Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1944 (14.7.1924)
- Date
- 1924-07-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2981027--19695-3006862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wien, Montag Serie X 14. Juli IM Wiener Morgen^ettutts. »\V» SsS»'!!?« .*ÄV’ ROM AN VON Nachdruck vorbchalten. 14. Fortsetzung. „Sie sind mit knapper Not einer Gehirnerschütterung entgangen," sagte der Doktor nach der Untersuchung. „Sie können setzt noch nicht hrnausgehen, sondern müssen znwarten und sehen, wie Sie sich später fühleil. Setzen Sie sich und verhalten Sie sich ganz ruhig. Wenn dieser Sturz ein Unglücksfall ivar, haben Sie Pech gehabt; hat cs der Mann aber absichtlich getan, dann hätte er iof": vom Spielfeld gejagt werden muffen." ,^Jch glaube, bald wieder hergestellt zu sein, Doktor," sagte Marr, den der Gedanke peinigte, untätig sein zu müssen, während seine Mannschaft gegen eine Uebermacht im Kampfe stand. Der Avzt rückte seine Brille zurecht und sah den Spieler beinahe grob durch die funkelnden Gläser an. „Junger Mann," sagte er strenge, „Sie gestatten scharr, daß ich mein Geschäft selber so gut verrichte als ich kann. Sie werden wieder aufs Feld gehen, wenn ich zu Ihnen sage, daß Sie dazu fähig sind, aber nicht früher." Als die Mannschaft sich wieder hinausbgaö, näherte sich Warriner und beugte sich über den Patienten. „Keine Angst, mein Junge, wir werden sie schon im Schach halten," sagte der Kapitän.in seiner gewöhnücheu -heiteren Art. „Sorge dich nicht darum. Ter Doktor har gerade zu Hollister gesagt, daß dir nichts wirklich Schlimmes zugestoßen ist und du dich nur für eine Weile ruhig halten mußt. Wenn du dich nicht ganz wohl fühlst, komme nicht hinaus, ich glaube, wir könnet: standhalten." Jetzt, da bis auf den Arzt, der sich eine Pfeift austopfte und zu rauchen begann, niemand im Ankleidezimmer war, begann die Angeduld den Mittelstürmer immer mehr zu quälen. Zehn Minuten verstrichen und noch immer gab der Doktor kein Zeichen. In Gedanken verloren, die L'e Rauchwolken scheinbar heraufbeschworen hatten, war er sich offenbar der Anwesenheit des anderen gar nicht bewußt. Wertere fünf Minuten, die mit bleiernen Fiißen dahinzuschleichen schienen, waren vergangen, als von draußen ein Gesumme der Aufregung und dann ein tausendfältiger Schrei in die Stille des Raumes hereindrang. In der nächsten Minute erschien der Trainer, ein Bild des Jammers, iu der Tür. Halb stützend, halb schleppend brachte er einen Mann in scharlachroter Dreß herein. „Finnegan hat sich das Knie ausgerenkt, Doktor." sagte er als Antwort auf dessen fragenden Blick. „Da Sie hier find, dachte ich, cs sei das beste, wenn er zur Untersuchung hereinkommt. Das ist eine schöne Geschichte, sage ich. Jetzt haben die Wanderer ausgeglichen und uns fehlen zwei Leute." „Die Wanderer haben ausgeglichen?" schrie Marr auf. ,^Ja, verflucht noch einmal, das haben sie. Tie erzielten in den ersten fünf Minuten eine Ecke und ein halbes Dutzendihrer Leute drückten den Ball endlich ins Netz. Jetzt, wo auch Pat vom Feld ist. versuchen wir das Ein- Back-Syftem; ich fürchte aber, daß dieses Match aus jeden Fall für uns verloren ist." Marr sprang auf und ging durchs Zimmer. „Entschuldigen Sie mich, Doktor," sagte er zum Arzt, der gerade das Knie des neu verletzten Spielers untersuchte, „aber ich fühle mich jetzt ganz wohl und möchte hinaus aufs Spielfeld." „Sehr gut!" brummte der Doktor, welcher vollständig mit dem gegenwärtigen Fall beschäftigt zu sein schien. „Geben Sie auf alle Fälle acht und machen Sie keme Dummheiten, die Sie später bereuen könnten." Diese warnenden Worte folgien Marr, als er schon auf dem Fußweg .dahineilte, der zum Spielfeld führte. Ein vielstimmiger Ruf — 'erls Beifalls- und Begrüßungsschrei, teilweise wie ein Jübelton der Erleichterung empfing ihn, als er sichtbar wurde. Stolz hob sich Richards Brust Wie dieser Jubel beglückte! Nun wollte er alles einsetzen, was er an Kraft und Spielbegeistemng zu bieten batte. Cr lief sogleich in die Mitte des Feldes, um seinen Posten in der geschwächten Angrfffsrrihe seiner Mannschaft einzunehmen. Aber obschon die Aufregung ihn erwärmt hatte, und seine Nerven stählte, fühlte er sich noch immer matt und spürte, wie er zitterte. Seine