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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-12 · Heft 1912 (12.6.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1912 (12.6.1924)
Date
1924-06-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Elnzelnnmin er K1200 W i e n: ‘Zum Abholen in der Expedition, II., Taborstr.1-3, ider in einer Verschleisstelle iTrafik) monatl. K 35.000 Strassenverkauf in Wien’ durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,I.Bez^ Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 35.000 Tschecho-Slowalcei: Mon. K18. Jugoslawien: Mon. Dinar60. Polen: Mon.' 31/» Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, F ran kr., Belgien: Mon. Free. 12 MT Naeh_iahlung»i» -MW bei PreUerhöhudpen Vorbehalten Wiener PoIenrpoliuHk.350.000 Italien: Monatl. 12 Lire. Rumänien Mon., 150 Lei. Bulgarien Mon.80 Lewa. Schweiz und djas übrig® Ausland monatlichFrei. 4 Redaktion u. Administration Wien, II„ Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,4373-19, aH 6 Uhr abds; 21-102,25-282 IX. UniversitätS8tr.6r-8 (Druckerei Stelnmann) Österreichisches P ostspar - hassen-Konto Nr. 150.698 Nr. 1912 Wien. Issnerstaz, 12. Sttni 1924 Frankreich vor der PrMenLenwaljl. Verlesung der SemWon Mllerandr in der Kammer und im Senat. (Eigenblerrst der „Wiener Morgenzeitmrg".) Paris, 11. Juni. Die Sitzung der Kammer wurde um $ Uhr 10 Min. eröffnet. Als Painleve mitteilte, daß er von Millerand ein Schreiben empfangen habe, erhoben sich die Mitglieder des Zentrums und der Rechten von ihren-Sitzen und hörten die Verlesung des Demissionsschreib/ns stehend an.-Die Linke und die äußerste Linke rie'-r der Minderheit ironische Bemerkungen zu, doch gab di". Verlesung des Demifsionsschreibens zu Zwischenfällen keinen Anlaß. Die Linksparteien äußerten Beifall. Das Temissionsschreiben. . Der Brief lautet: ' Herr Präsident! Ich 'habe die Ehre, vor dem Burcau der Kammer die Mission als Präsident der Republik n'ederzulegen. Ge-n-chmigien Sie u!s>w. G-ez. Alexander Millerand. , . Nach der Verlesung des Demissionsschreibens er. klärte Painleve, daß dem Präsidentender Republik die Verlesung fernes Rücktrittsschreibens. zur Kenntnis ge. bracht, werde und daß das Schreiben, im Kammerarchiv aufbewahrt würdet Ein Mitglied - der äußersten Linken rief: >,Wehe denen, die die Armen verraten". Dieser Zwischenruf verursachte eine gewisse Irregpng.. ’ Painleve 'teilte darauf mit, daß > der- Senatspräsident entsprechend der Verfassung, mit der;,. Einberusjung der Nationalversammlung beauftragt worden sei und daß diese Fr eitag, 2 Uhr n a ch m i t t a g s, in V e r s a i l l e s zusammentreten werde,. mü den neuen Präsidien der Republik zu wählen. Die Kammer hat sich daraufhin auf Samstag nachmitags vertagt. V - Im Senat ist das DemissionsschreiLen Millerands ebenfalls verlesen' worden.' Der Senatspräsident gab hierauf die Berfafsungsartikel,' die' die-Wahl des Präsidenten der Republik bestimmen, . bekannt. Die Sitzung wurde darauf aufgehoben. Außer dem Communique über die.offizielle Demission des Präsidenten der Republik veröffentlicht das Elysee den Wortlaut der Ansprache, mit welcher Millerand dem Kabinett Marsal für die Unterstützung dankte, die es ihm in der Kammer und im Senat geleistet habe. Eine Botschaft Millerands an das Volk führt aus, daß er von zwei Dritteln , der 'Nationalversammlung im Jahre 1920 zum Präsidenten der Republik gewählt worden sei. Er sei vor allem dazu berufen worden, den Frieden aufrechtzuerhalten, den äußeren Frieden durch die Verständigung mit den Alliierten, durch die Entwicklung des Völkerbundes und die Durchführung des Versailler Vertrages, den inneren Frieden durch Besänftigung der Parteikämpfe der Vorkriegszeit, durch Achtung aller Meinungen und Glaubensbekenntnisse sowie des Schutzes aller Verfassungsrechte. Er-werde nun wieder in die Reihen der guten Bürger zurückkehren, die ihn unterstützt hätten, um mit ihnen den Kampf für die Freiheit der Republik und des Vaterlandes fortzusetzen. Millerand wird