Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1918 (18.6.1924)
- Date
- 1924-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ElnzeinnniinerKT2DD Wien: Zant Abholen in der Expedition, Il^T aboratr.l-S, o der in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 35.000 Strassenverlcauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I. Bet* Wollzeile 11. Mit Postveraand für Wien tu Oesterr. monatl. K 85.000. Ts ch e cho-S 1 owak e it Mon. K18. Jugoslawien: M on. Dinar60. Polen: Mon. 3Vs Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, Fr ankr., Belgien: Mon. Fres. 42 PretMTbchao;«!! torMirf «r. 1918 »ic mm mreyjus-rivmmemk ~ry. Wien. 18. Juki. Wenn der Kaiser die Gnade haben wollte, die Vernehmung seines Militärattaches Schwartztoppen Wer die Dreysus-Assäre zu gestatten, so würde er sich ein hohes Verdienst um die WiedeÄehr von Ruhe und Ordnung in Frankreich erwerben. „Was geht mich die an?" schrieb Kaiser Wilhelm an den Rand'des Berichtes, der ihm von der Pariser. deutschen Botschaft unterbreitet worden war. Die Frage, ob der inden Pa'pierkorb der deutschen Botschaft hineinpraktizierte Zettel: „Diese Kanaille, der D." als Fälschung nachzuweisen war, hatte den lärmenden Streit um die Person des jüdischen Artillerieoffiziers zu einer hochpolitischen Angelegenheit gemacht, in welcher der deutsche Militärattache augenblicklich hätte Klarheit ' schaffen können. Die Akten, die das Berliner Auswärtige Amt aus seinen Schränken freigibt, geben über diesen Skandal neue Auskunft. Keine prozessual wichtige, denn das Verbrechen der verbündeten Rohalisten und Chauvinisten unter der Führung Drumonds und Regis ist längst erwiesene Tatsache. Was aber die Akten erkennen lassen, ist die Ausnützung der heftigen antisemitischen Agitation durch die Politik des damaligen Deutschland. Daß man - an den leitenden Stellen Frankreichs die Unschuld' Drehsus' an dem ihm zur'Last gelegten Hochverrat kannte, war schon in der: Zeit der Affäre kein .Geheimnis. Die ftanzösische Regierung war aber durch die Belastung vieler hochlstchender Personen und durch die Aufbietung des Pöbels in eine schwere Lage geraten, aus der ihr der Appell an Deutschland einen Ausweg zu öffnen schien.^ Die Beziehungen' zwischen den beiden ■ Staaten wäteittdprch die von den Pariser Hetzern beliebte Gleichsetzung der Begriffe „Jude" und „Deutscher" —-in Deutschland setzte man,Arche" mtt „Franzose" gleich — arg angespannt worden. Eine Aussprache hätte demnach eine politisch und menschlich freundliche Stimmung erzeugt. > '. In. Deutschland dachte man aber . anders. Der nachmalige Kanzler Bülow formulierte den Standpunkt Deutschlands: „. . ist nicht zu wünschen, daß Frankreich durch eine rasche und Matante Reparation von Dreyfus sich sofort wieder die liberalen und Mischen Sympathien erwirbt. Am besten'.ist es, wenn die Affäre weiter schwärt, die Armee' zersetzt und Europa skandaliert." Das ist so mit ein Beitrag zur Erkenntnis der Friedensliebe dieses Deutschland und'sollte, bei der Beurteilung der Schuldfrage nicht übersehen bleiben. Dieses Deutschland hatte wenig Hoffnung, sich die „liberalen und Mischen Sympathien" zu erwerben, aber es rechnete mit dem europäischen Skandal, der so laut war, daß er über das Aufsehen, /das die'Ausweisungen russischer Juden, aus Deutschland erregt Hatten, hintweghalf. Den Skandal politisch auszuwerten und die „verrottete ftanzösische Demokratie" zu denunzieren, Men ein taugliches Mittel. Was Bülow in Form seines politischen Räsonnements aussprach, ließ .sich aber noch immerhin aus den. Zeitläuften vecht- 'fertigen, in denen - eS wieder viel Kriegsgefchrei gab. Der Kaiser aber faßt die Ablehnung viä schärfer, ursprünglicher. Frankreich bat ihn um Mithilfe an der Wiederkehr von Ruhe und Ottmung. „Was geht mich die an?" Da ist eben ein Buch von Alfted Niemann, „Wanderungen mit' Kaiser Wilhelm dem Zweiten" (Leipzig, Verlag von K. F. Koehler), erschienen, gewidmet dem Gedanken, die gerechte Beurteilung und Würdigung der Person und ihres Wirkens zu fördern. Ein Gespräch Wilhelms sei hier zittert: „Das Gotbesgnadentum hat für mich die Bedeutung einer Mottverbundenheit in Pflichterfüllung." Aus dieser geschraubten Ausdrucksweise rst eben, tvenn man die Drehfus-Sache und noch viele andere Dinge