Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1962 (1.8.1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Sfr. 198! M«n, FM«- itmrußrik der „Wr. Worgenzeit«ttg" Der Berits ohne Befähigungsnachweis. Es wird heute leider nicht mit Unrecht behauptet. daß es für Hochstapler und gewissenlose Ausbeuter der Leichtgläubigreit von Menschen, die Kr etwabegeistert sind, keinen günstigeren Boden gibt als di- Filmindustrie in Oesterreich. — In der allerletzten Zeit gelang eS wiederum zwei Außenseitern. Damen.Geld für die Herstellung von Filmen herauszulocken, die sie selbst inszenieren wollten, wobei sie ihre Opfer mit dem Versprechen, daß sie — die Damen, die absolut Filmdarstellerinnen werden wollten — darin die Hauptrollen spielen würden, zu ködern wußten. Der erste Fall endete mit dem Verschwinden deS famosen Regisseurs, der sich bis jetzt als Schauspieler nur einer sehr «ringen Bekanntheit erfreute. Der zweite Fall basiert auf der Gründung einer Filmschule und führte nur deshalb Nicht zu den äußersten KonsequeMu, weil ein Journalist und der in diesem Film beschäftigte Aufnahmeoperateur das Herz hatten, der Geldgüberin. die übrigens in richtigen Händen als Filmdarstellerin gewiß fähig Ware, die Situation, in der sie sich befand. in der richtigen Beleuchtung zu zeigen. In diesem zweiten Fall war der Regisseur und Unternchrner ein Stallst der Wiener Filmbörse, der mit der phantastischen Lüge, er wäre in Berlin und Paris Regisseur gewesen, zu bluffen wußte. Leider blicken wir in Wien bereits auf» «ine sehr beträchtliche Zahl solcher. Fälle zurück, und trotz aller Anstrengungen von Personen, denen der Ruf und das Arischen der hiesigen Filmbranche am Herzen liegt, ist es nicht möglich, diese Parasiten einer überaus wichtigen Industrie unschädlich zu machen. Die Unfruchtbarkeit dieser so notwendigen Bestrebungen liegt hauptsächlich in dem Umstand, daß vor dem Gesetz die Filmindustrie als freier Beruf figuriert, daher kein wie immer' gearteter Befähigungsnachweis erforderlich ist, und heute in einem Staate, wo ein Mensch ohne diesen Nachweis zwar nicht Kellner oder Handwerker, respektive qualifizierter Arbeiter werden kann, man die Möglichkeit besitzt, sich den Titel eines Filmregisseurs zuzulegen, dessen Ausübung erst bei der Flüssigmachung von mindestens einer halben Milliarde möglich ist. Hierbei ist noch zu bedenken, baß unsere wirkliche Produktionsindustrie maßlos-unter der übermächtigen amerikanischen Konkurrenz leidet und nur am Film, der in jeder Beziehung erstiklaffig bst, Aussicht hat, die Kosten ihereinzubrm'gen und Men entsprechenden Gewinn aibzuwerfen. Denn von einem verunglückten Film bletbt ja dem Produzenten nichts mehr in der Hand, höchstens zehn bis Mols Kilogramm FÜm. der zumeist in der nun einzig.verwendbaren Form. — der als Altmaterial —'keinen größeren Wert repräsentiert als den von nicht ganz 300.000 österreichische Kronen. Diese Außenseiter sind immer m erstaunlicher Weise mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit imstande, sich Betrieibskapitol für ihre Schwindeleien zu verschaffen, -während andere bekannte Fachleute, die heute auf wotze und wirkliche Erfolge Hinzuwelsen hckben. trotz größter Arbeit und Zähigkeit sich nicht das Kapital Kr eine gewiß in künstlerischer und kommerzieller Hinsicht gewiinmeiche Produktion verschaffen können. ES wäre nun gewiß endlich an der Zeit, daß die Behörden ttesem unglaublichen Mißbrauch gegenüber, der hier mit Leicht- Mubigen und Unerfahrenen KtrieLe» wird, auf das energischeste emgreifen. _ Wiener Morzenzettnn«. Erscheint jeden Kreitag ebenso befriedigendes Gesamtbild ergaben. Cs liegt wohl hauptsächlich Baratt, daß die Mitglieder der Ermol.ivsf-Trupp>, die zum größten Teil das Ensemble dieses Films stellen, wchl auf derBuhne ausgezeichnet