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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-22 · Heft 1922 (22.6.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1922 (22.6.1924)
Date
1924-06-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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R». 1928 Wien. SonMg Korpulenz-Fettleibigkeit ** Dr. Roffbouers Entfettungstabletten jvon bester Wirkung, angenehmem Geschmack, vollständig imsohidlich. Kein Diätzwang oder Aenderung der Lebensweise, prompte Gewichtsabnahme. .Keine Schilddrüse I ™ Kein Abführmittel!! Dapot i Apotheke MX. yßmmammmm Wletr, I, Wollzelle 13 .. ..... .. ___ in Meron. Brm Z. I. Gordon (Saftd). Wv kamen nach Gafed, dem letzten Ovt vor Meron, Ivo die Tannaiiten Rcchban Schimeon bar Jochai, dessen Sohn RaVbi Eliefer, RaM Jochanan Hassandlar und andere beg mbeu liegen. Diese Mt so öde und vom Vermehr unberÄhrie Stadt wimmelt jetzt von vielen Fremden und Touristen, die aus allen Enden des Landes und aus dem Auslande herbeigeströmt waren. Auch einige hundert Araber mit ihren Frauen und Kindern waren gekommen. den Stvahen herrscht ungewohnte Bewegung. Die > Gasthöfe sind überfüllt und die Besitzer der Privathäufer Müssen Platz für die vielen Schüler und Arbeiter aller Schachten machen, die in den-Herbergen keine UnteMnft mühr gefunden haben. Der Stadtvat ließ verlautbaren, daß für jeden, der es wünscht, in dev Küche des Vereines ^Esrath Hagal-il" uwentgeMch ein Mittagmahl und tagsüber Tee mit Brot verabreicht werde. Der Bürgermeister Chamat Chassan GjeM hat den „Mikrim", den Pserdemrd MauMertwibern verboten, die Hauptstraßen zu passieren, durch welche die Prozession mit der heiligen ,Dhorcm)lle den Umgug HAt. Angesehene Bürger sammeln zu zweien unter den Fremden für einen Chausseebau nach Mewn, dessen Kosten sich auf mehrere hundert Pfund belcmftn. I Riesiger Lärm herrscht am Fuße des Berges beim Ausgangs dev Stadt. Das von Hebron und Liberias, von Petach-Dikwah und Metullah, vom Süden und vom Norden, von den Bergen und den Tälern — das von allüberall herbeigsströmte Volk feilscht hier heftig mit den Pferde- und Eseltreibern,. die die Taxe wegen der „Sai-> fatt* verdrevfachen wollen. Ern großer Teil jedoch „wall« sichrtet" zu Fuß nach Meron, obwohrl sie bis Saftt) im Wagen oder gar im Automobil gekommen sind, da die Wege von hier ab Kir holprig sind. Die konservativen Araber hingegen ziehen mit Woib und Kind auf den hoch gepolsterten Kamele n, dahin. Zu« festgesetzten Stunde, um zwei Uhr nachmittags, Lchvgt man aus dem Tempel des Rabbi Abuhab die ümt Ueberlieferung vom heiligen Ari geschriebene alte Dhovarolle sowie einige für diesen Zweck bestimmte Fahnen und ordnet den Zug, indem man der Reihe nach jeden, der Dp die Jeschiwah in Aleron etwas gespendet hat, die heiligt« Rollen wenige M nuten tragen laßt. Singend und jubelnd durchzieht -die Prozession die Hauptstraßen der Stadt. i . Der ganze Weg nach Meron ist zeMistet und holprig; eigeMich ist es gar kein Weg, bloß Stege und Pfade 'schlängeln sich bergauf und bergab, an Klüften und Abgründen vorüber. Der Weg führt über Eu-Sethon, nahe der armseligen Kolonie ,Mr-SeMm", die von der «Agndath Harles" gegründet toiwSbe. Me ermüdend Md schwer ist dieser Weg; man kommt nur langsam vorwärts. Auch die Pferde und Esel sind von den Ämpazen Galata. Der ' Spszialkorvefporident des ,Hain1", H. Vogel, schndevt in einem.Bericht seme ersthütterndein Giudrückr in dem verrufensten Mertel- Konstcmtimopsls, in Galata. Auch Galata, die Sündenvorstadt von Konstantinopel, hat ihren jüdischen Winkel — und das ist unsere Schande. Du wandevst durch, die schmalen, schmutzigen, -hügelige» Gäßchen, aus allen Ecken und Winkeln schreit dir eine sonderbare verschüchterte Fröhlichkeit