bedenkt, die einzeln auszuführen hier nicht der Raum ist und die leider zum Bestand der Weltgeschichte geworden find, die Doppelmoral zu sehen, die Betrachtung sittlicher Forderungen vom Standpunkt der politischen. Opportunttät. - Was geht es den deutschen Kaiser an, wenn man ihn bittet, zur Nehahilitierung einest. Judenbeizutvagen mnd wenn er hiezu nur ein einziges Wort sprechen muß? Es geht ihn nichts an, daß die ftanzösische Regierung Ruhe und Ovdnung hevstelleü will, weil sich dies/mit der Gottverbundenheit in Wichtersüllung nicht vereinbaren ließe. Nämlich mitder Pflichterfüllung, dieihn hieß, alle Welt mit Zorn und Feindschaft gegen Deutschland zu erfüllen. rener Italien: Monatl. 12 Lire. Rnminien Mon. 150 Lei. Balgarien Mon. BO Lewa. Schweiz and das übrige Ausland monatlich Fres. 4 Redaktion r>. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,4?-3*19, ab 6 Uhr abda. 21-102,25-282 IX. Universlt&tsstr, fc-8 (Druckerei Steinmarin) Oesterreichisches Postapar1 kassen-Konto Nr. 150.698 Wim. Mittwoch, 18. Juni 1994 9. Jahrgang Gegen Deutschlands zweideutigleit. — Für ein demokratisches Franlreich. — Die Brücke zur deutschen Demokratie. — Für normale Beziehungen zu Rußland. Paris, 17. Juni. (Haväs.) In seiner Botschaft I an die beiden Kammern erklärt Präsident Doumerg ue, er werde sich bemühen, ein unparteiischer, ü?ber den Parteien und außerhalb jeder Diskussion stehender Schiedsrichter zu bleiben. Er verweist darauf, daß Frankreich einen klaren und entschiedenen Beweis der tiefen Anhänglichkeit an die demokratischen Einrichtungen gegeben habe, die es dem Lande ermöglicht hätten, dem neuen Angriff siegreich zu widerstehen, die verlorenen teuren Provinzen wiederzugewinnen und sich von den unheilvollen Folgen des Krieges zu erholen. Die durch -fcen Krieg in Frankreich verursachten V e r w üstungen würden nur in Ruhe, Ordnung und Frieden wieder gutgemacht Werden können. So würde sich die industrielle, kommerzielle und landwirtschaftliche Tätigkeit entwickeln können und die finanzielle Lage werde wieder gesunden. Zahlreiche Probleme der Gegenwart wurden leicht zu lösen sein, wenn es möglich wäre, in einer Welt.mit reiner Atmosphäre zu atmen. Mer die Schuld daran liege nicht gn Frankreich, das keinen gefährlichen Ehrgeiz hege, sondern'bloß nach der Bezahlung der feierlich versprochenen Rep,araiionen und nach n i ch til lusorischen Bürg sch asten der Sicherheit trachte. Die Frage der Reparat-ionen scheine seit dem Sachverständigenbericht, dem zuzustimmen/das ' versöhnliche. Frankreich sich beeilt habe; einer nahest Lösung.zuzustteben, doch müsse her Schuldner einen Beweis se i n es guten Willens-und seines guten Glaubens geben ebenso wie der Gläubiger, und der Beweis müsse in unzweideutigen Tatsachen bestehen und nicht in einfachen Verpflichtungen ohne Sicherungen. Der aufrichtige und unbestreitbare versöhnliche Geist Frankreichs könne jedoch nicht so weit gehen, die ^Wachsamkeit einzuschläfern und das Land die Lehren der Vergangenheit vergessen zu machen. Er würde Frankreich auch nicht dazu bringen, auf die eigene Kraft und auf die Kontrolle zu verzichten, zageren Ausübung ihm die Verträge ein Recht geben bei einem B e siegten, d er ihm die Revanche vorzubereiten schiene, anstatt Versprechungen, die er unterzeichnet hat. zu halten. Das Parlament und das Land, die den äußeren wie -den inneren Frieden wollen, hätten sich bemüht, ihn auf feste Grundlagenzu stellen. Gerechtigkeit fei eine der dauerhaftesten. Die Regierungserklärung. Die Regierungserklärung -stimmt;» den Grundzügen mit den gestern gemeldeten Angaben überein. Zunächst wird die Absicht angekündigt, die Botschaft beim Vatikan aufzulassen und das Kongregation sg es etz durchzusühren, jedoch ohne jeden Gedanken an Verfolgung oder Intoleranz. Die Regierung wird, heißt es weiter, den Beamten das Gewer kschastsre chtz u g e st e h e n, verzichtet -jedoch auf keines Ueber -las Befinden des Bundeskanzlers Dr. Seipel wurde gestern um 8 Uhr abends folgendes Bulletin ausgegeben: Temperatur 37,6, Puls 120, Respiration 30, Befund.der Brustorgane Weiler etwas gebessert. Die rechte Brustseite beteiligt sich bereits ausgiebig an den Atemexkursionrn. Appetit und subjektives Befinden Nnv er ändert gut. ihrer Rechte für den Fall einer