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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-21 · Heft 1921 (21.6.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1921 (21.6.1924)
Date
1924-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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■> EtazelnnmineT K1200 Wien: Zum Abholen in der Expedition, IInTaboratr.l-3, oder meiner Verschleisstelle (Trafik); monatl. TC 35.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,I.Bez^ - Wollzeile 11. Mit Postveraand für Wien u. Oesterr. monatl, K 85.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K 18. Jugoslawien: Mon.DinaröO.Po I en:Mon. 3Vs Zloty, Deutschland: Mon. Gold mark 4 ■, Frankr., Belgien: Mon. Pres. 12 WM" Nachzahlungen “WU bei Preiaerböhünje» »orbehaltan SICHERN SIE SICH WERDEN SIE l JAHRES' kABONNENTi ^PRÄMIE Polen:poiii.!tO5O.O(l0 Italien: Monatl. 12 Lire R u m a n i e n Mon. 150 Lei Bulgarien Mon.80 Lewa. Schweiz uqd das übrige ' Ausland monatlich Frei. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrassel—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 21 -102,25-282 IX. Uni versitätsstr. 6—8 (Druckerei Steinmann) Oesterreichigches Postsparkassen-Konto Nr. 150.698 St. 1921 äBten, gcrosiBg, 21. Saut 1924 : - - -- —y. Wie«, 21. Jiml. ' Ein deutscher Heerführer,' General v. Deimling, Veröffentlicht in einer Berliner Zeitschrift einen Artikel, in welchem er die Lüge von der Dtückebergerei der Mischen Soldaten zerpflückt. Bier Fünftel der rund hunderttausend jüdischen Mannschaften, die in Deutschland einberufen wurden, find an der Front gewesen; 12.000 Mann sind gefallen, 35.000 wurden kriegsdekoriert, 23.000 befördert, davon, mehr als 3000 zu Offizieren. Diese Arbeit des Generals ist als Beweis einer ehrenhaften Gesinnung sicherlich mit aller Hochachtung zu behandeln. Der ritterliche Mann wehrt sich dagegen, daß mit'einer dummdreisten Erfindung Unfug getrieben wird, und er will das Seine zur Feststellung der Wahrheit tun. Er hebt sich sehr zu seinem Vorteil aus der Menge seiner Berufsgenossen heraus, deren tägliches Brod die jüdische Feigheit ist, und die aus dieser ad hoc angefertigten Lüge.zu politischen Folgerungen im Sinne der Rassentheorie und der völkischen Judenordnüng gelangen.! Man darf dem deutschen General, der sich freilich mit solchen Feftstellungen.in sehr weiten Kreisen seines Volkes sehr unbeliebt macht,' Dank sagen. .Aber zu dem Sums, den die Abwehvbestrebungen des assimilierten deutschnationalen Judentums mit solchen Dingen aufiühren, besteht: kein Anlaß. Man i\t., auf dreser Oeite. leicht geneigt,. iw Entzückung, zu fallen, wenn-LiwWll-. ein lyiKpHWaft ischteH- Arier, -betätigt, daß. .die Jüdeü durchaus ni^. in..i!hrer MfamHeit. zu verwerfen seiest^ mnh daß-'sie ihre Pflicht ' getan, hätten. Es ist das Eharakteristikurn der Abwehrvereine, daß' sie derantijüdischen Lügenkampagnesoweit entgegenkommend'.sie seriös' zu . betrachten,! daß sie fest Daran glauben, eine der vielen' Erfindungen jemals ans der Welt schaffen zu. können. Der Antisemitismus ist moralisch . und intellektuell minderwertig., Er beweist dies vor allem durch das Moment der Generalisierung, dann aher durch sein unerschütterliches Festhalten an einer einmal glücklich. zu' Papier :gebrachten: Lüge. Gegen den Ritualmord-Unsinn find. ganze Bibliotheken geschrieben worden;, mit welchem Erfolg? Armeekorps geistig hervorragender Personen haben sich bemüht, nachtzuweisen, daß das Judentum als Ganzes weder mit der Börse, noch mit dem politisch-sozialen Radikalismus identifiziert, werden dürfe. In die Masse ist diese sonst sicherlich verdienstliche Tätigkeit nicht eingedrungen, weil die Methoden der Aufklärung, wie sie gewöhnlich bei der Erörterung wichtiger Probleme angewendet werden, die Veranstaltung von Massendiskussionen, vollkommen abseits gelassen wurden. Das Volk hört in Schule, Haus und Kirche, daß die Juden ein verabscheuungswertes Element sind, daß sie die Völker verdorben und daß ihr Sinn nur nach irdischen Gütern strebe. Eine tausendfältige, mit allen . Mtteln der Suggestion und Fälschung arbeitende, sehr geschickt geführte Propaganda wirkt in allen Ländern, unter allen Himmelsstrichen und unter kluger Ausnützung der Massenpsychologie