Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1914 (14.6.1924)
- Date
- 1924-06-14
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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"■ r*‘s-r^.v-■VV;v?.i" - V '^-’r'^'j;'-'-'.«: 7 'v^-:(.*if,: V'-;'?^8rftelö_Men, Samrlaz_ Ae Warenmärkte. (Eigenbericht der «Wiener Moraenzeitung".) Baumwollgarne. Die ersten drei Nummern blieben unverändert, während die Ärigen 4 Nummern bis 1 Punkt höher sind. Es notieren: Nr. 6/10 Bengalkops pro Juli-August —.76 Dollar, Nr. 16 ll a Curat —.86 Dollar, Nr. 20 —.90 Dollar, Nr. 16/24 Halb Amerika —.93 Dollar, Nr. 16/30 Rein Amerika 1.02 Dollar, Nr. 36/42 Mittel Amerika 1.17 Dollar, Nr. 42 1.19 Dollar pro Kilogramm ab Fabrik exklusive Packung. Baumwollzwirne. Auch in diesen Gattungen stellten sich die Preise für die letzten drei Nummern um je 1 Punkt höher. Es notieren: Nr. 10/12 Benaal zwei- und dreifach pro Juli-August—.82 Dollar, Nr. 16/2 Ha Surat -.92 Dollar. Nr. 20/2 1.- Dollar. Nr. 20/2 Amerika 1.11 Dollar, Nr. 30/2 1.22 Dollar, Nr. 40/2 Ia 1.39 Dollar pro Kilogramm ab Fabrik exklusive Packung (trocken, mittel, naßscharf 1 Kabel-Cent Aufschlag pro Kilogramm) mit 2*/, Skonto Spinnerkond. Rohe VanmwollgeweLe sind durchgehendS um je 1 Punkt höher, von 57 bis 91 Schweizer Franken pro Meter ab Fabrik exklusive Packung pro August- September. Wiener Warenbörse. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitmrg") An der gestrigen Warenbörse sprach sich die Tendenz in Chemikalien flau aus und die meisten Gattungen erlitten Preiseinbußen. Jntereffe war vorhanden für Kupfervitriol und für Aetz- «atron. AuSgeboten wurden: Aetzkali 88/92 zu 10.500 Kronen, Aetznatron 128/130 zu 6500 K., Alaun in Stücken zu 3600 K.. Bleiglätte zu 12.600 K., Bleiweiß chemisch rein zu 13.600 K., Cbromalaun zu 7200 K., Essigsäure 80«/, für Genußzwecke zu 23.500 K., Glyzerin 28« 336 chemisch rein zu 28.200 K. und technisch zu 17.800 K., Gummi Cord, zu 19.000 K.. Kali gelbblausaureS zu 3000 K., Minium Bleiberger zu 12.800 K., Natriunrbifulfit 60/62 zu 5500 K. tranfit Wien, Pottasche 96/98 zu 8200 K., Schwefelnatrium 60/62 zu 5700 K., ab Wien, Japanwachs zu 34.000 K. Montanwachs zu 8000 K. transit Wien. Oele und Fette. Einige Abschlüsse erfolgten zn schwach behaupteten Preisen. Abgeschwächt-haben sich Kerntalg!a auf 12.500 K. und Knochenfett 38 0 97/98% auf 11.500 K. Fest tendierte holländisches Leinöl Ia und notiert 15.400 K., nordamerikanifcheS Schweinefett war zu 22.000 K. ab Wien erbältlich. Kolonialwaren. Kaffee cif T r i e ft tendierte fester, es notieren SantoS primes pro 50 Kilogramm 94 bis 103 Schilling, Santos superior 88 Schilling 6 Pence bis 90 Schilling und Rio VII Johnston grün 73 Schilling 6 Pence. Kümmel schwächte sich um 2000 K. auf 39.000 K. ab. Zucker Kristall ist um 5 Punkte schwächer und notiert 3.35 tschech. K. ab Grenze und ab Lager Wien 10.400 K. Würfel blieb unverändert. Caroburnu Sultaninen mittel in Kisten sind bis 750 K. niedriger und notieren 34.000 K. ab Wien. Leder. Die Tendenzist eher etwas schwächer, in den Preisen kam die» jedoch nicht zum Ausdruck. Es notieren: Sohlenleder Vacheleder-Garnituren 