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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-20 · Heft 1920 (20.6.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1920 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ElDZBlnnnUnerK1200 Wien: Zum Abholen in, der Expedition, lLTaböratr.l«,3p oder meiner Versehleisstelle (Trafik) monatl. K 35.000 atrassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied^ I.Ber, Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oeaterr. monatl. K 85.000 SICHERN SIE SICtf Tschech o-Slowakei: Mon. IC 18. Jugoslawien: Mon. DinaröO. Po len:Mon. 3‘/, Zloty, Deutschland: Mon. Gold mark 4, Frank r., Belgien: Mon. Frcs. 12 MT N a eh x a h langen *VM M PreleerhShaairen Yorhehelte« DER jener WERDEN SIE Jahres ABONNENT PoIen:poln.Mfc.350.000 Italien: Monatl. 12 Iure Rumänien Mon. 150 Lei Bulgarien Mon.80L.ewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Fräs. 4 HUBS Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstraasel—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6Ubrabds.21-l02,25-282 IX. Urtlversltäts8tr.<>—8 (Druckerei Steinmann) Öesterreichisches Postspar» hassen -Konto Nr, 150.698 Rr. 1920 Wien. Freitag. 20. gnni 1924 6. gabrgang De Geldes — ftanzöfischer Senats- Her Kandidat der demokratischen Linken unterlegen. — Eine stürmische Kammerfltzung. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Süttf Zwischenrufe von der Rechten, darunter des Generals Saint-Just, erwidert der Abgeordnete der Linken Si'mon Reynaud: .„Mo rderge nerale, schweigt!" (Großer Lärm.) -Angesichts des Lärms nntevbricht Paris, 19. Juni. (Havas.) Der Senat hat heute de Sei d es,mit 151 Stimm en gegen 134 Stimmen, die' auf B i e n v e n u - M a r 11« intfielen, zum Präs ide n te n gewählt. Als das Ergebnis der Senatspräsidentenwahl in der Kammet bekannt wurde, erhoben sich sämtliche Rechtsparteien und brachten Hochrufe auf den Senat aus, während die Linke das Ergebnis mit eisigem Stillschweigen aufnahm. Dieses-Wa,hlevge''bnis bedeutet eine Schlappe für die Regierung, doch glaubt man keineswegs, daß es die, Existenz des Kabinetts gefährden könnte. . f Die Jnterpellationsdevalte in der Kntmner. . (Wgendienst der ,Meuer Moygenzeichng".) Paris, 19. Juni. In der Kammer ist häute nachmittags dielU# rp e X Yct tio n sd eh atte . fortgesetzt worden.'Der gÄrDitzte M>Mikansr und .frühere Marineminister im' zweiten'Kabinett Poincares- Bokanowski, ergriff als erster das Wort. Er erklärte, daß er nicht die Absicht habe, der Mion'der'Regierung irgendwelche.Hindernisse entgegenzustelltzn, und gab' söbann zahlreiche statistische Einzelheiten bekannt, aus denen hervorgehen soll, daß unter der Herrschaft de's nationalen Blocks die französischen Finanzen sich stark gebessert, haben. Diese Behauptung wird mit ironischen Zwischenrufen der Lrnkken ausgenommen. . , Abgeordneter Paul F a« r e verlas im Namen der sozialistischen Partei eine Erklärung,' - worin es heißt, die Wahlen vom 11. Mai wollten eine aus dem Geiste internationaler Solidarität beruhende Politik anbahnen, die Privatinteressen dem Gemeinschaftsin teresie unterWordnen wisse. Diese Gründe hätten die Sozialisten zu dem Entschluffe bewogen, der Regierung die Mittel zum Handeln zu geben. '; - . Ministerpräsident Herriot erklärt, er -werde hmte bloß die Frage der Botschaft beim Vatikan, die finanziellen Fragen und die auswärtige Politik besprechen. Er erinnert daran, daß er im Jahre. 19dL9 die Wiederherstellung der Botschaft heim. Vatikan ^bekämpft habe, nicht aus einem GefuhT der Intoleranz und Verfolgungssucht, noch um die Gefühle der Gläubigen, die er achte, zu verletzen, sondern im Interesse des religiösen Friedens. Frankreich müff« mütterlich fein nicht bloß für -die Katholiken, sondern für alle seine Kinder. Er halte die Beibehaltung der Botschaft für unzweckmäßig. Präsident P a i n l e v e die Sitzung. Nach Medereröffnung der Sitzung ergreift der frühere Wiedevaufbauminister L e T r o u q u e r das Wort, um, wie er eE-rt, ohne der Regierung hinderlich werden zu wollen, einige Erklärungen über die Ruhrfrage zu gehen. Er konklndi-ert: Wenn Deutschland vor de°r Rmhrbesetzung nichts gezahlt hat, so geschah dies, weil'&8 nicht wollte, und nicht, Werl, es nicht konnte. Le Drouquer wendet sich dann jener Stelle der Regierungsevklärung zu, in der von der Ruhrräumung die Rede ist. Er weint, um gegen neue Nichterfüllungen Deutschlands geschützt,zu sein, muffe man die militärische B es e tzm n g. au fr echte rhalte n. 