von der erdrückenden Mehrheit der Presse fast ohne Nachrede fallen, gelassen. Die Blätter sprechen fast nicht mehr von ihm, und nur im Blatte seines Freundes Herve findet man eine Würdigung, der Persönlichkeit des bisherigen- Präsidenten der Republik. Die g es a m t e R e-ch t sp r e s s e, die bisher in ihm den Mann der Tat gefeiert hat, findet heute kein Wort zu feiner Würdigung. Die allgemeine Aufmerksamkeit ist den Fragen zuge-> wandt, die sich aus den gestrigen Ereignissen für die Verfassung ergeben. Die recht'srepublikamschen und die übrigen Blätter des Bloc national legen dar, daß eine S tärku ng der verfassungsrechtlichen Ste.llung des Prä s r d e n t e n notwendigfei.; .Ter .,Linksblock, .schreibt der „Figaro", glaubt, lediglich den Präsidenten zur Demission gezwungen zu haben. Tatsächlich hat er eine R.Vision der Verfassung durchgeführt,' aber nicht auf gesetzlichem Wege, eine Revision, die tiefgreifend und ernst ist. Vorbereitungen für Versailles. Paris, 11. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgeuzeituwg".) In Versailles werden bereits die Vorbereitungen.für die Präsidentenwahl getroffen. Der große Sitzungssaal der Nationalversammlung, in welchem sich die Mitglieder des Senats und der Kammer versammeln, wird für den Wahlakt adaptiert. Die Uebertragung der A m t 's b e f u g n i s s e auf den neuen Präsidenten der Republik wird nicht, wie üblich, im Elysee, sondern diesmal in Versailles anschließend an die Sitzung der Nationalversammlung stattfin'den. Nach den Bestimmungen der französischen.Verfassung ist für die präsidentenlofe Zeit der jeweilige M i n i st e r p vä f id e n t Inhaber der Exekutivgeiwalt, in diesem Falle Fra nc.o i s M a r s a l, der auch die Uebertragung der Amtsbefugnisse ans den neuen Präsidenten vorzunehmen hat. Das Befinden Nr. Eeivels. Befriedigender Allgemeinruftaud. Ueber das Befinden des Bundeskanzlers wurde nur 7 Uhr 50 abends folgendes Bulletin ausgegeben: Temperatur 37>5, Puls 118, Respiralton 28. Befund deö Brustorgane unverändert. Patient zeigt guten A ppetit. Mit Rücksicht ans den befriedigende n A l l g e m e i n z u st a n d wird der nächste, Bericht erst heute in den ersten N.a ch Mit tag s st u n d e n ausgegebem! Gez.r R. Bauer, Eiselsberg, Schnitzler, Steiger, Singer, M. Sternberg. Die ‘ in Manien. (Gigendknst der „Wiener Morgenzeitung":) Belgrad, 10. Juni. Nach einer Meldung aus V akona hat'sich dort die Provisorische Regierung etabliert. Den Vorsitz führt, der griechisch-orthodoxe- Erzbischof von Argyroküstro, Fa n N o l-i. Die alte. Regierung mit. dem _ Ministerpräsidenten Vrioni an der Spitze ist nach Italien geflohen.' Die Vorbereitungen znr ameM- Nischen.. Das Programm der Republikaner. (EvgeNdienst der „Wiener Morgenzeitung".) New-Iork 11. Juni. Der republikanische Nationalk o n v ent in Cleveland, der die Ernennung des Parteikandidaten für die Präsiden teuf chaft zu bestimmen hat, begann am Dienstag. Die Kandidatur von Coolidge. ist beinahe sicher. Abgeordneter Burton legte das Parteiprogramm dar, welches zunächst die Teilnahme am. B Ü l k e r b u nd a b lehnt, solange dieser eine politische Körperschaft bleibt, welche von den europäischen G r o ß m ä ch t e n b e h e r r s ch t wird. Zweitens verlange das Parteiprogramm eine Konferenz zur Beschränkung-der Rüstungen. Drittens besagt das Programm, daß Amerika an einer Konferenz nicht teilnehmen dürfe, welche die Aufhebung der fremden Kriegsschulden an Amerika bezweckt. Viertens werde Amerika, falls Europa den Daves-Bericht annimmt, die europäifche Wirtschaftslage durch Gewährung von Darlehen erleichtern.