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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-15 · Heft 1945 (15.7.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1945 (15.7.1924)
Date
1924-07-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die ftanzosische Kammer hat mit 310 gegen 202 stimmen die Amnestie: für 'Eaillaux und Malvy beschlossen. Dies macht eine der vielen Untaten wett, die der.Hochverrats-Militarismus im .Kriege begangen hat. Diese Bestie hat in allen Staaten in der gleichen -Weise gewütet, sie hat überall die Schuld des Massenmordes durch die. Erweckung der trübsten Denunzianteninstinkte, der Spionenriecherei und der Gesinnungsschnüffelei zu übertönen gesucht, und das ist ihr -leider mit sehr, sehr geringen. Ausnahmen nur zu gut gelüngen. Der Patriotismus der Hinterländler mußte -! herhalten, um Mängel der Organisation, der Politik, der Kriegsführung zu vertuschen und' alle Generale, die > irgendwo geschlagen wurden, fanden flink die Ausrede des Verrates und der Spionage,-Das war in Frankreich so-gut' der Fall wie beiden Mittelstaaten, in , denen die Verbrechen der obersten Menschenschlächter sich so tief in das Gedächtnis eingegraben haben. : Ueberall wurde. gehängt; die' summarische Justiz der Feldgerichte arbeitete wie eine gut geölte Maschine und das von den Reglements mit knapper Eindringlichkeit vorgeschriebene „Auf-derEtelle-m edermachen" wüÄ»e von einem trefflich funktionierenden'' Mechanismus in einen wichtigen BestandM.des Kriegssystems-umgewandelt. Niemals hät. man hie Namen , jener Ünglück- .lichen erfahren, die denGckbärdenspähern zum Opfer Men und nur in ganz, besonderen Fällen, wenn sich dU^HeMMrchen ihrer.Dmrimheit eine ganz'>tzesow- Wiäe Mtküng wostHrer^ Mftnherzigkerh - eLwabteten, fvuM hör.. Oeffenflichteit - Mitteilung' gvmdcht.st.Go' kt* - fuhr 'man die Hinrichtung her'Miß Lavelldurch die Deutschen, die Justifizierungher' Tänzerin Matahasi und des Bankiers. Bolo,.hurch die-Franzosen. Oesterreich-Ungarn, die BÄ^ardn "W.-'die Türken,, die das Spionenhängen im FäbrMempo - betrieben, ' waren nicht so gesprächig. Die - Revolution' ist an diesen - Dingen, vorbeigegangen und hat für diese Verbrechen keine Sühne gefordert. Die Henker erfreuten sich des Schutzes der durch die Kriegsvevhältnisse garantierten Immunität. Frankreichs Kammer. macht, als erste den Versuch der indirekten Strafe. Durch die Rückberusung der' „Friedenshetzer"- Caillaux und' Malvy nimmt sie Stellung gegen Clemenceau, der als Ministerpräsident w ährerid des Krieges alle Demokratie in den Schrank hängte und bei dieser Gelegenheit auch seine Persönliche Feindschaft gegen Caillaux in das schleißige Mäntelchen der Kriegs-. Notwendigkeit hüllte. Die französische Kammer' niimmt den. schon langst vollzogenen. Akt der Rehabilitierung der Opfer nun auch-formell auf- und zeigt' damit vor aller Welt die große Wandlung auf, di« in Frankreich vor sich gegangen ist. Die-.Demokratie hat es auch dort sehr schwer. Siemuß gegeneckgesessene Vorstellungen von dem Erbfeind kämpfen, gegen die in die Massen hineingepumpte Ueberzeugüng, daß die Deutschen alles zahlen werden, gegen die zu Granithärte erstarrte These, daß der Krieg der Vater der Dinge sei. Mühsam, Schritt für Schritt muß sich , das ' Frankreich der Menschenrechte seine Position, sichern, -ohne eine andere Unterstützung als die moralische Kraft: der Idee und der Freiheit. : - In der Wüste der Phrase und der gemeinsten Verhetzung. ist dieser Beschluß-der jungen Kammer eine erfrischende und befreiende Tat. Er.mag noch so sehr, wie hämische Kritiker versichern,' von augenblicklichen opportunistischen Erwägungen eingegeben sein, von der Absicht, Clemenceau' Poincare und MillerüNd eins am Zeug zu flicken .und ihnen-.eine zornige Stünde zu bereiten. Es ist