Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-07-02 · Heft 1932 (2.7.1924) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1932 (2.7.1924)
Date
1924-07-02
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2981015--19542-3006697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

LITER ATUR.BE1LAGE DER .WIENER .MORGENZEITUNG* N ummer 16 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 2. Juli 1924 rADMJNI£TRATION „WIENER MORGENZEITUNG“, WIEN, II,. TABORSfRASSE l~i UNSER BUCH DER WOCHE Hebräische Lyrik in r°uen Uebersetzungen ' Es M-t zwei Arten, aus fremden Sprachen zu Versetzen. Der lieber; :tzer kann das Original in die Sprache seines Lande; und seiner Zeit transponieren, Fremdartiges durch Heimisches und Analoges ersetzen, das fremde ‘Kunstwerk in Formen umgießen, die der eigenen Sprache vertraut sind, und es damit dem einheimischen Leser leicht faßlich und 'zugänglich machen, selbst auf die Gefahr hin, daß die Uebersetzurig nicht die ganze Wesenheit des Originals ausschöpfe und er sie ein wenig dem Gesohmack des Landes und der Zeit der Uebersetzung anpasse. Der LJehersetzer kann aber auch den fremden Stil, die ganze Eigenart des fremden Werkes und der fremden Sprache in seiner eigenen Sprache nachzubilden suchen, die eigene Sprache damit bereichern, indem er neue Art, «zu fühlen und zu sagen, in sie einführt. Eine solche Uebersetzung wird fremdartig wirken, nicht ganz leicht verständlich und zugänglich sein und höhere Anforderungen an den Leser stellen; sie verlangt aber auch einen Uebersetzer, der seine Sprache schöpferisch handhaben kann. Zu der zweiten Art zu übersetzen bekennt sich ganz entschieden Franz Rosenzweig in dem temperamentvollen und klugen Naohwort seiner neuen Jehuda-Halevi-Uebersetzung (Franz Rosenzweig: b60 Hymnen und Gedichte desJehudafi a 1 e v i." Deutsch. Konstanz. Oskar W ö h r 1 e. Verlag.) Er will den Leser keinen Augenblick vergessen machen, daß Jehuda-Halevi kein deutscher Dichter und kein Zeitgenosse ist. Er lehnt die „Nachdichtung“ ab, die den Monumenten der Vergangenheit und der Fremde das „Gewand unserer Zeit“ anzieht und ihren Stil verwischt. „Ob der Apollo vom Belvedere wirklich durch Cut-away und Stehkragen wesentlich gewinnen würde?“ Rosenzweig hat es bei dieser Uebersetzung der Hymnen und Gedichte Jehuda-Halevis auf sich genommen, ihren eigenartigen Stil in Reim- und Strophenbau getreu naohizubilden lind versucht es trotz der großen Schwierigkeit, dann und wann auch die charakteristische Rhythmik des Originals ins Deutsche einzuführen. Seine Sprach- und Verskunst ist überquellend reich, kühn, konzentriert und ganz unkonventionell und ihr sind technisch erstaunliche Leistungen gelungen. Es ist klar, daß bei seiner Art der Uebersetzung die formale Bindung im Deutschen eine viel weitergehende sein muß als im Original. Wenn zum Beispiel Jehuda-Halevi in seiner „Zionide“ mehr als sechzigmal den Reim „ajich“ (die Endung, die „Dein“ bedeutet) verwendet, so, ist es sicherlich eine schwierigere Bindung, wenn der Uebersetzer im Deutschen 60 Reim werte auf „Fragen“ finden muß. Im Hebräischen reimt oft ein Suffix, das wechselnden Worten gemeinsam ist, dm Deutschen das Wort selbst! ■Die deutsche Uebersetzung muß formell noch viel kunstvoller und oft aucli gekünstelter sein als das Original, im Hebräischen Einfaches muß um des Reimwortes willen kompliziert, die Verse miisen mit Füllgleichnissen gedehnt oder rebusartig komprimiert •werden, das Verständnis wird schwer, der Ausdruck gesucht und das unmittelbare Einströmen des Gefühls in die Form geht verloren. Da bleibt denn nichts übrig, als zum Original zu greifen. Rosenzweig setzt dem Nachwort seiner Uebersetzung die Anmerkung Stollbergs zur Ilias- Übersetzung voraus: „0 lieber Leser, lerne griechisch und wirf meine Uebersetzung ins Feuer“. Wir werden seine Uebersetzung wahrlich nicht ins Feuer werfen. Aber wenn wir sie neben das Original halten, dann werden uns unzählige neue Lichter an ihm aufleuch ten. Nicht minder wertvoll als die Ueberstzung selbst sind die Anmerkungen. Zu Jedem Gedichte ein paar Sätze, da und dort einige längere Exkurse, alles ohne überflüssige Gelehrsamkeit, persönlich erlebt, den Kernpunkt erfassend und vor allem dem Geiste des Dichters nahe. Rosenzweig, der dem Kreise des verstorbenen