Füße hatten augenscheinlich alle Kraft verloren, während -ihm der Kopf noch immer abscheulich brummte. Ms er den Ball zum ersten Male wieder kösif-elte, verstärkte sich dieses Hämmern. Von diesem Augenblick an bewegte er sich nur noch in einem Zustand von mehr oder minder großer Verwirrung. Ohne die dirigierende Arbeit des Gehirns funktionierten die Füße zwar noch, aber nur rein mechanisch. Bei jedem Schritt und jedem Stoß, den er ausführte, fühlte er die Anstrengung, die ihm dies kostete. BenWariüuer, durch die in hundert harten Kämpfen erworbenen Erfahrungen klug geworden, wußte, daß Mit drei gesunden Stürmern im Felde und einem vierten, der äuge uscheiulich noch halb unbrauchbar war, Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit sei. Es würde sich als praktischer erweisen, das Resultat zu halten, als in dem vergeblichen Versuch, den Sieg zu erringen, beide Punkte zu riskieren. <- Dementsprechend konzentrierte er seine Hauptaufgabe auf die Verteidiguug. Seine Absicht wurde von der Menge bald erkannt — und auch von dem gegnerischem Tea-m. Wenn aber die Einheimischen sich aus die Verteidigung beschränkten, waren die Wanderer gleichfalls bemüht, die Vorteile,-die ihnen die Götter geschenkt hatten, auszurtützen und festzuhalten. und den Widerstand der anderen zu brechen. Angriff auf Angriff wurde vorgeworsen, die Wut der attackierenden Stürmer eviuusrte an eine rasende Sec, die vergeblich gegen eine ftlsigHKüste anrollt. Bennett und Tranfield, die Verteidiger Hollywoods, waven beide einheimische Spieler und sie brachten an diesem Tage ihrer Vaterstadt und sich selbst unvergänglichen Ruhm. Immer und immer wieder klärten sie, wenn alles schon verloren schien. Einmal als .der Tormann aus seinem Gehäuse gelaufen war, wehrte Bennett, knapp vor der Torlinie stehend einen scharfen Schliß mit dem Kopfe ab, den der Torhüter mit beiden Händen kaum hätte halten können. So wickelte sich der Kampf unter unaufhörlichen Angriffen der Gegner ab, die jedoch jedesmal, tapfer zurückgeschlagen wurden.. Und während der ganzen Zeit trieb sich eine einsame Gestalt unbeschäftigt in der Mitte des Feldes umher, wartend — wartend. Die Menge hatte die Anwesenheit des neuen Mittelstürmers gänzlich vergessen. Ihre Anfrnevkftmkeit war auf die verzweifelte Abwehravbeit vor dem Tore der einheimi- . scheu Mannschaft gerichtet, so daß sie für alles andere kein Auge hatte. Die Bedräng»ng des Hollywood-Tores hörte nicht auf. Nur ein Wunder konnte Wallis' Heiligtum reinhcvlten. Und dieses Wunder trat wirklich ein. Die einheimischen Verteidiger machten, fortgesetzt Uebermenschliches leistend, .das Unmögliche möglich. - Als nur mehr' - fünf Minuten Spielzeit blieben, stand das Spiel noch immer 1:1 und noch immer strich Dick Marr in scheinbar ganz und gar zweckloser Weise in der Mitte des Feldes umher. Da tauchte plötzlich aus dem Gewirr der schrvarz- und weißgekleideten Gestaltendie, gedrungene Figur Ben Wavriners, des Hollywood-Kapitäns, auf, den Ball am Fuß. Cr wurde sofort energisch angegangen, doch gelang es ihm noch im letzten Augenblick, den Ball genau seinem freistehenden unbeschäftigten Mittelstürmer vorzulegen. Wie plötzlich losgelasftner Windhund ergriff Marr die sich ihm so unerwartet bietende günstige Gelegenheit. Er sah, ehe er noch den Ball übernahm, den er im Fluge erhaschte, .daß keiner seiner Kameraden in der Nähe war. und daß der Versuch, den er unternahm, eine Sololeistung werden nmßte. Er bewegte sich vorwärts wi-e im Traum, während die Menge, die ihre Hoffnungen in so außerordentlicher Weift steigen sah, sich heiser zu schreien begann. Instinktiv wich er aus, als ihm ein Spieler der Wanderer — er glaubte, in dem Mann seinen alten Widersacher Bavtleh zu erkennen, war .dessen aber nicht ganz sicher — scharf onging. Er taumelte, verlor beinahe sein Gleichgewicht, richtete sich aber doch wieder auf, während ihm die Bravorufe wie Donner in den.. Ohren klangen. Jetzt tauchte das feindliche Tor vor ihm auf. Gleichzeitig erschien jedoch auch das Verteidigerpaar der Wanderer, das gestartet war, um ihn aufzuhalten. Ohne Aufenthalt wich er nach rechts ans, brachte den Ball über den Kopf des ihm am nächsten stehenden Gegne-rs und inchm alle ihm noch iit. .den Beilzen gebliebene