doch. em..gutes Zeichen, daß diese Kammer, die noch vor ihrer' Auflösung.den Namen Caillaux nur mit einem Geheul dM Hasses. nannte, .es heute für opportunistisch findet,, ihn aus dem Exil, zurückzuberufen. Caillaux. ist kein.Freund Deutschlands, wenigstens nicht, des preußische,-. in. Waffen, starrenden. <Gcr hat dieses Deutschland gehaßt und jede P^rbindung mit ihm äbgelehnt. Mer er haßt-den Krieg .noch mehr und er ist einer der Verfechtev'der paneur'opäischeu Idee.gewesen. Darum ist seine Amnestierung eine "starke De- Abreise st und belgischen Delegierten. — — Re Stellungnahme AmeMs. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) 14. Juli. Heute nachmittags ist die offizielle Liste der französischen Delegation bekannt gegeben worden, die morgen um 10 Uhr vormittags zn-r Konferenz nach London gehen wird. Sie besteht aus dem Ministerpräsidenten, Herrisch dem FiuanMmister Clementel, dem Kriegsminister General Nolle t und dem Vlzedivektor des .Auswärtigen ' Amtes Peretti de la R-oeca. Aus per Liste der Experte n.sind besonders hervorzuhe>ben der wirtschaftliche Direktor des Quai d'Orsay Seydoux, der Rechtskonsulent des ' Außenamtes Frommageot, der Chef des Pressedienstes Graf Chambvön, der Kabinettschef Herriots P e r g e r h n. a. Unter den Finanzsachver ständigen ' ist Parmentier, unter den Militärsachtverständigen der Generafftabschef Fachs, D «st i ck e r, - erwähnenswert. Das Amt des Sekretärs der Delegation übernimmt Massigni. Bor der Abreise der Delegierten wurde , das französische Programm folgendermaßen festUvsetzt: . H e r r i o t hat sowohl der rpA i.chderüng an de n Bett ragen zuzulassen und zweitens die Rechte der beiden Kammern gewahrt, so daß auf jeden Fall die Entscheidung der französischen Regierung in London der Ra t i f i k a t i o n d e r Kam m e r u n d des Senats unterliegen muß. Unter diesen Umständen wird Herriot als äußerste Grenzen gegenüber dem englischen Standpunkt KUgestehen können, daß ein amerikanischer. Delegierter in der ReparatronskomMission an der etwargen Feststellung von deutschen Verschlungen teilnehmen soll. Da jedoch die Vereinigten. Staaten sich, offiziell weigern werden, einen Delegierten in die Reparationskoimmission zu entsenden, ist die äußerste Grenze der srangölstschen Zugeständnisse dahin gelegt, daß man an 'Stelle, eines ofWellen Delegierten Amerikas den Generalage n t e n für die Zahlungen ansieht, welcher mnerÄanischer Nationalität sein wird. Wenn in dieser Form die Zuziehung des Agenten zur Frage der Reparationszahlungen und' Abänderung des Friedensvertrages erfolgen soll, so müsse wohl erst die juristische Formel hiefür gefunden werden. Aus keinen Fall ist jedoch die franzästsche Regierung in der Lage, den von der englrschen Presse geäußerten Wunsch zu evMen, daß Frankreich ein für allemal darauf verzichten soll, Sanktionen gegen Deutschland zu ergreifen. . ' Die belgische Delegation- -zur Londoner Konferenz verläßt »morgen um 11 Uhr 15 Mn. Brüssel. Ihr gehören an: Ministerpräisident Theu n is, Außenminister /H y man s, Kabinettschef P e r l -i n d e n, Graf S a v y g n o n, der zweite Delegierte bei der Repavatiouskomnrission Guth^, ein Rechtskonsulent und ein technischer Konsulent.. ■ . Mussolini kommt nichts London, 14. Juli. Der „Daily Tel-e-graph" teilt mit, -daß M n s s o l i n i zwar nicht P e r s ö «n l i ch an dev Londoner Konferenz teilnehme, daß er aber dafür eine ungewöhnlich starke Delegation entsenden werde, an deren Spitze zwei Min ister und,zahlreiche Finanzsachverständige stünden. Mussolini habe der Delegation Weisung gegeben, sich in London nt cht auf«in Politiches Programm einzulassen, sondern den.' Daches Plan' nur vom geschäftlichen Standpunkte' äus^zü.'behandeln. In diesem' Sinne soll die Delegatiott" deüWMchsll Standpunkt unterstützen. Amerikas