'Bei' diesen Worten erhebt sich lebhaftstBÄM Mf dtt MchM SM, die Linke in große Erregung gerät. Die Linke rüft: „Diese Politik hat Pas Land verurteilt!" Le Trouqner schließt mit dem Wunsche, daß Herriot die Lehren der Vergangenheit nicht vergessen möge. Sodann -setzt Her ri o t seine Rede -fort. Er erklärt insbesondere über die Außenpolitik, Le Trouq-uer habe ein neuerliches Lob der Ruhrbesetzung gesungen. Tatsächlich seien wohl 143 Millionen aktiv hereingebracht worden, aber selbst diese ZiGer sei sehr zweifelhaft, Er erklärt weiter, Frankreich hatte ausgiebigere Naturalleistungen in - Anspruch nehmen sollen. Um 9 Ahr wird die Sitzung nochmals unterbrochen und bis 10 Uhr vertagt. Herriot wünscht, daß die Debatte Noch.heute in einer Nachtsitzung beendet werde. Herriots diplomatische Besprechungen. Herriot hat hmte seine diplomatischen Besprechungen fortgesetzt. Er konferierte mit dem Präsidenten der Reparationskommission, dem italienischen Botschafter in Paris, dom .französischen Botschafter in London und dem französischen Botschafter in Wien. In radikalen Kreisen wird entgegen anders lautenden Pvefsemeldungen behauptet, daß Breit scheid gestern cAends-mit Herriot «ine längere Unterredung hatte und-daß er heute mit verschiedenen Abgeordneten in der Kammer konferierte, , Die Antwort Amerikas an Zavan. Auf den Protest wegen der EinwandmmgSbill. (Eigendienst.der,Minner Morgenzeitung".) . London, 19. Juni. Die A ntw ort der amerikanischen Regierung auf Japans Protest gegen das. neue Einwanderungsgesetz, die in Tokio übergeben wurde, betont, Amerika erkenne an, daß die Japaner loyal das Abkommen (Gentleman agreement) burchfuhrttzn und den G r u n d s a tz d e r Be r h i ndemitg der weiteren Einwanderung japanischer Arbeiter anerkannten. Der .Zweck der Ginwrnderung'sverordn-ung sei .die Verhinderung einer weiteren Einwanderung japanischer Arbeiter. Im übrigen drücke das. Gesetz aber die volle Wertschätzung des japanischen Volkscharakters. und seiner Leistungen aus. Ebenso wie Amerika könne auch Japan die int er nationale Ein w a n d e ru n g sgesetzgebun.g vollkommen frei regeln. Amerika hat sich. dieses Recht der fr.e'i-en Rege.l u,n g der Einw.an-... derungsfragen schon mit dem Vertrage vom Jahre 1894 gesichert. In dem Vertrage vom Jahre 191.1 wurde eine solche Reserve nicht' beobachtet,'weil'Japan isie .nach dem Zustandekommen deS Gentleman Agreement für ' überflüssig erachtete. In den ' diplomatischm'Kreisen Washingtons Mt man' den- Zwischenfall damit für beendet. Ane internationale Kundgebung für den Böllerbund. -Paris/19. Juni. Vom 26. d. bis 2. Juli.findet in. Lyon eine internationale Kundgebung für den Völkerbund statt, an der-die Völkerbundligen einer Reihe von europäischen.Ländern teilnehmen werden. Die österreichische Liga wird, durch den ehenraligen -Gesandten M e n s.d o r s s - P o u i l l h vertreten fein. Dar Bestnden des Bnnderkmzlerr. ' Uever das Befinden des Bundeskanzlers Dr. Seipel meldete die amtliche Nachrichtenstelle gestern, vormittags: Das Befinden des Bundeskanzlers ist fortlaufend zufriedenstellend. ' Um. 8 Uhr abends teilte die amtliche Nachrichtenstelle mit: Bundeskanzler Dr. S e i p e l hat mit sehr gutem Appetit gegessen, die Temperatur ist normal, das suLjektive Befinden gut. Der Faszismus in Not. —y. W i e it, 20. Juni. Der Faszismus Mussolinis ist in die Abwehr gedrängt. Die. Kammer mußte infolge des solidarischen Streits der gesamten Opposition -vertagt werden,'so daß - das herrschende System ohne eine vermittelnde Instanz den Vol'ksmasstn gegenübersteht. Es ist voMommey fteigelegt und jeder Drapierung beraubt. Die