entgegen, .der Hafenpöbel des Orient feiert hier seine dunstigen Orgien. Und aus dein Gewirr der Stimmen der -ausgelassenen Frauen, von denen hier an Zchntauftnde herumschleichen, hörst du plötzlich jüdische Worte mit Kischinewer oder Bukarester Akzent Heraus. Seit Jahrzehnten schon Ivevfen Fvauenhäudler ihr Retz über die ganze Welt'-und ein großer Teil ihrer Opfer wird hierher in den verlassensten Winkel der Welt verfrachtet.. Ich streife in Begleitung eines Freundes durch die Gassen von Galata, denn allein, ohne Begleitung hier um* herzuirven, wäre eine zu gewagte Sache. Gar zu leicht spürst du Plötzlich -einen Messerstich und keiner schert sich # MN dich. Die Nacht bricht herein,-durch die Fenster laden rot Mch blau gedämpfte elektrische Lampen den Nachtwandler zur Unterhandlung eim. Heisere Mtusik, ausgeschriene Grammophone geben der Einladung -Nachdruck. Esel, Menschen, Kinder ziehen durch die Gassen und bilden an Straßenecken einen wirren Knäuel, wie wenn Plötzlich die Tür eines Hüllenkessels aufgesprungen lväre und der Kessel seinen ekligen Inhalt aus die-Straße gespien hätte. Mein Freund erzählt mir einige Borkommniffe, die sich erst m der jüngsten Zeit in diesem abgrundtiefen -Pfuhl ereignet Hatten. > Scho« fett Ängerer Kit WM sich hier im Galata mkt dem Namen Doktor Molcho ein internationaler Mener MoegenLettutts S8. Juni 1924 Seite 8 99 Seit fünfeinhalb Jahve« erscheint die ,/Ener Morgenzoitung" und hat sich in dieser Zeit einen großen Stock treuer Abonnenten erworben. Biel größer allerdings ist die Zahl der st Sn digen Leser. Nunmehr soll das Blcktwiedertmt reichhaltiger gestaltet werden. Bon dem Grundsatz ausgehend: Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen, wM die Verwaltung dem Blatte auch in jenen Kreisen Eingang schaffen und ihm dauer « de Abnehmer sicher», die bisher unsere Zeitung wohl gelesen, aber der großen Gemeinde unserer festen Abonnenten sich noch nicht angeschlossen haben. Gerade das, woran es im Wiener Zeitungswesen uumgelt, will die „Mener Morgvnzeittmg" in Hinkunft ihren Lesern bitten: sie soll zu einem weltpolitischen Organ der jüdischen Gesamtheit werden, das alles öffentliche Geschehen nicht nur getreulich registriert, sondern auch vom Gesichtspunkt des gesamtjüdischen Interesses prüft und bespricht. Zu diesem Zweck haben wir Vorsorge getroffen, daß ein lückenloser Nachrichtendienst über alle das Judentum berührenden Geschehnisse unseren Lesern vermittelt werden kann. Alle g eistigenStrömungen und Bestrebungen des Judentums sollen In der ,Mener Morgepztttung" zu Worte kommen. Was das Judentum in Kunst, Wissenschaft, Literatur, aber auch was das moderne Muskeljudentum auf dem Gebitt des S p o r t s lchttt, wird in unserem Matte sachkundige Erörtemng erfahren. Bei der ungeheuren Variationsbreite der jüdischen Geistigkeit ist es gewiß kein leichtes Beginnen, alles das, was jüdische Hirne ersinnen, .was jüdische Mnstler formen, in einem in der Hast des Tages hergvstellten Matt festzuhalten. Aber die große ZahlunddieBedeutungunsererMitarbeiterim In- und Ausland verbürgen uns ein Gelingen dieses Vorhabens. Auch eine Zeitung muß als G e s a m t w e r k gewertet werden. Nicht die eine oder die andere Nummer kann ein Urteil ermöglichen. Nur wenn sich unsere Loser daran gewöhnen, mit uns zu denken, mit uns zu fühle«, unsere Arbeit mit ihrem Verständnis zu begleiten, werden sie würdigen, wie groß das Werk ist, das hier geschaffen wurde, und wie schwer die Erfüllung dessen sei» wird, was als Pflicht vor uns steht. Wir wollen «ns nicht mit dem bloßen Plane begnüge«, erwarten aber auch von unseren Anhäugern und Freunden und darüber hinaus von der ganze» jüdische» Oe ff ent lichkeit, daß sie es nicht beim bloßen Zusehm bewende» läßt So sehr eine