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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-02 · Heft 1963 (2.8.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1963 (2.8.1924)
Date
1924-08-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Auch der dritte Ausschuß für den Komdromißvorschlag Hermts. — Deutschland wird heute, eingeladen und kommt Montag nach Soudou. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) London, 1. August. Nun ist nach langem Bemühen, /lach Stunden voll Zittern und Bangen. auch das letzte Hindernis glücklich überwunden: Die Londoner Konferenz steuert mit aller Kraft einem glücklichen Ende entgegen! Der Erfolg des Tages gebührt Herriot. Sein Komprom iß Vorschlag ist die Basis, auf der sich die widerspenstigen Delegierten gefunden haben, die Basis, auf der mall nunmehr Europa seiner Sanierung zuführen will. Während der erste Ausschuß beit von den Delegations- Hefs einst i-mnrig angenommenen Komproinißvovs-chlaig nach verhältnismäßig kurzer Beratung gutgcheißm hatte, tauchten im dritten Konserenzansscbnß gleich von Anbeginn an Schwierigkeiten aus, die selbst nach mehrstündiger Sitzung nicht behoben werden konnten. Es handelt sich hier um den Abschnitt der Ueb er tragungen und die mit. nachträglicher', Zustimmung Deutschlands rm Dawcs-Bericht vorzunehmenden Aendevungen. Die Beratungen hierüber dauerten gestern bis Mitternacht, würden dann,ghgeibrochen. und heute mit Ilbends erklärten nun einige Delegationsmitglieder dieses Ausschusses, daß die Frage der Abänderung des Dawes- Berichtes bereits geregelt sei, jedoch bezüglich des Uebertragungsproblems noch einige Meinungsverschiedenheiten bestünden. Dennoch sei eine Vereinbarung so gut wie sicher. Man erörtert eben jetzt noch die Frage des Schiedsgerichtes, das der französische Vorschlag als Gegenleistung für die Zulassung dieses Verfahrens bei der Feststellung von Verfehlungen auch auf die Entscheidungen des Nebertragungskomitees angewendet sehen möchte, das, wie bekannt, die Geldzahlungen Deutschlands an die Alliierten in jedem Augenblick, sobald dadurch nach Ansicht des Komitees die finanzielle Lage Deutschlands in Mitleidenschaft gezogen werden kann, einzustellen in der Lage ist. Falls es im Ausschuß zu keiner Einigung über diese Angelegenheit kommen sollte, werden die Delegationschefs darüber endgültig entscheiden. Auf alle Falle ist für morgen, 11 Uhr vormittags, eine Vollsitzung der Konferenz angesetzt, in der die Frage bereinigt werden wird, daMac Donald wie H e r r i o t den festen Willen haben, die Konferenz ohne weiteren Verzug zum Abschluß gelangen $u [c "cn. Unter diesen Umständen würde dann sofort über die Berufung der Deutschen Beschluß gefaßt werden, so daß Montag deutsche Vertreter in London sein könnten. Re swnMche Kammer vertagt. Paris, 1. August. Die Kammer hat sich auf unbestimmte Zeit vertagt. Der Präsident wird im Einvernehmen mit der Regierung das Haus einberusen, sobald die Negierung der Kammer die-in London abgeschlossenen Uebereinkonnnen wird unterbreiten können. Der Senat hat.sich gleichfalls vertagt und wird erst zur E n tg egenn ahme der in Land o« e r-- zielten U e b e r e i n k o m m e n zusanrmentreien. Das „Fudensesch" in Nahem abgelehat. M ü n ch e n, 1. August. Der bayrische, Landtag hat am Schlüsse seiner heutigen Sitzung alle Anträge, die g e s e tzl i ch e Beschränkungen f ü r d i e I u d e n bei der Zulassung zu öffentlichen Aemtern fordern, mit erheblicher Mehrheit ab gelehnt. Der Landtag vertagte "sich schließlich auf unbestimmte Zeit. ' Wie verlautet, besaßt sich die britische Delegation heute eingehend mit der Lage. Der allgemein von der Konferenz erreichte Fortschritt wurde. für so befriedigend angesehen, daß