ziisammenspielen, aber im großen Raum, den dieser Film bedingt, einander verlieren, und die Regie, die auf die Bühne und nicht au: dein Film eingerichtet ist, hat nicht die Kraft, dieses wundrroolle Esilemble, daß sich aus nur erstklassigsten Kräften zusanrmenisetzt, richtig zu leiten. Dieses Versagen der Regie Macftt sich hauptsächlich in den großen Massenszenen bemenkbar, Es wunden hier, gewiß so viel Statisten aitsgebrackr, als nötig sind, um beiispielsweise di- Belageruna'rc>- Kvwno glaubwürdig echt erscheinen zu lassen. Aber die Regie verstand eS nicht, diese Massen richtig zu verteilen, so daß stelltnweise in einem Bild größere Massen, zu einem unauffälligen Knäuel zusammengeballt, die Bildprenzen aussülleri und die Mitte, auf die ja schließlich das Hauptaugenmerk fällt, nur non schwachen Gruppert ärmlich genug auSgefüllt wird. Manchmal wieder steht der Apparat zu weit entfernt und um eine dichte Gruppe in der Mitte tummeln sich einige Statisten in dorn, verzwoifeilten Bemühen, die leeren Bäume links und rechts auszüfüllen. Wirklich gut sirtd die Massenszenen nur in dem Kosaken - lager, das jedenfalls die beste Villdwirkung in dam ganzen film gibt. Auch in ruhigen Momenten, wie bei der großen ochzeitsfelisr, ist die große Statisterie ausgezeichnet auf bildhafte Wirkung hin placiert. Es fehlt daher wohl der in den SpiÄszenen präzisen. und originellen Regie nur die Routine im Disponieren mit großen Massen, die beispielsweise bei Ms Kevtesz in so hohem Außnmße besitzt. Prachtvoll ist, wie bereits erwähnt, die Darstellung bis in die kleinsten Episodenrollen, die tief verinnerlichte -russische Schauspielkunst mit all ihren so wirkungsvollen Eigenheiten bietet. Dieser alte Taras Bnlba wird in einer Art und Weise dargestellt, daß man in Vielen seiner Szenen der Wirtlichkeit entrückt wird und vollem und /wahrstem Leiben gegenüber zu stehen vermeint. Würdig fügen sich in dieses wundervolle Ensemble auch Oskar Marion und Helene Makowska, die in diesem Film das Beste bot, was wir bis setzt zu sehen bekamen. . " Auch in bezug aus die Technik ist dieser Film für eine europäische Produktion ganz hervorragend. Hollands einzige Filmfabrik abgebrannt. Die einzige Filmfabrik Hollands ist nach Fertigstellung eines großen Zirkussilms abgebrannt. Atelier und Laboratorium sind total vernichtet. Ein Operateur,' der versuchte, das Negativ zu retten, erlitt an Händen und Füßen echeibliche Verletzungen. Das größte Kino der Welt. Wie aus Rußland berichtet wird, trägt man sich in Petersburg mit dem Gedanken, die. große Halle des VolkshauseS zu einem Kino zn adaptieren. Infolge ihres kolossalen Fassn-ngsraumes wäre-diese das größte Lichtspieltheater der Welt. „Tmras Buwa." DaS erst ttsrfc bei diesem großen Film «uffällt, vst daS ausgezichnete' Spiel jeder emzelnen Darstellers, der für sich sehr gute geschlossene Leistungen bietet, die aber leider, kelin Copyright. Nachdruck verboten. Irdischer Berlag, Berlin. 57. Fortsetzung. Hawdoloh und Savseustreich. Bon Sammh Gronemanu. Dagegen wurde von ihm die Steuer Kr das Grundstück verlangt. G. machte eine 'Eingabe und wies darauf hin, daß er ans hem Gebäude zur Zeit nicht nur lkeinen Nutzen zöge, sondern daß durch di« Beschlagnahm« ihm jede Einkunft überhaupt abgeschnitten nud er selbst erwerbslos ttttb in Not fei! Die Antwort war korrekt und nicht zu beanständen: die Beschlagnahme habe mit der Steuerpsticht nichts zn tun, so -daß es .bei der .Feststellung bleibe. Da aber die Steuer nicht einzutreiben und er nach feiner eigenen Angabe erwerbslos sei, sei er nunmehr als Erwerbsloser zur Zwangsarbeit heranzuziehen. So war die überraschende Folge, daß Herr G. sich an der Ghausseearbeit zu betätigen hatte. Aus diese Weise wird es verständlich, daß die Bevölkerung mehr und mehr sich den Beschlagnahmen zu