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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-17 · Heft 1917 (17.6.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1917 (17.6.1924)
Date
1924-06-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Hoffentlich werden sie rechtzeitig erkennen, was dieses Kammerspielhaus des Buvgcheaters für sie bedeutet. Es war ein froher und anmutiger Auftakt. Heine und Roller, der Spielleiter und der Schöpfer des hellen,.bunten Rahmens der Szenen, haben ausgezeichnet bestanden. Das häufige Fallen des Vorhanges dämpfte allerdings die Stimmung, trotzdem die Pansen bemerkenswert kurz sind. Mer die Hauptdarsteller und die Regieeinfälle Heines entzünden rasch wieder die Fröhlichkeit, die sich von Anbeginn einstellt. König des Abends ist Herr Aslan. Mrklich bezwingend, dieser Bezwinger Katharinas, der Widerspenstigen. Sein Draufgängertum hat Grazie. Ein kerniger Mann steht über seiner Aufgabe und setzt mit lächelnder Ueberlegenheit just die nötigen Kräfte an, um ein hübsches, sprödes, rassiges Ding kirre zu machen. „Naturbursch" ist dieser Petruchio bloß, solange er Käthchen nicht zu Gesicht bekam. Dann wird seine Grobheit liebenswürdig. Sehr glücklich sind die hundert Finten des Wortgefechts-und auch die rauheren Phasen des Kampfes, allwo unter Puffen, Zwicken und Stampfen handgreiflich gerungen wird, von Gott Amor gelenkt und gesänftigt. (Bis auf eine Riesenwatschen, die dem bedauernswerten Käthchen die eine Wange hochrot färbte. Es war eine ergötzliche Entgleisung.) Wunderbar „gelöst" ist jetzt Raoul Aslan, mit entzückendem Humor exeqniert er — bewußter Spieler im Spiel — das Manöver einer Frauenbändigung. Frau Pünkösdy fft die taugliche Partnerin. Ihr Käthchen ist — durch Liebe auf den ersten Blick — schon bei der ersten Begegnung mit Petruchio verloren (oder besser, gewonnen). Auch wenn sie boshaft ripostiert oder gar ein Füßel stellt und boxt, zwitschert verhaltene Freude darein, endlich einen Ebenbürtigen gefunden zu haben. Und sieghast ist die Anmut, mit der sie schließlich gchorcht. In dieser Szene der Demut triumphiert das Weib, welches den Mann durch Ergebenheit zum Fußfall zwingt. Um dieses erbauliche Duett gruppiert sich ein lebendiges Spiel mit einigen vortrefflichen Leistungen. - Bon erschütternder Komik die Pantomime Meierhofe.rS, wenn sein Cristoph Schlau, der rülpsende Kesselflicker im Prunkbett des Lords erwacht. Sehr amüsant ein neuer Mann, Cyrill Dachler, in der Rolle des Pagen, der sich als Ge. mahlin des verzauberten Schlau aufzuspielen hat, lustig, aber nach unserem Geschmack noch nicht reif genug Hans T h i m i g als Grumio und eine Augenweide, süß und blond und von bemerkenswerter geistiger Anmut, Frau Aknay als Biauka. Voll Verdienst in Episoden die Herren Kramer und Karsten, recht blaß hingegen Emmerich Reimers. Shakespeare, der Luftspieldichter, hatte einen stürmischen Heitevkeitsevsolg und das Burgtheater einen Ehrenabend- O. A. Huga Mmig. Der kräftigste und jüngste unter den Altmeistern, über welche die Wiener Theater verfügen, Hugo Thimig, feierte gestern seimn 70. GÄmrtstag. Er ist kein spezifischer Wiener Künstler, wie Thaller, Tyrolt oder Kirschner, sein urwüchsiges norddeutsches Wesen blieb von der Wiener Atmosphäre unberührt. Und doch ist er populär, von allen geliebt, die das Glück haben, ihm zu Füßen zu sitzen, wenn sein Humor die Szene beherrscht. Er hatte sich bereits zur Ruhe gesetzt, der eisgraue Herr Hosrat mit den jugendsrischen Backen, und seine hochbegabten Kinder, die ,-d-rei H", Hermann, Helene und Hans, waren seine berufenen Erben. Der Umsturz und seine Folgen zwangen ihn, zur Bühne zurückizukehven mb die , jüngere Generation zog daraus den Gewinn, eine Renatffance von Hugo Thimigs Gestaltungskunst zu erleben. Als Schmock in den Journalisten" betrat er nach längerer Pause wieder die Bretter des Burgtheaters, zeigte sich zunächst in alten Rollen, um dann aber neue Gestalten zu schaffen, vor allem in Shakespeares „Wintermärchen", in dem französischen Lustspiel „Vater hat Recht gehabt", und erst jüngst, nachdem er in das Ensemble Reinhardts eingetreten war, seinen Musikus Müller in „Kabale und Liebe". Das Wunder, so häufig