Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1930 (30.6.1924)
- Date
- 1924-06-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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jäM7‘ Mett, —st. Wien, 80. Juni. Deutsch-stanzösisch-englische Tragikomödie. — Erstens der Dollar, zweitens die Frerheitsstatue. Sonderbare Menschen. Als in England die Arbeiterregierung ans Ruder sam, sprach man von einer Entspannung der Beziehungen zu Deutschland. Ms dann noch Frankreich den scharfen säbelrasselnden Poincare durch den antimilitaristischen Demokraten Herriot ersetzte, sahen alle gescheiten Menschen die friedliche Lösung der deutschen Frage in greifbarer Nähe, knapp vor ihren Nasen. Nachdem bekanntlich die gescheiten Menschen die ungeheure Majorität" aus der Welt bilden, atmeten alle Zeitungen behagliche Zuversicht. Der Besuch Herrlots bei Mac Donald wurde mit dem Schmalz erwartungsgefüllter Leitartikel übergossen und mit zuckersüßen Stimmungsberichten bestreut. Auf den Titelseiten aller illustrierten Journale konnte man sie sehen, die beiden lieben Menschen,'wie sie sich gütig zulächelnd alle vier Hände schiitteln, ein Auge dem teuren Freunde zugewendet,' das andere dem Photographen. Da muß doch was Gutes herauskommen! Aber es ist gar nichts Gutes herausgekommen bei der Lächelei und Händeschüttlerei. Es hat sich gezeigt, daß der Eisenfresser und Feuerspeier Poincare ein genügsames FriedenÄämmchen ist gegen diesen Mac Donald und diesen Herriot. Wohl hat er alle Sonntage ans den Grabhügeln unbekannter und bekannter Soldaten Schwerttänze ausgesührt und Brandeten gegen Deutschland geschleudert. Was hat er aber schließlich verlangt? Geld! Die Deutschen brüllten: ,Hr will zu viel!", er brüllte: „Sie geben zu wenig!" Em Konzert, wie es ja bei jedem Pserde-H anbei gespielt wird und das schließlich doch zu einem Ausgleich fuhren kann. Aber was Herriot und Mac DonaK> verlangen, geht ins Unermeßliche und übersteigt jede Phantasie! Sie fordern ein demokratisches Deutschland! Mit weit besserer Aussichtauf Erfolg könnten sie die sofortige Herabsetzung der Sonnentemperawr ans den Gefrierpunkt verlangen oder die Austrocknung des Atlantischen Ozeansvon Deutschland verlangen. Ein demokratisches Deutschland! Die großen Massen deutscher Demokraten ruhen noch ungeboren in deutschen Mutterleibern. Einige wenige Demokraten waren so unvorsichtig, sich wirklich gebären zu lassen. Sie haben diese Keckheit teuer bezahlt und liegen wohlbespickt mit Hakenkreuzkugeln aus Preußens und Bayerns Friedhöfen, bis auf zwei oder drei, die im Anslande Vorträge über das „neue" Deutschland halten und sich nicht nach Hause wagen. Die Seele des deutschen Volkes schmachtet nach seinen 32 Fürsten von 1918, sie will sie wieder haben, alle, von Wilhelm dem Zweiten bis Heinrich dem Achtunddreißigsten von Reuß-Schleitz-Greiß ältere Linie. Sie will, daß wieder des Preußerchelmes blanke Spitze in die Wolken rage, ein Teil der Volksseele ist nach links übergeschnappt und will die Tellermütze mit dem Sowjetstern. Aber alle wollen Gewehre, Handgranaten^erstampfte Feindesleiber, Kasernen; sie husten auf die Demkratie von Mac Donald bis Herriot. So liegt die friedliche Lösung der deutschen Frage vor den Nasenspitzen aller gescheiten Menschen. Aber die Länge dieser Nasen ist ungeheuer. * / Amerika ist das Land