Frankfurter Rabbiners Nobel angehört, will den Werken Jehuda-Halevis auch in der heutigen Liturgie und Predigt größere Geltung erwirken. Seif» Arbeit'ist nicht nur mit Sachkenntnis, sondern wirklich mit Liebe getan und es gibt in deutscher Sprache kein Werk, das den Zugang zu dem.Dichter, der der Religiosität des Galuthiudentums den großartigsten Ausdruck gegeben hat, so erleichtern würde wie das vorliegende. Eine Uebersetzung in der anderen Art der beiden eingangs erwähnten Möglichkeiten stellt Manfred Sturmanns „Alt-hebräische Lyrik“ dar. (Manfred Sturmann, Alt-hebräische Lyrik, Nachdichtungen. Mit einer Einleitung von Arnold Zweig. Allgemeine Verlagsanstalt, München) und erweist die gute Berechtigung auch dieser Art des Nachschaffens fremder Originale. Sturmann hat Dichtungen der Bibel, die ältesten in die historischen Bücher eingestreuten Volkslieder, wie Lamechs Schwertlied, das Brunnenlied, Davids Bogengesang, das Deboralied u. a., einen Teil der Psalmen und alle Klagelieder sowie das Hohe Lied in einfachem Deutsch in edlen freien Rhythmen wiedergegeben und hiebei der dichter i s c h e n Form des Originals besondere Beachtung geschenkt. Der hebräische Stil im Deutschen ist ja dank Luther bereits geschaffen. Sturmann knüpft vielfach glücklich an ihn a.n. (Nur an einigen Stellen wären arcliaistisoh-salbungsvo 11 wirkende Anklänge an Luther besser vermieden worden.) Der Uebersetzer hat insbesondere einen feinen Sinn für die Gliederung der Gedichte und läßt ohne Pedanterie das Wesentliche hervor- und das Beiwerk zurücktreten, so daß viele alte Gedichte in wundersamen Glanze erstrahlen. Im einzelnen sei bemerkt, daß Psalm 97, 10, nicht ganz richtig wiedergegeben ist, bei Psalm 148, Vers 6, scheint miir die wörtliche Uebersetzung „ex hat ein Gesetz (das Naturgesetz) gegeben und überschreitet es nicht“ sinnvoller als Sturmanns „das Gesetz, das unüberschreitbare“. (Ebenso die Esther-Bibel.) Am freiesten gegenüber .dem Urtext verhält sich Sturmaxin beim „Lied der Lieder“. Hier sind seine Verse vielfach nur Paraphrasen des Originals. Aber im ganzen ist seine Nachdichtung in Ton und Stil gelungen und er zeigt auch hier viel Geschick in der Gliederung der einzelnen Lieder, ohne daß er so kühne Umstellungen vornehmen würde, wie es Max Brod getan hat. Die Abweichungen vom Original Kap. 16, II 4, II 6, V 5, VIII 3, VIII 12 halte ich nicht für glücklich. Die Nachdichtungen Sturmanns sind geeignet, die unvergängliche Schönheit und urwüchsige Wucht unserer alten Dichtung vielen näher zu bringen, besonders denen, welchen der hebräische Urtext verschlossen ist. Hugo Knöpfmacher. DAS MODEBUCH Der auierstandene Jobs Jobs, du mußt in Mode kommen! Candidate Hierotiime, so sehr du dich auch dagegen sträuben magst, in die große Welt zu gelangen, indem du auf dein unmodernes Habit deutest, das nicht recht für die heutige Zeit, wie du meinst, passet — Jobs, es hilft nichts; du wirst in die gute Gesellschaft mitgenommen, zu den Herren und Damen, mit denen du nach deinen eigenen Worten „gesellschaftlich getrunken und gegessen und in kurzem daran! Freundschaft aufgerichtet“ hast. Verdienst es, alter Knabe: Dein altvaterisch behaglich Lebemannsgesicht, wie es Doktor Karl Arnold K o r t u m gezeichnet und gedichtet, hat viel mehr von dem, was man heutzutage mondänen Ausdruck nennt, als die Gesichter der Gareoimes, der Anatols und . anderer jüngerer oder älterer Modepuppen des Literaturmarktes. Schon dein so romantisch verlaufendes Abenteuer mit der „ehemals geliebten Amalia“ muH in jeder Gesellschaft, ob es nun die vom Jahre 1784 oder die von 1924 ist, vor dir erzählt, mein lieber alter Jobs, helle Freude machen. Gar nicht erst zu reden von deiner berühmt gewordenen Prüfung, allwo ein „allgemeines Schütteln des Kopfes“ geschah und du deine Prüfer so köstlich schilderst wie etwa den Herrn Inspektor: „Rin staatlich dickgebalichter Mann; man sah ihm gleich den Inspektor an.“ Weist du, lieber Jobs, solcherlei Schilderungen, wie sie dir Arnold Kortum in den Mund gelegt, sind nicht nur, wie der plattgetretene Vergleich lautet, Wilhelm Busch’ würdig, sondern gehören, ebenso wie die Geschichte vom neuen A-B-C-Buch, bereits in das Reich der unverwelkliclien Satire. Nun hat dich, lieber alter Hieronlmus Jobs, „der sich weiland viel R ihm erwarb und endlich als Nachtwächter in Schildburg starb“, der Verlag Felix Alexander in Berlin neu einge’cleldet. Dein Habit ist" hach wie vor elwas altertümlich', vielleicht auch nach mancher Meinung zu anständig; abc Dr. 