42.000 bis 46.000 K., Vacheleder- CrouponS 62.000 bis 68.000 K., Halse 23.000 bis 33.090 K., Afern 21.000 bis 25.000 K., Oberleder Boxkalf schwarz Primaqualitat 20.000 bis 23.000 K., Sekundaqualität 17.000 bis 19.000 K., färbige Boxkalf 26.000 bis 29.000 K. R o h h ä u t e. Die Grundtendenz ist flau, die Notierungen lauten wie folgt: Kalbfelle pro Kilogramm 30.000 K., Rindshaute biS60Kilogramm 14.000 K. pro Kilogramm. Schaffelle 46.000 bis 48.000 K., Schafblößen 86.000 bis 38.000 K., Zickelfelle 17.000 K., Ziegenfelle 45.000 K., Sommerrehfelle 45.000 K., Hirschfelle 60.000 K. Zum öffentlichen Verkaufe gelangten laut Art. 343 des H.-G.-D. 140 Tonnen Betoneisen anrollend ttanfit Buchs zu 320 französische Franken pro 1000 Kilogramm, ferner Schneidkluppen und Gewindebohrer mit 3,000.000 K., ferner 2000 Stück Kohlenkübel, 100 Stück Blechkaffetten mit 8,000.000 K. Zmn öffentliche» Verkaufe gelangen am 17. d. um 11 Uhr vormittags Kupfervitriol und Destillierapparate. Wiener Mor-rnzeitnNg. Berliner Mrle. Berlin, 13. Juni. Die von der Berliner Stempelvereinigung beschlossene Stützungsaktion auf dem Effektenmärkte, die im Falle besonders dringlichen Anaebotes eine Uebernahme des an den Markt strömenden Materials zur Verhütung stärkerer Kursstürze vorsieht. brauchte heute Praktisch nicht in Wirksamkett zn treten. Es genügte schon die Tatsache der Bereitschaft, um der Börsentendenz eine Stühe zu geben und die Kursgestaltung kräftiger nach oben zu beeinflussen. Das Angebot, hat sich vom Markte zurückgezogen und die nach nnien engagierte Spekulation förderte durch Deckungskäufe die Erholung wesentlich. Die Kursbesserungen betrugen durchschnittlich 1. für die führenden Montan- und Jndustriewerte 2 bis 4 und für einige Spezialpapiere 7 Billionen Prozent. In das Geschäft ist ein frischerer Zug gekommen, obwohl von einer allgemeinen Lebhaftigkeit noch nicht die Rebe sein kann. Auf dem Geldmärkte hat die Erleichterung augchalten, während im Dcvisenverkehr, die Nachfrage wieder aering wer. so daß in der vollen Zuteilung der Devisen und Banknoten leine Aendernng eintrat. (Alles in Billionen von Mark.) Schlußkurse: Türkische Lose 18, 'Oesterr. Staatsbahn 25.—, Nordd. Lloyd 4.2, Der. Elbeschiffcchrt 2.25, Berliner Handelsgesellschaft 23.75, Kommerz. Privatbank 3.75, Darmstädter Bank 6.25. Deutsche Bank 7.37, Diskonto- Kommandit 7.5. Dresdner Bank 4.50, Nattonalbank für Deutschland —.—, Cefiett. Kredit 0.35, Oesterr. Länderbank —Reichsbank 19.5, Wiener Bankverein 0.25, Wr. Unionbank 0.275. Mg. ElekttiMts-GeseMcliaft 6.5. Bochumer Gußstahl 41.5, Daimler Motoren 2.12. Deutsch-Luxemburger 39.75. Deutsche Maschinen 3.75, Dvnamit Nobel 5.2. Felten u. Guilleaume 18.25. Gelsenkirchener Berg. 42.4, Th. Goldschmidt 8.—. Harvener Bergbau 50.5. Hirsch Kupfer 15.1. Höchster Farben 9.—. Hohenlohe-Werke 16.5, Laurahütte 4.7, Mannesmannröhren 23.—, Phönix Bergbau 22.—, Schuckett u. Co. 26.—, Siemens u. Halske 37.