Kritik^ die ja heute keine Kritik mehr H, sondern ein vom Volke selbst veranstaltetes Gerichtsverfahren, kommt bereits än den Unterbau des persönlichen Regimes heran, das - seine Macht nicht aus dem Willen der Nation schöpfte, sondern aus dem Bestände einer ohne Gelsetz und wider Gesetz geschaffenen Waffengenosfenschaft. Der Ausgang der Wahlen, die ja erst vor ganz kurzer Zeit stattgefunden haben, ließ erkennen, daß die Wählerschaft das Gute, das die brüske Methode Mussolinis in Verwaltung und Verkehr erzeugt hatte, danWar anerkenne und daß sie geneigt sei, auch die aus der Weltlage sich ergebenden Vorteile, vor allem die gute Beschäftigung der Industrie und den Rückgang , der ArbeitslosiMit,-- dem Faszismus gutzuschrerben. Die Ermordung Matteottis hat darum so tief und so erregend gewirkt, ^; weil nichts so bitter empfunden wird wie Mißbrauch des Vertrauens und politischer' Arglosiglkttt. Mussolini stand' eben davor, Italiens Änfchen durch einen - großen außenpolitischen Erfolg, durch die Anerkennung-seiner Forderungen auf das Jubaland und die Bevgvößerimg^ des Kolonialbesitzes zu stärken. Es ist' mehr als frag--' lich, oh er noch dazu kommen wird, dieses Geschenk' " '-heimzubringen. -;• v'-v; .• :*• t . Sein System ist. ton, der .Katastrophe. - AbervästD^ y '' worden. Freilich, der Tag, an dim dies geschah,'nmM kommen. Die Scharen, die sich mn den Dhron d^s' „duce" zusammengeschlossen hatten, bestehen nicht durchwegs aus Idealisten. Politischer Radikalismus pflegt immer in den Zeiten seiner Machtergreifung auch Elemente anzuziehen, die mit Politik und Idee herzlich wenig zu tun haben. Jede Bewegung kennt die/Marodeure, die mitlaufen, die Wegelagerer, die für Gold und gute Worte für alles zu haben sind, deren Mtjwirkung auch die großen Revolutionen schändet und die sich überall einsinden/wo Massenaktionen im Gange sind. Sie bilden das Rückgrat einer jeden illegalen, evst um die Geltung kämpfenden Gru'ppe. Sie werden evst fteudig begrüßt, dann nur mchr geduldet auf Grund eines schimpflichen Kompromisses, das die Idee..der Umwälzung mit den Vollstreckern einzugchen gezwungen ist. Ist diese Idee eine sittliche, ist sie auch in einem höheren politischen Sinne befreiend, dann schwindet bald die Rücksicht auf die Schnapphähne. Ist aber die Idee nichts anderes als der Drang , an die Krippe, dann ist das ganze System den Schnapphahnen auf TÄ> und -. Sd>ett ausgeliefert, weil die Kraft, sie zu meistern, verloren geiht. Darum wirkt eben die römische Afläve so tief... Der Faszismus ist keine politische Idee, er ist. nur. Gewalt, nur . die Anwendung des „Geih' weg und laß' mir deinen Platz!" Mussolini war. ehrlich bestrebt, seine Partei zur Gesetzmäßigkeit zu führen.. Aber. seim. ..Versuche mußten daran scheitern, daß er sein Regime auf der Gewalt aufgebaut hatte. Mit dem Kolben kann man jemandem den Schädel eiuschlagen, mit Wassenhochen, auch wenn sie lateiirksche Namen und Standarten tragen, nur erobern oder eine gegnerische Partei in Trümmer sprengen. Bauen, verwalten, ordnen kann man mit der gepanzerten Faust nicht. -Das haben noch, alle Usurpatoren der Macht erfahren müssen. Die cklthellen-rsche Geschichte, die uns in den Schulen so verhunzt vorgesührt.wird, lehrt dies und keiner, den der Schwung einer Idee,, unterstützt von der Straße, zur Höhe trug, hat anderes erlebt. Gedanken sind frei und können nie-, mals gebeugt oder besiegt werden. Einmal schlägt die Stunde auch für die bostbewasfnete Macht und sie' lockert selbst ihren Bau. Das ist jetzt'in Italien einKtreten. Bon innen heraus hat der Sprengungsprozeß begonnen. Mussolinis Innenminister ist gestürzt, dessen- Freunde -mußten in Haft gencnnmen werden, Geständnisse liegen 'bereits vor und es gibt, was am Gütlichsten spricht, Demonstrationen gegen das saszistische Regime. - Vor dem berühmten Marsch nach Rom hat Mussolini seinerzeit in Catania seine Spottrede 'gegeu die „kreidenweißen" Politiker gehalten und sie auszu- ,' tilgen: versprochen. Die Feigheit der Kammer half ihm

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