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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-24 · Heft 1924 (24.6.1924) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1924 (24.6.1924)
Date
1924-06-24
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Tg 'Vr~ 'HSr"r. TW* J Sette 10 Wien, DrenLIag Wiener Morgenzeitung. ,. 24. Juni 1924 Nr. 1924 Preise Erhöhungen. Es uoiieren: SantoZ primes 49.000 K.» SantoS fuperior 47.000 K., Rio 7 Johnston gelb 42.000 K. ab Wien, Santäs primes pro öO Mlogramm 96 bis M Schilling, Santos süperwr 89 Li? 94 Schilling, Rio 7 Iohnston grün 74 Schilling 8 Penvq. cif Lriest.- Der Rotterdaruer Markt verkehrte in etwas Mnstigerer Stimmung. In 'den letzten. Tagen trat nanicntlich für S-antos auf Termin eine Befestigung ein, welche schließlich zu einer ' Preissteig-runq von 1,5 bis 2 Cent zum Ausdruck kam.. Für greifbar: Ware Bestand auch etwas ' mehr Interesse. Die. Anerbietungen, aus Santos lauten jedoch erneut höher. so d^aß sie bedeutend iifca* der dortigen Parität blieben. Gr-nfbarer Santos *apcrtor notiert 50 Cen: und Java Rcbusta 46 Cent. Baumwolle. Die Auslawdsnachrichten über die Entwicklung der Neuen-Ernte kanten im allgemeinen gut, jedoch beiklagt man sich neuerdings über zu heißes Wetter in Texas. Im Markt spricht man von der Wahrscheinlichkeit einer guten Mittelernte, aber es ist noch zu früh, um irgend etwas.von Wert zu sagen. Der Bremer Markt verharrt in absoluter -Ruhe; polnische und den tische Spinner versuchen meist vergebens, getätigte Kontrakte zu -billigsten Preisen albgupassem Bon England kommen etwas güniftiigere Nachrichten. Der Ausbruch der -indischen Mon.fu.ms winkt belebend auf den Handel. Der Verlauf -der Regen ist aber vorläufig nicht MricidensteÜend; wach der neuesten KabelmeLung ist die Monsumströmung schwach. Alexandria meldet für alte Ernte 10 Punkte niedriger, neue Ernte - Soikellarid'rs 5 Punkte höher, Ashmonei 60 Punkte niedriger, Bomibah stetig, 10 bis 20 Punikte höher. Borsten. Aus den . Leipziger Kommissi-onslagern wurde in der ersten Junihälfte diel verkauft, auch England, Skandinavien und -die Tschecho-Slowakei nahmen einiges aus dem Markt. Berschiddene Sorten beginnen knapp zu werden. Die Bürstenindustrie liegt zurzeit sehr damcder. Die Pinselsiabviiken sind aiber voll beiichäftigt.und arbeiten zum Teil Mit Ueberstunden. Eine sehr bedenkliche Erscheinung ist es, daß die polnischen Borstentzurichter angesichts der. ungeheuerlich hohen deutschen Zinssätze esvor)iehen. ihre Ware statt in Leipzig in London cnvf den Markt zu bringen, weil sie Vorschüsse zu räsonablen Sätzen erhallen. Auf der letzten Londoner, Auktionkamen erstmalig größere Partien polnischer Zurichtung zum Verkauf. Ein Andauern der derzeitigen deutschen Geldsätze müßte zur Folge haben, daß das ganze Borstentransitgeschäfi von Deutschland nach England ab ged rängt wird. -Hopfen. Auf dem Saazer Markt sind die Vorräte sehr knapp. geworden und die Käufer -müssen sich den erhöhten Forderungen anpassin: Notierung: 69M bis 7500 K. Westliche Märkte ruhig und ohne Bedeutung. Auf dem Nürnberger Hopfemnavkt machte sich größere Kauflust bemerkbar, doch beschränkte sich das Geschäft meist nur auf den Ankauf kleiner Posten, beziehungsweise einzelner Ballen, die -nur für den Auc,en.bllcksbedcrrf genommen.werden. Immerhin erreichte der Wocheuumsatz zirka 100 Ballen, während nur 70 Ballen zuHefahrcii waren. Die Preise giwgen für bestvorhandene Ware bis zu 525 Goldmark, worin gleichzeitig auch ein starkes Vorrücken der Farben und Qualitäten zum