'John Sailer, der es nach der Urausgabe des trefflichen Kortum neu aufgebügelt hat, brachte es mit Zuhilfenahme der von Kortums eigener Hand gefertigten Holzschnitte dazu, daß du, Jobs, dich in der besten und — was dir vielleicht weniger angenehm sein mag — in der heutigen guten Gesellschaft bewegen kannst. ' So wirst du bald in Mod« kommen! E. G. Fried. verlangen Sie von NELLER (BU&UM.) I. Bauernmarkt kostenlos! VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Dramatische Literatur „V a s a n t a s e u a,“ ein Schauspiel in ‘drei Akten nach dem Indischen von Lion Feuchtw a n g e r (München, Drei Masken-Verlag), liegt nunmehr in vierter Auflage vor. Die Dichtung ist stö ihrem Erscheinen hunderte Male über die deutschen Bühnen gegangen und daher einem weiten Kreise bereits wofiP vertraut. Die neue Auflage hat lediglich einige aus der Bffltnenpraxis sich ergebende Änderungen aufzuweisen. Hier sei nur gesagt, daß Feuchtwangers poetische Bearbeitung dem Deutschkundigen Kenntnis und Genuß und eine köstliche Dichtung der Weltliteratur erschlossen hat, welcÜe die knappe, aber feinsinnige Einleitdes Nachdichters ins rechte Licht rückt. Hermann Kesser, kein Unbekannter mehr, hat fcial Ernst Rowohlt in Berlin eine dreiaktige Komödie: „Die Reisenden“ erscheinen lassen. Ein burlesker F.tofaH weiß hier das Motiv eines vorgetäuschten Weltuntergangei mit ergötzlicher Laune abzuwandeln und die künstlerlsclie Ueberlegenheit, mit der der Autor mit den Dingen spielt/ verdient Anerkennung. Nichtsdestoweniger wird die Wirkung des Ganzen stark beeinträchtigt, in dem der Symbolik der handelnden Personen die letzte Klarheit;fehlt. — Der Verlag Karl Rauch in Dessau gibt schma1e Heftchen einer „Deutschen Jugendbühnenreihe“ heraus. Die uns vorliegenden dramatischen Spiele von Gerhard Heine sind recht dünne literarische Aufgüsse. Die Jugendbülmc wenn es so etwas schon geben soll — wird durch sie kaum bereichert. Einen Wegweiser durch die moderne deutsche Dramatik will Dr. Karl Lehmanns Büchlein: „Vom Drama unserer Zeit“ bieten. (Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, Leipzig), das sich als zweite Folge präsentiert, da der Autor im gleichen Verlage bereits eine Schrift „Junge deutsche Dramatiker“ herausgegeben hat. Die Schrift ist recht seicht und unkritisch und kommt über die Inhaltsangabe kaum hinaus.. Trotzdem ist cs als Materialiensammlung zu verwenden. A. F, Eine neue Reclam-Serie Reclam gibt jetzt eine Anzahl seiner berühmten Bändchen in kartoniertem Einband heraus und hat hfefür besonders neue Schriftsteller gewählt. Novellen und Erzählungen von Thomas Manu, Charles de Coster, Dostojewski, Schnitzler, Schönherr, Hermann Bahr und andere, gern gelesene Autoren geben dieser Serie den Reiz der Aktualität. Hier sei besonders auf zwei Novellen voll Ricarda Huch hingewiesen, schon deshalb, weil diese Frau die beste, vielleicht die einzige deutsche Erzählerin von persönlichem Format ist. Ricarda Huch ist übrigens, wie ja allgemein bekannt, weitüber den Rahmen der ästhetisierenden Romanschriftstellerin (einiges davon spürt man übrigens noch in ihren ersten Werken, wie zum Beispiel in „Michael Unger“) hinausgewachsen. Die Frau, welche das beste Buch über die Romantik geschrieben hat und in ganz hervorragenden historischen und biographischen Monographien ausgezeichnet scharfe Bilder von Zeiten und Menschen entwirft, ist weit mehr als eine Dutzendschreiberin, wie sie gerade in Deutschland so häufig sind. Die zwei Novellen „Der neue Heilige“ und Der Hahn von Quackenbriick“, welche das geschmackvoll ausgestattete Reclam-Bändchen bringt, sind treffliche Beispiele der Erzählungskimst der Huch; klug, beherrscht, nicht zuletzt ein wenig skurril. Gerade in der letzteren Hinsicht ist die köstlich-ironische Skizze „Der Hahn von Quakenbriiek“ bemerkenswert. Dieses kleine Büchlein ist eine erfreuliche Begegnung, v.-«... 8. 8. DER WOCHE STETS BEI Wilhelm Braumüllex&Solin Wien, I. Graben 21 BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU löwit 'WIEN. I ROTENTURMSTRÄ5SE 22

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.