entziehen suchte. Allmählich entwickelte sich ein regelrechter Kampf, 'der auf der einen Seite mit Gewalt, auf der anderen mit List geführt wurde. Von einem solchen Fall, dem der KonsMonsbeschlagNahme-in Warschau, will ich erzählen. ' ' Eines Tages kam ein Erlaß heraus, nach dem alle Lager'bestände der Konfektionsgeschäfte für beschlagnahmt erklärt wurden. Ausgenommen waren nur Neste bis zu 30 Meter. Flugs fetzten sich alle Kcmfleute -hin und ^begannen, Neste zu schneiden. Dq'K ging also nicht <at. uttb es wurde .bestimmt, daß feder einzeln« Kaufmann sine Bestandsauftm'hme vorzunehmen und mit dem Dokument zwecks rnündlicher Äer'handlung sich auf dem Amt einzufinden^habe. Wegen des zu erwartenden Andrangs sollten Nummern ausgegeben werden, und innerhalb einer bestimmten Frist hatte-jeder .sich seine Nummer abzuholen. -In der zur Nummernausgabe bestimmten Zeit drängten sich dann auch pflichtgemäß die Konfektionäre vor dem Amt. - Die zwei Treppen vom Schalter hinunter bis auf die Straße und dort noch weithin stand di« lange Reihe 'der Leute. Der erste, der an den Schalter trat, erhielt eine Karte,, auf der etwa folgender Text stand: Nr. 1. — 1; November 1917 — 10'Uhr. Schon wurde er fortgedrängt, 'der nächste' erhielt die Nummer 2 — 11 Uhr herausgereicht und so fort. Nun war es ergötzlich, wie schnell gleich der Erste die Situation erfaßte: er ging gemächlich-die Treppe hinab und stellte sich Die Filme der Woche. „Das Weib des Geächteten." — „Theodor Herz»." — „Der Zigeunerkavalier." —- „Die Tochter des Verschwenders." am Ende der langen Reihe Wartender aufs neue an. fllach zwei Stunden stand et wieder vor dem Schalter und erhielt etwa die Nummer 362 — 20. November — 11 Uhr — zerriß die erste Karte, ging hinunter und stellte sich neu an. Sv wie er, mochte es der zweite und »nachten es alle — und so ab ifinitum. Tausende von NummernzettelU wurden ausgeschrieben und verteilt. Sv kam es, daß am 1. November niemand erschien — auch nicht am 2. und nicht am 30. Unsere Beamten saßen geruhig da und sammelten Dienstjahre. Als dann freilich der Monats- oder Oluartalsbericht ein absolut negatives Ergebnis aufwie's, lvurde die Polizei mobil gemacht und man sonderte in den einzelnen. Geschäften streng die Vorlage der Nu-mmernzettel. Ta-wurde denn mit unschuldigster Miene die Nummer vorgelegt, lautend etwa Nr. 35.000 — 10. Mai 1927 — 1 Uhr. Und die Behörde mußte andere Maßnahmen ersinnen. Abschied von Ko'wnv. Eines TageS war, obwohl es kein Sabbat ivar, in ganz Kowno keine Droschke zu haben. Der Oberrabbiner Schapiro, der seinerzeit evakuiert war, tvar nach Oefsnung der russischen Grenze infolge des Friedens - von Brest- Litowsk heimgekehrt. Im Bahnhofe angelangt, ließ er in die Stadt Mitteilen, daß er draußen aus der Station sei, und nun setzten sich sofort alle Wagen in Bewegung, alles strömte zur -Bahn hinaus, um ihn unter den dem Rabbiner gebührenden Ehrenbezeigungen einzuholen. Es Kamen nun allmählich alle die evakuierten Familien, die so lange, jenseits der KriegSgvenze - festgehalten 'waren, zurück -und überzeugten sich, lva's von ihrem Vermögen -noch vorhanden -war. Zurück kam auch derFühre der Zionisten, .der Prächtige Dr. Schwarz, und die Stadt füllte' sich mit neuen Gestalten. So erschloß.sich für die Okkupanten die Möglichkeit, neue Eindrücke zu gewinnen, -und ich freute mich recht mit dieser Tatsache. Aber-meine Freude währte nicht lange; meine Tage in Kowno. waren gezählt. Im Dienst war es.nämlich recht ungemütlich geworden. Luden-dorff war mit Hindenburg inS große .Haupt, quartier nach dem Westen übersiedelt und hatte den Hauptmanu Bertkau, auf den er große Stücke hielt, Nachkommen lassen, um ihm die Leitung.der Pressezentrale für den Westen in Brüssel zu Übertragen. Das geschah Im Dezember 1917. Sein Nachfolger, der