Ausdruck kam. Das Interesse, wendet sich bei-der so weit vorgeschrittenen Saison mehr den Berichten aus den Pflanzungen und den Aussichten für die kommende Ernte zu. Uebereinstimmend melden die verschiedenen Berichte in diesem -Jahre ein rasches Wachstum der Pflanze, bi$ im allgemeinen gesund ist. Chemikalien. Auch in der abgrlaufenen Berichtsperiode zeigte die Marktlage im allgemeinen keine wesentlichen Veränderungen. Die schleppenden Geldeingänge erschweren das Geschäft und wird auch in der Kreditgewährung Zurückhaltung gezeigt. Dies bringt es mit sich, >.daß derzeit mur der notwendigste Bedarf gedeckt wird .und kommen nunmehr wieder jene alten Firmen in den Vordergrund, die ständig Lager halten und stets prompte,- gleichmäßige Belieferung gewährleistet,. Eine weitere. Befestigung war für Bienenwachs wahrnehmbar. welche auf die-unveränderte Haltung der ausländischen Märkte zurückzU-Mren ist. Es herrscht jedoch inr allgemeinen wenig Kaufmemung und notiert man für westafrikanische Sorten ab Hamburg 160 Schilling, für ostaftikanische 163 Schilling wenig verändert. Auch die Nachfrage und der Umsatz in Carnaubawachs jedoch dürfte es wohl bestätigen, daß für diese Artikel eine Befestigung zu erwarten ist, sobald-die schtvachen Partien hier aus dem Markte genommen sind. Die Hamburger Notierungen lauten für fettgraue Ware 112 bis 114 Schilling, für kurantgraue Ware 114 bis 116 Schilling. Gesucht war Jap anwachs und we-vden in diesem in letzter Zeit in Hamburg fest geräumten Artikel größere Ankünfte aus Hamburg gemeldet. Die Forderungen für bekannte erste drei Marken stellen sich auf 90 bis 92 Schilling pe-r Cwt. ab Hamburg. Montanwachs, wurde von den Fabriken unverändert notiert. In russischen Terpentinölen sind die Notierungen am Wiener Markte unverändert, während die Tendenz im Produkt ionslan.de fest ist. M Lager Wien verzollt verlangt man fe nach Qualität 13.500 bis 19.000 K. In .der Berichtswoche erfuhren noch Erhöhungen die Gattungen Aetzkali um 300 K. auf 10.700 K., Aetznatron um 100 K. auf 6600 K., Borax kristallisiert um 1'50 K. auf 9460 K. Pottasche 96-98 um 100 Kauf 8300 K. und Weinsteinsäure um 500 K. auf 36.500 K.. Ammoniaksoda 96-98 erfuhr eine Abschwächung um 150 K. auf 2800 K. Berliner Börse. Berlin, 23. Juni. Bei unvermindert hochgradiger Gefchästsstill-e auf allen Umsatzgeibieten verkehrte die Börse heute 'im-allgemeinen etwas schwächer. Es erfolgten Glattstellnngen für eine neuerdings in Zahlungsschwierigkeiten geratene' kleine unbedeutende Bankfirma, so daß sich der Kursstand geringsilgig, und nur für -einige Montan- und Jndustriewerte um 1 bis 3 Billionen Prozent, senkte.. Vereinzelt waren auch kleine Kursbesserungen zu verzeichnen. Auf dem -GÄdmarkt hat sich die Flüssigkeit etwas verstärkt. Auf dem Devisenmarkt sind die rm großen -und ganzen unveränderten Anforderungen wieder weit hinter den Eingängen bei der R-eichsbianIk aus Exportdevffen zurückgckblio'ben, so daß sich in der vollen Zuteilung nichts geändert hat. (Alles in Billionen von Mark.) Sck»! ußkur 1 er Türkische Lose 19.5, Qesterr. Staatsbahn 26.—, Noxdd. Llovd 4.25, Der. Elbeschiffahrt 2.—. Berliner Handelsgesellschaft 21.12, Kommerz. Privatbank 3.62, Darmstädter Bank 6.6, . Deutsche Bank 7.3, Diskonto« Kommandit 7.75. Dresdner Bank 4.12, Nationalbank für Deutschland —, Qesterr. Kredit 0.35, Qesterr. Land erb an! —, Neichsbant 25.75, Wiener Bankverein 0.25, Wr. Unionbank 0.325. Allg. Elektrizitäts-Gesellschaft 6.6, Bochumer Gußstahl 44.—, Daimler Motoren 2.2, Deutsch-Luxemburger 42.