—, Telephon Berliner 2.75, Goldanleihe 4.2, Dollarschatzanwetsnngen jß.5. Prager Börse. Prag, 13. Juni. Gegen alle Erwartung verkehrte die heutige Börse in sehr schwacher Haltung, zumal die Deckungs- -käufe bereits zum größten Teil gestern erledigt wurden. Da auch die Banken keine Neigung zu Interventionskäufen bekundeten und andererseits viel Ware, zum Teil infolge freiwilliger Exekutionen, auf den Markt kam, nahmen die Rückgänge einen größeren Umfang an. Die erheblichsten Einbußen erlitten Arbitragewerte, während die hiesigen Papiere meist ruhig lagen. Sehr schwach sprachen sich wieder Zucker- und Chemische Papiere aus. teilweise auch Textilwerte. Auf dem Anlagemarkte war das Angebot bedeutend geringer und die Kurse büßten 0,25 Prozent ein. Der Abbröckelungsprozeß macht später Fortschritte und nnr vereinzelt kam es zu .Kurserholungen. Im allgemeinen schloß die Börse in schwacher Tendenz. Scklutzkurse: Türk. Eisenbahn-Anleihe — Franken —, Böhm. Unionbank 400.—, Böhm. ESkomptebank 398.—, Böhm. Judustrialbank 420.—, ZivnosteuLka Banka 401.50, Anglobank 112.—, Oesterr. Kredit 83.—, Wiener Unionbank 77.50, Wiener Bankverein 57.60, Busckstiehrader Eisenbahn Ltt. A , Lit. B —.—, FerdinandS-Nordbahn 5930.—, Prag-Duxer 168.—, Aussig-Teplitzer Eisenbahn 1320.—, Nestomitzer Zuckerindustrie 1420.—, Vereinigte Elektrizität Wien 119.—, Brosche 1100.—, Koliner Spiritus 1010.—, Königsbofer Zement 925.—, Breitfeld-Danek 466.—, Ringhoffer 693.—, Simmeringer 104.—, Rotbkosteletzer Texttl 315.—, Alpine Montan 227.—, Poldihütte 292.—, Prager Eisen 880.—, Oesterr. Berg u. Hütten 2240.—. Skoda 582.—. Jnwald 236.—. Bndapefter Börse. Budapest, 13. Juni. Die Börse verkehrte heut« vollständig lustlos. Das private PMikum hielt sich ferne und es herrschte völlige GeschästSstille. Die Aufnahmsfähigkeit des Marktes war §av% minimal, so daß die durch die Prolongation auf den stärkt gebrachte Ware nur schlver und mit großen Verlusten unterzubringen war. Die flaue Stimmung war auf sämtlichen Marktgebieten vorherrschend und die Kursrückgänge betrugen durchschnittlich 3 bis 5 Prozent. Die größten Verluste erlitten die schweren Kuliffepapiere, insbesondere Arbitragewerte. Die 14. Juni 1924 Nr. 1914 meisten Effekten schlossen zu den tiefsten Tageskursen. Datz Wochengeld verbilligte sich bis 0.37 Prozent, dies konnte aber das Geschäft nicht beleben. Schlußten-denz weiterhin flau.. (Alles in Tausenden von Kronen.) S ch l u ß k u r s e: Britisch-Urig. Band 68, Ung. Kredit 586, Oesterr. Kredit 223, Salgo Kohlen 660, Nimamuranyer 131, Südbahn 75.—, StaatSbabu 608.—, Anglobank —, Grcm- SzaSzvarer 375, Oberunq. Berg-Hütten 500.—, Dräsche- Ziegel 245, llnq. allg. ""bleu 3400. Nrikanv Kohlen 1185, Koburg 40.—, Spodinv 190 Clotilde ckem. Fabrik 74.—, Ung. Eisenbahnverkehr 220.—, ^cv!:t. Holz 25, Adria — Die Devisenkurse. Zürich, 13. Juni. (Devisenkurse von 12.— Uhr. — Von der Schweizerischen Kreditanstalt mitgeteilte Mittelkurse.) Berlin pro Milliarde —(-.-). Holland 212.25 (212.35), New-Pork *566.75 (568.—), London 24.47 (24.49), Paris 30.05 (30.35), Mailand 24.70 (24.75), Brüssel 26.- (26.50), Kopenhagen 95.75 (95.87), Stockholm 150.75 (151.87), Cbrlstiania 76.75 f76.75), Madrid 76.25 (76.20), Buenos Aires 183.50 (1^.50). Prag 16.62V* (16.62V*), Budapest 0.0062 (0.0061), Bukarest 2.60 (2.45), Belgrad 6.75 (6.72'/,), Sofia 4.05 (4.06), Warschau —.