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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-13 · Heft 1943 (13.7.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1943 (13.7.1924)
Date
1924-07-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Der Gesetzentwurf soll noch im H e r b st dem Parlament vorgelegt werden. Zie Prager Verhanvlmgen abgeschlojseil. Der österreichisch-deutsch« Handelsvertrag. Prag, 12. Juli. Die zwischen der deutschen und der ö st e r r e i ch i s che n Regierung gestern in Men nnd Prag geführten BerlMdlungen über einen neuen Handelsvertrag sind heute zum Abschluß gelangt. Die Leiter der beiden Delegationen, Sektionschef Schüller und Ministerialdirektor v. Stock hämmern, haben heute einen Zusatzvertrag zum deutsch-österreichischen Wirtschaftsabkommen vom 1. September 1926 unterzeichnet. Er enthält eine Anzahl von Bindungen und Zollhrrabsetzungen im geltenden deutschen Zolltarif und, im neuen österreichischen Zolltarif, ferner - ein Tiersenchennberemk-ommen. - Aus dem »atlamürst. Tie Verhandlungen der Regierung mit den Parteiführern behufs Herbeiführung eines Kompromisses in der Frage der Lebensmittelzölle wurden gestern fortgesetzt. Die Beratung gedieh jedoch nicht bis zum Abschluß und wirb am Montag wieder auf-genommeu werden. Der Zollausschuß tritt Montag nachmittags zu einer Sitzung zusammen, um die Spezialdebatte über Tarifklasse 6 (Lebrnsunttel.zöll'e) sortzu sitzen. Der Unterausschuß zur Vorberatung des Gesetzentwurfes betreffend die ziv ilre ch tli che Ha ftnng der B a n k f u n k t i o n ä r e halt Dien'stag vormittags eine Sitzung. Der Untersuchrmgsausschuß zur Ermittlung der V o r g ä ng e b e.i de u K re d i 1 i nstit it te n tritt'MiW woch nachmittags zusammen und' wird zunächst die Beftagung von Experten vornehmen. Ja« Haleukreuz-Mltummt m Aufregmg. Aus einer Eingabe des Knlturamies >der deutschen Studentenschaft an die H o chs chu le fur Welthandel erfährt mgn, daß wieder einmal Lebenswichtige Belange des deutschen Volkes geschändet werden. Es ist angeblich ein Anschlagbrett konfisziert worden. Weshalb — erfährt man aus dem aufgeregten offenen Brief nicht. Wohl aber geht aus ihm hervor, daß das Kulturamt „seinerzeit" als Amt der .Handelshochschule anerkannt wordm ist. ES ist also dort genau so wie unter dem Diener zugegangen. Wozu man dann ein Rektorat und ähnlichen Aufputz aus Steuergeldern bezahlt, ist eigentlich uneHndlich. Ms Kulturamt besorgt altes. i Die „Action Franeai!se"i das Organ der französischen rassenschützlerischen Royalisten hat für ihre antisemitische Hetzjagd einen jüdischen 'Helfershelfer-gefunden. Der ehrenwerte Mann heißt Renee Moos,cher. um seiner Schandtat mehr Nachdruck zu verleihen, stolz-därauf hinweist, daß seine Familie, die schon seit vier.Generationen in Frankreich lebt, eine jüdische sei. Renee Groos hat nur eine Enquete über die Jndensrage veranstaltet und sich zu diesem Behufe an die bedeutungslosen, aber durch ihre Judenhetze an die Oberfläche geratenen Provinzcmiisiimtm gewendet, deren von bewußten Unwahrheiten überströmende Aeußeruugen er mit löbenden Kommentaren einbegleitet. Welcher Art diese, wie Gross in seiner Broschüre zu behaupten wagt, ernsten Aeußernngen sind, geht schon daraus hervor, daß diese oas Jndentmn als eine „internationale Maffia" oder „das jüdische goldene Kalb" bezeichnet. Es ist nicht zu verwundern, daß die Zuschriften der Antisemiten an Groos mit der Anrede „Lieber Kampfgenoss e!" beohirtcit und der schriftstellerischen, wissenschaftlichen und politischen Größe des Adressaten überschwengliches Lob spenden. Gross ist bei seiner Fragestellung von der Berechtigung des Antisemitismus ansgegongen und es ist nur natürlich, daß seine „Kampfgenossen" ihm in dieser Voraussetzung Recht geben. blicht so gut behandelt werden