beobachtet, daß Kunst jung erhält — an diesem Manne hat es sich herrlich bewährt und die Feier des 70. Geburtstages gilt einem, der. auf der Höhe seines Schaffens steht und bestimmt noch köstliche neue Gaben zu bescheren hat. Bnrgtheater. Morgen um 7 Uhr „Der Dummkops" von Ludwig Fulda. Schi) nbrunner Schloßtheater. Morgen um halb 8 Uhr die Komödie „Die Kinder" von Hermann Bahr zum ersten Male. * Volksoper. Heute „Die verkaufte Braut". Morgen „Cavalleria rusticana" — ,Z) er Bajazz o". Deutsches Volks t'heater. Morgen gelangt Franz Adam Beyerle-ins Sold-atendrama „Zapfenstreich" neu einsiudiert zur Aufführung. Raimund-Theater. Heute eröffnet die Exl-Bühne mit Anzengrubers „K r e u z e l s ch r e i b e r" ihr diesjähriges Gastspiel. Morgen gelangt Schonherrs „Glaube und Heimat" zur Darstellung. Theater an der Wien. Emmy Kosary und Ernö K i r a l y haben mit Rücksicht auf ihren außerordentlichen Erfolg als Hauptdarsteller in der Operette „Gräfin Mariza" ihren Gastfpielv ertrag bis zum 31. Juni.d. I. verlängert. Th eater in der Ioseist adt. Morgen, 7 Uhr abends, fiulbet die Erstaufführung von .,M r. P i m w i l l n i ch t st ö r e n, von A. A. Milne, in der Inszenierung von Max P a u l s e n, statt. _ Gastspiel der Pariser Komischen Oper in Wien. Die Pariser Komische Oper und einige Kräfte der Großen Oper werden in Wien ein Gastspiel -absolvieren und mehrere Werke von Debussy , Ravel, Rabaud, Hue zur Darstellung bringen. Theodor Dubois gestorben. Theodor Dubais, der angesehene französische Komponist von Oratorien, Opern und Orchesterfrchen, erst Professor der Harmonie am Konservatorium in Paris, später als Nachfolger von Thomas Direktor des Konservatoriums (1896 bis 1905) ist 87jährig gestorben. 1861 war er Träger des Rompreises. Prager Kunst in Berlin. Die Berliner Galerie F l e ch theim kündigt für eine vierwöchige Dauer eine Ausstellung des Prager Malers Emil Fi lila an, der zu den Kubisten gehört. 2ir Gattin erwürgt. Der Angeklagte leugnet die Tat. Jan Prozesse gegen den Obevwachmann Franz Weber wegen Mordes, wurde gestern vormittags das Verhör des Angeklagten begonnen. Er erklärte sich nichtschuldig und gab an, daß seine Frau schon längere Zeit Selbstmordabsich ten hatte. Er habe ihr auf eine derartige Bemerkung geantwortet: „Wenn du so etwas tun willst, hänge dich im Walde auf." Er behauptet weiter, die Frau habe ihn mit fünf Sublimatpastillen vergiften wollen. Deshalb habe er auch nicht zu Hause gegessen. Die Frau fei unrein gewesen und habe viel Ungeziefer gehabt. Er habe daher ganze Nächte im Parke sitzend verbracht. Was die Sache mit den vergifteten Z w e t s ch k e n k n ö d e l n anbelange, so behauptete er, daß die Frau, um Mitleid zu erregen, den Nachbarslenten erzählt habe, er wolle sie durch den Genuß dieser Knödel vergiften. Dev Polizeirat habe, als er die Leiche untersuchte, sofort einen Selbstmord konstatiert. Bors.: Haben Sie dem Herrn Staatsanwalt eine Andeutung gemacht, die davauf schließen läßt, daß die Frau doch von Ihnen umgebracht wurde? — An ge kl.: Das war ein« Notlüge. Bors.: Man lügt nicht vor dem Staatsanwalt, um sich selbst zu beschuldigen. — Angekl. (verlegen): Ich wollte mich selbst belasten. Am Tage nach dem Tode meiner Frau ist der Schwiegervater gekommen. Sein erstes Wort war „Du hast sie «mgebracht, du wirft ins Landesgericht kommen." Bors.: Haben Sie zu einer Nachbarin gesagt: „Sie werden sehen, meine Frau hängt sich heute noch auf." — Angekl.: Jawohl, wir haben Streit gehabt, sie hat mit dem Aushängen gedroht, und ich Hab mir gedacht, heute ist sie so aufgeregt, daß sie sich wirklich etwas antut. — Bor s.: Sie haben in der Untersuchungshaft durch Briefe aus der Zelle Anlaß zu Ihrer Psychiatrierung gegeben. — Der Angeklagte wird sehr verlegen und meint: Der Herr Verteidiger kann es bestätigen, daß ich gegen die Untersuchung meines Geisteszustandes war. Ich bin nicht geisteskrank. — Vors.: Warum also haben Sie Briefe geschrieben, die ans Verfolgungswahn deuten sollen? — Angekl.: Die Psychiater haben mich in diesen Zustand versetzt. Ich bin kein Simulant, schon deshalb nicht, weil ich mich einer strafbaren Handlung nicht bewußt fühle. (Mit erhobener Stimme): Ich kann meine Unschuld vollkommen