der Freiheit, der absoluten, unübertrefflichen, echt amerikanischen Freiheit. Wer's nicht glaubt, blamiert sich unsterblich, denn erstens steht der Dollar höher als jede andere Währung, und zweitens steht im Hasen vn New-Iork die größte Freiheitsstalue der Welt. Sie ist dreihundert Meter hoch, zehntausend Tonnen schwer, hat eine Maschine von siebzigtausend Pserdekräften und ein alkoholfreies Riesenrestaurant im Bauche und oben den stärksten Scheinwerfer der Welt. Daher ist Amerika das freieste Land der Welt. Das Parlament dieses freiesten aller Länder hat vor kurzem beschlossen, daß Menschen mit gelber Hautfarbe, Japaner, den glorreichen Boden dieses vom Niesenscheinwerfer der Freiheitsstatue^ erleuchteten Landes nicht betreten dürfen. Dieser Beschluß ist doch gewiß freiheitlich. Einige in Amerika lebende Japaner haben sich unverschämterweise erlaubt, die Freiheitlichkeit dieser hochedlen Verfügung anzuzweiseln. Der Zorn der freiheitlichen Nation hat sie rasch eines besseren belehrt. Man hat sie erschlagen. Jetzt glauben sie daran. Und alles oflaubt daran. Unter gewöhnlichen Umständen müßte man den Beschluß des Washingtoner Parlamentes als schnöden Rückfall in niedrige Barbarei bezeichnen. Man müßte seststellen, daß Amerika damit den N-WA'-M»' von 30.880 Teilnehmer. - Patenschaft sür die Ander der Lpfer. Das Leichenbegängnis der Opfer der Harter Bergwerkskatastrophe fandgestern unter enormer Beteiligung statt. Die Straße, die zu dem Friedhof führte, war von Menschen dicht besetzt. Um halb 2 nachmittags wurden die Särge von Kameraden der Toten auf den Wdarktplatz. getragen und in zwei langen Reihen vor der Ortskapelle aufgestellt. Der Platz und die zu ihm führenden Gassen waren mit frischem Reisig bestreut. Zu Kopf und zu Füßen jedes Toten flackerten nach' Bergmannsbrauch Grubenlampen. Die Blumen und Kränze, die im Lause des Tages von allen Seiten eingelaufen waren, füllten drei Wagen, die neben den Särgen auf der Straße standen. . Um 2 Uhr versammelten sich. die einzelnen Teilnehmer auf den ihnen zugewiesenen Plätzen und gleich darauf begann der Aufmarsch. Die Musikkapellen, Gesangvereine, die Vertreter der öffentlichen Körperschaften und die Kameraden der Toten stellten sich in einem großen Viereck um die Särge auf. Unmittelbar bei den Särgen standen nur die engeren' Leidtragenden und die Geistlichen, die die Einsegnung Vornahmen. Die übrigen Teilnehmer füllten in einem unübersehbaren Zug die anschließenden Straßen. Erst um halb 5 Uhr war der imposante Aufmarsch zu Ende, und es begann die Tranerferer, die vom Ersten Ternitzer Musikverein mit einem Eh oral von Hauser eingeleitet wurde. Hierauf nahm Dechant Sch uh meister die Einsegnung von 28 Leichen — einer der Toten war 'Freidenker und sein Sarg stand etwas abseits — vor. Der Gloggnitzer Sängerbund stimmte Mendelssohns „Es ist bestimmt in Gottes Rat" an, und die vereinigten Gesangvereine sangen schließlich unter der Leitung des Kapellmeisters Lerrzenhofer Suppes ergreifendes Lied „Ruhe sanft". 