—), Wien 0.0080 (0.0080). Berlin, 13. Juni. (Devisenkurse.) (In Goldmark fÜ 100 Einbeiten mit Ausnahme von Buenos,New-Dork, London,Japan und Rio für 1 Einheit, Wien und Budapest für 100.000 Einheiten.) Amsterdam 156.61 (156.61), Belgien 19 05 (19.05). Christiania 56.36 (56.36), Kovenlmgen 70.57 (70.57), Stockholm 110.72 (110.72), Italien 18.17'/, (18.17'/,). London i8.055 (18.055). Aew-Aork 4.19 (4.19), Baris 22.19 (22.14). Schweiz 73.52 (73.52), Spanien 55.86 (55.86), Wien 5.89 (5:89), Prag 12.245 (12.22), Budapest 4.59 (4.59), Sofia 2.96'/, (2.96'/,). Belgrad 4.94 (4.94). Berlin, 18. Juni. (Notenkurse.) (In Goldmark für 100 Einheiten mit Ausnahme von Dollar und Pfund für 1 Einbeit, österreichische für 100.000 Einheiten und polnische für 100 Zloty.) - Noten: Dollar 4.19 (4.19), Pfund 17.97 (17.98), Italienische 18.05 (18.05), Oesterreichische 5.84 (5.84), Polnische 77.75 (78.-), Tschecho-slowakische 12.195 (12.17). Prag» 13. Juni. (Devisenkurse. — Mitgeteilt vom Baukamte des tschecho-slowakischeu Finanzministeriums.) — Berlin») 8.15'/, (8.19), Zürich 601.— (601.-), Part« 184.25 (185.25), London 146.80 (146.80), New-Aork 34.- (34.-), Belgrad 40.95 (40.76), Bukarest 15.12'/, (15.20), Wien 4.79 (4.80), Warschaus) 664.— (664.-), Agram —(—.—), Budapest 3.75 (3.70), Jugoslawische 41.15 (40.95), Oesterreichische gestempelte Krone 4.76 (4r.8072), Polnisches) 658.- (662.-1, Ungarische 3.60 (3.67'/,). *) per Billion, s) für 100 polnische Gulden. Budapest, 13. Juni. (Kurse der Devisementrale.) — Amsterdam 83.420 bis 34.120, Bukarest 390.— bis 405.—, Kopenhagen 15.100 bi8l5.420.Christiania 12.090 bis 12.340, London 385.400 bis 393.400, Berlin bis —Italien 3890- bis 3970.-, Paris 4730.- bis 4850.-, Prag 2620.- bis 2675.-, Stockholm 23.740 bis 24.240, Zürich 15.750 bis 16.070, Wien 1,26 bis 1,2860, Sofia 635.— bis 650.—, Agram 1060.— bis 1080.—, New-Aork 89.200 bis 91.000, Warschau bis —Brüssel 4095.- bis 4180.-. Agram, 13. Juni. (Devisen.) Wien 0.1193 bis — .- Berlin —bis —, Budapest 0.10, Bukarest 87.25 bis —, Italien 367.60 bis —London 366.- bis New-Aork 84.25 bis —.—, Pari) 445.— bis —, Prag 247.80 bis —, Sofia —bis —, Schweiz 1495.50 bis Brüssel 985.- bis Warschau bis . Amsterdam 8170.— bis —Stockholm —bis —. Belgrad» 13. Juni. (Devisenkurse.) London 365.62 bi» , Part» 459.- bis New-Aork 8455.— bis -.-, Genf 1496.50 bis —, Saloniki bis —.—. Mailand 368.15 bis —Prag 244.45 bis —Berlin bis Wien 0.1199 bis Bukarest 38.62'/, bis Sofia —.— bis —Budapest 0.09'/, bis —, Brüssel —.— bis —, Amsterdam —bis —Warschau — biS Warschau, 19. Juni. (Devisen.) Berlin —. London 22.24 bis 22.46, New-Aork 5.16 bis 6.21, Prag 15.18 bis 15.32, Wien 7.28 bis 7.35. Copyright Nachdruck Verbotes. Indischer Verlag, Berlin. IS. Fortsetzung. ßawdoloh und Zapfenstreich. Von Sami Gromrernann. Leider Hache ich die Skizzenmappe nicht zn sehen bekommen; ich hätte mich gern davon überzeugt, wie er die Motive, die ich ihm zeigte, verwertet hat. Das Werk sollte heißen: „Weihnachten im Schützengraben" und es mag kurios genug geworden sein. Die Synagoge im Osten dient eben ganz anderen Zwecken als der Tempel des Westens. Sie ist tos, was der Name bebeuiet — griechisch: ,-Synagoge", hebräisch: „Bech haknesseth" — d':rsammlungShaüs! Es ist das eigentliche jüdische . eine Stätte, an die man nicht kommt, um den I'u.v.; Gott zu besuchen, sondern vor alle-m um alle öffentlichen Angelegenheiten und seine eigenen Sorgen zu erörtern. Man muß dabei bedenken, daß im zaristischen Rußland alles Vereinsleben und alles politische Le'ben so gut wie unterbunden war und daran «mag es zum Teil liegen, daß sich solche Freistätten oder Heimstätten für alle Erörterungen öffentlicher Dinge gebildet haben. Ganz ungeniert also und durchaus nicht mit dem Gefühl, eigentlich etwa's Ungehöriges zu tun, erörtern die Besucher der Synagogen dort ihre Angelegenheiten. Unsere deutschen Damen im Westen haben ja, wenn man so will, etwas von dieser Tradition gerettet, indem sie während -des Gottesdienstes auf der Galerie mit großem Eifer ihre Kochrezepte austauschen und ihre Dienistbotennöte erörtern. Aber etwas anders sieht es doch drüben aus. Da stürzt zum Beispiel eine Frau in den Betsaal, als man eben die Thorarolle aufs Pult gelegt hat, um die Vorlesung zu beginnen, eilt auf die Bimah zn, legt ihre Hand auf die Rolle und erklärt laut, daß sie nicht gestatten werde, daß mau liest, bevor ihr Recht geschehen sei. Es wird festgestellt, daß die Frau sich in ihrem Erbrecht durch Verwandte gekränkt fühlt; sie verlangt, daß ihr und ihren Kindern von der Gemeinde Schutz gewährt wird, und erst, nachdem ihr von den Rabbinern und Aeltesten feierliche Sicherheiten gegeben werden, daß sofort ein Gericht zuscrmmentreten und den Fall entscheiden wird, zieht sie ab und die Vorlesung kann beginnen. Oder irgend jemand klopft plötzlich auf sein Pult und-gebietet Still«. | Er teilt mit, daß die jüdischen Soldaten in der und der Kaserne für das bevorstehende Osterfest nicht nrtt ritueller Kost versorgt seien. Von allen Seiten kommen nun die Angebote und erst wenn die Versorgung sichevge stellt ist. geht der Gottesdienst Wetter. Im Jahre 1905 habe ich in Schitomir während des Passahfestes es erlebt, daß während der Vorlesung aus der Thora ein Trupp junger Leute unter Führung eines Mädchens mit gezogenen Revolvern eindrangen, Türen und Fenster besetzten und erklärten, dass niemand da's Haus verlassen dürfe. Darauf bestteg einer aus -dem Trupp die Bimah und hielt eine Ansprache, in der er auf den drohenden Pogrom hinwies und zum Einttitt in die Selbstwehr und zur Gabe von Spenden ausforderte. Den meisten Anwesenden schien der Vorfall nichts Besonderes zu sein. Die Geschichte mit den Revolvern aber erklärte sich einfach -daraus, daß eben mit Rücksicht auf das strenge Simsen androhende Verbot politischer Versammlungen den Teilnehmern die Möglichkeit verschafft -werden mußte, im Falle die Polizei kam, auf -den Zwang hinzu-- weisen, unter dem sie gehandelt «hätten. Im Anfang kam mir natürlich das Treiben tit den Synagogen recht seltsam vor, aber bald fühlte ich mich sehr 'heimisch dort und ich suchte, so oft ich nur konnte, bald diese bald jene Synagoge auf. Es gibt unzählige Tempel in jedem Mischen Städtchen, so haben insbesondere alle Zünfte ihren Tempel, die Schneider, die Schuster, die Bäcker ufw., außerdem