Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1967 (6.8.1924)
- Date
- 1924-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2981050--19969-3007159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis K 14001 Wien: Zum Abholen in der Expedition, II. Taborstr. 1*3, oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatl. K 40.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1. Bez., Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 40.000 Tschecho-Slowakei: Mon'. K 18. Iuqroslawien: Mon. Dinar60. Po len: Mon. 3‘/j Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, F r ank r., Belgien* Mon. Frcs. 12 BMT N ■ e W * ■ h 1 u n » e o «ArÄ bei Preiterhöhunjen Vorbehaltes teuer Polen: 20 groszy England: Mon.4 Schilling, Italien: Monatl. 12 Lire, Rumänien Mon. 150 Lei, Bulgarien Mon. 80 Lewa. Schwei z und das übrige Ausland monatlich Frcs. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 21-102,25-282 IX. Unlyersltätsstr. 6—8 (Druckerei Stelnmann) Oösterreichisches Postspar» hassen-Konto Nr. 150.698 Rr. 1967 Men. Mittwoch. 6. August 1924 6. Jahrgang memo. La Follettes Kampagne. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) herts glocke erwählt. Aus dem letzten Meeting des Agb Die Generallügner. —y. Wien. 6. August. Die Mauer von Versailles ist nun endgültig durchbrochen worden. Die deutsche Delegation ist unter der Führung des Reichskanzlers in London erschienen. Die Beratungen' zwischen ihr und den Vertretern der Alliierten haben bereits begonnen und werden auf der Grundlage der vollsten Gleichberechtigung gesührt. Damit ist die Methode Lloyd Georges, der den Clemenceauscheu Boykott zum erstenmal in Genua durchbrochen hat/ zum Siege gelangt und der Zustand abgestellt, daß über ein ganzes Volk nur durch Diktat entschieden wird. Es war eine bittere Lehre, die den Deutschen durch diese Behandlung zuteil wurde, und es ist sicherlich kein Zufall,' daß das Unrecht, das in diesem Vorgehen gelegen war, in der Zeit der Erinnerung an den Ausbruch des' Weltkrieges seine endliche Beilegung finden soll. Vor zehn Jahren hatte das deutsche Volk m seiWc Gesamtheit jede Vermittlung abgewiesen, jeden Versuch vereitelt, den Konflikt auf dem Wege eines Schiedsgerichtes auszutragen. Es war von seinen Führern betrogen worden, die mit betrügerischer List die Ueberzeugung von dem geplanten Ueberfall bis in die letzte Hütte getragen hatten. . Das selbstlose blinde Vertrauen der Nation hat sich furchtbar gerächt. Die Verluste an Land, an.Menschen,, an. Wohlstand und Ansehen übersteigen weitaus den Schaden,-den Deutschland .und Oesterreich-Ungarn', bei einem richterlichen Verfahrenhätten erleiden .kön-, nen.. ttafc" diM'solMrische'H'arrnäikiMlt,' mit dev die' ganze deutsche Nation, vom Zentrum bis. zu den Sozialdemokraten in den Krieg eintrat, hat nicht nur durch die vier Jahre des Gemetzels vorgehalten, sondern ist auch in die Zeit des Friedens hineingetragen worden. Die schweren Bedingungen des Versailler Friedens, die Deutschlands Vertreter unterschreiben mußten, wurden im Reich auch von nicht nationalistischer Seite mit dem empörten Hinweis bekämpft, daß es nicht angehe, ein ganzes Volk für die Schuld seiner Führer büßen zu lassen. Die Alldeutschen, die während des Krieges unter dem Namen einer Vaterlandspartei die deutsche Gesamtheit repräsentierten und sich stets per Zustimmung der Heeresleitung erfreuten, hatten in allen Reden und Taten gerade die Einheitlichkeit des deutschen Willens betont. Als dann Ludendorff, von den amerikanischen Rekruten und Tanks geschlagen, um Frieden bitten mußte, verschwand dieser Trotz, und wie man den Krieg aus Kants kategorischem Imperativ erklärt hatte, so zitierte