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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-14 · Heft 1914 (14.6.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1914 (14.6.1924)
Date
1924-06-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Versailles, 13. Juni. (Havas.) Der Kongreß hat den Präsiden en des Senates, Gaston D o n m e r g u e, im ersten Wahlgang mit 615 Stimmen zum Präsidenten der Republik gewählt. Auf Painleve entfielen 309 Stimmen. * $ . ' (Grgendienft der „Wiener MovgenFMung".) In Versailles waren umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden. Gestern abends wurde das Gebäude, in dem der Kongreß abgehalten wurde, militärisch besetzt. Auch die Eisenbahnstrecke Bahnhof SainL-Lazare-—Versailles, auf der in fünf Sonderzüge» etwa neunhundert MitgliederdesKong r e f f e s befördert wurden, erhielt militärischen Schutz. Seit 8 Uhr vormittags wurden Truppen nach Versailles befördert. Der Ordnungsdienst im Schloß und im Park von Versailles, der seit gestern für das Publikum gesperrt war, wurde, von sechshundert Gendarmen versehen. Ministerpräsident Marsal, seine Ministerkollejzen und Poineare trafen um halb 2 Uhr in Versailles ein. Sie wurden von zahlreichen Kollegen stürmisch begrüßt. Die Sitzung des Kongresses wurde um 2 Uhr 5 Minuten von Doumergue als Senatsprasidenten eröffnet. Abgeordneten I g n a e e gab zuerst seine Stimme ab. Um dreiviertel 5 Uhr nachmittags teilte der Vizepräsident des Senats Bienvenu-Marti» das Ergebnis der Abstimmung mit. Die Wahl Domnergms wurde von der Linken bis zur Rechten mit . '' ■[;* u n g ehe« r e in B e i f a l l - aufgenonimen. Die Kommunisten wiesen ironisch auf die Radikalen und riefen: A m n e st i e! Die Abgeordneten deS Zentrums fangen stehend die Marseillaise, während die Sozialisten und Kommunisten die Internationale anstimmten. Nach den amtlichen Ergebnissen wurden 860 Stimmen abgegeben, davon 853 gültige; die absolute Mehrheit betrug also 427 Stimmen. . . Doumergue erhielt 515 Stimmen und ist somit zum Präsidenten der Republik gewählt. Auf P ainleve entfielen 309 und auf C am elinat (Kommunist) 21 Siimnken; acht Stimmzettel trugen verschiedene andere Namen. Präsident Doumergue ließ H e r r i o t Mitteilen, er wünlche sofort nach Schluß der Nationalversammlung eine U n t e r r e d u n g mit ihm im Versailler Palais. Verschiedenen hervorragenden Parlamentariern wurden, als sie ihre Sitmwe abgaben, Kundgebungen bereitet, namentlich dem Admiral James, Maginot, Malvh, Marth, Painleve, Poineare, Pinard, Melin, Bourgeois, Cheren, Herxiot und Georges Leygues. Biel bemerkt wurde daß Caillanx Las Befinden des Bunderkavrlerr. Anhaltend günstig. UeLer das Befinden des Bundeskanzlers Dr. Seipel wurde gestern um 3 Uhr nachmittags folgendes Bulletin ausgegeben: Temperatur 37, Puls 112, Respiration 28. Nacht sehr gut verbracht. Appetit gut. Lungenbefund unverändert. Mt Rücksicht ans das beruhigende Befinden des Kranken wird der nächste Bericht Samstag abends ausgegeben. Gez.: R. Bauer, Eiselsberg, Schnitzler, Singer, Steiger, M. Sternberg. 9 Uhr abends. Wie wir höreu, ist das Befinden des Bundeskanzlers Dr. Seipel unverändert. Amundsens Nordpolfghrt. (Gigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Genf, 13. Juni. Die drei Flugzeuge, mit denen Gmuudfen den Nordpol zu erreichen hofft, werden am Samstag in Zürich eintreffen. - Es ist dies ihre erste Landung seit der Abfahrt von Pisa, wo sie hergestellt wurden. Weitere Landungen werden.