Bedirrgungen für seine Mitarbeit. London, 14. Juli. „D a i l y M ü i l": bringt esne Information bezüglich der Stellungnahme des 'offizielle n A m e r i k a s zu der Londoner - Konferenz: Dieselbe .lautet: 1. Alle p o li. t isch e.n. und m ilit ä ris chen Maßnahmen müssen vermieden werden, die den Rang des wirtschaftlichen Wertes des Dawe- Planes vernichten könnten, s) o u u g wird, in London unzweideutig erklären, daß sonst eine Anleihe unmöglich sei. Falls die Alliierten mib Deutschland -mit ganzem Herzen bei der Durchführung des Dawcs-Planes Zusammenarbeiten, ist die a nt e r i konisch c, M.o ralische und f i n a n z i e l l'e M i t a r b e i t g e s'i ch e r t. Andererseits würde , das Washingtoner Kabinett wntinutigt zurückstehen. ''' ---- - - 'st'/' 2..Der offizielle Washingtoner Standpunkt' M Ven ■aIIiierten Sch.ulden lautet: Amerika bedauert, daß lediglich. England Gchrttte^ .zwecks, einer Lichüdierunc,-. U -tser.. Schuldtzn^^unternommen^hat," nbE'ÄMWnÄgtütst, einender Alliierten, oder wetkitzstens FmstkrMMiüzt^ingen, diese Maßregeln zu akzeptieren.. AmMka: hesteHbMf der Anerkennung der prinzipiellen VerpslichtunK Mx Schuldner, worauf die Einzelheiten der Rückzahlung der Zukunft überlassen werden. Falls der D a wes -Plan mit Deutschland glückt, wird ein ähnlicher allgemeiner Regelungsplan-: sozusagen ein zweiter. Dawes-Plan, für die, unter alliier t e n S ch ul dan entstehen können. - . ,st l- ..: Asqrnth beglückwünscht Mcre Donald. ' London, 14. Juli. In der heutigen Sitzung di:s Um terhauses sprach bei Wiederaufnahme, der Debatte über den Voranschlag ves Foreign Office zultächst A s q.ui t h der Mae Donald dazu beglückwüiifch'te, daß die Konferenz in dieser Woche in Pondon stattfinden werde. Es sei dies ein M e i I e n st e i n a.u.f.de m W e g e d e s F o r ts ch.r i t t e s in der Richtung auf. das Ziel einer internationalen Regelung. Die. Konserentz sei von güten Wünschen aller P a r t e i e n im Hause und - im ganzen Reiche beglettet und es sei von größter.Wi'chtigW, daß heute nichts gesagt werde, was. dazu beitragen, könnte, den Premierminister in seiner Aufgabe vöü' größter Schtviengkeit, von der bedeutsame und weitreichende Fragen abhängen, zu behindern. ' ' :;? Asqnith fuhr fort, dadurch, daß Mae' Donald im Pvinzch die franMistsche ' Behauptung, daß -der-Dalves- Bericht nicht als eine Aufhebungsondern als eine Erweiterung der Grundsätze des Versailler Vertrages' zu befrachten lei, anerkannt habe, beginne. ^die.'Mttserenz'^?in einer klareren und freundschaftlicheren Asmvsphä^ .als .noch vor einer Woche erwartet werden konnte.^Es beständen jedoch zwei Punkte von großer Bedeutung.^ Die Räumung der besetzten Geh rette- und die -S.icherheitsfrage. Erstens müsse jede-Vevsichvrung Frankreich nicht als eine sepamte-. Gara-nWstfMtzM. als Teil einer allgemeineit Verpflichtung Großbritanniens auf .Grund der BMerbundsatzungeu. gegeben werden, zweitens müsse die Frankreich angchotene Sicherheit unter, den gleichen Bedingungen Deutschland .angebotenst werden, und drittens müßte, .damit dies', möglich PststP e.ü.t s chland in den Völkerbundrat gufgonommen werden und einen Sitz im Volkerhün-d.r.a. 1-eMlteü. monstrati-on und es ist vielleicht, kein Zltfall,, daß sie am Tage der Bastillefeier erfolgt. .So feiert das. neue-Frankreich den großen Tag seiner Ueberwiudungdes Absolutismus. In Deutschland sind die Caillaux' wehrlose Opfer des Ludendorff -Hitlerschen R.evölverpatriotismus. Frankreich amnestiert und zeigt-seinen-.Willen zum Frieden. Deutschland-, feiert iMn.'^riegserklärungstag. aa englische Stoße, Herren- und Damen- I|l3tflf|- wäsche, Leinen, Teppiche, Vorhänge t etc. «M- KIIIIg,r im M »«»»»WWW« II. Taborstoße 4S , 47-1-79 En ';:-c : -. .- 1 290234

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