die wenigen Inden,, die' Groos gleichfalls mit der Zusendung seines Fragebogens beehrt hat nnd die sich dazu hergaben, an der Enquete teilzu- »ehmcu. Diese werden von Groos mit Hohn überschüttet und sozusagen dem öffentlichen. Mitleid Preisgageben. Immerhin lohnt es sich, einen Teil dieser' jüdischen Stimmen auszugsweise hier wiederzugeben. Salomon Reiuach schreibt: „Mein Herr! Der Judenhaß — das Wort „Antisemitisnms" selbst ist auch bloß ein für Halbgebildete erfundener Blödsinn, den ich nicht akzeptiere —, beruht auf intensiver religiöser Befangenheit. Bossuet konnte zu seiner Zeit von den Juden sagen, daß sie Gottvernichter seien und die Anwendung der jüdischen Propheten auf die christliche Legende hartnäckig leugnen. Jetzt wird gegen sie mit weltlichen Argumenten gekämpft und von ihnen behauptet, daß sie gegen die Humanität sündigen (Ritualmord), daß sie Verräter sind (Drehfus-Prozeß), daß sie dem Reichtum nachlaufeu (Anbetung des goldenen Kalbes), daß sie revolutionäre Verschwörer sind und daß sie schließlich in ihren Handlungen von gemeinsamen Menschenhaß getrieben werden. Wenn das wenigstens lauter neue Phrasen wären! Wer es sind genau dieselben Anklagen, die von den Heiden gegen die ersten Christen erhoben wurden. Es wird hier von den Juden als einer bewußt verbundenen . Einheit, von einer physiologisch oder Psychologisch gleichgerichteten Klasse .gesprochen, das ist ein trügerisches Spiel mit Worten. Die Juden seien zu «gleicher Zeit die Internationale des Geldes urtd die Internationale der Revolution. Das wäre in der Tat ein Bündnis von Feuer und Wasser. Die Bchauptung, -atz die Juden eine Bevschwörergemeinschaft gegen sämtliche-Völker bilden, ist ein Stumpfsinn, der höchstens für jene gut ist, die Viktor Hugo.„tobsüchtige Dummköpf^ nennt. Ein Marxist sagte einmal, der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls. Aber nicht jeder Idiot ist Sozialist. ES finden sich unter ihnen auch Konservative. Blödsinn bleibt Blödsinn, auch' wenn er noch so sehr verbreite! ist. Beweis hierfür ist der Aberglaube mit der Zahl 18 bei Tische. f<>$ gibt jedoch auch gefährliche Blödheiten: Hierzu gehören hauptsächlich jene, die von a.r be: tsscheuen h a l bin teilt gen ten Menschen verbreitet werden, die einen Sündenbock suchen, wenn die Dinge nicht so lausen, wie sie es wünschen möchten,'die eine, perverse und sadistische Freude daran haben, wenn sie schon nicht Peter und Paul denunzieren können,-so Loch wenigstens eine Gruppe von Menschen zu Verleumder, die anderer Religion sind.' M a n n e h m e 7 5 Gramm Dummheit, gebe 2 5 G r a m m B o s h e 11 d azu, mische das ganze durcheinander und trage es wa rm auf: Das ist das N e z e p t des j u d >e n s e i n d l i ch e n G e 'b ä ck s. Es ist eine schmutzige Sache und — nicht nahrhaft. D-e Judenhetze ist eine Kraftvergeudung, gegen welche der gesunde Menschenverstand und die Vaterlandsliebe sich auflchnt." Salomon Reinach. Der Historiker und bekannteste Biograph Napoleons Artur Levv schreibt: „Mein Herr! Sie wünschen meine Meinung. Hier gebe ich sie. Ihr Unternehmen ist ungesund und schadeubrmgend. Gold, nur Gold, immer nur das Gold! ... Sie scheu überall das jüdische Gold. Hört Sie jemand, so mutzte man glauben, es gebe §ar kein anderes Gold als jüdisches. Ich habe keines, Herr, das versichere ich Sie. Ich arbeite viel, verdiene jedoch keine zwei Sou in der Stunde. Das mögen die Herren Antisemiten zur Kenntnis nehmen! Doch lassen Sie mich, trauriger Juden, sortsetzen... Wo sehen Sie eigentlich das viele jMsche Gold? In den Banken? Die Hauptkreditinstitute gehören doch nicht den Inden. Im Handel? Auf einen jüdischen Kaufmann entfallen zehn nichtjudische. In Industrie und Gewerbe? Wem gehören eig-nulich die Minen und Bergwerke? .Wem die Müßten Betriebe in Frank' reich? Sie wollen