—, Deutsche Maschinen 3.75, Tpnamit Nobel 0,3, Felten u. Guilleaume 17.6, Gelsenkircheuer Berg. 47.—, Th. * Goldschmrdt 9.1, Harpener Bergbau 52.25, Hirsch Kupfer 17.4, Höchster Farben 9.5, Hohenlohe-Werke 15.75, Laurahütte 4.87, Mannesmannröhren 25.—, Phönix Bergbau 23.6, Schuckert n. Co. 27.50, Siemens u. HalSkr 39.—, Telephon Berliner 4.87, Goldanleihe 4.2, Tollarschatzanwcisnngen Prager Börse. Prag, 23. Juni. Dir Börse eröffnet^ bei sehr geringen i Umsätzen in behaupteter Haltung. Später stsilta sich auf I Deckungen und Rückkäufe, die mH Rücksicht aus die zu erwartende Erleichterung auf dsm Geldmarkt vorgenommen wurden/eine leichte BesistMwg auf einzelnen Gebieten ein. D« Besserung ging von -Skoda- und Brunner Mas.chmenaktien ans. Wiener Banken konnten sich. behaupten, wogegen Derkehrswerte "zur Schwäche neigten. Auf dem Jndustrioaiktienmarkt erholten -sich einigermaßen Zucker-, Bau-, Eilsen- und ■ Malschinenaktlen..'Exoten"lagen'tz-i geringfügigen Umsätzen geschäftslos.'Auf dem Anlagemarkt gaben die Kurse weiter nach. Schlußtendenz teilwoise -erholt. ' 'S ch'l'u ß kurse: Dürk. Eisenbahn-Anleihe — Franken —.—, Döbm. Nnionbank 399.—, Böhm. Eskomptebank 897.—, Böhm. Indüstrialbank 418.—, ZivnostenSka Banka 400.50 Anglobank 110.—, Qesterr. Kredit 76.50 ex, Wiener Unionban! 74.76, ' Wiener Bankverein 53.25, Bnschtiehrader Eisenbahn Lit. A — —, Lit. B —.—,. Ferdinands-Nordbabu 5770.— Prag-Düxer 163.—, Aussig-Tevlitzer Eisenbahn — Nestomitzer Znckerindnstrie 1415.—, Bereinigte Elektrizität Wie« 118.—, Brosche 1110.—, Koliner SviritnS 1018.—, KönkgSbofei Zement 940.—. Breitfeld-Danek 486.50, Stingboffer 720.—, Simmeringer 101.50, Rotbkosteletzer Textil .316.—, Alpine Montan 206.-. Poldihütte 319.-, Prager Eisen 870.-, O«üerr Berg it. Hütten 2230.—, Skoda 596.—, Inlvald 244.—. Budapester Börse. Budapest, -33. Juni. Die schon seit langem anhaltende flaue Denldenz der Börse war auch heute vocherrischenL. Bei Bsginn wurden überall nur Warenikuvs-e notiert. Die Spekulation trat nur als Abgäber auf, was im Verein mit dem schwachen Wiener StimmunigsberiichtLN die rückläufige Bewegung verschärfte. Die Banken beteiligten sich überhaupt nicht am 'Gäschäst. so daß.die Aufnahmssäihlgke.it des Marktes gleich null war.'Im allgemeinen erigaben sich KurSvevlufte bis zu 5 Prozent. Die flaue Stimmung hielt auch weiterhin an. Schlußwndenz ckb-wartend hei voMommener Geischastsstille. Wochengeld wurde heute überhaupt nicht gehandelt. Angebot war zu -1 Prozent vorhanden, ohne Aufnahme zu fiwdm. (Alles in Tausenden von Kronen.) S <b l u ß! u r s er BMsch-Ung. Bank 52.5, Ung.Kredit 525, Qesterr. Kredit 172, Salgo Kohlen 635, Nimamurany« 120, Südbahn 62.—, Staatsbabn 530.— Anglobank —, Gran- SzaSzvarer 335, Qberung. Berg-Hütten 415.—, Drasche- Ziegel 200. Ung. allg. Koblen 2900, Urikant, Kohlen 910. Kobnrg 65.—. Spodinm 150, Clotilde ckem. Fabrik 70.—. Ung. Eiscubahnvevlsiu 200, Verein. Holz 25, Adria —. Sie Devisenlurse. Ziiric!,» 23. Juni. (Devisenkurse von 11.55 Uhr. Voder Cckweizerischen Kreditanstalt mitgeteilte Mittelkurse.) Bertis pro Milliarde —(—.—), Holland 211.— (211.—). New-Dort 563.50 (563.5a), London 24.41 (24.43). Paris 30.70 (30.50), Mailand 24Ä2 (24.82), Brüssel 26.50 (26.40), Kopenhage, 95.50 (95.25), Stockholm 149.75 (149.50), Christiama 76.— (76.25), Vindrid 75.40 (75.50), Buenos Aires 183.50 (183.50) Prag 16.65 (16.65), Budapest 0.0067 (0.0065), Bukarest 2.5< (2.50), Belgrad 6.70 (6.70), Sofia 4.10 (4.07), Warschau — .