-in Texel (Holland), Kopenhagen, Bergen und Tromsö beabsichtigt in dem Hotel, wo sich die Parlamentarier versamMlten, anwesend war. Painleve war einer der ersten, der Doumergue zur Wahl beglückwünschte. Doumergue und Painleve umarmte« einander. Die Sitzung wurde um 4 Uhr 60 Minuten geschlossen. Bienvenu-Martin, Ministerpräsident Marsal und die Minister machten Doumergue die amtliche Mitteilung von seiner Wahl zum Präsidenten und Bienvenu-Martin sprach im Namen des Bureaus der Nationalversammlung seine Glückwünsche aus. Nach Uebertragung der Prasidentengewalt verließ Doumergue in Begleitung Marsals das Palais und fuhr, vom Publikum mit lebhaften Ovationen empfangen, im Automobil nach Paris, wo er um 18 Uhr 15 Minuten an der Porte Dauphine eintraf und vom Pariser Platzkommandanten General Charph begrüßt wurde. Um 18 Uhr 35 Minuten langte der Präsident im Palais Elhsee ein. Er empfing sofort den Ministerpräsidenten Marsal, der ihm die Demission des Kabinetts überreichte. Sie wurde von Doumergue angenommen. Der Einzug des Präsidenten in das Elhsee würde durch 101 Kcmonenschüsie bekanntgegeben. . Die Dunkesrede tzys PtzKftdenLett. dankte D o n m e r g n e dev RattonÄMsMnMg Pr die Evhebttttg auf den Prästdertteüstuhl des RchubliL Der neue Präsident fuhr sodann fort:' Die Nationalversammlung kann versichert sein, daß niemand mehr als ich d i e B e rfassung achten und Mer den Parteien stehen wird, um ein unparteiischer Schiedsrichter zwischen ihnen zu sein, und daß sich niemand mehr als ich nach den Willensäußerungen des Parlaments, dieses Ausdrucks der nationalen Souveränität, richten wird. Doumergue schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, wechselseitiges Vertrauen und Zusammenarbeiten werden es Frankreich trotz der tiefen Wanden, die es erhallen habe, bald ermöglichen, an seinem Gedeihen und seinem Fortschritt in Ordnung und Frieden zu arbeiten. Herriols Kabinettsbildung. (Eiigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 13. Juni. Herriet nimmt an, es wäre besser, 24 oder 48 Stunden vergehen zu lassen, um die gereizte Eigenliebe verschiedmer Politiker zu schonen. Er will erst Montag sein Kabinett der Kammer . vorstellen, wenn ex am Montag Doumergue seine Ministerliste unterbreitet haben wird. Die Nachricht, er weigere, sich aus der Hand Doumergucs die Kabinettsbildung zu übernehmen, gehört in das Reich der Fabel. Sie 3«samyensehung der kommunistischen Kongreffes. Berlin, 13. Juni. (Tel. d. ,>Wr. Morgenzeitung".) Usber die Zusammensetzung des in Moskau abgelaufenen 13. Kongresses der kommunistischen Partei macht die „Bosslsche Zeitung". die folgenden Angaben: Der Ausschuß bestätigte 748 Mandate mit entscheidender u-nd 416 mit beratender Stimme, die 735.000 Parteimitglieder (worunter 240.000 der sogenannten „Leninschen Einberufung" neuer Parteimitglieder sich lediglich aus den Reihen der Handarbeiter) repräsentieren. Bunt ist die nationale Zusa.mmensetzungdes Parteitages: Da sind 65 Prozent Russen, 8 Prozent Inden, 6 Prozent Letten, 5 Prozeirt Ukrainer, 2 Prozent Armenier, 2 Prozent Georgier, 2 Prozent Tataren, 1 Prozent Kirgisen und 6 Prozent sonstige Völkerschaften. Der 14. Parteitag soff im künftigen Mai i«. Petersburg .einberusen werden. In der ersten Sitzung de's muerwählten Zentralkomitees, das aus 53 Mitgliedern besteht, wurden zu Mitgliedern des politischen Bureaus gewählt: Bucharin, Siuowjew, Kamönew, .Rykow, Stalin,' Tomstk, Trotzky,' zn'Vertretern: Kalinin, Djerschinski, Sokolnikow Einanzkommission), Rudsutak (Verkehrskommisiär), Frunse (Trotzkys Stellvertreter). Zum Generalsekretär der Partei wurde S*al.i-n wiedergewählt. Die große WmidlMg. —yi e n, 14, Juni. Gaston Doumergue ist von der Nationalversammlung zum Präsidenten der Republik gewählt worden. Nichts kann stärker und sinnfälliger die Kursänderung kenn-, zeichnen, die in Frankreich eingetreten ist, als diese Tatsache. Millerarw, der Repräsentant des aktiven Militarismus, muß seinen Platz räumen und an seine Stelle tritt einer der Führer der pazifistischen Demokratie. Die Vorgänge, die zu diesem Ereignis führten, vollzogen sich mit fast dramatischer Wucht. Wie auf einer. Bühne lagen