dadurch beiveisen, daß die Wohnung von innen versperrt und verriegelt war. Der Staatsanwalt verlangt von dem Angeklagten nähere Aufklärung über den angeblichen Gistmordversuch, den Frau Weber an ihrem Manne begangen haben soll/ — Angekl.: Ich habe in ihrem Tascherl einen Zettel gefunden, auf welchem stand, daß sie mir etwas in das Fleisch, in die Suppe und in die Mehlspeise geben soll. — St a atsanwalt: Wir werden hören, daß das ein Liehesmittel war, das ihr angeraten wurde. — Angekl.: Ich danke für das Liebesmittel. — Stcrats a n w a l t: Das ist aber noch keine Vergiftung. Woraus schließen sie, daß die Frau Sie vergiften wollte?— Angekl.: Es waren fünf Stück Sublimatpastillen dabei. — Staatsanwalt: Sie haben die Kühnheit, hier ihre tote Frau des versuchten Giftmordes zu beschuldigen, Mörder und Ehrabschneider werden, ist mehr als zuviel. Merken Sie sich das. Staatsanwalt: Wie ist es eigentlich mit dem Strick gewesen? Es ist mir ausgefallen, daß dieser Strick in kleine Teile zerschnitten war. — AnßeN.: Ja, die Parteien sind in meine Wohnung gestürzt, und jede wollte ein Stückchen Strick haben. Ich habe jeder ein Stück gegeben. — Staatsanwalt: Schr geschickt, sehr geschickt. Sie haben wohl gewußt, daß es sich darum handelt, festzustellen, ob der Strick unten abgeschnitten war. Es folgt hieraus das Zeugenverhör. Die Schwester des Angeklagten, Frau H o f m a n n, hatiö sich wegen des Verdachtes falscher Zeugenaussage in Untersuchung befunden, weil sie eine Geliebte ihres Bruders aufgefordert hatte, nichts von ihrem Liebesverhältnisse bei Gericht zu erzählen. Frau Hosmann gab dies zu, erklärte jedoch, der festen Ueberzeugnng gewesen zu sein, daß ihr Bruder unschuldig sei. Sie sagte aus, daß sowohl der Angeklagte als auch dessen Frau sehr nervös und äußerst erregbar gewesen, seien. Sie sei der Meinung, daß Frau Weber von ihrem Bruder schwanger war. Dieser Ueberzeugung habe sie auch dem Angeklagten gegenüber, der das nicht glauben wollte, wiederholt Ausdruck gegeben. Der Vater der Ermordeten, Wirtschaftsbesitzer AloiS Steininger, gab ary daß seine Tochter vor chrer Verheiratung längere Zeit in Wien Hausgehilfin gewesen sei. Nach kurzer Zeit habe Unfrieden in der Ehe geherrscht. Einmal habe ihm Weber geschrieben, er käme nicht mehr zu Besuch und wünsche, die Frau ginge dort hin, wo der Pfeffer wachse. Als er unvermittelt das Telegramm erhielt, das ihm deu Tod seiner Tochter anzeigte, habe er anfangs geglaubt, daß ein Unfall der Schwangeren daran Schuld sei. Als er: jedoch von den Hansparteien horte, daß seine Tochter sich erhängt habe, Haber er sofort geäußert, das könne nicht wahr sein, fein Schwiegersohn müsse sie umgebvacht haben. - Anna Braun, eine Nachbarin der Ermordeten, gab an, die Tote habe ihr gegenüber die Befürchtung geäußert, daß ihr Mann sie umbrmgen werde. Die Geteilte, die früher immer miteinander gestritten hatten, söhnten sich scheinbar kurz vor dem Tode der Frau aus. Frau Weber habe sich einmal geäußert, sie würde einen Selbstmord um keinen Preis der W-elt verüben. Der Sicherheitswachmann Karl Fritz sagte aus, daß der Angeklagte im Dienste ein „Scharfer" gewesen sei, der eS besonders aus Geschäftsleute abgesehen hatte. Der Kinoportier Steckler teilte mit, daß der Angeklagte am kritischen Tage am Abend ins Kino gekommen sei und ihm im ruhigen Tone erzählt habe, daß sich seine Frau erhängt habe. Er sei damals durchaus nicht aufgeregt gewesen. Der Rayonsinspektor Dohnal, der von dem Angeklagten herbeigeholt worden war, erzählte: Das Küchenfenster fei eingeschlagen gewesen und der Schlüssel sei von innen im Schloß gesteckt. . Ob er umgedreht war, wisse er nicht mehr. Nachdem der Schlosser den Reiber ausgemacht hatte, habe der Zeuge die Türe geöffnet, was kaum einige Sekunden erforderte. Der Schlosser habe sich gewundert, daß man ihn geholt habe, weil doch Weber selbst leicht hätte die Türe öffnen können. Der Angeklagte habe ein Messer verlangt, um die Leiche loszuschneiden. Der Zeuge habe damals aber keines bei sich gehabt. Daraufhin habe Weber die Leiche beim Halse gepackt und gehoben. Weber habe dann gebrummt: ,Mas soll r\nr% ‘ 'W J& OOO ooo ■ i E3BSMES&8BM

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