ObeAeutnant S-, verstand eS, in kürzester Zeit alle, -die mit Hm in Berührung kamen, gründlich zu verärgern. Schon im Annoncenteil des ,/Almauachs .der bösen Buben der Presseabteiluug", der zu Sylvester 1917 erschien, gab ein Ruf an Bertkau, „Friedrich t August 1924 Seile t —rMHTf'IW II'! Reiseand Sommeraufenthalt DAS SCHÖNSTE SEEBAD AN DER ADRIA Kupari(Duiirovnik) unmittelbar am Meerufer gelegen, herrliches Baden, sandig, 400 Met*r langer Strand, modernes Hotel mit 200 Zimmern Ausgezeichnete Kttche, eigene Eisfabrikation Konzerte II Bar // Verschiedene Unterhaltungen // Sport Verpflegung I. KI. 63 Dinar täglich Zimmer von 30 Dinar aufuärtl KURORT Gleichenberg HOTEL MAILAND best empfohlenes Haus ersten Ranges, in schörtster, zentralster Lage / Pension / Vorzügl. Küche / Zivile Preise JOSEF HÖTZl, Hotelier 1 '~r====5= PENSION 4moos j jetzt Centra/al LUZERN | J«fzt Centrafstr. 44, H.tLt. 3 Minuten vom Bahnhofj 1 Sdtwetz) Gegr.1873. Bad Reichenhall RSSTAURANT UND PENSION streng yyj MARKOVICS streng ->D2 Sommerbetrteb ab 1. Mai eröffnet! Telephon Nr. 282 10094 . „Wmtt MsrgenzeitMg"; — kehr« zurück, alles ist vergeben", Zeugnis für die allgemeine Stimnmng. Dieser Almanach, der prächtige literarische Beiträge noch von Zweig, Kühl und dem inzwischen leider verstorbenen Guschmann enthielt — köstliche Kalenderverst — war die letzte humoristische Großtat unserer Gesellschaft. Schon bei foeS Kaisers Geburtstagsfeier war die Laune auf ein Minimum gesunken. Alle . Intellektuellen hatten nur den einen -Wnnsch, möglichst rasch sich davonzumachen, und e8 fetzte eine Massenflucht ein. Auch ich sah mich nach etwas anderem um, und als eines Tages der Chef einen Krach mit mir provozierte, schrieb ich kurzer Hand an Bertkau. Dieser fordert« mich umgehend dringend an. und so wurde ich nach Brüssel, in Marsch gesetzt. Das geschah zu Pfingsten 1918, nachdem die - Lexikonarbeit endlich erledigt war. I-nzwischen hatte man in den Kreisen der Bevölkerung nach BresEt-awskmit einem baldigen Abzug -der Deutschen '? überhaupt zu rechnen begonnen. Ätoch einmal, an -dem ersten Abend des -Passahfestes, 'dem Sederabend, ver- - einte eine gewaltige Tafel in -der Ludendorsf-Kiiche etwa 600 jüdische Soldaten, darunter auch einige hundert - russische Kriegsgefangene, unter Vorsitz von Dr.. Rosenäck ' Mit .den Damen und .Herren!der Kownoer F'u.dctcheit, welchediese .Küche jahrelang -chrenamtkch gefirhrt und den .jüdischen Gasten ans Deutschland an jedem Feiertag reiche Bewirtung geboten hatten. Hatten sie doch regelmäßig ihre , häusliche Feier aufgegeben, nur um diese Pflicht der Gast- ’ frenndschaft erfüllen zu können. Ich dachte etwas beschämt..^ an die Aufnahme der russischen jüdischeni Kriegsgefangenen in Deutschland. Hatte doch eine jüdische Gemeinde die Schamlosigkeit gehabt, einem verstorbenen Kriegsgefangenen das Grab auf dem jüdischen Friedhof zu verweigern. War. doch zu Kriegisbeginn mein seliger Vater, als er in -Hanpover sich der. unschuldigen ausländischen armen Astde.n' ' - annahm, säst insultiert worden, -und hatte doch der erste, 1 Vorsteher diefer Gemeinde, als ein altes, unbewohntes Gemeindehaus >deu Aermsten als Notquartier zugewiesen > ^werden sollte, erklärt: „Da.sei Gott vor, daß wir ursser HaüS den Feinden einräumtzn!" Hier im. Osten ließ man sich durch vorübergehende Ereignisse nicht in seiner Meyschlichkoit und -in seinem Geiste beirren. UH die GastfMiM i schaft galt nicht etwa nur den Juden, sonderu. jeder, der nur sich Nicht abweisend zeigte, mußte sie empfinden. Ach weiß, wie in^ Kchvnv einfache Leute, wenn sie zu Fest-' tagen Kuchen backten, regelmäßig die Kinder mit gefüllten Körben in das nächste Soldatenqnarticr schickten, um den fremden SMaten, die fern von der Heimat so einsam waren, eine Freude zu bereiten. (Fortsetzung folgt.)