M a e D o n a l d sich entschloß, heute abends nach Chequ ers zu fahren. Er'wird zur morgigen Vollsitzung der Konferenz wieder zurück sein. In einem Bericht des Reuterschen Bureaus über die Konferenzlage heißt es: Bon einem Widerspruch der Bankiers gegen die bisherigen Ergebnisse verlaute nichts, tvas als g u t e s Z e i ch e n gedeutet wird, da die BanMveise bei früheren Gelegenheiten sehr rasch protestiert haben. Anter den Konsere-nzteilmhmern herrscht daher die Meinung, daß der Bericht endgültig geeignet sei, den Dawes- Plan in Wirksamkeit zu setzen. Die Reparationskommisiion versammelte sich heute zu einer inoffiziellen Sitzung und erörterte den Bericht der drei im Sach- Vevftändlgengutachl'en vorgesehenen' Organisätionstomitee's. Die'Reiparatiimskommlssiou, die noch nicht im Besitz des Bertchtes der Juristen Mer die,M.e rusiun^g der de utsch>LM''Bertretewird mowgen'*'vod-' mittags wieder zusammeutreten. Uebereinstirrrmurrg im dritten Ausschuß. London, 1. August. Mitternachts wird gemeldet: Die dritte Kommission ist zu einer U e b e r e i n st r mmung gelaugt. Die Engländer haben zugegeben, daß die Uebertragungskommission, die im Dawes-Plan vorgesehen ist, an das Arbitragekomitee appellieren kann. Dagegen besteht England darauf, daß die Frage, auf die sich die Arbitrage beziehen soll, von Vorneherein festgestellt war. Die Kommission setzt ihre Arbeiten fort, um den endgültigen Text ausznarveiten, wie er morgen den Großen Sieben dorgelegt werden soll. Reise französischer Sozialisten nach London. Paris, 1. August, In den Wandelgangen der Kammer verlautet, die Partei der unifizierten Sozialisten habe beschlossen, eine a>u's Blum, Paul Faure, Jean Long-rret und Grumba ch bestehende Abordnung nach England zu entsenden, die die Ausgabe hättet mit den Mttzliedern der englischen Arbeiterpartei in Fühlung zu treten, und sich mit ihnen über die Anwendung der vom Frankfurter SozialistenEougreß angenommenen Entschließung zu verständigen, wonach die Delegierten aller Länder ohne Ansnahme das Recht Frankreichs auf Wiedergutmachung der durch die feindliche Invasion verursachten Schaden anerkennen. Vertagung des Sesm. Warschau, 1. August. Gestern fand die letzte Sitzung des Sejrn vor den Sommerferien statt. Die Sitzungen wurden bis Oktober vertagt. Gedächtnisfeier für Faurez. Paris, 31. Juli. (Havas.) Die sozialistische Partei und der Allgemeine ArteiiZverband (C. G. T.) hielten anläßlich der zehnten Wiederkehr des Todestages.I a u r e s' im Trocadero eine Gedächtnisfeier, bei der Leon Blunr, Ioühaux und Paul Faure sowie Vertreter der Sozialistischen Internationale Gedenkreden hielten. kinbmch in der Berliner RuutiMr. Die Goldschränke ausgeraubt. Aus Berlin wird uns gemeldet: Gestern uach!s wurde in den Räumen der päpstlichen Nuntiatur ein Einbruch veviibt, bei dem die K a s s e n s chr ä n t e. in denen sich die Gelder der Nuntiatur befandtm, ausge.sprengt und ausge rau b t wurden. Die Diebe sind in der Nacht von einer Seitengasse mit Hilfe etivcr Strickleiter in die Nännre e'mgedruMen. Sesterreichische Ferien. —y. Wien. 2. August Die beiden Häuser der österreichischen Gesetzgebung sind in die Ferien gegangen. Die politische Maschine läuft siir die nächste Zeit ohne den Begleittext der Volksvertretung weiter, was sich übrigens von dem normalen Zustand kaum sehr wesentlich unterscheidet. Man hat sich in Oesterreich daran gewöhnt, daß die Gesetzmacherei in den stillen Zimmern der Regierungsämter und der Nationalratsausschüsse erfolgt und daß das Plenum am Ring des 12. November kaum mehr tut als abstimmen. Die Fragen, die die Oeffeutlichkeit bewegen, blerben außerhalb. Sie sind dem Schutze des Publikums empfohlen und es scheint, daß man die Abschiebung