Kraft zusammen, um am'Ball zu blei'ben. Nur um die kurze Spanne von sechs Zoll er seinem Gegenüber zuvor und schoß mit aller Wucht, während der gegnerische Verteidiger tapfer versuchte, ihn vom Ball zu trennen. Es ivar eine Verztveifelte Anstrengung, aber selbst in solch äußerst schwierigen Momenten zeigte Marr, daß er den sicheren Fuß eines 'gewiegten Spielers hatte. Der Ball erwies sich als tadellos getreten, er streifte die Unterseite der Querlatte und . nahm summend seinen Weg in das Mtz.;;; . ' .; , ' \ . - Dem Schutzen schien es, als ob die Welt plötzlich verrückt geworden wäre. Er. .hatte eine unbestimmte Erinne- ' ruug an Leute, die wild um ihn hevümtanzten und bemüht waren, ihn: die Hand ans dem Gelenk zu schütteln, ■ während ein unbeschreiblicher Tumult wütete; er fühlte, wie sich eine Muge Leute an ihn herandrängten, die ihn ans Rücken, Kopf und Arme klopften und befand sich plötzlich wieder im Ankleidezimmer, wo er einem Manne zuhörte. ■. „Ein ausgezeichnetes Tor! Das I)aft du glanzend gemacht," schnarrte eine Stimme. Mvisftrmaßen im Moment der höchsten Verzweiflung war ein erstaunlicher Sieg errungen ' worden und sogar Hollister, das Opfer eines innner verstimmten und schmerzenden Magens, sah sich dazu veranlaßt, ihn zu loben. „Nimm einen Schluck von dem da, dn siehst wirklich zum Speien ans!" Der Schluck Branntwein, den Sage ihm besorgt gegeben hatte, erwies sich als ein wunderbares Elixier. Sr nahm Marr sofort das Gefühl, daß . er bis jetzt gehabt hatte, als ob alles sich mn ihn im Kreise drehte, sogar das grinsende Gesicht des Trainers.: Ein Bad, eine Dusche und fünf Muten fachmänm- -; scher Behandlung durch den Trainer vervollständigten, feine Heilung.. Als er wieder fertig angeKeidet Ivar, hätte der Mittelstürmer die schmerzhaften Ereignisse dieses!,' schlurren Nachnüttags vollständig überwunden. Als er aus dem Ankleidezimmer trat, kam ein Mäd- - chm rasch auf ihn zu. Sie hielt ihre Hand ausgeftveckt und' in ihren Augen war ein Blick, der dem jungen FuHbgllrr das Herz merkwürdig, fchirelt klopfen, machte. 1 „Sie sind Mr. Marr," sagte das Mädchen. Ich habe, ein gutes Physiognomieirgedächtnis und zwei' Jahre "fiftb ja schließlich keine gar so lange Zeit, nicht wahr? - Sft. haben sich nicht -im geringsten verändert." Marr blickte auf das auffallend schöne Mädchen, das ihn mit so offener Freundschaft begrüßte, und langsam stieg die Erinnerung in ihm auf. „Sie sind Kirkbh, Stanleys Schwester," sagte -er zögernd. Er dachte verlegen daran, was wohl hie an^der . Türe des Ankleidezimmers sich drängenden. Gofährftn von der Begegnung denken mochten. . \ :: . „Ja, ich schrieb Ihnen einen Brief, aber Sie haben ihn unbeantwortet gelassen, das inacht aber nichts. Sie haben heute so ausgezeichnet gespielt, daß ich Ihnen -nicht böse sein kann. Sie kommen natürlich zurnir zum Tee? ' Ich baöe meinen Wagen hier. Ich wohne in Stapleförd, gerade außerhalb der Stadt und wir werden in einigen '. Minuten zu Hause sein." Ehe er noch irgeu-d etwas antworten konnte, fand Marr, daß er an der Seite des Mädchens dahinschviti. Wenn er nicht so verwirrt gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich die leisen Pfifft des Erstaunens seitens der ,<mk deren Spieler gehört, die diese Szene mit Verblüffung beobachtet hatten. „Gestatten Sie mir. . .!" Der Mittelstürmer hatte endlich seine Stimme; wu.dergefunden. Aber mit einem Lächeln bedeutete ihm Margaret Kirkby, in das Auto zu steigen, lvahrend Sie selbst den Motor ankurbelte. Im nächsten Augenblick, nadm der elegante kleine Wagen seinen Weg durch die nochaus dem Haupteingang zum Spielplatz kourmendelr letzten Besucher „Sie müssen verzeihen, wenn ich so viel schivatze." sagte das Mädchen, wahrend sie durch eine belebte Straße fubreu, „aber ich habe mich so darauf gefreut, einen alten - Freund Staute Vs wieder zu treffen. Sie müssen mich-für schrecklich egoistisch halten, fürchte ich, denn Sie fühlen sichsicher noch nicht ganz wohl. Sie haben heute einen schlimmen Unfall gehabt, nicht wahr? Dieser rohe Bartfty hätte ausgeschlossen werden müssen; ' wenn ich Schiedsrichjcn' gewesen loärehätte er-nicht eine Sekunde länger . :m Felde bleibew hürftn." ....; \ , '/;; (Förtjetzurr« folgt.) ■Manwtcv^/ttrcsaeiinf nc«AxaeaDEi0M OB