Kollektivaktion der Beamten, die sich gegen die Interessen der Nation richten würde. Sie sieht die Rückkehr zu einem verbesserten Arrondissementwahlsystem sowie die Einbezieh ungvon Elsaß-Lothringen m den Rahmen der republikanischen Gesetzgebung vor, wobei die materiellen und moralischen Interessen der Bevölkerung geschont werden sollen. Sie wird darüber Wachen, daß die für die Wiederherstellung der verwüsteten Gebiete bestimmten finanziellen Mittel in wirksamer Weise Verwendung finden. Die Regierung wird an. die Vorteile, die die Arbeiterschaft erreicht hat, nicht rühren lassen, das Gesetz über den Achtstundentag anfrechterhalten und die internationalen Arbeitskonventionen : v o n Washington und Genf raschest ratifizieren. Sie wird ferner die nationale Produktion, die industrielle.'Macht und die Ausfuhr der kolonialen Reichtümer entwickeln, die staatlichen Industriebetriebe modernisieren und die Sozialversicherung verwirklichen. Sie wird über, -den Kredit Frankreichs eifrig.-wachen und hierbei die Verhaltnisie einer strengen Prüftng unterziehen, das Bud'ge'tgleich ge wicht verteidigen und, um dem Staats- ' schätze die unerläßliche Stabilität zu gebensich bemühen, - die schwebende Schuld herabzusetzen und dem Publikum die Möglichkeit bieten, sich .rn gegebenen Augwblick an: erster weitgehenden Konsolidiexungsöperatron in aller Fveiheit zu beteiligen. Die Regierung, wird auf Grund der-Ersah- , rungett des Krieges und nach, den Bedürfnissen «des Landes an eine Reorganisation der Armee schreiten und die' aktive Mlitardienstzeit herabsetzen, aber in einer Weise, daß Frankreich m keinem. Augenblick entblößt oder geschlvächt dastehe. Frankreich weist jeden Gedanken, an Annexion und Eroberung zurück, es. will bloß S i ch e r h e i t in Würde und Unabhängigkeit^ es will bloß Frieden für sich und auch.für die anderen Völker. Die demokratische Regierung wird die Rechte Frankreichs, wie sie in -den Verträgen stehen, entschlossen verteidigen. Wir haben ein R e ch t a u f Reparationen,-^ wir im Namen der Gerechtigkeit und der neuen internationalen Ordnung verlangen, von der wir wünschen, -daß sie sich nicht auf Ungerechtigkeit gründe. Es wird bloß von Deutschland abhangen, in den Völkerbund einzntreten» soibald es allen Verbindlichkeiten des Friebensvertrages hinsichtlich der Reparationen.'und der Sicherheit nack^ekommen sein wird. Wenngleich wir gegen eine. Politik der Besetzungen und der Territorialpfander sind, halten wir es angesichts des gegenwärtigen Zustandes in Deutschland und angesichts der Notwendigkeit, nicht bloß Frankreich, sondern alle Völker vor der Wiederkehr eines Angriffes des nationalistischen Pangermanismus zu schützen,.nicht für,möglich, da's Ruhrgebiet zu räumen, bevor die von den Sachverständigen in Aussicht genommenen, mit. billigen und wirksamen Bürgschaften ausgestatteten Pfänder bestellt und den .internationalen Organen übergeben, werden, die zu ihrer Verwaltung berufen sind. Wir glauben auch, daß im Jnteresie des Friedens die Abrüstung Deutschlands durch eine gemeinsame Anstrengung der Alliierten und sobald.als möglich durch eine Aktion des-Völkerbundes kontrolliert werden müsi-e. Wir werden die Fra- Igen der Sicherheit durch Garantiepakte, die gleichfalls unter die Kontrolle des Völkerbundes gestellt werden, zu lösen haben. Frankreich wird allen . Es ist ja auch .im Deutschland von: heute von dieser Gottverbundenheit viel und ausführlich die Rede. In -jenen Kreisen natürlich,, die im; Geist Won Wilhelms Geist.leben und seine Zeit in Herrlichkeit wieder -zurücksichren wollen. Die Gedankenwelt des Kaisers lebt unerschüttert in ihnen, fort. Er hat damals freilich nur die Rehaibilitierung eines. Juden abgelehnt. Seine Partei geht logisch weiter bis zürn. blutrünstigen, aktiven Judenhaß, den sie als wichtiges Element monarchistischer Weltanschauung verehrt. Dies ist nur ein Teiltthres Programmcs des aggressiven Widerstandes gegen'die. Entwicklung, , die zum Sturze Wilhelms. ge- .führt. hat und die heute, dort, fortgesetzt werden soll, wo sie im November. 1918 abgerissen wurde. .Je krisenhafter es wird, je toller der Wirbel der Ereignisse kreist, umso lieber ist-das der Gesellschaft, die sich nach kurzer Pause wieder in den Sattel schwingt. Was geht sie di« Rulle und Ordnu-va cm?