an der grandiosen Verdummung. Im Feld ist den Soldaten — und dies fast in allen kämpfenden Armeen — die naturgemäß geringere Anzahl jüdt scher Kämpfer als Ergebnis.wer jüdischen Feigheit erklärt worden/. Es waren Persorren von unbestrittener Autorität, die sich dieser Falschmeldung unterzogen,, und w.ir haben ja im HiÜer-Prozeß von Ludendorff höchstpersönlich gehört, er habe rm. Kriege die Schädlichkeit der Mischen Rasse kennen gelernt. Gegen solche -Verhetzung sich stellen, heißt ins Master schlagen. Die Grundlage der antisemitischen Strömung ist bei Licht büse'hen wütende AnM vor dem Mischen Gehirn, vor der jüdischen Bitalitätj ihrer geistigen Beweglichkeit und ihrem Weltsinn. ' - Betrachtet - man die Sache so, wie sie ist, so ergibt sich, daß der Antisemitis mus^ keine Angelegenheit des Judentums ist,, sondern eine solche der nichtjüdifch-en Nationen, die' mit ihrer Krebskrankheit selbst fertig iverden inüssen. Sie dulden es, daß . die Urteilskraft ihrer' Massen von der anti jüdischen Lügerei so jämmerlich gering eingeschätz wird, sie, ihre geistigen Führer, sehen es mit an, wie in Zeitungen und Versammlungen Histörchen erzählt werden, deren Infamie jeder einzelne, wenn er für sich allein ist, erkennen muß. Mer es kommtja eben bin Generalstreik geplant. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Rom, 20. Juni. Nach den Ereignissen -der letzten 24 Stunden zu urtMen, sind wertere innerpolitifche-KomPlikati-onen ni cht von der Hand zn weisen. Auch abgesehen von den phantastischen Gerüchten, die in Umlauf gesetzt werden, bleibt die Situation krittsch. Der objektive Beobachter und Berichteüsiatder hat heute eine sehr schwere Ausgabe zu erfüllen. Er mich die -tendenziösen Nachrichten, die ihm von allen Seiten zugeschoben, werden, unvovöiugenommen Von-einem höheren Standpurckt aus betrachten. Die politischen Leidenschaften sind ausgepeitscht, wenn auch die Blätter der einander gegenüberstehenden Politischen Richtungen alles daran setzen, Zwischenfälle im Interesse des Vaterlandes zu vermeiden. Aus diesem Chaos von In formationen-kann man heute folgendes feststellen: Die Lage kann zu einer' -heute nicht emmcck vorMszusehenden Losung führen.. .• ■ Die mrhÄtbare Krise; des gegenwärtigen Regimes kann zu -einer-t iefgehe nd e n U m W a l z un g d e S R e g i m «A ssslM sichrem Angenvmmen, daß' es sich.Wen könnte;, tviwd' es im.'der.Zu-., kUnfi rmr einen neue n FaStzismus geben, her aber' von' dem Faszismus der-jüngsten Vergangenheit -WMerfchreden sein wird.Minfsol'ini wird vielleicht:di«. Regierung noch ru Händen bchalten, aber es wird ein ganz -anderer MusMni sein. Die Matteo-tti-Äffäre hat die. Politische Situation ga>nz -und-gar auf den Kopf gestellt. Der Faszismus hat in einer Stunde den größten Teil seiner Positionen verloren, die er in 22 Monaten Regierung besetzt 'hatte.-Der Faszismus. muH sein Geisicht ändern. Nach dem-römischen Korrespondenten der Duriner „Stampa" steht es außer Zweifel, daß der Faszismus heulte in Mussolini einen neuen, geänderten Führer hat und mr aus-folgenden Gründen: 1. weil die Umstände ihn gezwungen haben, das Innenministerium ab zutreten; 2. .wel eine der Hwu-pHguren seiner Umgebung, : nämlich -R o s s i, als einer der Hauptbeschuldigten in der Mordassare erscheint; 3. weil die Polemik des abgefetzten Untevstaatsslekretärs Finzi in . eine Polemik MlsioliUi-Finzi ausarten könnte. Das bedeutendste Ereignis -ist aber die AbbreArng des Innenministeriums, das die innevpMtische Regierung bedeutet. Was die intimen -Bezichungen zu Rosst, gegen den der Haftbefehl bereits ergangen ist, betrifft, so muß das als ein Mißgeschick ausgelegt werden, das jedermann zustoßen kann. Was schließlich die nach seinem Mcktvitt vom Unterstratssekretär Finzi angenommene Das Bestnden der Bundeskanzlers. Heber das Befinden des Bundeskanzlers Dr. Seipel erfährt die amtliche Nachrichtenstelle um 8 Uhr abends: Tag ohne Temperatursteigerung verlaufen. Allgemeinbefinden günstig, gute Stimmung. daraus: an, den Sinn des Volkes zu benebeln, es systematisch in seiner Urteilsfähigkeit zu schwächen und zur Herde.zu machen, die heute aus das antisemitische SchlaPwort, morgen auf dessen logische'Fortsetzung, die Parole gegen die Demokratie und das Recht der Freiheit aus 