-Endlich wird der Teilnahme Amerikas an dem -Haager Gert ch t s -h o f mit den Vorbehalten HardingS zugestimmt. Die schwindende Rarkose. —y. Wien. 12. Juni. In dem Schrecken, den der Sturz des Franken im März verbreitet hatte, flatterte die Legende von'dem Kampf Mllerands gegen Poincare auf. Das Elysee — hieß es — trachte den Ministerpräsidenten zur Strecke; zu bringen, weil er sich aus den scMpfrigen Boden der' Ruhr begeben und Frankreich allzu stark engagiert.habe. Das Märchen war in Deutschland zu dem Zweck er- - fanden worden, den Gedanken des passiven Widerstandes neu zu beleben und zu einem Aktivismus ülberzugehen, von dem man sich allerlei erwartete. Diejunge französische. Kammer hat der hübschen Erzählung ein rasches und glattes Ende gesetzt. Mit Poincare stürzte auch Millerand, der Sozialist, den sich einstmals Kaiser! Wilhelm für seine Regierung geüvünscht hatte, als nämlich Millerand die große Tat der Einführung des. mUtävmusikalischen Zapfenstreiches in Paris gewagt hatte. Man war damals noch von der Romantik des Trommelwirbels befangen und steuerte voll kühner! Hoffnungen auf den grausigen Realismus des Schlacht-' feldes los. Es war eine große Zeit, in der sich schon die! Anfänge der noch größeren zeigten, das Borstadium der^ Dämmerung, in der Völker und Staaten durcheinander-! wirbelten und die erst jetzt, zehn Jahre fett ihrem efseÜvollen Beginn, langsam zu weichen beginnt. Ms. die! Nebeldunste ins Steigen kamen, war Wilhebn'der! Zweite nicht mehr da, und je weiter die Sonne sich! HM,-um so mehr Personen schwinden in^ das i Dunkels des Privatlebens, die vordem und eben noch-sich ihres , Lebens freuten. Millerand ist 'gestürzt, nach Poincare, mit dem gemeinsam er die Pärtte'gHm!.... Wilhelm gespielt hatte, die Partie, bei der es ÄW MA-! scheu und Völker ging. ' y Dieses Spiel war auch jetzt noch fortgesetzterden. und wie vor zehn Jahren zog es auch jetzt immer neue Partner heran. Die neuen Staaten gerieten.Mer' nach dem andern in den Bannkreis Frankreichs,. wurden durch Verträge, durch Munition und Anleihen an das System gebunden, dem der Sieg und der Frieden noch zu gering gewesen waren und das mit allen Künsten einer höllisch raffinierten Regie das deutsche Volk emkreisen und zugleich von innen heraus sprengen wollte. Die stanzösische Demokratie wurde ausdie Opposition beschränkt. Aber anders als die deutsche Demokratie rannte sie mit immer. neuer Energie gegen den Imperialismus an, legte seine mörderischen Methoden bloß und riß ihm die Heuchlermaske der Kulturphrasen herab. In einem aufregenden Kampf gegen diese Opposition mußte Poincare seiner. nationalistischen Gefolgschaft, um sie festzuhalten, immer neue Konzessionen machen, ihr die Zügel steigeben und durch Provokationen der ihm in treuem Landsknechtsinn ergebenen Völkischen in Deutschland zugkräftigen Propagandastoff herbeischaffen. Er hielt Reden voll'der stärksten nationalistischen Akzente, trug die - Bernichtungsparole durch Bankette und Kriegerfeiern' tief in das Volk. Es ging so zu wie in Deutschland. Gaben hier Ludeudorff und sein Kreis auf deutschen Tagen und Regvmeutssymposien den Ton au, so antwortete , pünktlich Poincare aus das Stichwort. .. Die Wirkung aber war in seinem Lande eine andere als in dem widevstandsnnfähigen Deutschland. Die unruhige, stets auf. neue Reizungen des Prestiges bedachte Politik zog wie der Koder die Hyänen, die erwartungsvolle Aufmerksamkeit der internationalen Spekulantenwelt auf sich. Der Franken kam erst ins Wanken, dann ins Gleiten und schließlich ins Stürzen. Die Ententeregierungen sandten ihre Kapitalskrast zu Hilfe und konnten das Aergste'abwehren. Aber das französische Volk erkannte nun, wohin der Kurs' ging. Es sah zweierlei: daß seine Ersparnisse , und die Ertragnisse, seiner fleißigen Arbeit in die Kasernen wandertelr oder den Weg in die unergründlich tiefen Taschen der Allerweltswucherer fanden - und daß dieses Poincaresche System ' letzten Endes darauf hinauslief, aus Frankreich einen Rentnerstaat zu machen, der nicht von /seiner eigenen Arbeit 'lebt, sondern unter -dem Titel von Reparationen, die schlauerweise ziffernmäßig niemals festgestellt wurden, sich sein Budget Von einem anderen englische Stoffe, Herren- und Damenlllgfon. wasche, Leinen, Teppiche, Vorhänge - " etc. . 09T billigst im [ Schiffmann II. Taborstraßs 48 Tttlenhon 47-1-77) Sn groi Sn «WtÜ 6448 5266

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