— —Wien 0.007937 (0.07937). Berlin, 23. Juni. (Devisenkurse.) (In Goldmark fü, ' 100 Einheiten mit Ausnahme von Buenos,New-Dork, London,Japan und Rio für 1 Ewheit, Wien und Budapest für 100.000 Eiw> heiteu.) Amsterdam 156.96 (157.11), Belgien 19 65 (19.65), Christiania 56.66 (56.71), Kopenhagen 70.92 (70.82), Stock« TioTnt 110.97 (110.97), Jtalimr 18.15 (18.10), London 18.11k (18.205),?retv-Aork 4.19 (4.19), Paris 22.64 (22.665). Schweis 74.16 (74.06), Spanien 56.16 (56.16), Wien 5.91 (5.90), Pra«, 12.37 (12.37), Budapest 4.99 (4.69), Sofia 3.065 (3.015), Belgrad 4.965 (4.99). Berlin, 23. Juni. (Noienkurse.) (In Goldmark für IM Einheiten mit Ausnahme von Dollar und Pfund für 1 Einbeit, österreichische für 100.000 Einheiten und polnische für 100 Zloth.) - llioieu'. Dw'av 4.19 (4.19). Pfund 18.12 (18.15). »rmMaswoll-AilekA WU N.l, ADLE R«ASSt flk 'm m< 11 Ti “F i ■ ■ STOTTE T«s«fon H». 762JSI* Copyright EftMJdjtt Brrlag, Berlin. Nachdruck verboten. 24. Fortsetzung. Hawdoloh Md Zchfevftreitz. Von Sami Gronnemann. Man folgerte mit begreiflicher Logik, daß wenn schon die Juden am gewöhnlichen Sabbat nicht gern eine LegUmation bei sich .sichren, sie doch an einem so hohen Feiertag gewiß ohne Patz betroffen werden würden. An diesem Tage war ein gewaltiges Aufgebot von militärischer Polizei in der Nähe der Synagoge ausgestellt. Man wußte eben nicht, daß der Sabbat seine eigenen strengen^Gesetze hat, die selbst für hohe Feiertage nicht ohne weiteres gelten. An.diesom Tage darf man ruhig tragen, was man will und die Enttäuschung und das Erstaunen der Beamten war maßlos, als Mann für Mann ihnen seslenruhig den Paß präsentierte. Ich habe mir an diesem Tage ein besonderes Vergnügen daraus gemacht, an einer Ecke stehend, eilte halbe Stunde die Physiognomie unserer Menschenfänger zu beobachten. Treuem wurde die Fefttagsruhe des Städtchens an jenem Feiertage arg gestört; denn ausgerechnet an diesem Tage wurde plötzlich eine große Anzahl von Familienvätern gewaltsam requiriert und bevor sie zum Gottesdienst gehen konnten, aufgegriffen und weggeschleppt. In diesem Falle blieb die Intervention des Dr. Rosenack erfolglos. Viel Kopfzerbrechen machte unseren Behörden die seltsame Jnfti-tution des Eruw. Eruw bedeutet de Sabbatgrenze. Es kann das Tragen innerhalb einer Stadt dann gestattet werden, wenn in symbolischer Weise zum Ausdruck kommt, daß das Ganze gewisssrnraßen ein einziges, geschloffenes Gemeinwesen bildet. In einer geschlossenen Festung zum Beispiel ist das Tragen erlaubt. Wenn nun um eine Stadt ein Draht gezogen wird, ist es ebenfalls gest-ttet, innerhalb des geschlossenen Bezirkes zu tragen, und in -sehr viel Stabten Rußlands hat man davon Geibrauch gemacht. Natürlich gibt es ja da auch eine Menge komplizerter Vorschriften und die ganze Einrichtung mutet einem Fernstehenden seltsam an. Bisweilen wurde, häufig mehr aus Unverstand als aus Bosheit, an irgend einer Stelle der Draht verletzt, bisweilen vermutete man wohl auch von Spionen angelegte Signalstationen oder etwas derartiges; die Rabbiner bemühten sich vergeblich, dem Ortskommandanten das Wesen des Eruw klar zu machen und es hätte eigentlich für die Bearbeitung der Eruw- Frage ein besonderes Amt eingerichtet werden müssen. Ich erinnere mich-, daß ich eines Tages in meinem Bureau von Hauptmann Bevikan angerufen wurde: „Sind Sie da, Gronemann? Erklären Sie mir mal schnell, was ist das, Eruw? Ich bin zu Oberst Hoffmann nach Brest- L'itows besohlen, um darüber Vortrag zu halten und muß in drei Minuten mit dem Auto fort". Nun mache mal jemand dem Hauptmann in drei Minuten klar, was ein Eruw ist! Den Vortrag in Brest-Litowsk