Zeitung ein Produkt des G-rM ist, ebenso sehr hängt sie am Materiellen. Um unsere Pläne dauernd sicherzustellen, ist es vor allem notwendig, daß sich unsere bisherigen Abtvchmer zu einer treuen Gemeinschaft zusammenschlietzen, deren- Mitgliedschaft durch ei« Jahresabonnement auf die ,Mener Morgenzeitung" erworben wird. Je großer die Zahl der Jahresaboun.enten ist, eine um so sicherere Bürgschaft für die K o «tinui t ä I unseres geistigen Schaffens wird damit erreicht. Dieses Blatt, das vor fünfeinhalb Jahren ei« neuer Typus im Zeitungswesen war, hat es heute nicht mehr nötig, eine« Vorschuß an Vertraue« zu verlange«. Es hat seine Aufgabe Ms erste erfüllt: Dem jüdische» Nam«» Respekt und Beachtung zu werbe». Heute steht eS vor der Entwicklung zum großen jüdischen WoltorgM. Wir haben an die Stelle der „Judenblätter" das jüdische Blatt gesetzt. Wir kämpfen für das jüdische Recht auf Land, Freiheit und freie Selbstbestimmung, für die Völle und uneingeschränkte Anerkennung unserer Forderungen nach g l e i ch e r G e l t n « g mit Älon anderen Völkern, für Demokratie, Frieden » n d Völkerversöhnung. Diesen Kampf können wir nur führe», wen« dre jüÄsche Oeffentlichkoit zu uns stcht und sich dadurch zu «ns bekennt, daß sie in der „Wiener Morgenzeitnng" ihr Blatt sicht und für seine materielle Sicherung und Ver» breitung Sorge trägt.- Werdet Jahresabonneuten der ,Mener Worgsw zeitung"! . . des Weges angegriffen, obwohl sie äußerst klug und vorsichtig den Weg wählen. Und doch ist diese Reise interessant; wie schön die Landschaft und die wilden Berge, die, AMteist kahl und nackt, selten' mit Gebüsch bewachsen sind! In der Mitte des Weges steht ein aufgefchlagenes Zelt, das zum ÄnsMhen dient, und daneben stehen dienstbereit ein Mann und fern Weib Lei einem großen Faß Tvinkwasser aus der nahen Zisterne. So kamen wir nach Meron! Wir langten wohl am Ovt unserer Wünsche an, aber das Ziel, die Grabmä-ler, hatten wir danvit noch nicht erreicht.^Die Gräber der- Tannaiten befinden sich im Hofgebäude;' aber kein Weg führt dorchin; man mnß klettern, springen und über Vors-prünge und Treppen kriechen, welche die wilde Natur und nicht Menschenhand geschaffen hat. Die Touristen, Wallfahrer und „Feiernde" sitzen' aus den Treppen und rasten ttach dem beschwerlichen Marsch. Einzeln gchen sie in den Hof. Eigentlich gehen sie gar nicht, sondern werden von den Nachkommenden b'meingedrängt. Am Tore-mgaug ist ein richtiger Jahrmarkt mit Buden- und Eßwareuständen und sogar „Trese"-FNsch wird von einem Araber sÄlgchalten, neben welchem ein von den Rabbinern beaufträgker Wächter steht, der die Juden davor warnt, von bm: Araber Fleisch zu kaufen. Eingezwängt werden wir in den irmeren Hof gestoßen; dieser wird von drei großen Gebäuden gebildet. Die Seitengebäude sind Zweistöckig- und enWalien viele Zimmer, vow denen jedoch die meisten schon früh morgens oder am Tage vorher von den fephardischen und jemenitischen Familien „erober^^ wurden; die übrigen wurden von aschkenasrschen Chassidimfamil'ien in Beschlag genommen. In dem vMg gepftastevten Hof herrscht JubÄ und Freude, alles tanzt und singt. Auch die Araber tanzen öfters im gemeinsamen Kreis mit den Juden oder sie bilden eine eigene Runde und singen dazu das Lied ,^9ar J och a i". Die Reigen ziehen sich ins Unendliche und - dctzu singen sie immer wieder dasselbe Lied ,/Heil dir, Bar- Jochai, du mit dem Oel der Fvewde unter deinen Freunden gesalbter!" Zuweilen setzt eine chassidische Melodie ein, die jedoch vom Liede „Bar-Jocha^ sofort wieder verdrängt Schwindler herum. Es ist sehr schwer, ihnr beizukommen, denn er ist außerordentlich -raffiniert und von ungewöhnlicher Intelligenz. Vor einigen Monaten kam er nach Konstantinopel und gab sich als jüdischer Journalist