pflegen reiche Leute eine eigene ,/Schul" zu stiften. Alle diese Tempel sind aber eigentlich den ganzen Tag und die ganze Nacht geöffnet, wie es sich für ein rechtes Klublotal gehört. Feste Gebetszeiten gibt es nicht, wenn sich auch am Sabbat oder an Feiertagen ein großer Hauptgottesdienst heraushebt; im übrigen wird in einem solchen Tempel und in seinen zahlreichen Nebenräumen, vor allen Dingen in dem anschließenden Lehrhaus — über das noch zu reden sein wird — ständig Gottesdienst abgehalten. Es ist unmöglich, zu spät zu kommen; denn wahrend an der einen Wand die Beter beisammen sind, gruppieren sich schon in einem anderen Winkel, mit ihren Gebetmänteln unter dem Arm andere, die auf die erforderliche Zehnzahl warten, um dann, wenn diese Zahl vollständig ist, sofort neu zu beginnen. Um einen Vorbeter braucht man keine | Sorge zu haben; das Nächstliegende Buch wird aufgeschlagen, der erste Buchstabe der aufgeschlagenen Seite entscheidet, 'daß der, dessen Name mit demselben oder dem nächsten Buchstaben beginnt, den Gottesdienst leitet. Und selbst im Hauptgottesdienst tritt, wenn die Dhoravorlesung beginnt, eine gewisse Zersplitterung ein. Einzelne Gruppen holen sich aus der Lade ihre Rolle und beginnen in irgend einem Winkel für sich die Vorlesung, f» daß bisweilen an vier, fünf Stellen gleichzeitig gelesen wird, und jemand, der Wert darauf legt, kann an einem Vormittag unzählige Male an den verschiedenen Stellen zur Thora aufgerufen werden. Der an einen westlichen Gottesdienst Gewöhnte wird nun vielleicht ftagen, wie es eigentlich mit der Predigt steht, die doch im Westen den Mittelpunkt des Gottesdienstes zu bilden pflegt. So etwas wie unsere feierlichen Kanzelreden gibt eS nun im Osten überhaupt nicht oder höchsten-8 etwa in der großen Synagoge in Warschau, deren Gottesdienst aber eben, ganz und gar nach europäischem Muster gestaltet, überhaupt nicht als Repräsentanz ostjüdischer Art in Betracht kommt. Ich habe das Fehlen der Predigt m>it männlicher Fassung ertragen, wie ich wahrheitsgemäß versichern kann, so sehr ich ein halbes Stündchen gottgefälligen Schlummers im Tempel schätze. Damit soll nicht etwa gesagt sein, daß ich nicht bisweilen — vielleicht sogar sehr häufig — ausgezeichnete Kanzelreden gehört habe, aus denen ich oft Wertvolles entnahmen konnte. Aber es gibt in der homiletischen Lotterie allzu viele Nieten; bisweilen auch gibt es Reden, die ich geradezu als Störung des Gottesdienstes empfinde. Und die köstlichen Stilblüten, die ich bisweilen pflücken konnte, bieten nur eine geringe Entschädigung. Selbst wenn aber einmal ein gutes Gericht serviert wird, ist oft genug die Tunke salbungsvollen Oeles, von der es übevstvömt, unerträglich und unbekömmlich. Warum um Gottes Willen eigentlich ein-e eigene Kanzelsprache geschaffen ist und woher 'der einschläfernd nasal-wehmütige Tonfall stammt, habe ich nie ergründen können. Jedenfalls also: Die Ostjuden sind bislang ohne sichtbaren Schaden ohne Predigten ausgekommen. Erst durch die auch ihnen zugänglichen Predigten unserer Feldrabbiner Haber» sie diese Seite westlicher Kultur kennen und richtig schätzen gelernt. (Fortsetzung folgt.)