man jetzt aus demselben Philosophen die Stelle, .in der er davon spricht, daß kein Volk als solches mit solidarischer Verantwortung. belegt werden dürfe. Das taten jetzt die nämlichen Hetzer, die .den Krieg als den Kampf zwischen der deutschen Welt einerseits, und der slawischen, romanischen und angelsächsischen Welt andererseits ausgegeben und besungen hatten. Sie wurden geschlagen und nun suchten und fanden sie den für die Niederlage verantwortlichen Faktor im Judentum, dem sie das ganze Unglück zuschoben, das als Gesamtheit für den Krieg schuldig gesprochen wurde. Die hochentwickelte Meisterschaft im Lügen, die vom Juli . 1914-an bis zur Novemberrevolution in Deutschland regierte, übertrug sich nun auf das jüdische Gebiet und es gibt tatsächlich nichts, was nicht von pangermanifcher Seite , bei den Juden, gesucht, worden wäre. Die jüdische Geschichte, die jüdische Literatur wurden durchstöbert/ entstellt, gefälscht, umgelogen; jede jüdische Strömung, .die sich bemerkbar machte, in aktive Verbindung mit dem Krieg gebracht und denunziert, jode jüdische Persönlichkeit, die nur irgendwie in die Öffentlichkeit trat, mit giftigster Jauche begossen. Von den Erzvätern angefangen bis zu Nordau, Warbnrg, Rathenau, Einstein war niemand sicher, von alldeutschen Schubjacken bespuckt zu. werden.' Nordau hat vornehm geschwiegen, Felix Marburg hat. vergeblich geklagt, Rathenau ist ermordet worden. Einstein ist vor wenigen Tagen schweizerischer Staatsbürger geworden. An Nathcnaus Sarg .. hat' der da-. Malige Reichskanzler Wirth ausgerufen:' ',,Ein'. anständiger Mensch kann in Deutschland nicht mehr' leben!" Washington, 6. August. Der Vollzugsausschuß der Progressistenf die für die kommende Präsidentschaftswahl im November die Kandidatur des Senators La Folle tte unterstützen, haben die Einleitung einer großzügigen Wahlagitation unter den amerikanischen grauen beschlossen, um deren Stimmen für La Follette zu gewinnen. In den Vereinigten Staaten gibt es schätzungsweise 26 Millionen st i mm berechtigteFrauen, so daß die Wahlpropaganda der „dritten Parte i" unter den weiblichen Wählern allgemein als ein sehr geschickter Schachzug beurteilt wird. Es wurde ein eigenes Wahlwerbekomitee für Frauen eingesetzt und Mrs. Mabel Costugan zum Sekretär des Komitees ernannt. Die Anhänger La Follettes rechnen damit, daß viele Millionen Frauen für ihren Kandidaten stimmen werden, weil Senator La Follette , für den Weltfrieden und gegen die Korruption in der Staatsverwaltung eintritt,-weil er seinerzeit im Kongreß aufs entschiedenste für das F rau enstimmrecht gewirkt hat und weil er schließlich im .Senat immer ein Anhänger der fortschrittlichen sozialen Gesetzgebung war. Die Partei La Follettes hat sich endgültig den Namen einer „progressiven Partei" beigelegt und als Parteiabzeichen die amerikanische Freisührungen tationsausschusses der Partei wurde der Vorschlag des finanziellen Managers Henry Rofenfeld auf Flüssigmachung eines Wahlfonds von 3 Millionen Dollar im Wege der Subskription unter den Parteianhängern gutgeheißen. In der letzten Sitzung des Vollzugsausschußes der amerikanischen Arbeiterföderation in Atlantic City wurde, wie schon kurz berichtet, der Beschluß gefaßt, in der kommenden Kampagne für die Präsidentschaftswahl die Kandidatur des Senators La Follette zu unterstützen, da diese vom Standpunkt der amerikanischen Arbeiterschaft unter den drei Präfidentschaftskandidaturen am ehesten einer Unterstützung wert erscheint. Der Vollzugsausschuß der Arbeiterföderation hat alle Versuche, die Stimmen der Arbeiterschaft zu zevsMttern/ abgelehnt und jegliche Unterstützung der 'd emö'kral'^. scheu und republikanischen