'Denken und Gestalten, in der gewünschten Weise , reagieren.'soll. Die Phantasie des Antijudentums ist eine höchst beschränkte. Die Märchen, die man heute erzählt, besitzen, ein gar hohes Alter. Sie kommen irmner wieder, ein Beweis, daß sich in der Kenntnis jüdischen Lebens bei unserer Nachbarschaft nichts geändert hat. Aus .diesem, 'jedem vernünftigen Menschen unerklärlichen Vakuum zieht die kindliche Einbildungskraft unserer Feindeihren Nutzen. Sie brauchen nichts zu erfinden, die-Masse glaubt alles. Es ist vergeudete Kraft,.lvenn Haltung gegenüber -Mussolini betrifft, so ist das vielleicht die interessanteste Zeit der gegenwärtigen Situation, da F'mKl gar nicht geiwillt scheint, seine Offensive einz,U.Gll-en. Trotz der Widersprüche, in -die sich F i n z i verwickelt,' .kann die Polemik, die er gegen den Minift-eupräfidenten führt, in nicht vorauszufchende Entwicklungen auslausen. . Die Mordaslfäre MaÄeotti hat auch eine.Festigung der Mussolinischen Diktatur für immer unmöglich gemacht. Vorderhand wird die gierung -in ihrer heutigen Zusamme-nsetzn-ng noch bestehen können, weil Mussolini bestrebt sein wird, noch einige andere konfti-tutionelle Elemente in sein Kabinett aufzunchmen. Es handelt sich aber -nur um . eine Uelbergaugszeit. Dafaszistifche Regime ist in seinen Grundfesten erschüttert.- - Für Montag ist - -. ein außerordentlicher Mnisierrat einlierufen. Am Dienstag wird, der Senat zusammm» treten und bei dieser Gelegenheit wird Mussolini Erkläru»- - gen über die allgemeine Politische Lage abgeben. Unter dem Vorsitze Mussolinis werden am'Mittwoch die Mehr- . he i t § ab ge ordneten eine außerordentliche Sitzung - f abhalten, in der dir innerpolitische Lage besprochen werden wird.'Me Regierung arbeitet'Mit Hochdruck, fmn. däs verlorene- Prestige und das Vertvochen - des' Vvkkes - zurück^'- zugewinnen. Am eifrigsten zeigt sich - >F e d e r-z on i,.. -her ' neue Innenminister. - Er hat das Jnnennnnisterium ' - von der Kamarilla geromigt. Das Gesamtpersonal des Jnnen-MinifteriuMs von den hohen Beamten bis zu den Portiers und / Karabinieris wurde entfernt. Inzwischen berichten die Plätter, daß auch der Ehef-der Pvesfeabteilung der -faAzistischen Partm Commendatore Fred di sein Amt niedergelegt hat, da auch gegen ihn-in der Mordaffäre Beschuldigungen laut wurden. Die-Arbeiterparteien werden am Dienstag zum Zeichen der Trauer für Matteottr einen fünf Minute? währenden Generalstreik in allen Betrieben inszenieren. Nach dem vorherrschenden Eindrücke wird aber die Krise, nach dem Wunsche' der Oppositionsparteien auf friedlichem parlamentorischen Wege gelöst werden. Dieser Wunsch der. Oppositionsparteien hat die Kommunisten veranlaßt, aus dem oppositionellen Block auszutreten. R o s s i ist über Syrakus nach dem Orient' entkommen. Die Chauffeure F i l l i p e l l i s wurden heut« aus der Hast entlassen. ' Die Erregung in Italien. .. Streiks und Demonstrationen. Berlin, 20. Juni. (Tel.-Komp.) Nach einem römischen; Privattelegramm >der ,Moten Fahne" haben in Rom.zahlreiche Arbeiter -zum Protest gegen die Ermordung Matteottis die Arbeitsplätze verlassen. An ^den Usern des Tibers, wo MatteM entführt wurde, finden ständig- Masse nd emo nst ra t i on e n statt. Die Streikbewegung dehnt sich aus. Die - Eisenbahner Wen passive Resistenz', so daß der Zugsiverkehr ganz unregelmäßig geworden sei. Zahlreiche' Arbeiter wurden v e rsich das Judentum aufs WideMgen'einstellt. Es wäre der Mühe wert, darüber nachzudenken, otb es sich nicht lohnen, wüvde, die Anwürfe des Antisemitismus darauf zu untersuchen, ob Hr. materieller Inhalt sich nicht in ganz beso.nderem Ausmaß den Ursprungsnationen Nachweisen ließe. Sicherlich aber ist es notwendig, den Antisemitismus als Teil., der antidemokratischen Welt- Verschwörung im Auge zu behalten. Daß die Juden auf den Feldern der Ehre mehr geblutet, haben als jedes andere Volk, ergibt sich aus ihrem so hoch entwickelten Pslichtgefülhl. Wir haben es nicht notweMg, das -Andenken der Toten, die für nichtjüdische Fragen das Loben gelassen haben, das Elend der Flüchtlinge und der Pogvomopser dadurch zu. kompromittieren, daß wir sie gegen die Lügen der Hitlerei und des HorthYS- , mus' verteidigen.

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