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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-01 · Heft 1962 (1.8.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1962 (1.8.1924)
Date
1924-08-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Prela K. 1400 | I^ien: Zum Abholen in der Expedition, II., Taborstr. 1-3, »der in einer Verschleißteile "Trafik) monatl. K 40.000 Strassen verkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt.I.Bez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 40.000 Tschecho-Slowakeii Mon. K18. Jugoslawien: Mon. DinaröO. Polen: Mon. 3l/t Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, F r a n k r., Belgien: Mon. Frcs. 12 lener Toien: 20 gmzy England: Mon.4Schilling, Italien: Monatl. 12 Lire, Rnmanien Mon. lSOLei, Bulgarien Mon. 80 Lewa. Schweiz und das übrige Ansland monatlich Fres. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1 —3 Telephone: 44-0-38,13-3-1° *b6Uhrabds. 21-102,25-282 IX. Uni versitütsstr. 6—8 (Druckerei Steinmann) Oesterreichisches Postspar' IW“ N « eh * a h I u n $r e n “W9 bei Preiaerhnhun?en vorbehaltea kassen - Konto Nr. 150.693 Nr. 1962 Wien. Freitag. 1. August 1924 6. Fahrgang SMmisMus in London. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 31. Juli. Ihr Korrespondent hat recht behalten: Entgegen allen tendenziösen Alarmmeldüngen, die sich bis zum Scheitern der^ Konferenz Verstiegen, bedeutete der gestrige Tag einen scharfen Ruck auf dem Wege nach Vorwärts, auf dem Wege zu einer gütlich e n L ö s u n g. Die Bedeutung des gestrigen Beschlusses der großen Sieben, den Kompronrißvorschlag H e r r i o t s g u t z u h e i ß e n und den Kommissionen zur Durchsprechung zuzu'weisen, ist, entgegen der Annahme der Konferenzteilnehmer,, leider nicht richtig eingeschätzt worden, was allerdings auch auf eine sofort eingesetzte großzügige Hetzkampagne jener Kreise zurückzuführen ist, die um alles in der Welt n u r k e i n e E in igung aufiommen lassen wollen. Deshalb mußte heute vormittags der Offiziosus herhalten, um die Sachlage richtig zu kennzeichnen. Die diesbezüglich gemachte Mitteilung besagte, daß Kwaralles noch im Flusse ist, doch gehe die vorherrschende Meinung dahin, daß Herriots Plan eine ernste Anstrengung darstelle, in den Fragen der Sicherung der Interessen der Geldgeber und der militärischen Räumung des Ruhrgebietes zu einer Regelung zu gelangen. Die -Meldung-von einem Zusammenbru.ch. der .Konferenz sei daher gänzlich unbegründet. Sowohl innerhalb'wie außerhalb der Konferenz herrscht au ß e r st e Tätigkeit. Gemäß dem gestern gefaßten Beschluß begannen heute vormittags der erste und der dritte Ausschuß die Prüfung der französischen Vorschläge. Zwischen dem e r st e n Ausschuß für Festste!- lung von Verfehlungen - und der Reparationskommission besteht keine Meinungsverschiedenheit. - Im dritten Ausschuß erhoben die englischen Sachverständigen Einwände gegen die -französische' Formel, die eine Verpflichtung des Deutschen Reiches vorsieht, die Lieferungen feiner Staatsangehörigen zu garantieren. Die englischen Sachverständigen wünschen, daß das Deutsche Reich bloß gehalten wäre, alle Anstrengungen zu machen, um die Durchführung des Programms der Sachleistungen zu sichern, und erklären andererseits, sie hätten nicht entscheiden können, ob es angehe, die drei Fragen der Verfehlungen der Uebertragungen der Lieferungen zu verknüpfen. Nachmittags wurden diese Beratungen fortgesetzt. Der erste Ausschuß gelangte kurz nach 6 Uhr zu einem Resultat: Er hat den französischen Vorschlag betreffend die Anrufung e i n e s S ch i e d s g e r i ch t e s iür den Fall, als es im Schoße der Reparationskommission bezüglich der Feststellung einer Verfehlung D.e ..Stands zu Meinungsverschiedenheiten käme, einstimmig angenommen. Die.franzö fische und die britisDelegation beglückwünschten einander zu diesem Ergebnis. Der Uebertragungsausschuß hatte seine Beratungen abends noch nicht abgeschlossen. . H e r r i o t erklärte abends französischen Journalisten, dag die dritte