Präsident-', schaftskandidaten durch die Stimmen' der Arbeiter verworfen. Durch diesen Beschluß hat sich der Vollzugsausschuß der Arbeiterföderation in Gegensatz zu ihrem Präsidenten Samuel Gompers gestellt, der bekanntlich für die Kandidatur des demokratischen Präsidentschaftskaudidaten D a w i s Stimmung gemacht hat. die Konferenz an ihr Ziel gelange. Reichskanzler Dr. Marx -dankte Mac Donald den Chefs der RegveWNgen und den alliierten Delegationen für die liebentzwüMgen Worte der Begrüßung, die Mac Donald in deren Namen an die deutschen Delegierten gerichtet habe, und entwickelte sodann die grundlegenden Gedanken, mit denen die Deutschen gekommen seien. Die Aufgabe der deutschen Delegierten sei von entscheidender Bedeutung, doch sei die Abordnung vom G e r st e guten Willens beseelt, ihre Aufgabe zu einem guten Ende zu führen. Er wies auf die Erklärung der deutschen Regierung hin, daß der Dawes-Bericht eine annehmbare Grundlage für die Regelung des Reparationsprob l e m sb i l d e, und fuhr fort: „Ich bekräftige feierlich diese Erklärung/ Die deutschen Lc.h'»'rden haben einvernehmlich mit den im Dawes-Plän vorgesehenen Orgänisationskomitees die notwendigen'Entwürfe für die Gesetzgebung v o r b e r c it e t, die in demselben Geiste abgefaßt sind wie die Arbeiten der Sachverständigen. Vor Macht drängt, um den Weißen Schrecken nach Horthy- ,Manier verfassungsmäßig zn befestigen. Sicherlich ist das deutsche Volk vertrauenswürdig. Aber nicht die, die heute in Deutschland die Mehrheit besitzen und die gepanzerte. Faust geballt in der Tasche halten. Sie .tragen die Schuld daran, daß das deutsche Volk mit Versailles belastet wurde, und so lanae sie wirken, kann dieses Diktat nur durchbrcck. , \ nickt beseitigt werden. gime der Mordperschwörungen eingerichtet hat, die den Juden das bürgerliche Recht nehmen will, und die zur —m Es ist ein schweres Problem, das die deutsche Delegation in London zu lösen hat. Nicht um die Reparationsgelder geht es dort, sondern, wie Dr. Marx in der Ansprache an Mac Donald sagte, um die Wiederherstellung des Vertrauens. Die deutsche Abordnung weiß, daß die Entwicklung der Politik in ihrer Heimat nach rechts geht, nach der Seite des deutschnationalen Flügels der Hakenkreuzler, nach-der Seite, die den Krieg verbrochen hat> ihn in stärkster Brutalität führte und auf den guten deutschen Namen Schande gehäuft hat. Das ist die Partei, die das Re- Sie Deutschen verlangen Vertrauen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) die internationale Bedeutung der Konferenz und betonte schließlich die unbedingte Notwendigkeit, daß London, 5. August. Die -deutsche Delegation ist heute kurz vor 9 Uhr früh m London erngeiroffen und wurde im Bahnhöfe von Vertretern des Auswärtigen Amtes sowie von den. Mitgliedern der Rutschen Botschaist empfangen. Sie bcgab sich -mittels An>tos in 'das Hotel Ritz, wo die' deutschen Delegierten als Gäste der englischen Regierung untergebracht sind. Der Ankunft wohnten zahlreiche Neng-.evige bei. Punkt 12 Uhr mittags begann die Plenarsitzung der Konferenz, die rein formalen Charakter trug. Der englische Prenner« miuister Mae Donald begrüßte die deutschen Delegierten mit H ä n d e d r u ck und stellte sie einzeln den Chefs der Regierungen und den Mitgliedern der alliierten un.d assoziierten Abordnungen vor. - Nachdem M aeDonald die Sitzung für eröffnet erklärt -hatte, hieß er die Delegierten Deutschlands herz- U ch willkommen und fuhr dann fort: „Wir sind hier versammelt, um den Dawes-Plan der Anwendung zuzusühren. Ter crrzige Zweck dieser Konferenz ist, alle auf den Sachverständigenbericht bezughabenden Fragen Zn behandeln." Mac Donald unterstrich.in seinen weiteren Aus-