in der russischen Revolution mu Juden sehen. Sie kannten das zaristische Regime nicht. Ich Hab es an Orr und Stelle sindürt. Cs war .eine Schande der Menschheit, als mit kalter Ueberlegun^ nicht in gärendem Braten c>er Massenbewegung, sondern nn Besitz der Mach t, die zwi-, scheu Gutem und Bösem wählen konnte, die g r a u s -i m st e n Schändlichke.iteu verübt wurden." Aus dem Antwortscheiiben des Redakteurs Paul Levy sei drc folgendkräftige Satz wwdergegeben: „Der jüdische Autisi.mit und der jüdische Reus.n'.t erwecken in mir Abscheu oder richtiger gesagt: ich verachte sie aus der Ties: meines Herzens" aufstampsend^ aber wie merkwürdig erschien mir in diesem Augenblick sein Wort, das doch gewiß nicht weniger von Sorgfalt um ein lebendes Wesen erMt war. Die bunte Menge des Basars umdrängte uns. Der herrlichste Frühlrngsnachniittag stand über der Stadt. Hatte ich je gelebt? Wie viel Jahre hatte ich im Gefängnis gesessen? Wir' nahmen ein Boot und fuhren den Tigris hinunter, um dem Konsul den Tod des Arztes zu melden. Helle Sonne traf die bewegten Mellen des Flußes am Ufer. Mitten ans der Straße blieb ich stehen, betäubt vom Licht und dem Gefiihl des Lebens: daß ich noch bin! daß die Erde noch mein ist! Als wir heimkehrien, erschrak ich vor der plötzlichen Dunkelheit des Zimmers, in idem jede Nacht die Laterne gebrannt hatte. Mit trost'bedürftigen Seelen, an die Härte eines unerbittlichen Daseins gewöhnt, leerten wir die Ftasthe Wein, die ich noch am Morgen für den Kranken geöffneL hatte. Spät in der Nacht kamen die Juden, alte Männer mit weißen Barten, um in einer hölzernen Kiste den Leichnam zu holen, der nach dem Ritus begraben werden sollte. Murmelnd, von einer Laterne begleitet, den Sarg ans dem Rücken, verschwanden sie in der finsteren G-sse. In der Nacht konnte ich nicht schlafen und fchweißbkdeckt. bis -um Aeußersten erregt, wälzte ich mich in den neigen Decken, während widerwillig ohne -Aufhören die Frage an mein Ohr brandete: -wann du? wann du? Am nächsten Morgen ging ich in die jüdische Schule. einem K-ellergewölbe, völlig entkleidet, lag auf der bloßen Erde der Leichnam. Ein Schweißtuch war um die St:rn gebunden und zwei Steine lagen zu beiden Seiten des Kopses. Mitten auf die Brust ibc§ Toten aber, die mit einen: langen Leinentuch bedeckt war, hatte man zur Weg- ^elirung ein abgebrochenes Stück arabischen Brotes gelegt. En: zerlumpter Jude, in die Fetzen seines Gewandes gehüllt. kauerte, Wache haltend, neben dem Leichnam, und 'im Winkel des Raumes lag ein zusammengekehrtes Häuschen Schmutz. Rührrmg ergriff mich vor der erschütternden Schlichtheit des Bildes, und immer wieder blickte ich auf. diesen kümmerlichen Bissen Brot, der mir. das Sinnbild alles menschlichen Jammers und Elends zu sein schien.. " Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann das Begräbnis. Im Hof der Synagoge stand der Sarg aufgebatzct. Zivanzill Lte M AMMr. Stimme einen hebräischen Psalm. Dahinter standen die deutschen Offiziere, Rabbiner und Würdenträger der Stadt, brennende Kerzen in der Hand .haltend. Die Kawassen eröfsneten den Zug, ihnen folgten: die Schulen und die hohe Gemeinschaft der RaLbiner. Der Sarg wurde von -den Schultern jüdischer Bürger getragen, dahinter schritten die GroßraMner, die Vertreter des Stabes des Feldmarschalls, der WM, die geistlichen nnd weltlichen mohammedanischen Behörden, deutsche und türkische Offiziere und Soldaten mit zur Erde gekehrten Waffen. Zwanzigtausend Juden begleiteten den Zug, während hochgeschwungene Fackeln die Finsternis erleuchteten, von denen der Wind Funken und brennendes Werg über die Köpfe des Trauergefolges hinwegwchte. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt ich selber, das Kissen mit den Orden des Toten' tragend, und ich -dachte die ganze Strecke des. Weges: wenn ihr mich so schauen könntet, wie ich übernächtig, die hohe Lammsellmütze aus dem Kopf und vom gelben Licht der Fackeln beleuchtet, hinter dem Särge hinschreite, welchen Trost würde der warme Herzschlag eurer Liebe mir bereiten! Die Fenster aller Häuser waren von Menschen erfüllt, in den Seitenstraßen und auf den Dächern drängte sich die Menge. Sobald der Sarg vor ihren Blicken erschien, durchzog ein ungcheures Klagen die Luft. Die Männer schlugen sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, die Frauen begannen jammernd und heulend an ihren Haaren! zu raufen, schlugen sich gegen die Brüste, zerfetzten die Kleider, und von den Dächern wogte ihre Klagegesang in die Nacht hinab. Dicht vor meinen Füßen riß sich, bis zum Wahnsinn erregt, die wütende Menge unter Kolbenschlägen der Soldaten darum, ein Stück des Weges den Sarg zu tragen, der, von dem Lichte der Fackeln umflossen, hoch über den Häuptern des Volkes echoben, die unendlich schmälen Gaffen dahinschwebte. Endlich öffnete sich das Feld, die Menge flutete auseinander, und ein kühler Wind strich aus der Wüste her. Halsbrecherisch stolperten wir im Dunkel über Hügel und Gräben. In Grabtücher gehüllt versank der Leichnam, von den verlöschenden Lichtern beleuchtet, und während ich an der offenen Grübe deck Toten einige Worte nachrief, würde er in der Tiefe mit gebrannten Tonziege'ln slbermauert. Sturm wehte und ein heftiger Regen begann zu stürzen, als wir endlich i:n Dimkel aus der Müste nach Hause tappten. < Wie viel Tage seitdem verflossen sind, ich weiß es nicht mehr. Ich ging in einem Traume dahin. Denn »mg es auch nicht unrühmlicher sein, wie ein kranker Gaum, an Händen und Füßen mit Schutzringett umgeben, im Dunkel siebererfüllter Hospitäler von Ungezieser gebissen z:: werden und daran zu sterben, als an der Wut unvernünftigen Eisens zu verbluten, so würde es doch meiner Aufgabe wenig entsprechen. Und während der widerliche süße Geruch der Medikamente und faulenden Wunden alle Räume des Lazaretts erfüllt, während ich auf dem Dampfer den Tigris von Kut el Amara hiuauffahre, um zu sehen, wie an jeder Landungsstelle neue Tote an das Ufer gebracht, werden, wahrend ich immer wieder erlebte, wie au meiner Seite die Sterbenden die Maske des Todes auf ihr Gesicht setzen, überkommt mich zuweilen eine stumme und wilde Verzweiflung: genug! genug! Einmal auch etwas anderes sehen als Schmerz, Eiter und Wunden! Lohnt es denn zu leben in einer Welt, die von nichts als dem Atem der Verwesung erfüllt ist? Lohnt es denn noch zu sterben in eimr Zeit, wo selbst der Tod unwichtig oder billig geworden ist wie eine geringe Münze? Draußen steht der Frühling und hat noch den Staub der Wüste mit einem grünen Mantel bedeckt. Die Schwalben flattern bis in unseren Operationssaa'l, so dicht über unseren Köpfen, daß ihr Flügel zuweilen den entblößten Leib der Gemarterten streift. Das Hochwasser hat alle Palmengarien mit plätschernden Bächen erfüllt. Zitronen und Mandarinen duften schwermütig, Wiesenschaumkraut und SumPfdotter blühen. Und zuweilen, wenn der Südsturm über die Palmengarieu fährt, die langen Blätter der Schopfe, wie ausgelöstes Frauenhaar über ihren Nacken werfend, setze ich mich an den Fuß der alten Lehmmaue: und schließe die Augen. Dann ist mir, als hörte ich das Rauschen der Wäsder wieder und sehe -das Laub der Eichenbaüme in der Sonne erzittern. Die Frösche quacken, und das Heimchen zirpt in der Wüste und mir ist, als sehe ich Kuch, ihr geliebten Mütter, den Weg heraufkommen, eickältes und ein alterndes Gesicht. Ich küsse das weiße Haar eurer Schläfen und schaue in die blaue Güte eurer Augen, die mich beschützt haben in allem Unheil diese: Tage, und die mir Hilst, das Werk ru Ende tzr tragen, daZ mir allein zu schwer ist.; üj*

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