mit furchtbarer Anstrengung zwingen, chm zwischen zwei Küssen zu glauben, damit sie ihm um dieser Sekunde willen vergeben und ihn weiter lieben darf.: Denn Hn weiter lieben, wird für sie die Mühe des Lebens bedeuten. Denn nun ist der Krim des Hasses in ihr befruchtet worden, den sie mit ihrem Blute und allen giftigen Vorstellungen nähren wird, er wird täglich wachsen, sie wird ihn überall mit sich hsrumtvagen und endlich unter Krämpfen und Schreien ausstoßen. Tagelang wird sie Vevgessm, aber zu oft wird etwas in seinen Augen an das Fremde erinnern, dann wird sie den Haß auf ihren Knien schaukeln und chm hoch in das Gesicht halten und aus seinem mageren Leibe werden den Atann die Augen übermenschlichen Leidens anblicken. Die Frau erhob sich, sie setzte ihre Füße so schlecht, als müßte sie erst wieder laufen lernen. Der feste schnelle Schritt des Mannes stampfte des Nachts durch ihre Träume. Sie erwachte und spürte, wie der Haß in ihrem Leibe sich rührte. Am inächsten Tage lag eine Falte um ihren Mund, ein leiser Sprung. Bestkalktäten des Ku-Klux-Kla«. Nach einer Meldung aus New-Iork ist ein französischer Journalist, Herausgeber der „Tribüne", in Mode Island, von Mitgliedern des Ku-Klux-Klan mit glühendem Eisen an der Stirne und auf der Brust gebrandmarkt worden. Es wurde gegen ihn die Beschuldigung erhoben, daß er sich unberufen in die Angelegenheiten des Ku-Klux-Klan eingemischt habe. Damit die Brandmale sichtbarer und haltbarer werden,, wurden die Wunden mit feuchter Erde beschmiert.