die politischen Entwicklungen Frankreichs frei vor den Blicken der ganzen Welt und es hat in dieser parlamentarischen Revolution keinen Augenblick so etwas wie Gehermdiplomatie gegeben. Es ging alles nach dem Gesetz der Demokratie. Am 11. Mai hatten die französischen Wähler abgestimmt und ihren politischen Willen so deutlich gezeigt, daß das Ministerium Poincare die Konsequenzen ziehen mußte. Ihm mußte dann der Präsident folgen, der noch in letzter Stunde sich an die Formalitäten der Verfassung zu klammern versuchte. Wer vor der Eutschewung des Volkes selbst können solche Mätzchen nicht bestehen. Der Verfassunghaucht nur die'politische Phantasie des Volkes das Leben ein und in Frankreich geht tatsächlich, wie dieses Beispiel eklatant zeigt, alle Macht vom BoMe aus. Dcis Gespenst der militärischen Diktatur, das wie in den Tagen Boulangers einen Augenblick lang am Horizont erschien, schwand bald vor dem kristaWlaven Votum der Wahlen. Frankreich will den Frieden, den Äustzlerch mit Deutschland, fctc. Entlastung des Budgets von der, Kriegsgefahr und den Ausbau des Bölkeribündes ju eitler alle europäischen : Nationen umschließenden Liga. Wir stehen in einer Aera, die man in späteren Zeiten vielleicht als den Beginn einer besserett-Zeit wM auffassen können. Die große Wandlung in der politischen Betrachtung hat bereits. vor ungefähr zwei Jahren begonnen, als auf Antrag Englands die Konferenz von Genua zusammentrat. Sie blieb, wenn man ihre Ergebnisse rein äußerlich ansieht, ohne sofort greifbare Wirkungen. Wer sie brachte zum ersten Mal ganz Europa zusammen. 'Die Russen waren da und Deutschland erschien Walter, Rathenau, um in ■ einer grandiosen Rede das ausznsprechen, was. die Demokratie aller Staaten im Herzen trug: Frieden, Frieden, Frieden! Er wies zum ersten Male darauf hin, daß. alle politische Arbeit in Europa leer und schal bleiben müsse, solange nicht alle Völker mit gleichem Recht und gleichem Ansehen zugelasstn werden, und er unterstrich seine Anschauung durch eine Tat, die damals wie eine Sensation wirkte: er schloß den ersten Vertrag Mt Sowjetrutzland ab, einen Vertrag, der eigentlich keiner war, der nicht in Kraft getreten ist und der nur-eine Demonstration sein sollte für die Gefahr, der Europa eutgegenging, wenn die von, Frankreich aus dirigierte Mentalität weiter wirken sollte.' Die Logik dieses Staatsstreiches war einleuchtend genug. Für den Augenblick siegte in Frankreich. die schärfere Tonart. Briand -stürzte und Poincare wurde Ministerpräsident. Aber in England war die Wirkung eine andere, sie ging tiefer in die Volksmassen und bereitete das Umlernen vor. Der Imperialismus der Pariser Negierung, der sich bedroht sah, verband sich mit den nationalistischen Feinden Lloyd Georges und brachte die Koalition zu Falle. Wer das war nur mehr eine Uebergangszeit und nur denkbar durch die Hilfe, die aus Deutschland kam. Rathenau wurde ermordet und mit ihnr fiel der letzte und stärkste Träger der ErMungspolitik. Der Konflikt verschärfte sich in der Folgezeit immer mehr, bis /dann der Einmarsch der französischen Armee^ in das Ruhrgebiet eine Tatsache von kaum zu überbietender Sinnfälligkeit schuf. In Deutschland entstand eine Verwirrung, die bis heute noch nicht geklärt werden konnte; iMmer breiter griff die nationalistische Phrase und die innere Scharsmacherei' ins Volk. Die Regierung würde für geraume Zeit aus der aktiven Politik überhaupt ausgeschaltet, der Reichstag wurde zu einer leerlaufenden Maschine. Daun kanten iin Winter die englischen Wahlen, das erste Signal für Frankreich und Deutschlaüö. Däs^ Programm der neuen Regierung war die Anwendung der Grundsätze, die sich in Genua nicht hatten durchsetzen können: Anerkennung Rußlands, Leranziebuna Deutschlands zur Lösung der «uwm

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