Kommission arbeiten müsse, bis eine Einigung erzielt sei, . auch wenn sie ihre Arbeiten während der ganzen Nacht fortsetzen müßte. Das-Hauptaugenmerk der dritten Kommission konzentriert sich auf die Forderung der Franzosen, daß das Uebertragungskomitee, das im Dawes-Plan vorgesehen ist, zu große Autorität besitzt und das zur diktatorischen Macht des U-eberweisungskomitees eine andere Körperschaft vorgeschoben werden müsse. B a r t h o u erklärte heute abends, daß die Mitglieder der Reparationskommission nach L o n d o n - g e k o m m e n seien, um iiber die Räumung der Ruhr und des R h e i n m i t z u s p r e ch e n und über die Aufrechterhaltung der Autorität der ReParationskommPon zu Wachen. Die ReParationskommWon in London. - Djtz" ReMraKAnOorrmiHM^öerAffentlichL - yiHsteHendes offiziellen Communique: In"einer Heu4e abgehaltenen Sitzung -hak die ReparationsLömmission fol- .gende gestern in Paris vorbehaltlich der Zustimmung . B r a d b u r y s offiziös gefaßte Entschließung bestätigt: ' Die Kommission beschließt, jedesmal, wenn es nötig sein wird, offiziell in London zu tagen, um die in ihre Befugnisse fallenden Fragen zu behandeln, die die Anwendung des Sach verständigender ichtes aufwerfen kann. Barthou hatte vormittags neuerlich eine Unterredung mit Herriot, worauf er mit den Kollegen der Reparationskommifsion zusammenkam, die um 10 Uhr einen privaten Meinungsaustausch über die Lage Pflogen, auf Grund dessen sie dann den vorstehenden Beschluß faßten. Ein großer Erfolg Herriots in der Kamine«. Paris, 31. Juli. Die Kammer setzte die Verhandlung des Amnestiegesetzes in der dom Senat beschlossenen Form fort. Ein Antrag des Deputierten Berthon, wonach der Regierung die Mißbilligung auszusprechen fei, da sie im Senat nicht die Vertrauensfrage gestellt 'Hab', um die Amnestievorlage zur Annahme zu bringen, wurde mit 320 gegen 26 Stimmen a bgelehnt. Wesentliche Erleichterungen. Berlin,'31. Juli. In den heutigen Verhandlungen, die zwischen der Sechserkommission und der Mieum in Düsseldorf stattfand, kam es zu einer Einigung auf folgender Grundlage: Das neue Abkommen gilt bis zu dem Zeitpunkt der durch den im Sachverständigengutachten vorgesehene Neparationszahlungskommlssär bestimmt wird. Indessen kann die Sechserkommission vom 15. August an den Vertrag mit fünf- , tägiger Dauer kündigen. Die Ein- und Anssichvabgaben sowie die Zu- und Ablaufgsbühren, die im Juli in Kraft waren, weiden vom 1. August auf die Hälfte herabgesetzt. Die laufende Kohlensteuer wird vom 1. August ab auf 26 Pfennig (bisher 75) Hera b gefetzt. Beschluß der Kammer und des Senats. Paris, 31'. Juli. Die K a m m e r beriet über den Gesetzentwurf betreffend die Ueberführung. der Leiche Saure? ins. Pantheon. Nach heftigen Z w t f dj c n f a LI t n zwischen Sozialisten und Kommunisten wurde der Entwurf mit 3 4 6 gegen 110 Stimmen angenommen. Auch der Senat hat den Gesetzentwurf angenommen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzcitung".) Belgrad, 31. Juli. Die Chefs der Regierungsparteien haben sich über den Text der Regierungserklärung geeinigt und das Expose dem König bereits zur Kenntnis gebracht. In dem Text dieser Erklärung ist das innerpolitische Programm der neuen Regierung sowie ihre Ziele in der Außenpolitik kla rgelegt. bin Abgeordneter als HMer-Putschift. Frick zur Dienstentlassung verurteilt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 31. Juli. Das Urteil der Disziplinarkammcr in München gegen den Oberamtmann Frick wegen seiner B eteiligung am Hi tle r - P nt sch lautet ans Dienstentlassung. Frick gehört jetzt dem deutschen Reichstag als Abgeordneter an. Ae Kriegsschuld. —-y. Wien. 1. August. In dem Arsenal der mitteleuropäischen Rechts» reaktion spielt die Kriegsschuldlüge eine bestimmende Rolle. Sie ist die Grundlage eines kunstvoll aufgebauten Agitationssystems geworden, dessen Zweck es ist, die Mittekstaaten als unschuldige Lämmer erscheinen zu lassen. Sie seien von einer feindlichen Koalition überfallen und ahnungslos in den Krieg verwickelt