hätte ich gern gehört! Eruw und andere Kuriositäten Nicht nur 'beim ,Mnw" hielt es schwer, die eigenartigen Gebräuche und Anschauungen der Juden den fremden Machthabern klar zu machen. Es gibt eine Anekdote, wonach vor Jahren eine kleine jüdische Gemeinde Süddeutschlands bsi der Behörde vorstellig wurde,' um die Erlaubnis zur Einrichtung eines Eruw zu,erhalten. Der Sprecher der Deputation suchte klar zu machen, wie durch die Ziehung eine Drahtes am Qvtseingang die Fiktion einer geschlossenen Stätte erzielt würde. Der Draht, sagte er, ersetzt eine Mauer. Unsere Phantasie ergänzt ihn soweit, daß wir uns ecnbilden, innerhalb einer Mauer zu leben. Wenn dem so ist, sagte der Präsident, und ihre Phantasie aus einem Draht eine Mauer macht, üaM muß dieselbe Phantasie sich auch, wo gar nichts -ist, einen Draht Vovstellen können. Dagegen scheint vom Standpunkt reiner Logik auch wenig zu sagen, aber es handelt sich eben nicht um reine Logik und wenn es auch die Menschheit glücklich zur drahtlosen Telegraphie und zu drahtlosem Fernspvuch gebracht hat, zum drahtlosen Eruw wird sie nicht gelangen. Also selbst bei gutem Willen, den Wünschen der Bevölkerung entgegengukommen, gab es oft genug gar nicht zu lösende Mißverständnisse. Und mangelte es oft genug auch an dein guten Willen, so mußt man doch sagen, daß gerade den religiösen Bedürfnissen gegenüber man oft ive-it entgegenkam. In den Gofangenenlagern bsispielsweise legte man -der Abhaltung von Gottesdiensten nichts in den Weg und gewährte man auch Arbeitsruhe für Sabbat und hohe Feiertage. Daß in einem Gefangemnlager am Neujahrstage das hergebrachte Blasen aus Widdenhörnern verboten wurde, da den Gefangenen die „Abgabe von Signalen" nicht gestattet werden könnte, sei nur der Kuriosität wegen erwähnt. Beim Mittagstische bei Michelsohn hatten wir öfter russische Gefangene als Teiduehmer. Findige Begleitmannschaften kamen mit ihren Schutzbefohlenen am Sabbat mittags in die Nähe bei) Hauses und ließen sich gern zu einer Mahlzeit einladen, der gute Schnaps und die gefüllten Fische verfehlten auch hier nicht ihre völkerversöhnende Mission. Die Kriegsgefangenen hatten es unstreitig besser als die Zilvilgefangenen. Die Gefängnisse, in die Landeseinwohner um ein Nichts gelangen konnten, in Bialystok etwa weil sie ans der Straße links statt rechts gegangen waren, oder zu Dreien nebeneinander, waren übel berüchtigt. Und schlimm waren vor allem die Goiseln daran, die wohlhabenden Juden eiüva, die in Wilna aufgegrifsen und eingespetrt gehalten wurden, bis eine Kontribution bezahlt war. Sie hatten auch nicht die Möglichkeit, ihre sehr schrnale Gesangniskost aufzubessern wie unsere Gäste bei Michelsöhn. Mer Hungers gestorben ist wohl niemand im Gefängnis, vielmehr wurden sie vorkomnrenden Falles immer rechtzeitig Nach Hause, transportiert. Jedenfalls erreichte tnan es,.daß der Begriff „Gefängnis" nur noch ein Physischer, nicht mehr ein nroralischer Schrecken wurde. ' Bei der Gelegenheit eine nette Episode aus der Praxis: Por einiger Zeit erscheint bei uns in der Kanzlei ein älterer Mann und bittet, seine Vertsödigung in einer Straffache zu'übernehmen. Er klagt bitter über das Schicksal, das ihn andauernd, verfolge. „Acht Jahre", sagt er, „war ich in Gefangenschaft, und nun konrmt dieses Unglück!" . ,/Acht Jahre?" fragt.Afred Klee vedwundert, ,^der Krieg hat 1914 hegonOen und..." „Krieg!" unterbricht ihn jener mit bevachMcher HandbÄvegung, ,M>ieg! -- Wer spricht vorn Krieg?". (Fortsetzung folgt.)

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