30.000 Teilnehmer. Die Trauergäste formierten sich hierauf zu einem Zuge. Voran schritten die Musikkapellen und Gesangvereine mit umflorten Fahnen und Standarten. Daran schlossen sich in ihrer schmucken schwarzen Montur die Bergarbeiter. Es folgten die gesamten dienstfreien Eisenbahner, die Feuerwehren der umliegenden Ortschaften, die Touristen- und Turnvereine und die Ordner. In kleinem Abstand folgten die Geistlichen, hinter denen von Kameraden der toten Bergarbeiter die 89 Särge getragen wurden. Nun schlossen sich die Hinterbliebenen an, abgehärmte Arbeiterfrauen und Kinder mitrotgeweinten Augen, und endlich die Vertreter öffentlicher ' Köcher-, schaftey und Behörden. Auf dem Wege zum Friedhof standen Tausende und Abertausende von Mnfchen Spalier, das gegen die Straße durch ein Massenaufgebot von Radfahrern aibgesperrt war. Auch die Anhöhen ringsum und insbesondere die Berglehnen beim-Friedhof waren-von Zuschauern dicht beseht..Die GesämMM 'chr Teilnehmer'an'dem Begräbnis belief sich auf etwa 30.906 Mnfchen. Sir Beerdigung. Um halb 6 Uhr langte die Spitze deS Zuges auf dein Friedhöfe an, an dessen Südend« das von der Gloggnitz gespendete gemeinsame Grab vorbereitet i Langsam wurden die Särge herangetragen. Unter dem Jammern und Wehklagen der Hinterbliebenen wurde ei« Sarg nach dem anderen in da's 25 Meter lange Grab; versenkt. Weißgekleidete Mädchen warfen den Toten frische Blumen nach. - Eine ganze qualvolle Stunde war inzwischen-wieder vergangen. Der Ternitzer Musikverein trug während der ganzen Zeit Trauermarsche vor. Die Teilnehmer nahmen um das Grab in breitem Viereck hie gleiche Aufstellung wie aus dem Marktplätze. Dechant Schuh M e ist e r - nahm die neuerliche Einsegnung' vor und warf jedem Toten eine Schaufel Erde ins Grab. ' . Hierauf hielten Vizekanzler Dr. Frank, Landeshauptmann Dr. Bure sch und Abgeordneter Dr. Ren. ner Ansprachen. Die Fahnen der Gesangsvereme senkten sich hieraus zum letzten Male zu Ehren der toten Bergleute, womit die Tramrfeier ihren Abschluß fand. ' Handelsminister Dr. Schürff wird in einer heud vormittags im Handelsministerium stattfindenden sprechung zur Uebernahme der Patenschaft für die Kinder der toten Bergleute auffordcrn. Jedes der 40 Kinder soll eine« Paten erhalte^ der die Mittel für Unterhalt und Erzioi hung beistellt. Die Bundesregierung hat für die Hinten bliebenen hundert Millionen gespendet. BEBQSESEEBHI Titel eines Kulturstaates verwirkt hat. Da Japan ein Bundesgenosse Amerikas war, müßte man auch von Treubruch und Perfidie sprechen. Manmüßte in Betracht ziehen, daß Japan durch ein entsetzliches Naturereignis geschwächt ist, daß ohne dieses Unglück Amerika schwerlich den Mut zu diesem Barbarenstreiche ausgebracht hätte. Man müßte daraus Hinweisen, daß Ame- - rrla diesen Schritt einst bitter wird büßen müssen, Werl es sich in einen ewigen Kriegszustand gegenüber der gelben Rasse urü» dem sittlichen Empsinden der Kulturmenschen aller Rassen begeben hat. Das alles müßte man sagen und feststellen, wenn es sich etwa um Albanien handelte. Da es sich aber um Amerika, um die glorreichste aller Republiken handelt, -schweigt alles. Amerika ist und bleibt trotz alledem das steteste aller Länder, denn: Erstens der Dollar und Zweitens die Freiheitsstatue... * Sonderbare Menschen, der Zwinz und der Schmidtgruber. Ms im Glog-gnitzer Bergwerk das fürchterliche Unglück geschah, da ging sie die Sache eigentlich gar nichts an. Sie waren nicht in der schrecklichen Grube, sie waren üben in schöner, freier, strscher Lust. Wenn sie Normalmenschen gewesen wären, hätten sie sich die Chose besehen, wären gerade so nahe ans Todesloch gegangen, als man das