worden. Die Theorie taucht immer wieder auf und sie wird immer nur von jenen Männern und Parteien verbreitet, die sich im Jahre 1914 in Kriegsbegeisterung nicht genug hatten tun können. Sie rechnen auf das kurze Gedächtnis der Massen, denen die Umstände, unter denen sich der Prozeßbeginn abwickelte, zu einem großen Teil schon entschwunden sind. Handelte es sich um eine rein historische Darlegung, so könnte man diese Art der Darstellung gewähren lassen. Mer mit diesen Erzählungen ist eine sehr tiefgreifende politische Msicht verbtmben; es soll das rechtfertigt werden, was unmittelbar vor und nach dem österreichischen Ultimatum an Serbien geschah und es soll gezeigt werden, daß man nur die politischen Zustände jener Zeit herzustellen brauchte, um zu einer Besserung der Verhältnisse zu gelangen. Die Männer und Parteien, die nach dem Kriegsende in die Verteidigung gedrängt waren und die die Revolutionon schonte, sind zum Angriff vörgegangen. Sie haben sich die Kriegsschuldlüge geschaffen und, unl sie zu vertiefen, auch noch das Märchen von dem Dolchstoß ersonnen, der, aus dem Hinterland "geführt, . die heldenhaft kämpfenden Heere ttt den Rücken traf. V;': ‘ Die vielen Memoirenwerke der Feldherren " undl Politiker haben zur Aufhellung der' Wahrheit bereits viel beigetragen. Es ist heute kein Zweifel mehr daran' gestattet, daß die mittelbare Ursache des Weltkrieges bei", den Zentralstaaten lag. Die Reden, Reisen und Rüstungen des deutschen Kaisers, gemeinsam mit der haltlosen, provokatorischen Politik der Wien-Budapester militärrsch-bureaukratischen Kamarilla hatten die Untwelt ' in ununterbrochener Unruhe gehalten, sie zu Gegenmaßregeln veranlaßt und auch ihre Regierungen unter das Gebot des Militarismus gestellt. Die unmittelbare Auslösung der Katastrophe geschah ebenfalls voll" den Mittelstaaten. Zu dein Ultimatum Berchtolds an Ser- ' bien trat der Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien, der von Oesterreich-Ungarn ohne Kriegserklärung durch die Mitwirkung seiner Skoda-Mörser unterstützt^ wurde, trat die Forderung Deutschlands an Frankreich, seine eventuelle Neutralität durch die Auslieferung der" Festungssperre an der Elsaßgrenze zu gewährleisten. Der deutsche Nationalismus von heute schweigt sich über diese aktenmäßig festgestellten Einzelheiten gerne aus. Sie einzugestehen wäre die endgültige Abkehr von der . Lämmerfabel, die lnan sich zurechtgebraut hat und die, was nicht zu unterschätzen ist, auch der politischen Psychologie der Erfinder ein recht beschämendes Zeugnis ausstellt. Wenn man ihre Vorträge aufmerksam prüft, so ergibt sich auch von dieser Seite her die Konstatierung, daß der Treubund die furchtbarsten und folgenschwersten Versäumnisse begangen hatte.. Wenn es wahr sein sollte, daß die ganze Welt an der Einkreisung Deutschlands und seines Bundesgenossen teilnahm, so mutz das doch einen Grund gehabt haben; und wenn sich alles gegen das Dreieck . Berlin-Wien-Budapest verschworen hatte, was taten denn die in diesen Zentren sitzenden Volksführer, um dem Unheil vorzubengen? Diese Fragen, die sich jeder Unbefangene stellen muß, lassen sich nicht beantworten, auch nicht von dem deutschen Offensiv-Nationalismus, der sich, um unbequemer Nengierde anszuweichen, einen Kristallisations- Punkt für seine Lehren gebildet hat, die die Kriegsschuld in einer einzigen kräftigen Formel znsammenfaßt. Die Juden haben ben Krieg erzeugt, hervorgerufen und dnrchgeführt. Tie antisemitische Judentheorie bekommt zwar "hier ein Loch. Denn sonst ist nach'alldeutscher Geschichtsklitteruug die pazifistische Friedenswinselei eine Erbeigenschaft des Judentums. Aber auch sonst ist das Register höchst schadhaft. Das so gescheite, von einer Zentralstelle aus einheitlich geleitete Judentum hätte mit der Anzettelung dieses Krieges einen höchst bedenklichen Mangel an der ihm zugesprochenen Weltkenntnis und Klugheit-bewiesen. Das jüdische Volk hat an blutigen, an wirtschaftlichen und sozialen Verlusten mehr

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