wichtiger und darurn lästiger Angelegenheiten als Erziehung zur republikanischen Demokratie betrachtet. Die wahre Liebe ist das nicht, aber die Methode der Negation entspricht genau den Vorstellungen,, die sich die Parteien und die Regierung von dem. Wesen dieses Staates machen. Es ist keine Methode und es be-" steht keine Vorstellung. Der Idealzustand eines.Staates soll darin liegen, daß das Volk so wenig als möglich von der Regiererei verspürt. Oesterreich hat diese hohe Stufe erreicht. Aber das Ideal hat sich seine Bevölkerung doch anders gedacht. Der Zolltarif ist nicht erledigt und nach den Ferien. wird man sehen, ob sich die Sache nicht inzwischen durch irgend ein Wunder .von selbst ein gerenkt 'hat. Die Wollersdorfer Mischung von Diebstahl und SMhylperci hat die Volksvertretung kaum über ■ das notwendigste; Maß hinauf heMMgt,. über bje,, Schießereien... der f HatenkreÜzler sWiegen die Roten, die SDoarzeu^^" ihr bunt kolorierter großdeutscher Anhang, die BänkM: krise ward eben nur besprochen, von den einzelnen Parteien nach Programm und Dogma angetupft.'Der Verfall der Wirtschaft, der Fortschritt der Arbeitslosigkeit und die inzwischen glücklich zur Wirklichkeit gewordene Brotverteuerung gehören zu den Sorgen, mit denen sich Nationalrat und Bundesrat nicht beschäftigen. Die Verlotterung des höheren Schulwesens, die merkwürdigen Erscheinungen in der Rechtspflege und so viele andere Dinge, die der Bürger täglich in seiner Zeitung serviert erhält, rühren nicht an die Nerven der Erwählten des Volkes. Von einer Kontrolle der Regierung und ihrer Organe, von der Ueberwachung des administrativen Apparates spürest du kaum einen Hauch. Die Böglein schweigen im Walde. Es ist ein Idyll, wie es nur in einem Staate wie Oesterreich möglich ist, der seit jeher zwei Redensarten seinem öffentlichen Leben als Gerüst eingefügt hat: Es wird schon gehen und da kann man nichts machen. Mit diesen Reflexionen ist man in den , Weltkrieg hineingegangen, hat man ihn verlassen und schreitet in der Pleite vorwärts. Die Hoffnung, daßsich irgend jemand der Sache annehmen werde, war hier System und bleibt es. Der Anschluß an Deutschlarw, der Eintritt in den Völkerbund, der Appell an die Entente, alle" diese in Volksversammlungen oder in Ministerreden gepriesenen Rettungsmittel kommen aus dieser psychologischen Veranlagung, dem Niederschlag der iahvhundertelaügen Erziehung des Volkes durch Lakaien und Feldwebel. Früher dachte der Kaiser oder vielmehr der Hbf für alle. Es war danach. Heute, wo die rauhe Zeit täglich zum Selbstdenken zwingen sollte,' sucht der trübe Blick des gequälten Steuerzahlers den Generalkommissär, der, allem Irdischen entzogen, über den Wolken thront und dem Völkerbund Berichte schreibt. Dieser Generalkommissär verdankt sein Amt dieser immer nach außen eingestellten Sehnsucht, frtt sogar in > eine politische Formel gegossen wurde, damals als der Kanzler. Seipel die Aufrollung des österreichischen Problems in Berlin, Prag und Rom vornahm. Seit die Republik Oesterreich besteht — und das sind immerhin schon fünf Jahre —, hat es hier kein festes politisches Programm oder System gegeben.^Die Voraussetzung hicfür wäre eine scharfe, deutliche Stellungnahme der Bevölkerung und ihrer Abgeordneten zu den Problemen,'die der Krieg hinterlassen hat,'die sich, wenn man sie ins Auge faßt, in eines zusammendrängcn. Es ist die Anpassung des Lebens und der Lebensgewohnheiten an die Verringerung-des Staatsgebietes. Ein Menschenproblem also, das keine äußere Stelle lösen kann, selbst wenn sie alles notwendige Wohlwollen aufbrächte und den Willen, sich damit zu belasten. Die schöpferische Kraft aus etwa sieben VÄ-

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