ans Polen aus. Er hielt sogar einen Vortrag im Verband der hebräischen Lchrer von Konstantinopel, gewann auch auf die in bitterer Not Menden -Mischen Emigranten Einfluß und trug sich mit dem Plane, ein jüdisches Wochenblatt herauszngebeu. Plötzlich kam ein Steckbrief der Jca Mit einer Photographie diesxs angMichen Doktor Molcho, in .welchem diefer als Schwindler eirtlavvt wurde. Eine ähnliche Warnung kam auch vorn Warschauer Bureau der amerikan-'chjüdischen Jmmigra ntenMntevstützungsgesellfchLft - „Hs". Da sich Molcho auch als deutscher Staatsbürger^ ausgab, wurde er auf Einschreiten des deutschen Konsulats verhastet. Zwei Tage -fpätev ging er wieder in Galata. ftei herum. Er hatte angeblich nachgewiefen, daß er nicht deutscher, sondern polnischer Staatsbürger sei. und bot hierbei gleichzeitig seine Dienste der türkischen Polizei au. Ein Versuch des polnischen KoHuls, den Schwindler ' hinter Schloß und Riegel zu bringen, scheiterte, weil die türkische Politzei ihn schützt, und -nun ist dieser Doktor Molcho der Schrecken der jüdischen Emigranten, denen er den letzten Piaster aus der Tasche preßt. Mr gehen weiter durch die schmales Gäßchen von Galata, drücken uns durch eine Menge johlender Matrosen, Frauen, Bettler und sonstiger 'Helden der Unterwelt durch. Vor einiger Zeit — erzählt mein Begleiter fortfahvend — verschwand plötzlich einjunges. Emigrantenmädchen aus Odessa. Alle Nachforschungen nach ihr blieben ergebnislos. Ihre Mutter, eine alte, gebrochene Fvau, wandelte ruhelos Tag und Nacht, Monate hindurch durch die verrufensten Gasten von Galata, um ihre verlorene Töchter auszustöbern. Eines nachts endlich hat das Mnttevauge ihr Kind hinter einem kleinen, viereckigen Fenster, wie hinter einem Kerkergitter sitzend, entdeckt. Ein gellender Aufschrei der alten Frau, die in das Haus eindringen wollte, wurde von den Bewohnern und Besuchern der Gaste kaum beachtet. Nur der Wachposten war gleich zur Hand und in der nächsten Minute war die Mutter vom Schauplatz verschwunden. Wochenlang schmachtete'die alte Frau in einem kellerähnlichen Arrest, bis das jüdische Hilfskomitee ihr und ihrer Tochter durch Bezahlung eines hohen Betrages als Lösegeld die Freiheit wiedergab. Aber das Mädchen war nicht mehr zu retten. Sie-übte an dem Hilfskomitee, das ihr eine wöchentliche Unterstützung gab, die unverschämtesten Erpressungen, und als ihre Ansprüche nicht mehr erfüllt werden konnten, verschwand sie abermals. Sie ist im Sumpf untergegaugen. . Solche erschütternde Ereignisse sind hier' alltägliche Erscheinung. Aber alle Versuche, eine Aenderung hevbeizuführen, scheitern daran, daß die Polizei mit all dem KUiMerurtd Zuhältergesindel . zuisammenhält und au ihren schmutzigen Geschäften beteiligt .ist. Dev größte Teil der jüdischen Opfer, die hier körperlich und seelisch Mgri'nde geben, - stamnnt aus Rußland, hauptsächlich aus Odessa, und Rumänien. Nur ab und zu stößt eine Kunde dieser nächtlichen Orgien auf -eine von -der Polizei versiegelte Tür. Das ist das Zeichen, >daß es irgend einer hochstehenden Person oder Organisation gelungen ist, das betreffende Lokal als gefährlich venerisch verseucht zur Sperre zu bringen. Auch das gelingt nur selten. Es gibt nn Orient gar manchen verrufen« Winkel. Berüchtigt ist der „Fischmarkt" von Kairo, das Hafenviertel von Alexandrien.?lber schauerlicher, iämmerllcher und empörender als überall wird der weiße Sklavenhandel in den verrufenen Gasten von Galata betri-eben. Das jüdische Hilfskomitee in Konstantinopel leistet übermenschliche Arbeit, indem es die jüdischen Flüchtlingsmädchen, die infolge ihrer Not und Verlastenheit das sicherste Han« de-lsoibjekt jato diese Unmenschen bilden, nach besten frästen Wtzt.

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