kann, ohne sich die Kleider zu verbrennen oder zu beschmutzen, so nahe etwa, wie Zeitungsberichterstatter. Hätten die Toten beguckt, sich dann ins Wirtshaus gesetzt, über die Behörden und die Direktion geschimpft und dann wären sie stoh ihrer gesunden Glieder ins Bett gekrochen. So aber hat es den Zwinz und Schmidtgruber gezogen und gezogen. Sie sind über morsche Leitern in das brennende Giftloch gestiegen und haben Kameraden gerettet, sechsmal, achtmal, bis sie unten geblieben sind, für immer. Frau und Kinder warten zu Hause. — Sonderbare Menschen, etwas zurückgeblieben, haben nicht gelernt, wie Normalmenschen sich benehmen müssen, hätten die letzten Wochen in Wien sein sollen. Da hat es auch einen Einsturz gegeben, einen wirtschaftlichen Bergsturz, Zusammenkrachen des Gebälkes. Und da kümmert sich jeder nur hübsch um sich. Wenn man 'dem Freund einen Tritt geben muß, um selber besser herauszukommen, dann gilbt man ihm oben einen Tritt. Der Gauner ist immer der andere. Ehre hin, Freundschaft her. Die Allergrößten reißen heraus, was herauszureißen ist. Auf Noblesse wird gepfiffen. Bring' den anderen ins Zuchthaus, damit du selber nicht hinein- > kommst. Schnell die Leiter -hinauf, wenn der unter dir drängt, tritt ihm kräftig auf die Finger, dann gibt er Ruhe. Die Leiter hinauf, rasch nach Gastein oder auf den Semmering, wo Frau und Kinder, gebräunt und strahlend und strotzend dort warten. Beim Nachtmahl erzählt man dann vom Ungjlück, das, Gott M dank, die anderen betroffen hat. So handeln «ormme Zweifüßler. Aber dieser Zwinz 'und dieser Schrmdtgruber, die da ins Giftloch hinuntergeftiegen sind, wo doch die Sache sie eigentlich nichts, gar nichts anging.- Man soll Toten nichts Schlechtes nachsagen. Mer normal waren sie gewiß nicht. Schon die Namen sind so eigentümlich: Zwing und Schmidtgruber. Sonderbare Menschen! _ , Sie Landwirte — ein stmtserbaltendes ßlement! Eine Rede des Generattommissars Zimmerman. Grctz, 29. Juni. Die Deutsche 'LandwirtschaftSgefellschaft für Oesterreich hielt heute ihre ordentliche Hauptversammlung ab, au der auch Generalkommissär Dr. Zimmerman mit seinem Sekretär de Bordes, Landeshauptmann Dr. R i n t e l e u, Hostat Dr. Lieb scher als Vertreter des Bundesministeriums für Lan-d- und Forstwirtschaft, andere öffentliche Funktionäre sowie Bertveter von landwirtschaftlichen, indusir'.cllcn und anderen Körperschaften terlnahmen. Generalkommiffär Dr. Zimmerman erklärte auf die Bvgrüßungsworte des Vorsitzenden n.d dessen Ausführungen über die Tätigkeit -der L-andN/ctschastlichen Gesellschaft, er Habs während seiner Anwesmheit in Oesterreich stets gern die Gelegenheit währgeuommen, mit der östereichifchen Landwirtschaft in Berührung zu kommen, weil er überzeugt sei, daß sie als staatserhaltendes Ele me nt einer der wichtigsten Zweige'für die Sanierung des Staates sei. Es sei dahr sehr zu wünschen^ daß es der Landwirtschaft gelingen möge, durch Vermehrung d e r P r o d ü ftion ihren Teil zur Besserung der Handelsbilanz beiz-rr tragen. Hosrat Dr. Lieb sch er besprach die weft-'tlichen Boraussetzungen für eine Hebung der Produktion in der Landwirtschaft. Cs wurde sodann der Tätigkeitsbericht der Gesellschaft erstattet und genehmigt. Die nächstjährige Tagung wird in Innsbruck stattfinden.- , WliN.CADtERSA.SS« B j*sior*E r\v£v; V*1 T«'cfon N» 7G2.6<*